Seite 3: Hier ist Nürnberg. Wir melden uns vom Abgrund

Abstiegs­kon­fe­renz, 2014/15 (34. Spieltag)
23. Mai 2015: Bei einer Geburts­tags­feier eines Freundes war­tete einer der engsten Abstiegs­kämpfe der Bun­des­liga-Geschichte auf mich. Noch sechs Clubs konnte es erwi­schen. Als Schalke-Fan war ich zum Glück nicht direkt betroffen. Aber als Schalke-Fan gehört es für mich schon zu den tollsten Erin­ne­rungen, von irgend­etwas Schlechtem zum Sai­son­ende hin nicht direkt betroffen zu sein. 

Zurück zum 23. Mai 2015, dem Tag, an dem Frei­burg letzt­lich über­ra­schend in die zweite Liga abrutschte. Was ich aller­dings gar nicht sehen konnte: Mit­samt meines Freun­des­kreises saß ich, zu meiner Über­ra­schung, in einem Plan­wagen, der pünkt­lich zum Anpfiff über das Land tuckern sollte. Kein Han­dy­emp­fang und daher keine Infos aus jenem Abstiegs­kampf, der den meisten Insassen des Par­ty­wag­gons schnurz­egal war. Nichts war mit Span­nung und Abstiegs­kampf – statt­dessen nur Hopfen und Gerste.

Und plötz­lich: Tooooooor in Pader­born“

Wäh­rend um mich herum der Pegel stieg, ver­sank ich in einer mit­tel­schweren Ver­zweif­lungs­krise – zum Unver­ständnis meiner Neben­leute, für die das nur ein x‑beliebiger Spieltag war und die mich fragten, wie ich nur so bekloppt sein könne. Ich konnte ihnen keine Ant­wort geben.

Die Uhr tickte. 17 Uhr, noch fünf­zehn Minuten bis zum Abpfiff. Pin­kel­pause bei einem nahezu ver­las­senen Bau­ern­hof­laden, der uns net­ter­weise die Toi­letten auf­schloß. Inmitten der Geräu­sche der Erleich­te­rung, die Pin­kelnde nun mal so machen, ver­nahm ich auch ein anderes, mir sehr ver­trautes Mur­meln. Wäh­rend ich auf die weißen Kacheln vor mir starrte, horchte ich hin und ver­nahm ein deut­li­ches Tooooooor in Pader­born“ – da hörte doch tat­säch­lich jemand die Bun­des­liga-Schluss­kon­fe­renz im Radio.

Und sofort war alles wieder da. Die Span­nung, die durch meinen Körper fuhr, die zuvor in mir ver­gra­bene Freude, doch noch dabei zu sein, lei­tete mich zu dem Neben­raum, aus dem die Rund­funk­re­por­tage schallte. Die Tür war nur ange­lehnt, es roch nach leicht unan­ge­nehm nach Vieh und Stall­luft. Schüch­tern klopfte ich an und lukte durch den Spalt. Ein älterer Herr, wahr­schein­lich Ende 60, mit ver­dreckter Arbeits­hose und einem früher mal weißen T‑Shirt, winkte mich herein. Er hielt den Zei­ge­finger seiner anderen Hand an den geschlos­senen Mund und wies mich an, am Küchen­tisch Platz zu nehmen, auf dem ein alter schwarzer Radio­kasten stand. Ich gehorchte und blieb still. Und dann lauschten wir den Repor­ter­stimmen aus den Sta­dien der Repu­blik. Er, der Bauer vom Land und ich, das Stadt­kind – ver­eint in einer viel­leicht bekloppten Lei­den­schaft. Wortlos nickte ich ihm zu und wir lächelten.

Julian Schwarz­hoff

Abstiegs­kon­fe­renz, Saison 1998/99 (34. Spieltag)
Rolf Rainer Gecks. Alex Bleick. Armin Leh­mann. Manni Breuck­mann. Und natür­lich Gün­ther Koch. Die Namen der Radio-Reporter in der Bun­des­liga-Schluss­kon­fe­renz haben sich mir bis heute ins Gedächtnis gebrannt wie ihre Stimmen und ihre prä­gnanten Sätze. Von Armin Leh­mann summt mir immer noch im Ohr Rüdiger Voll­born hat den Braten gero­chen“ (keine Ahnung warum) und von Manni Breuck­mann natür­lich Wir warten auf Vollzug“ am letzten Spieltag der Saison 2000/2001. Von Gün­ther Koch bleiben so viele Sätze, dass ganze Alben damit pro­du­ziert worden sind.

Doch diese fol­genden zwei Aus­sprüche schwingen immer noch in meinem Gehör­gang. Selbst als ich Koch viele Jahre später mal in Nürn­berg traf, schal­teten sie sich in mein Gehirn, obwohl Koch gerade zu einer rigiden Blatt­kritik ansetzte („11Freunde? Ihr seid zu bunt geworden!“). Kochs unver­ges­sene Sätze stammen aus DEM Abstiegs­fi­nale schlechthin 1999, als nach einem sen­sa­tio­nellen 5:1 von Ein­tracht Frank­furt tat­säch­lich der 1. FC Nürn­berg absteigen musste. Koch ließ mal mehr, mal weniger deut­lich seine Zunei­gung zum Club durch­schim­mern, aber es belas­tete nie sein Urteil und seine poin­tierte Betrach­tung des Fuß­ball­spiels. Doch in diesem Moment im Mai 1999 sprang es förm­lich aus ihm heraus:

ICH PACK DAS NICHT! Ich halt das nicht mehr aus. Ich will das nicht mehr sehen.

Und später:

Hier ist Nürn­berg. WIR MELDEN UNS VOM ABGRUND!

Keiner blickte aufs Handy

Das Abstiegs­fi­nale war natür­lich rein sport­lich von seiner Dra­matik nicht zu toppen. Von Fjör­tofts Über­steiger bis zu Bau­manns Fehl­schuss ist alles abge­han­delt worden. Doch, auch wenn sie das Drama nur beglei­teten und nicht beein­flussten, so bleiben die Reporter am Radio bis heute mit diesem Finale ver­bunden. Manni Breuck­mann in Bochum, Dirk Schmitt in Frank­furt und Koch in Nürn­berg. Weil sie es meis­ter­haft schafften, die Dra­matik, die Hoch­ge­fühle und die Tragik durch den Äther zu jagen.

Ich saß damals in der Garage, hatte in der ersten Halb­zeit noch stan­des­gemäß mit einem Ball gegen das Tor gedro­schen, doch spä­tes­tens bei der legen­dären Schluss­kon­fe­renz saß ich mit meinem Vater und den Nach­barn wie gebannt vor dem großen schwarzen Radio. Männer, die auf ein kleines rotes Lämp­chen starrten und ange­leitet von den sich über­schla­genden Stimmen vor ihrem geis­tigen Auge die Spiel­szenen her­bei­fan­ta­sierten. Fast erstarrt, fast unfähig zu spre­chen, nur Lau­schen.

Keiner blickte aufs Handy, weil es eben keine Handys gab. Keiner sah das Tor von Fjör­toft direkt, keiner die Tränen der Nürn­berger, keine Blitz­ta­belle, keine Push­mel­dung. Nur die drei Stimmen aus Frank­furt, Bochum und Nürn­berg. Jeder hörte die Worte, malte sich seine eigenen Bilder und wusste, was gemeint war. Und wenn man heute Fuß­ball­fans irgendwo trifft und fol­gende Worte sagt, dann weiß jeder, was gemeint ist und wo er war, als er sie hörte.

Hier ist Nürn­berg. Wir melden uns vom Abgrund.

Ron Ulrich