Vor ein paar Wochen trafen sich Ver­ant­wort­liche von Hertha BSC mit Fan­ver­tre­tern. Das mit dem Auf­stieg sei ja schön und gut, teilten die Anhänger mit, aber das ist euer Thema – unseres ist das Derby. Ein Sieg gegen den 1. FC Union stellt die Rück­kehr in die Bun­des­liga in den Schatten? Das zeigt, welche Bedeu­tung die inof­fi­zi­elle Stadt­meis­ter­schaft hat in der heute star­tenden Zweit­li­ga­saison.

Und wenn es in einem Monat, am 3. Sep­tember, zum ersten Auf­ein­an­der­treffen in der Alten Förs­terei kommt, sind sich die Teams so nah, wie sie es wohl noch nie waren. Union ist nicht mehr wie 2010 der Auf­steiger, der sich im ersten Zweit­li­ga­jahr gerade auf Platz zwölf gerettet hat.

Und Hertha ist nach dem zweiten Abstieg in drei Jahren nicht mehr der Euro­po­po­kal­dau­er­gast im Betriebs­un­fall­modus, der dem Rest der Liga finan­ziell voraus ist.

Das zeigt sich nicht nur am Per­so­nal­budget für die erste Mann­schaft, das mit 13 Mil­lionen bei Hertha und acht bei Union nicht mehr so weit aus­ein­an­der­liegt wie einst (siehe Grafik). Union hat selbst Ambi­tionen auf das obere Tabel­len­drittel, offi­ziell wurde Platz sieben bis fünf“ als Ziel aus­ge­geben. Ins­ge­heim schielt Union aber Rich­tung Bun­des­liga, läuft es gut, könnte man dieses Jahr zeit­weise oder sogar dau­er­haft vor Hertha stehen, wenn der Absteiger schwä­chelt. Ohnehin ist es so, dass die Köpe­ni­cker seit Jahren kon­ti­nu­ier­lich wachsen und aus­bauen, wäh­rend sich die ver­schul­deten Nach­barn gesund­schrumpfen müssen. Das führt zu der Frage: Gibt es sogar lang­fristig einen Füh­rungs­wechsel in der Stadt?

Damit befasse ich mich nicht, mich inter­es­siert nur die kom­mende Spiel­zeit“, sagt Hertha-Manager Michael Preetz. Aber ich weiß, unsere Fans inter­es­sieren die beiden Derbys sehr und wir sollten da besser abschneiden als vor zwei Jahren.“

Das wollen sie bei Union natür­lich ver­hin­dern, als krassen Außen­seiter sieht Trainer Uwe Neu­haus seine Mann­schaft nicht mehr: Wir haben schon vor zwei Jahren bewiesen, dass wir sport­lich mit­halten können.“ Damals gewann Union nach einem 1:1 daheim im Olym­pia­sta­dion 2:1. Mit Tor­hüter Daniel Haas, Ver­tei­diger Fabian Schön­heim und Stürmer Adam Nemec haben drei der fünf Neu­zu­gänge schon mal in der Bun­des­liga gespielt. In der Vor­be­rei­tung verlor Union kein Spiel, gegen den Spit­zen­klub PSV Eind­hoven gab es ein respek­ta­bles 1:1.

Außer­halb des Platzes gibt sich Union wei­terhin als der klei­nere der Ber­liner Ver­eine. Wirt­schaft­lich können wir mit Hertha nicht kon­kur­rieren“, sagt Neu­haus. Eine Spitze in Rich­tung des Lokal­ri­valen kann sich Unions Prä­si­dent Dirk Zingler aber nicht ver­kneifen. Die Frage ist, wie man wirt­schaft­li­chen Erfolg defi­niert?“, sagt er. Wir spielen mit einem klei­neren Etat und einem viel klei­neren Sta­dion in der glei­chen Liga.“

Oft ent­scheiden aber nicht nur Zahlen und Wirt­schaft­lich­keit dar­über, wel­cher Verein in einer Stadt als groß und wel­cher als klein wahr­ge­nommen wird. Die Rol­len­ver­tei­lungen sind oft his­to­risch gewachsen, Erfolge und Tra­di­tion spielen mit.

Mitte der Acht­ziger gab es in Berlin schon mal eine Wach­ab­lö­sung, die aber nur von kurzer Dauer war. Der Mari­en­dorfer Klub Blau-Weiß 90 hatte sich bis in die Bun­des­liga gespielt, Hertha düm­pelte zwei Spiel­klassen tiefer in der Ober­liga umher. Blau-Weiß trug seine Heim­spiele im Olym­pia­sta­dion aus, der Zuschau­er­zu­spruch war ordent­lich, viele Fans waren in erster Linie aber mehr an Bun­des­li­ga­fuß­ball als an Blau-Weiß inter­es­siert. Als es finan­ziell immer schlechter ging und sich einige dubiose Spon­soren ver­ab­schiedet hatten, blieben die Zuschauer aus. Da konnte man sehen, dass es uns an einer rich­tigen Basis gefehlt hat“, sagt der heu­tige Ehren­prä­si­dent Sieg­fried Hahn.

An einer Basis man­gelt es weder Hertha noch Union. Jeder hat seine eigene Anhän­ger­schaft; wobei die blau-weiße noch größer ist und sich weiter ins Umland zieht. Das ist in anderen Städten nicht anders: Ob bei Ham­burger SV und FC St. Pauli, Bayern und 1860 Mün­chen, Ein­tracht und FSV Frank­furt, VfB Stutt­gart und Kickers. Meis­tens lagen die Ver­eine in Bedeu­tung und Anhän­ger­schaft nah bei­ein­ander. Dann über­holte der eine den anderen, weil er zur rich­tigen Zeit Erfolg hatte, in Boom­jahren des Fuß­balls. Gleich erfolg­reiche Stadt­ri­valen gibt es in Europa nur selten, in London, Mai­land, Athen oder Rom. Oft muss sich der klei­nere Verein eine Nische suchen, in der er bestehen kann. St. Pauli und Union sti­li­sieren sich als der alter­na­tive Klub der Stadt, andere als Heimat der Arbeiter oder der Ober­schicht. In Mün­chen ist 1860 der Verein für die Stadt, Bayern der für das ganze Land. Aus einer Nische kann aber auch schnell eine Falle werden.

Um den ersten Klub der Stadt zu über­treffen, muss man daraus mit einer gewal­tigen Kraft­an­stren­gung aus­bre­chen. Damit über­nahmen sich viele. Als der 1. FC Köln erst­mals abstieg, atta­ckierte For­tuna verbal – und ging selbst unter. Oder man lässt sich mit einem Investor ein, wie einst Tennis Borussia in Berlin oder aktuell 1860 Mün­chen mit einem ara­bi­schen Geschäfts­mann. Aus­gang: unge­wiss. Wer seriös ist, der fügt sich, vor­erst zumin­dest.

So dürfte es auf abseh­bare Zeit dabei bleiben, dass Hertha der grö­ßere der beiden Ber­liner Ver­eine bleibt. Aber in den Derbys, in den Derbys ist alles mög­lich.

Der Text ist erschienen in der gedruckten Aus­gabe des Tages­spie­gels.