Seite 2: Strafraumbeherrschung und Passspiel

Die Straf­raum­be­herr­schung

Das Parieren von Schüssen stellt nur einen Bruch­teil der täg­li­chen Arbeit eines Kee­pers dar. Vor allem bei Mann­schaften, die sel­tener in Ball­be­sitz sind, wird der Aspekt der Raum­ver­tei­di­gung bei den Schluss­leuten oft unter­schätzt. Das macht – je nach Daten­lage – etwa zehn bis 15 Pro­zent der Tor­wart-Aktionen in einem Spiel aus.

Durch das Her­un­ter­pflü­cken von Flanken oder dem Ablaufen von Steil­pässen können Tor­chancen im Keim erstickt werden. Der Vor­der­mann­schaft wird damit ein Gefühl von Sicher­heit ver­mit­telt, das in einer engen Schluss­phase sehr wert­voll sein kann. Jeder kennt Situa­tionen in den Schluss­mi­nuten, eine Ecke in der Nach­spiel­zeit, die der Keeper abfängt und den Ball anschlie­ßend unter sich begräbt. Dann kon­sta­tiert der Kom­men­tator: Das dürfte es jetzt gewesen sein!“ Und häufig er hat recht.

Die Fang­si­cher­heit

Das führt uns zum nächsten Punkt: der Fang­si­cher­heit. Hält ein Tor­hüter einen harten Schuss direkt fest und muss nicht nach­fassen, hat das eben­falls einen Ein­fluss auf seine Vor­der­leute und vor allem auf den Gegner. Gregor Kobels Straf­raum­be­herr­schung ist auf einem guten Niveau. Mit 1,93 Meter Kör­per­größe bringt er nicht nur eine gute Physis mit, halb­hohe Flanken vom Flügel fängt er durch mutiges Posi­tio­nieren ab. Seine Abfang­rate bei Flanken liegt laut fbref​.com bei 7,1 Pro­zent – das ist geho­bener Bun­des­li­ga­durch­schnitt. Hier kann er sich noch stei­gern und vor allem bei hohen Her­ein­gaben noch aktiver sein.

Die Spiel­fort­set­zung

Sehr stark ist hin­gegen Kobels Spiel­fort­set­zung. Stutt­garts Tor­wart zeigte in dieser Saison nach Rafal Gikie­wicz und Robin Zentner die meisten Abwürfe in der Bun­des­liga. Nach der Ball­si­che­rung sprintet er häufig direkt zur Straf­raum­kante und scannt wäh­rend­dessen das Spiel­feld nach mög­li­chen Anspiel­sta­tionen. Diese Aktionen ver­kürzen einer­seits die Distanz zum Emp­fänger und ande­rer­seits sparen sie Zeit, denn der Tor­wart bleibt so nicht stehen, wäh­rend die Feld­spieler sich neu posi­tio­nieren.

Das Pass­spiel

Auch wenn der Anteil an offen­siven Aktionen im Tor­wart­spiel mitt­ler­weile gut 75 Pro­zent aller Aktionen aus­ma­chen, wird dieses Thema häufig falsch ver­standen. Natür­lich ist es im modernen Fuß­ball wichtig, dass Tor­hü­tern der Ball bei der Annahme nicht vier Meter weit ver­springt und sie in der Lage sind, einen sau­beren Pass bis zur Mit­tel­linie zu spielen. Doch wie hoch die Pass­quoten eines jeden Kee­pers sind, hängt in den sel­tensten Fällen von ihnen ab.

Ver­ein­zelt wird den Schluss­män­nern vor­ge­worfen, sie würden nicht über die nötigen fuß­bal­le­ri­schen Fähig­keiten ver­fügen, um in einer ball­be­sitz­ori­en­tierten Mann­schaft spielen zu können. Eine These, die dann mit ent­spre­chenden Pass­quoten unter­mauert wird. Aller­dings sind Tor­hüter extrem abhängig von den Ange­boten, die ihnen im Ball­be­sitz gemacht werden. So ist das Posi­ti­ons­spiel von Mann­schaften unter Pep Guar­diola in der Regel aus­ge­reifter als von Teams, die im unteren Drittel der Bun­des­li­ga­ta­belle stehen.

Des­halb ist zur Bewer­tung des Tor­warts aber­mals die Posi­tio­nie­rung so wichtig: Durch cle­veres Han­deln kann er selbst mit begrenzten Fer­tig­keiten in der Ball­ver­ar­bei­tung ein wich­tiger Auf­bau­spieler sein. Auch in dieser Hin­sicht weiß Gregor Kobel zu über­zeugen und bietet sich der Situa­tion stets ange­messen an. Er öffnet Pass­winkel und ent­zieht sich damit dem unmit­tel­baren Geg­ner­druck. Wäh­rend es ihm – ähn­lich wie den beiden BVB-Kee­pern Bürki und Hitz – an Reich­weite im Pass­spiel fehlt (alle drei haben eine Pass­quote von unter 30 Pro­zent bei Pässen über 35 Metern), ist Kobel trotzdem ein Schluss­mann mit guten fuß­bal­le­ri­schen Fähig­keiten.

Es ist also viel­mehr die stra­te­gi­sche Weit­sicht, die einen Tor­wart im eigenen Ball­be­sitz aus­zeichnet. Eine sau­bere Ball­mit­nahme, die mög­lichst vom anlau­fenden Stürmer weg­führt, ist min­des­tens genauso wichtig wie ein punkt­ge­nauer langer Ball auf den eigenen Offen­siv­mann.

Das Thema bleibt kom­plex

Sicherer Stand, Posi­ti­ons­spiel, Straf­raum­be­herr­schung, Ball­be­sitz­spiel – die Auf­gaben des Tor­hüter sind viel­fältig. Und vieles davon geht unter, wenn ein Tor­wart zu sen­sa­tio­nellen Paraden ansetzt. Doch es gilt: Welt­klas­se­pa­raden bestehen immer aus guter Ent­schei­dungs­fin­dung (bleibe ich hinten, gehe ich ent­gegen usw.), einer ruhigen Posi­tio­nie­rung und letzt­lich der rich­tigen Ver­tei­di­gungs­technik (Block, Fuß­ab­wehr, Hecht­sprung usw.).

Und selbst dann kann es pas­sieren, dass das Bein eines Ver­tei­di­gers, der den Schuss blo­cken wollte, den Ball einen ent­schei­denden Drall gibt und die Flug­bahn sich ver­än­dert. All das führt dazu, dass ein Tor­hüter, so gut er noch vor­be­reitet sein mag, unglück­lich aus­sieht“, wie es Jour­na­listen gerne nennen. Gele­gen­heiten, sich aus­zu­zeichnen, gibt es hin­gegen viele – und das nicht nur auf der Linie. Gut mög­lich, dass sich Gregor Kobel diese Gele­gen­heiten bald in Dort­mund bieten.