Die Anzei­chen ver­dichten sich, dass Gregor Kobel in der kom­menden Saison für Borussia Dort­mund auf­läuft. Stutt­garts Nummer Eins soll in Dort­mund end­lich Ruhe auf der wich­tigen Tor­wart­po­si­tion schaffen. Ob der 23-jäh­rigen Schweizer, der die Nach­folge von Roman Bürki und Marwin Hitz antreten würde, dazu in der Lage wäre, ist der­zeit Gegen­stand vieler Dis­kus­sionen.

Das Pro­blem: Wech­seln Feld­spieler zu einem neuen Verein, lassen sich Zahlen und Fakten her­an­ziehen, ob der der jewei­lige Spieler zum künf­tigen Klub passt. Geschos­sene Tore bei Stür­mern, Zwei­kampf­ver­halten bei Ver­tei­di­gern und sowieso: Jeder Fan hat eine unge­fähre Vor­stel­lung, was ein Spieler auf dem Platz zu tun hat. Bei Tor­hü­tern sieht das aller­dings oft anders aus.

Wes­halb sich die Frage stellt: Ist Gregor Kobel über­haupt der rich­tige Mann für das Dort­munder Tor und wie erkennt man als Fan, ob ein Tor­hüter nun gut ist oder nicht?

Das Spiel auf der Linie

Grund­sätz­lich ist ein Tor­hüter, der wenige Gegen­tore kas­siert und viele Schüsse pariert, ein guter Tor­hüter. Sta­tis­tiken, die den pro­zen­tualen Anteil an gehal­tenen Schüssen messen oder weiße Westen“ sind ein guter, erster Indi­kator. Trotz der fort­schrei­tenden fuß­bal­le­ri­schen Ent­wick­lung der Teams und Nach­wuchs­leis­tungs­zen­tren besteht die Haupt­auf­gabe eines Tor­warts im Ver­hin­dern von Toren. Ist er in dieser Kate­gorie nicht gut, wird es für ihn ohnehin schwer, sich auf höherem Niveau durch­zu­setzen.

Grund­lage dessen ist in erster Linie ein ruhiger und sicherer Stand. Schwingt der Tor­wart vor dem Schuss wie wild mit den Armen nach hinten oder macht Auf­takt­sprünge, ist das oft ein erstes schlechtes Zei­chen. Tor­hüter fangen den Ball – in der Regel – mit den Händen. Ein Zurück­schwingen der Arme zum Schwung­holen vor dem Schuss kann sie wert­volle Zeit kosten und sie bekommen die Hände dann nicht mehr recht­zeitig nach oben, um den Ball ent­schei­dend abzu­wehren.

Der Auf­takt­sprung

Ein Auf­takt­sprung, bei dem der Keeper mit breitem Stand auf dem Boden landet und seine Kör­per­hal­tung einem A ähnelt, ist eben­falls ein Indiz für eine unsau­bere Vor­be­rei­tung auf einen Schuss. Der breite Stand hin­dert Tor­hüter daran, bei Bedarf noch einen Zwi­schen­schritt zu machen und auch Schüsse unmit­telbar neben den Körper können schwerer pariert werden. Kurzum: Der Tor­wart legt sich damit zu früh auf die Fol­ge­ak­tion fest.

Bei Gregor Kobel übri­gens war dieser Auf­takt­sprung in der abge­lau­fenen Saison häu­figer zu beob­achten. Bei Fern­schüssen, wie zum Bei­spiel im Hin­spiel gegen Bayern Mün­chen, befand sich der Schweizer zu häufig in einer schlechten Aus­gangs­lage. Er wählte genau jenen Auf­takt­sprung und lan­dete mit breitem Stand auf dem Boden. Dadurch fehlte es ihm an Reich­weite beim seit­li­chen Abdruck, um zum Bei­spiel das 1:2 gegen Lewan­dowski zu ver­hin­dern. Eine Nuance, die in der ansonsten starken Saison in Stutt­gart kaum auf­fällt. Bei Borussia Dort­mund könnte ein sol­cher Fehler gegen Lewan­dowski aber schon ganz anders bewertet werden.

Das macht Gregor Kobel jedoch mit­nichten zu einem schlechten Schluss­mann. Bei gutem Timing, wenn der Keeper im Moment des Schusses mit den Füßen auf dem Boden landet und die Arme wieder vor dem Körper hat, kann ein Schwung­holen sehr för­der­lich sein. Ist die Koor­di­na­tion aber um eine Mil­li­se­kunde ver­schoben, läuft er Gefahr, den Ball unsauber oder gar nicht zu parieren.

Die Posi­tio­nie­rung

Kobel muss zugute gehalten werden, dass er im Grunde ein ruhiger Schluss­mann ist, der seine Bewe­gungen mit Bedacht wählt. Er schwingt seine Arme nicht nach hinten, wie es Timo Horn oder teil­weise Manuel Neuer machen. Kobel hat einen guten und sicheren Stand, legt sich nur man­ches Mal zu früh auf seine end­gül­tige Posi­tion fest und kann dadurch bei Fern­schüssen über­rascht werden. Häufig deckt er dafür den größt­mög­lich zu bespie­lenden Bereich für den Schützen ab.

Das ist ein wei­teres Merkmal eines guten Kee­pers: In seiner Posi­tio­nie­rung bezieht er seine Vor­der­leute mit ein, die für ihn wie bei einem Frei­stoß einen zusätz­li­chen Block bilden. Befindet er sich dar­über hinaus nahe der eigenen Tor­linie, um genü­gend Reak­ti­ons­zeit bei einem Schuss zu besitzen und ande­rer­seits nicht über­lupft zu werden? Dann hat ein Tor­wart gute Chancen, (Fern-)schüsse regel­mäßig zu parieren.

Die Straf­raum­be­herr­schung

Das Parieren von Schüssen stellt nur einen Bruch­teil der täg­li­chen Arbeit eines Kee­pers dar. Vor allem bei Mann­schaften, die sel­tener in Ball­be­sitz sind, wird der Aspekt der Raum­ver­tei­di­gung bei den Schluss­leuten oft unter­schätzt. Das macht – je nach Daten­lage – etwa zehn bis 15 Pro­zent der Tor­wart-Aktionen in einem Spiel aus.

Durch das Her­un­ter­pflü­cken von Flanken oder dem Ablaufen von Steil­pässen können Tor­chancen im Keim erstickt werden. Der Vor­der­mann­schaft wird damit ein Gefühl von Sicher­heit ver­mit­telt, das in einer engen Schluss­phase sehr wert­voll sein kann. Jeder kennt Situa­tionen in den Schluss­mi­nuten, eine Ecke in der Nach­spiel­zeit, die der Keeper abfängt und den Ball anschlie­ßend unter sich begräbt. Dann kon­sta­tiert der Kom­men­tator: Das dürfte es jetzt gewesen sein!“ Und häufig er hat recht.

Die Fang­si­cher­heit

Das führt uns zum nächsten Punkt: der Fang­si­cher­heit. Hält ein Tor­hüter einen harten Schuss direkt fest und muss nicht nach­fassen, hat das eben­falls einen Ein­fluss auf seine Vor­der­leute und vor allem auf den Gegner. Gregor Kobels Straf­raum­be­herr­schung ist auf einem guten Niveau. Mit 1,93 Meter Kör­per­größe bringt er nicht nur eine gute Physis mit, halb­hohe Flanken vom Flügel fängt er durch mutiges Posi­tio­nieren ab. Seine Abfang­rate bei Flanken liegt laut fbref​.com bei 7,1 Pro­zent – das ist geho­bener Bun­des­li­ga­durch­schnitt. Hier kann er sich noch stei­gern und vor allem bei hohen Her­ein­gaben noch aktiver sein.

Die Spiel­fort­set­zung

Sehr stark ist hin­gegen Kobels Spiel­fort­set­zung. Stutt­garts Tor­wart zeigte in dieser Saison nach Rafal Gikie­wicz und Robin Zentner die meisten Abwürfe in der Bun­des­liga. Nach der Ball­si­che­rung sprintet er häufig direkt zur Straf­raum­kante und scannt wäh­rend­dessen das Spiel­feld nach mög­li­chen Anspiel­sta­tionen. Diese Aktionen ver­kürzen einer­seits die Distanz zum Emp­fänger und ande­rer­seits sparen sie Zeit, denn der Tor­wart bleibt so nicht stehen, wäh­rend die Feld­spieler sich neu posi­tio­nieren.

Das Pass­spiel

Auch wenn der Anteil an offen­siven Aktionen im Tor­wart­spiel mitt­ler­weile gut 75 Pro­zent aller Aktionen aus­ma­chen, wird dieses Thema häufig falsch ver­standen. Natür­lich ist es im modernen Fuß­ball wichtig, dass Tor­hü­tern der Ball bei der Annahme nicht vier Meter weit ver­springt und sie in der Lage sind, einen sau­beren Pass bis zur Mit­tel­linie zu spielen. Doch wie hoch die Pass­quoten eines jeden Kee­pers sind, hängt in den sel­tensten Fällen von ihnen ab.

Ver­ein­zelt wird den Schluss­män­nern vor­ge­worfen, sie würden nicht über die nötigen fuß­bal­le­ri­schen Fähig­keiten ver­fügen, um in einer ball­be­sitz­ori­en­tierten Mann­schaft spielen zu können. Eine These, die dann mit ent­spre­chenden Pass­quoten unter­mauert wird. Aller­dings sind Tor­hüter extrem abhängig von den Ange­boten, die ihnen im Ball­be­sitz gemacht werden. So ist das Posi­ti­ons­spiel von Mann­schaften unter Pep Guar­diola in der Regel aus­ge­reifter als von Teams, die im unteren Drittel der Bun­des­li­ga­ta­belle stehen.

Des­halb ist zur Bewer­tung des Tor­warts aber­mals die Posi­tio­nie­rung so wichtig: Durch cle­veres Han­deln kann er selbst mit begrenzten Fer­tig­keiten in der Ball­ver­ar­bei­tung ein wich­tiger Auf­bau­spieler sein. Auch in dieser Hin­sicht weiß Gregor Kobel zu über­zeugen und bietet sich der Situa­tion stets ange­messen an. Er öffnet Pass­winkel und ent­zieht sich damit dem unmit­tel­baren Geg­ner­druck. Wäh­rend es ihm – ähn­lich wie den beiden BVB-Kee­pern Bürki und Hitz – an Reich­weite im Pass­spiel fehlt (alle drei haben eine Pass­quote von unter 30 Pro­zent bei Pässen über 35 Metern), ist Kobel trotzdem ein Schluss­mann mit guten fuß­bal­le­ri­schen Fähig­keiten.

Es ist also viel­mehr die stra­te­gi­sche Weit­sicht, die einen Tor­wart im eigenen Ball­be­sitz aus­zeichnet. Eine sau­bere Ball­mit­nahme, die mög­lichst vom anlau­fenden Stürmer weg­führt, ist min­des­tens genauso wichtig wie ein punkt­ge­nauer langer Ball auf den eigenen Offen­siv­mann.

Das Thema bleibt kom­plex

Sicherer Stand, Posi­ti­ons­spiel, Straf­raum­be­herr­schung, Ball­be­sitz­spiel – die Auf­gaben des Tor­hüter sind viel­fältig. Und vieles davon geht unter, wenn ein Tor­wart zu sen­sa­tio­nellen Paraden ansetzt. Doch es gilt: Welt­klas­se­pa­raden bestehen immer aus guter Ent­schei­dungs­fin­dung (bleibe ich hinten, gehe ich ent­gegen usw.), einer ruhigen Posi­tio­nie­rung und letzt­lich der rich­tigen Ver­tei­di­gungs­technik (Block, Fuß­ab­wehr, Hecht­sprung usw.).

Und selbst dann kann es pas­sieren, dass das Bein eines Ver­tei­di­gers, der den Schuss blo­cken wollte, den Ball einen ent­schei­denden Drall gibt und die Flug­bahn sich ver­än­dert. All das führt dazu, dass ein Tor­hüter, so gut er noch vor­be­reitet sein mag, unglück­lich aus­sieht“, wie es Jour­na­listen gerne nennen. Gele­gen­heiten, sich aus­zu­zeichnen, gibt es hin­gegen viele – und das nicht nur auf der Linie. Gut mög­lich, dass sich Gregor Kobel diese Gele­gen­heiten bald in Dort­mund bieten.