Marc André ter Stegen, unser Inter­view findet mit­tags in einen Stra­ßen­café in Bar­ce­lona statt. Offenbar ist der Umgang mit Fuß­ball­profis in der Öffent­lich­keit recht ent­spannt.
Kommt drauf an. Wir sind hier nicht direkt im Stadt­zen­trum. Nach fünf Jahren weiß ich recht gut, wo ich mich frei bewegen kann und wo Leute direkt auf mich zukommen.

Wohnen Sie zen­tral?
In den ersten drei Jahren haben meine Frau und ich außer­halb gelebt. Inzwi­schen sind wir mit­ten­drin, wir wollten mehr vom Leben in der Stadt mit­be­kommen. Bar­ce­lona ist über die Jahre für mich ein Stück Heimat geworden, wo ich mich fast wohler fühle als in Mön­chen­glad­bach.

Dabei hatten Sie anfangs keine ein­fache Zeit. Sie waren in der Liga lange hinter Claudio Bravo nur die Nummer zwei. Abge­sehen von der sport­li­chen Situa­tion hätte man mir den Ein­stieg aber kaum leichter machen können. Im Kern ist Barça wie eine große Familie. Und mit Dani (Alves, d.Red.) und Ivan (Rakitic) hatte ich von Beginn an zwei Kol­legen, die mir sehr unter die Arme gegriffen haben.

Würden Sie diese Bezie­hungen als Freund­schaften bezeichnen? Das sind Ver­bin­dungen, die auch über die Lauf­bahn hinaus bestehen bleiben. Fuß­ball ist sehr schnell­lebig, viele Lebens­wege gehen schnell wieder aus­ein­ander, aber momentan kann ich sagen, dass ich in Bar­ce­lona mit vielen einen sehr engen Zusam­men­halt ver­spüre.

Es gibt eine lange Tra­di­tion von Prot­ago­nisten, die aus Mön­chen­glad­bach nach Bar­ce­lona wech­selten: Hennes Weis­weiler, Alan Simonsen, Udo Lattek. Werden Sie damit oft kon­fron­tiert?
Am Anfang schon. Die Wert­schät­zung für Deut­sche, allen voran Bernd Schuster, ist sehr groß. Und für die Leute hier bin nach wie vor der Deut­sche“.

Das heißt?
Mein Opa hat viel Wert auf Dis­zi­plin, Ehr­lich­keit und Pünkt­lich­keit gelegt. Mit der Pünkt­lich­keit nehmen sie es in Kata­lo­nien aber nicht ganz so genau, daran musste ich mich erst gewöhnen. Aber wenn Sie ständig überpünkt­lich bei einem Termin auf­tau­chen und 15 Minuten alleine dastehen, fangen Sie irgend­wann an, auch mal etwas später zu kommen. (Lacht.)

Wäre doch schlimm, wenn ich mit den Jungs nicht kicken könnte“

Stimmt die Geschichte, dass ein Mit­spieler, als Sie im Kreis mit Feld­spie­lern eine gute Figur machten, gesagt hat: Hey Messi, der spielt ja besser als du!“
Ich frage mich, wer diese Bege­ben­heit nach außen getragen hat.

Wer hat es denn gesagt?
Keine Ahnung, habe ich ver­gessen. (Lacht.)

Sprich: Im Viereck können Sie mit den Hoch­be­gabten locker mit­halten?
Wäre doch schlimm, wenn ich in den heu­tigen Zeiten nicht mit den Jungs kicken könnte, oder?

Aber Lionel Messi ist natür­lich eine beson­dere Güte­klasse.
Der Leo ist auch nicht in meinem Kreis, aber auch in der ange­stammten Gruppe sind ein paar, die ganz gut sind. (Lächelt.)

An wen denke Sie?
Ich habe jetzt länger nicht mit­ge­spielt, weil ich mit meinem Tor­wart­trainer neue Trai­nings­formen aus­ge­ar­beitet habe, aber Ivan und Bus­quets sind oft dabei.

Müssen Sie sich manchmal noch kneifen, wenn um Sie herum Typen wie Messi, Suarez oder Griez­mann zau­bern?
Nein, so ticke ich nicht.

Wie ticken Sie denn?
Ich habe nicht diese Fan-Momente. Als ich zu Barça kam, war mir klar, worauf ich mich ein­lasse. Ich war gespannt, wie das Leben in der Kabine abläuft, und ob ich mit diesen Kol­legen nicht nur Erfolge feiern, son­dern auch eine gute Zeit haben kann.

Nur aus aktiven Spiel­si­tiua­tionen lerne ich das Maxi­male“

Und?
Wir haben einen guten Team­geist, auch wenn ich bei jün­geren Spie­lern fest­stelle, dass sie nicht so viel mit­ein­ander spre­chen. Pro­fes­sio­nell und dis­zi­pli­niert sind heut­zu­tage alle, aber als einer der Erfah­re­neren sehe ich mich auch in der Ver­ant­wor­tung dafür zu sorgen, dass das Zwi­schen­mensch­liche stimmt und die Jungen mehr aus sich her­aus­kommen.

In einem 11FREUNDE-Inter­view im Jahr 2014 sagten Sie, dass der Hauptjob des modernen Tor­warts nach wie vor auf der Linie statt­findet. Sehen Sie das nach fünf Jahren als Keeper und Ersatz-Libero des FC Bar­ce­lona immer noch so?
Zu 100 Pro­zent. Natür­lich ist es bei unserer Spiel­phi­lo­so­phie för­der­lich, dass ich in der Lage bin, den Ball mit dem Fuß zu spielen und am Spiel­aufbau mit­wirke, aber letzt­lich besteht der Kern meiner Auf­gabe nach wie vor darin, Tore zu ver­hin­dern.

Sie haben gesagt, dass Sie bei Barça ein ganz neues Niveau erreicht hätten. Inwie­fern? Schon mein erster Trainer, Luis Enrique, hat sehr auf Details geachtet: Mit wel­chem Fuß nehme ich den Ball an? Wie viele Schritte muss ich machen, um einen Ball zu errei­chen? Diese Dinge haben wir im Video­stu­dium sehr genau ana­ly­siert und mit wurde bewusst, welche Mög­lich­keiten sich für mich ergeben – auf der Linie, aber auch außer­halb. So ist es uns im Trai­ning gelungen, immer mehr Klei­nig­keiten zu opti­mieren. Und natür­lich hilft es auch, in einem Team Erfah­rungen zu sam­meln, das dau­er­haft auf höchstem Niveau spielt.

War es so gesehen ein Vor­teil, dass Sie in den ersten Jahren ständig mit Claudio Bravo kon­kur­rierten, weil es Ihren Ehr­geiz noch zusätz­lich beflü­gelte? Bestimmt hat es Effekte, wenn ein Tor­wart ständig in Abwar­te­stel­lung ist und nicht nach­lassen darf, um im ent­schei­denden Moment da zu sein. Aber ich glaube, dass ich nur aus aktiven Spiel­si­tua­tionen das Maxi­male lerne. Nur auf dem Rasen ergeben sich Momente, die völlig unbe­re­chenbar sind. Vor drei­ein­halb Jahren kam ich nur in der Cham­pions League und in der Copa Del Rey zum Ein­satz, was im Extrem­fall hieß, nur alle zwei, drei Wochen auf­zu­laufen. Da ist es schon sehr schwer, sich zu fokus­sieren. Jetzt spiele ich alle drei, vier Tage, bin im Rhythmus und kann das, was ich im Trai­ning ver­bes­sere, direkt im Spiel anwenden.

Wie haben Sie die Situa­tion als zweiter Mann damals kom­pen­siert? Haben Sie Men­tal­trai­ning gemacht?
Es ist nicht leicht, im Trai­ning ständig Höchst­leis­tungen abzu­rufen, wenn man weiß, dass der nächste Ein­satz erst in zwei Wochen ist. Ande­rer­seits ist es auch nach­teilig, ständig mit der Kon­zen­tra­tion ganz oben zu sein. Mir ist jeden­falls auch ohne Men­tal­trainer bewusst, wann es Zeit wird run­ter­zu­fahren und ich meinem Körper Ruhe­phasen gönnen muss.