Dieses Inter­view erschien erst­mals in 11FREUNDE #230. Das Heft ist hier bei uns im Shop erhält­lich.

Wann haben Sie gemerkt, dass Fuß­ball­spielen das ist, was Sie lieber machen als alles andere?
Sara Door­soun: Bei mir war das schon immer so. Wenn man mir zwei Spiel­sa­chen hin­ge­halten hat, habe ich immer den Ball genommen. Aller­dings habe ich auch ein paar andere Sachen aus­pro­biert. Ich war mal im Schach­verein. (Alle lachen.)
Almuth Schult: Das wusste ich gar nicht.
Alex­andra Popp: Ganz neue Seiten hier!
Door­soun: Mein Papa hat mir das bei­gebracht und mein großer Bruder war im Schach­verein. Damals wollte ich immer wie mein Bruder sein. Trotzdem bin ich am Ende wieder beim Fuß­ball gelandet.
Schult: Ich hab auch einiges nebenbei gemacht. Schießen mit der Luft­pis­tole noch, bis ich vier­zehn war. (Erneutes Gelächter.) Aber der große Vor­teil vom Fuß­ball­spielen ist, dass man dafür nur einen Ball und ein paar Nach­bars­kinder braucht.
Popp: Ich komme aus einer Fuß­bal­ler­fa­milie, mein Papa hat Fuß­ball in der Ober­liga gespielt. Ich hab mein halbes Leben auf dem Platz oder in der Halle ver­bracht.

Haben Sie beim Fuß­ball je das Gefühl gehabt, nur geduldet oder gar uner­wünscht zu sein?
Door­soun: Wenn man Fuß­ball als Leis­tungs­sport betreibt, kann es immer mal pas­sieren, dass einem ver­mit­telt wird: Auf dich setzen wir nicht.
Schult: Früher mit meinem Jungsteam gab’s keine Pro­bleme, weil ich durch Leis­tung über­zeugt habe. Am Anfang war ich ohnehin größer und stärker als die, das ändert sich ja erst mit drei­zehn oder vier­zehn. Später war ich als ein­ziges Mäd­chen in einem Jungs-Stütz­punkt. Da habe ich schon gemerkt, dass die mir am Anfang kaum Bälle zuge­spielt haben, weil sie keine Lust darauf hatten. Es gab aber auch Leute, die mich geför­dert haben. Ich habe mal mit Ober­liga-Herren trai­niert, und deren Trainer hat gesagt: Jungs, ich will hier gar nichts hören. Lasst die erst mal mit­ma­chen, danach dürft ihr was sagen!“
Popp: Die Jungs aus meiner Mann­schaft kannte ich teil­weise aus dem Kin­der­garten. Das Pro­blem waren eher die Gegner, gerade die Eltern, die zu ihren Söhnen gesagt haben: Nun lass dich mal nicht von nem Mäd­chen abko­chen!“ Und wenn das nicht geholfen hat: Jetzt hau sie end­lich um!“ Man­chen will es nicht in den Kopf, dass Mäd­chen und Frauen genauso ein Recht aufs Fuß­ball­spielen haben wie Jungs und Männer. Das Ein­zige, was dagegen hilft, ist Leis­tung.

Alex­andra Popp

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China Hopson

Die Kapi­tänin der Natio­nalelf war früher eine reine Stür­merin, ist inzwi­schen aber fast uni­ver­sell ein­setzbar. Zwei­fache Cham­pions-League-Sie­gerin mit dem VfL Wolfs­burg, Olym­pia­sie­gerin 2016.

Braucht man als Mäd­chen eine rebel­li­sche Ader, um sich da durch­zu­kämpfen?
Popp: Es ist sicher nicht ver­kehrt, mit einem soliden Selbst­be­wusst­sein aus­ge­stattet zu sein. Und du benö­tigst Men­schen, die hinter dir stehen.
Schult: Ich habe mich zu Hause gegen drei ältere Geschwister durch­setzen müssen. Wenn mir jemand gesagt hat, das kannst du sowieso nicht, war ich erst recht ange­sta­chelt. Es hat mir schon immer Spaß gemacht, gegen Vor­ur­teile anzu­kämpfen. Leider kenne ich aber auch Geschichten, dass Mäd­chen aus diesen Gründen auf­ge­hört oder den Verein gewech­selt haben.

Frau­en­fuß­ball unter dem Dach des DFB gibt es seit fünfzig Jahren. Wenn man frü­here TV-Aus­schnitte anschaut, wie etwa die Kom­men­tare des dama­ligen Sportstudio“-Moderators Wim Thoelke – Mann decken, nicht Tisch decken!“ –, dann ist vieles anders und besser geworden, oder?
Schult: Mag sein, aber es gibt so etwas immer noch.
Door­soun: Neu­lich hat Joelle Wede­meyer in unserem Spiel gegen den 1. FFC Frank­furt ein abso­lutes Traumtor geschossen, und der Kicker“ hat das auch so genannt. Lesen Sie sich mal die Kom­men­tare dazu durch! Zum Teil weit unter der Gür­tel­linie. Warum kann man nicht ein­fach aner­kennen, dass es ein schönes Tor war?
Schult: Ich freue mich auch immer, wenn ein Bun­des­li­ga­trainer bei den Män­nern sagt: Wir sind hier doch nicht beim Frau­en­fuß­ball!“
Door­soun: Oder wenn es heißt: Frauen gehören in die Küche!“ Auch diesen Spruch gibt es tat­säch­lich immer noch.
Popp: Natür­lich sagt dir das keiner ins Gesicht. Aber die Sozialen Netz­werke bieten dafür ein breites Betä­ti­gungs­feld.
Schult: Feh­lender Respekt zeigt sich aber nicht nur in sol­chen Kom­men­taren. Vor ein paar Jahren hat der Ham­burger SV von jetzt auf gleich sein Bun­des­li­ga­team auf­ge­löst, weil er das Geld für die Män­ner­mann­schaft gebraucht hat. Dabei war der Betrag, wenn man das nach­rechnet, ver­schwin­dend gering.

Sara Door­soun

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China Hopson

Die in Köln als Tochter einer­Türkin und eines Ira­ners gebo­rene Abwehr­spie­lerin läuft seit 2016 fürs Natio­nal­team auf. Im Gegen­satz zu Popp und Schult wartet sie dort noch auf die großen Meriten.

Ist es ris­kant, wenn immer mehr hoch­klas­sige Frau­en­teams an Män­ner­klubs ando­cken und sich von ihnen abhängig machen?
Popp: Ange­sichts einer immer grö­ßeren Pro­fes­sio­na­li­sie­rung, die ja auch von uns Spie­le­rinnen gewünscht ist, finde ich das eigent­lich gut. Nur müssen die Ver­eine voll dahinter stehen. Bayer Lever­kusen oder der 1. FC Köln könnten viel mehr aus ihrer Frau­en­ab­tei­lung her­aus­holen, bei Glad­bach (vor zwei Jahren mit nur einem Punkt aus der Bun­des­liga abge­stiegen, d. Red.) schüt­tele ich bis heute den Kopf. Wenn ich mich als Klub für eine Frau­en­mann­schaft ent­scheide, muss ich es doch auch richtig machen, so wie der FC Bayern oder wir beim VfL Wolfs­burg.

Wie haben Ihre Eltern reagiert, als sie gemerkt haben, dass es bei Ihnen mit dem Fuß­ball was richtig Ernstes ist?
Door­soun: Ich bin mit sech­zehn ins Sport­in­ternat nach Wat­ten­scheid gezogen. Für meinen Papa war es sehr schwer, dass die Jüngste in der Familie das Haus als Erste ver­lässt. Zumal er die Struk­turen nicht kannte und sich gesorgt hat: Wer küm­mert sich um dich, wer kocht für dich?“ Aber meine Mama war cool und hat zu mir gesagt, mach das mal ruhig. Nach ein paar Monaten hat mein Papa dann auch gemerkt, dass ich in guten Händen bin.

Und wann haben Sie gemerkt, dass Sie im Iran, dem Her­kunfts­land Ihres Vaters, zum Idol geworden sind?
Door­soun: Bei der letzten WM. Nach dem ersten Spiel habe ich gedacht, jemand hätte mein Insta­gram-Profil gehackt. Ich hatte auf einmal meh­rere tau­send neue Fol­lower, die über­wie­gend auf Farsi pos­teten, der ira­ni­schen Lan­des­sprache. Dar­aufhin habe ich meinen Vater gefragt, ob er mir das mal vor­lesen kann. Das sind deine Fans aus dem Iran“, hat er nur gesagt. Es lag wohl daran, dass ein ira­ni­scher Fern­seh­sender einen Bericht über mich gebracht hat. Leider ver­stehe ich die Sprache nicht, ich weiß aber, dass es oft leb­hafte Dis­kus­sionen auf meiner Seite gibt. Und dass meine Tante manchmal auch Krieg anfängt, wenn Kom­men­tare kommen wie: Die hat auf dem Platz nichts zu suchen. Und ihre Hose ist viel zu kurz!“ Für viele andere, gerade jün­gere Mäd­chen, bin ich wohl ein Vor­bild.

Almuth Schult

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China Hopson

Die Tor­hü­terin hat zuletzt mit dem Fuß­ball Pause gemacht, weil sie im Früh­jahr Zwil­linge bekommen hat. Sie ver­spürt aber große Lust, ihren vielen Titeln (u. a. Olym­pia­sieg 2016) wei­tere hin­zu­zu­fügen.

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