Seite 2: „Fußball mit Publikum? Später als ich's mir wünsche“

Echte Liebe“ ist der Slogan des BVB. Gilt der auch für die vielen Beschäf­tigten des BVB, die sonst im Fan­shop, den Würst­chen­buden und an den Ein­lass­toren des Sta­dions arbeiten und die jetzt nichts mehr ver­dienen?
Ein­deutig ja. Wir haben, wie schon erwähnt, 850 Mit­ar­beiter beim BVB, und genau des­wegen muss es ja – dieser ein­zig­ar­tigen Situa­tion ange­passt – wei­ter­gehen. Es geht doch längst nicht nur darum, die – zuge­geben hohen – Gehälter der Lizenz­spieler zu bezahlen. Wir haben eine eigene Abtei­lung, die sich gegen Ras­sismus, Anti­se­mi­tismus und Dis­kri­mi­nie­rung ein­setzt, Bil­dungs­reisen u.a. nach Ausch­witz und Israel orga­ni­siert. Wir haben gerade eine Mil­lion Euro für einen Neubau in der Holo­caust-Gedenk­stätte Yad Vashem gespendet. Natür­lich sind auch diese Enga­ge­ments nur mög­lich, weil im Fuß­ball viel Geld steckt, und es war immer die Hal­tung von Borussia Dort­mund, dass wir dieses Geld eben nicht nur in den Kader ste­cken, son­dern unserer gesell­schaft­li­chen Ver­ant­wor­tung auch mit barer Münze gerecht werden. Wir denken aktuell nicht im Ansatz an so etwas wie betriebs­be­dingte Kün­di­gungen“. Das spielt in unseren Pla­nungen keine Rolle. Um das mal ganz klar zu sagen: Die Familie Borussia Dort­mund wird das gemeinsam schul­tern und sich gegen­seitig helfen. Selbst dann, wenn unser BVB-Rei­se­büro aktuell keine Reisen ver­kaufen kann und unsere Event & Cate­ring GmbH weder Events aus­richtet noch Cate­ring orga­ni­siert.

Nimmt der Fuß­ball sich zu wichtig?
Dass der Fuß­ball ein Thema ist, das viele Men­schen in Deutsch­land sehr bewegt, ist Fakt. Für viele, viele Men­schen ist es mehr als nur ein Hobby, es ist Thema bei Fami­li­en­feiern, in der Schule, Uni, auf der Arbeit. Ein, wenn nicht sogar der Gesell­schafts-Kitt in Nicht-Krisen-Zeiten. Und ich glaube auch, dass wir irgend­wann wieder spielen müssen, damit wir auch noch andere Themen haben als dieses Virus, das gerade alles domi­niert. Natür­lich ist es anders in leeren Sta­dien, das wissen wir auch. Da fehlt mehr als das Salz in der Suppe, da fehlen viele Zutaten, es wird nicht das gleiche sein. Hinzu kommt: Ich bin nun einmal Geschäfts­führer eines Fuß­ball­ver­eins und werde dafür bezahlt, dafür zu sorgen, dass unsere Mit­ar­beiter einen gesi­cherten Arbeits­platz haben. Ich bin ja par­allel noch Gesell­schafter eines Unter­neh­mens für Arbeits­schutz­klei­dung und bekomme da auch mit, was mit den Unter­neh­mungen in Deutsch­land pas­siert, wie dra­ma­tisch sich die Lage ver­än­dert hat, welche Unsi­cher­heit da ist. Glauben sie mir, ich weiß sehr genau, wie pri­vi­le­giert die Fuß­ball­branche ist. Das ist für mich aber eher ein Grund mehr als einer weniger, den Ball wieder ans Rollen zu bringen.

Es gibt Klubs, die sind sehr viel schlechter dran als der BVB. Denen soll geholfen werden, even­tuell auch durch einen Soli­dar­fonds. Ist das das geeig­nete Mittel zur Kri­sen­be­wäl­ti­gung? Und wird der BVB auch seinen Bei­trag leisten?
Soli­dar­fonds klingt ja erstmal gut, aber man müsste sich ansehen, wie ein sol­cher Fonds dann auf­ge­baut wäre. Das darf natür­lich nicht dazu führen, dass Klubs, die in den ver­gan­genen Jahren sport­lich und öko­no­misch viele Fehler gemacht haben, am Ende davon pro­fi­tieren. Wenn es aber unver­schuldet durch diese nicht vor­her­seh­bare Aus­nah­me­si­tua­tion geschehen ist, dann wird Borussia Dort­mund sicher nicht unso­li­da­risch sein.

Sie haben in den letzten Tagen immer betont, die Klubs seien Kon­kur­renten. Sind sie in diesen Tagen nicht noch mehr als das, viel­leicht sogar Ver­bün­dete?
Das sind wir ja immer, aber den­noch Wett­be­werber.

Werden Sie die Spieler bitten, Ihren Teil zur Bewäl­ti­gung der Krise bei­zu­tragen, etwa durch einen Ver­zicht auf Gehalt?
Oberstes Ziel aller Betei­ligten muss sein, rechts­gül­tige Ver­träge ein­zu­halten. Ich bin aber auch sicher, dass viele Spieler wissen, wer die Leute sind, die dafür sorgen, dass sie den Job so aus­üben, wie sie ihn eben aus­üben. Die Kame­ra­männer, die für’s Klub-TV spät­nachts die Videos schneiden oder der Pförtner, der auf­passt, dass am Trai­nings­ge­lände nichts pas­siert. Da wird man zusam­men­rü­cken.

In den USA haben Spieler und Teams (NBA, MLB) rasch dafür gesorgt, dass die Gehälter der Ver­eins- und Arena-Mit­ar­beiter in abseh­barer Zeit gedeckt sind. Warum geschieht das in Deutsch­land nicht? Statt­dessen werden die 56.000 Arbeits­plätze“ von Chris­tian Sei­fert noch als Argu­ment ver­wendet, dass mög­lichst bald wieder gespielt werden muss.
Die Sys­teme in Deutsch­land und den USA sind nicht zu ver­glei­chen. Und: Bei den 56.000 Arbeits­plätzen geht es ja um viele, nicht nur“ Klub­an­ge­stellte. In Dort­mund leben Gas­tro­nomen, Hote­liers, Taxi­fahrer auch Ver­kehrs­be­triebe sehr gut vor allem durch die Ein­nahmen aus dem Fuß­ball. Genau des­wegen müssen wir darum kämpfen, dass der Schaden mög­lichst gering ist. Und ich bin der Über­zeu­gung, dass der Fuß­ball das aus seiner eigenen Kraft schafft und das ohne staat­liche Ali­men­tie­rung.

Wann, glauben Sie, wird wieder vor Publikum Fuß­ball gespielt?
Später als ich’s mir wün­sche. Und das trifft mich wirk­lich per­sön­lich! Wenn wir im Jahr 2020 noch Spiele mit Zuschauern sehen, dann wäre ich schon sehr glück­lich.