Seite 5: „Sie rufen immer noch „Schieß!“, wenn nicht geschossen werden sollte“

Cam­pino, Sie sind seit vier Jahr­zehnten Fan des FC Liver­pool. Was zeichnet das Älter­werden des Fans aus?
Cam­pino: Die Frage ist: Wie arm­selig muss man sein, sich in meinem Alter so mit einem Fuß­ball­klub zu iden­ti­fi­zieren? Warum bin ich nach Siegen glück­lich? Wieso ist mein Wochen­ende nach Nie­der­lagen im Eimer? Ich habe inzwi­schen auf­ge­geben, darauf eine Ant­wort zu suchen. Nur so viel: Der Tag des Cham­pions-League-Finales in Istanbul gehört zu den schönsten meines Lebens …
Klopp: Ich liebe am Fuß­ball genau das: Er kann dich ein Leben lang begleiten, ohne dass du dich ver­än­dern musst, wenn du nicht willst. Das Blöde ist aber, dass du von fünf bis 90 selber kicken oder zuschauen kannst, ohne das Spiel zu ver­stehen. Es gibt genug Leute, die gehen so ahnungslos raus, wie sie ein­ge­stiegen sind. Sie rufen immer noch Schieß!“, wenn nicht geschossen werden sollte.

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Die Tür zum FC Bayern habe ich mir selbst zuge­don­nert“

Paul Ripke

Wie ist es, als Trainer älter zu werden?
Klopp: Ich war mit 33 Jahren kein schlechter Trainer, weil ich ein gewisses Talent dafür hatte. Aber Lebens­er­fah­rung und die Dinge ruhiger anzu­gehen, hilft extrem. Zum Pro­blem wird Älter­werden, wenn du zu wissen glaubst, wie es geht. Dann ist man schon auf dem abstei­genden Ast. Du musst offen bleiben für die Pro­bleme, denn es ergeben sich immer neue. Also packt man nicht immer nur Qua­li­täten oben­drauf, son­dern muss neue ent­wi­ckeln. Man wird nicht besser, son­dern breiter auf­ge­stellt.

Die großen Liver­pool-Trainer Bill Shankly und Bob Paisley schauen hier von den Fotos an der Wand auf uns her­unter. Inwie­fern sehen Sie sich beide manchmal als his­to­ri­sche Figuren?
Cam­pino: Über­haupt nicht. Schon die Frage danach ist für mich nicht rele­vant, nicht nur, weil die Platte von vor vier Jahren heute sowieso nichts mehr gilt.
Klopp: Ich kann auf das Double mit Dort­mund zurück­schauen, aber das Gefühl von damals bekomme ich nicht mehr hin. Das war cool, und ich freue mich über die Erin­ne­rung oder Leute von damals zu sehen. Aber auf etwas beson­ders stolz zu sein, führt zu der Gefahr, bequem zu werden. Ich hatte mal einen Spieler, der hatte ein Bun­des­li­ga­spiel gemacht und ist in die Ober­liga gewech­selt. Der hat gesagt: Ich wollte ein Bun­des­li­ga­spiel machen und habe mein Ziel erreicht.“

Jürgen Klopp, wie oft haben Sie Wir würden nie zum FC Bayern geh’n“ von den Toten Hosen mit­ge­sungen?
Klopp: Ein extrem gutes Lied, aber ich hätte es nie singen können. Als Fuß­baller aus­zu­schließen, zum FC Bayern zu gehen, ist relativ schwach­sinnig. Doch die Bayern-Tür habe ich mir ja selber zuge­don­nert.

Wie das denn?
Klopp: Ich habe neu­lich vor lau­fender Kamera laut­hals gelacht, als ich gehört hatte, dass Bayern gegen Mainz ver­loren hat. Es war zwar die Freude über den Mainzer Erfolg, aber das Video sieht nach reiner Scha­den­freude aus, und das ist nicht gera­de­zu­rü­cken.

Cam­pino, was wün­schen Sie sich vom Trainer des FC Liver­pool?
Cam­pino
: Na, was wohl? Ich wün­sche jedem Trainer vom FC Liver­pool den größt­mög­li­chen Erfolg. Es würde mich aber auch freuen, wenn Jürgen das Leben und die Men­schen hier für sich als eine Berei­che­rung sieht und er die Zeit auch genießen kann. Ich bin aber jetzt schon beein­druckt, mit wel­cher Lei­den­schaft er und sein Team diese Auf­gabe angehen und hier ein­tau­chen.
Klopp: Nach einem halben Jahr kann ich sagen, dass es wirk­lich cool wäre, wenn wir hier etwas länger machen könnten. Der Verein hat ein paar Pro­bleme, die nicht unlösbar sind, denn es gibt eine ganz tolle Basis. Für mich ist relativ klar: Wenn wir das Inter­view in fünf Jahren noch mal machen können, haben wir unter­wegs was gewonnen.
Cam­pino: Und hof­fent­lich bist du bis dahin hier auch mal mit mir in eine Kneipe gegangen.