Seite 4: „Es geht um Gelegenheiten“

Jürgen Klopp, kennen Sie den Begriff Sta­di­on­rock“?
Klopp: Nein.
Cam­pino: Ich betrachte es als ein von Jour­na­listen erfun­denes Schimpf­wort für Bands, denen es gelingt, mit ihrer Musik den Main­stream zu errei­chen. Eine ehe­mals als cool emp­fun­dene Band mit vielen anderen teilen zu müssen, geht man­chen Leuten eben gegen den Strich. Trotzdem bin ich lieber Sta­di­onro­cker als Knei­pen­ro­cker.

Kann man beim Fuß­ball auch zum Sta­di­onro­cker“ werden?
Klopp: Klar! Mich haben wahr­schein­lich auch viele Leute noch nett gefunden, als ich mit Mainz 05 gegen alle Wider­stände des Fuß­bal­lesta­b­lish­ments gekämpft habe. Selbst am Anfang in Dort­mund war es ver­mut­lich noch so, aber dann gewinnt man zwei Meis­ter­schaften und das Double, worauf die glei­chen Leute sagen: Jetzt ist er aber etwas komisch geworden, der Trottel.

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Du kannst von der ganzen Welt ange­him­melt werden und trotzdem ein total nor­maler Kerl sein“

Paul Ripke

Sind Sie denn etwas komisch geworden?
Klopp: Nein, ich habe mich sogar erschre­ckend wenig ver­än­dert. Es ist die Sicht­weise der Leute, die sich ver­än­dert.
Cam­pino: Es gibt halt zwei Rea­li­täten. Ich bin einer­seits so, wie ich mich selbst sehe, ande­rer­seits aber auch der, als den mich die anderen wahr­nehmen. Oder besser gesagt: Ich kann noch so sehr darauf beharren, der Alte geblieben zu sein, wenn die Leute das nicht wahr­nehmen wollen, werden sie das nicht akzep­tieren. Außerdem ver­än­dert sich das ganze Leben fort­wäh­rend. Wenn Jürgen mal Lust drauf haben sollte, kann er bestimmt zurück nach Mainz gehen und da auf einer Wiese kicken, so wie wir auch heute noch gerne Kon­zerte in Kneipen spielen. Trotzdem weiß man, dass man das Lebens­ge­fühl von früher nicht mehr zurück­holen kann.
Klopp: Oder zumin­dest nur für kurze Momente. Kurz bevor ich hierher nach Liver­pool kam, bin ich relativ spontan zu einem Spiel von Mainz 05 gefahren. Da habe ich in der Loge gesessen, wie das heute eben so ist in meinem Leben. Ich würde zwar gerne auf der Tri­büne hocken, aber dann guckt keiner das Spiel, weil alle ein Selfie machen wollen. Nach dem Spiel wollten Chris­tian Heidel und ich noch ein Bier trinken. Und jetzt muss man wissen, dass es am alten Bruch­weg­sta­dion den Haa­se­kessel“ gab. Das ist das Ver­eins­heim des benach­barten PSV Mainz, wo wir früher nach dem Spiel mit den Leuten ein Bier getrunken haben. Irgend­wann war das ein ganz cooles Mit­ein­ander, weil die Leute daran gewöhnt waren, dass der Trainer auch in der Kneipe stand. Im neuen Sta­dion gibt es auch einen Haa­se­kessel“, und da sind wir nach dem Spiel hin. Ich habe mich schon gefragt, ob das geht, und am Anfang kamen auch gleich einige an, um Fotos zu machen. Aber dann haben sie sich sehr schnell selbst dis­zi­pli­niert, so konnten Chris­tian Heidel und ich völlig ent­spannt ein Bier­chen trinken. In der Kneipe waren die glei­chen Leute wie früher – nur acht Jahre älter. Als wir gegangen sind, habe ich an ihren Bli­cken gesehen: Das war wie früher.q Ein unfassbar schöner Moment, ich war richtig selig. Wir würden so was viel öfter machen, wenn man uns nur lassen würde.

Statt­dessen bleiben Promis unter sich und freunden sich mit ihres­glei­chen an.
Klopp: Aber dabei geht es auch um Gele­gen­heiten. Wotan Wilke Möh­ring oder Joa­chim Król sind nicht nur tolle Schau­spieler, son­dern eben auch aus­ge­flippte BVB-Fans. Die hätte ich nicht ken­nen­ge­lernt, wenn ich nicht Trainer des Klubs gewesen wäre. Oder wie sollte ich Cam­pino ken­nen­lernen, wenn ich beim Kon­zert in der Meute stehe? Ich habe übri­gens viele Leute getroffen, die richtig bekannt und auch noch unfassbar gute Typen sind. Da lernt man eine Schau­spie­lerin kennen, die gut aus­sieht, Kohle hat, Erfolg auch und unheim­lich nett ist. So was will nie­mand hören, weil es irgendwie zu viel ist. Bei Franz Becken­bauer und Pelé habe ich erlebt, dass du von der ganzen Welt ange­him­melt und ver­ehrt werden und ein total nor­maler Kerl sein kannst. Das ist mög­lich!
Cam­pino: Dass soge­nannte Promis“ sich nur mit anderen Promis anfreunden, ist ein dummes Kli­schee. Die wenigsten meiner Freunde stehen in der Öffent­lich­keit und ich nehme an, dass es bei Jürgen nicht anders aus­sieht. Über solche Bekannt­schaften wird halt nicht berichtet.