Seite 3: „Hier Keeper zu sein, ist der größte Drecksjob auf diesem Planeten“

Gefällt Ihnen eng­li­scher Fuß­ball besser als deut­scher, Cam­pino?
Cam­pino:
Ich bin da nicht objektiv. Eng­li­scher Fuß­ball war für mich immer schon das Maß aller Dinge. Wir spielen auch als Band so, wie ich den eng­li­schen Fuß­ball sehe: Da geht schon mal ein Ball übers Dach und es sieht nicht immer ele­gant aus, aber die Leute gou­tieren, dass man von der ersten bis zur letzten Minute rennt und kämpft. Mir gefällt auch, dass Schwalben und Schau­spie­lerei hier ver­pönt sind und der Gegner in der Regel Bei­fall bekommt, wenn er besser war. Die Pre­mier League mag sport­lich gesehen zur­zeit nicht die beste Liga sein, aber sie ist zwei­fellos die span­nendste, weil jeder jeden schlagen kann.
Klopp: Es wird auch anders gepfiffen. Der Tor­wart wird ange­gangen wie nir­gends in der Welt. Kein Wunder, dass Eng­land in den letzten Jahren zu wenig Tor­hüter ent­wi­ckelt hat. Hier Keeper zu sein, ist der größte Drecksjob auf diesem Pla­neten. Keiner schützt sie, der Fünf-Meter-Raum ist ein Vor­schlag und keine Schutz­zone. Stan­dard­si­tua­tionen sind beson­ders brutal: Der ganze Straf­raum steht voll, der Tor­wart will raus, fünf Leute stehen ihm im Weg und drei halten ihn an der Hose fest. Das wird aber nicht gepfiffen. Eher so: Guck, wie du damit klar­kommst! Das kann man cool finden oder auch nicht, aber es ist so. Ande­rer­seits muss man sagen: Eng­länder sind ein­fach härter. Die Jungs trai­nieren bei Regen und Wind in T‑Shirts und Shorts.

Sie haben unglaub­lich viele Spieler, wie ver­än­dert das die Arbeit?
Klopp: Im Moment sind es 45 Spieler, was aber daran liegt, dass wir auf­grund der großen Zahl von Ver­letzten etliche Junge hoch­ge­holt und aus­ge­lie­hene Spieler zurück­be­or­dert haben. Wir haben teil­weise zweimal am Tag trai­niert, einmal mit der ersten Mann­schaft, die am Wochen­ende in der Meis­ter­schaft gespielt hat, und andert­halb Stunden später mit der, die tags darauf im Liga­pokal zum Ein­satz kommen sollte.

Cam­pino, kennen Sie alle 45 Spieler?
Cam­pino: Es gibt Begeg­nungen, wo plötz­lich Spieler auf dem Platz stehen, deren Namen ich noch nie gehört habe.
Klopp: Kann er auch nicht, aber ich habe sie inzwi­schen alle drauf. Wir haben übri­gens tolle junge Spieler, denen es an Talent nicht man­gelt. Wir müssen nur den rich­tigen Moment finden, sie in einer Liga zu bringen, wo der Druck so groß ist.

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Wie arm­selig muss man sein, in meinem Alter so an einem Fuß­ball­klub zu hängen?“

Paul Ripke

Cam­pino, Sie stammen aus einer Genera­tion, in der man Leute auch nach ihrem Musik­ge­schmack bewertet hat. Jürgen Klopp hat sich mal öffent­lich als Helene-Fischer-Ultra“ bezeichnet und gibt als Musik­ge­schmack quer­beet“ an. Was fangen Sie damit an?
Klopp: Dass ich das mit dem Helene-Fischer-Ultra“ gesagt haben soll, würde mich wun­dern. Aber das Kon­zert, was ich von ihr gesehen habe, war sehr geil.
Cam­pino: Als Fan des FC Liver­pool ist mir wichtig, dass er hier einen guten Job macht und nicht, was für Musik er hört. Und was meine Freund­schaften angeht: Ich wäre eine trau­rige Wurst, wenn ich meine Sym­pa­thien nur am Musik­ge­schmack fest­ma­chen würde. Da gibt es deut­lich wich­ti­gere Aspekte im Leben. Ich bin mit meh­reren Sport­lern befreundet, und da geht es selten um Musik.

Warum Sportler?
Cam­pino: Viel­leicht gibt es da mehr Gemein­sam­keiten, als man auf den ersten Blick sieht. Als Kind wollte ich eine Zeit lang Fuß­baller oder Eis­ho­ckey­spieler werden – Haupt­sache ein Held. Ich hätte es aber nicht nur wegen des man­gelnden Talents nie geschafft, son­dern auch wegen der feh­lenden Dis­zi­plin. Es gab eine Zeit, da war mir Rock’n’Roll wich­tiger, und ich hatte Sport kom­plett aus den Augen ver­loren. Irgend­wann kam das aber wieder zurück und ich habe ange­fangen, unsere Musik wie Sport zu betrachten: Eine Tournee ist wie eine Saison und jedes Kon­zert wie ein Spiel. Gefeiert wird erst, wenn man es sich ver­dient hat. Ich habe seit län­gerem Freude daran, Kon­zerte nüch­tern zu spielen und die Abende auf der Bühne sport­lich anzu­gehen. Das Meiste habe ich mir von Uli Hiemer abge­guckt, der neun Jahre lang bei der Düs­sel­dorfer EG gespielt hat und ein guter Freund von mir ist.

Jürgen Klopp, Tage wie diese“ von den Toten Hosen müsste für Sie doch der Sound­track für Erin­ne­rungen an die Dou­ble­saison 2012 beim BVB sein?
Klopp: Absolut. Ich bin zwar kein Musik­freak, aber das wird für mich auf ewig in bester Erin­ne­rung bleiben. Ich dachte, du hät­test das für uns geschrieben, Cam­pino. Tage wie diese“ haben wir damals jeden­falls kom­plett gefühlt und gelebt.