11FREUNDE WIRD 20!

Kommt mit uns auf eine wilde Fahrt durch 20 Jahre Fuß­ball­kultur: Am 23. März erschien​„DAS GROSSE 11FREUNDE BUCH“ mit den besten Geschichten, den ein­drucks­vollsten Bil­dern und skur­rilsten Anek­doten aus zwei Jahr­zehnten 11FREUNDE. In unserem Jubi­lä­ums­band erwarten euch eine opu­lente Werk­schau mit unzäh­ligen unver­öf­fent­lichten Fotos, humor­vollen Essays, Inter­views und Back­s­­tages-Sto­­­ries aus der Redak­tion. Beson­deres Leckerli für unsere Dau­er­kar­ten­in­haber: Wenn ihr das Buch bei uns im 11FREUNDE SHOP bestellt, gibt’s ein 11FREUNDE Notiz­buch oben­drauf. Hier könnt ihr das Buch be­stellen.

Außerdem prä­sen­tieren wir euch an dieser Stelle in den kom­menden Wochen wei­tere spek­ta­ku­läre Repor­tagen, Inter­views und Bil­der­se­rien. Heute: Cam­pino und Jürgen Klopp im gemein­samen Inter­view.

11 Freunde Das große 11 Freunde Buch Kopie

Cam­pino, was war Ihr erster Gedanke, als Jürgen Klopp Trainer Ihres Lieb­lings­ver­eins FC Liver­pool wurde?
Cam­pino: Dass meine Freunde in Liver­pool einen guten Rie­cher hatten. Sie haben mich näm­lich schon gegen Ende der letzten Saison ständig darauf ange­spro­chen, ob ich nicht was regeln könne. Nach dem Motto Can’t you call Jurgen?“ Mein zweiter Gedanke war: Wenn ich es schon nicht machen darf, dann bitte er.
Klopp: Oha, das ist ver­mut­lich das größte Lob, das ich bis­lang bekommen hab!
Cam­pino: Du lachst, aber das muss ich erklären. Ich ver­folge die Reds seit meinem elften Lebens­jahr. Liver­pool stand immer für mein Eng­land und des­halb irgendwie auch für meine eng­li­sche Mutter, und erst einmal unwei­ger­lich in Oppo­si­tion zu meinem deut­schen Vater. Des­halb konnte ich mir lange nicht vor­stellen, dass es hier mal deut­sche Spieler oder Trainer geben würde. Dann kam als erster Kalle Riedle und war sehr beliebt, später folgten Markus Babbel und Didi Hamann, der heute zu den Legenden des Klubs zählt. In sol­chen Momenten ist der deut­sche Teil in mir schon ein wenig stolz. Dass du jetzt hier Manager bist, ist natür­lich noch mal eine andere Dimen­sion.

Jürgen Klopp, wann wurde Ihnen klar, dass Sie als Trainer des FC Liver­pool auch für Cam­pinos see­li­sches Wohl­be­finden zuständig sind?
Klopp: Ich wusste schon länger, dass er Fan ist. Aber erst als wir uns ken­nen­ge­lernt haben, hat er mir erzählt, wie intensiv er das betreibt, mit Jah­res­karte und häu­figen Besu­chen. Und es gibt zwei­fellos leichter zu errei­chende Städte. Wie Cam­pino es macht, vor und nach dem Spiel in Liver­pool unter­wegs zu sein, so würde ich es auch machen, wenn ich könnte. In Dort­mund ist so ein Full Package auch mög­lich, vier Stunden vorm Spiel am Sta­dion zu sein und drei Stunden danach noch im Stro­bels her­um­zu­hängen, der Kneipe nebenan. Das ist der Fuß­ball, wie wir ihn bei aller Ver­än­de­rung am meisten lieben, da kommen wir schließ­lich alle her.

Cam­pino, wie oft kommen Sie nach Liver­pool?
Cam­pino: Das hängt davon ab, ob meine Band und ich auf Tournee sind oder gerade ein Album auf­nehmen. Dann geht auch zeit­weise mal für mich nichts, aber zu anderen Zeiten besuche ich die Spiele regel­mäßig. So um die zehn Mal pro Saison bin ich nor­ma­ler­weise hier, der Rest wird im Fern­sehen geguckt. Meine Dau­er­karte nutzen dann Freunde.

Herr Klopp, was können Sie von Cam­pino noch über den Klub lernen?
Klopp: Bestimmt eine unend­liche Menge, denn ich fände es ver­messen zu sagen, dass ich nach einem halben Jahr nichts mehr lernen müsste. Wor­über ich inzwi­schen viel weiß, sind die internen Abläufe, denn die sind für mich rele­vant. Hier bin ich ange­kommen, und hier habe ich auch gleich gemerkt: Das ist ein unfassbar geiler Klub! Ich habe nach Mainz und Dort­mund zum dritten Mal Glück gehabt, weil der FC Liver­pool zwar eine Rie­sen­nummer mit glo­baler Bedeu­tung ist, aber hier drin in unserem Head­quarter in Mel­wood ist er eine totale Familie.

Cam­pino, was würden Sie Jürgen Klopp über Ihren Verein erklären wollen?
Cam­pino: Das ist Blöd­sinn. Was sollte ich Jürgen Klopp noch über Liver­pool erzählen, was er inzwi­schen nicht schon viel besser weiß? Aus­ge­nommen die Mann­schafts­auf­stel­lung vom UEFA-Cup-Sieg 1972/73 viel­leicht. Ich könnte ihm bes­ten­falls einen Tipp geben, wo es in Liver­pool wel­ches Bier vom Fass gibt und wo man anständig feiern kann.
Klopp: Es wäre extrem lässig, ein Bier trinken zu gehen, aber ehr­lich gesagt, war es schon in Dort­mund nicht mehr mög­lich. Hier in Liver­pool war ich nach der Ver­trags­un­ter­zeich­nung mit meiner Frau und meinem Co-Trainer Piet Kra­witz abends um die Ecke vom Hotel in einem Pub. Da stand das Bier schon vor uns, bevor wir bestellen konnten, und die lokalen It-Girls haben uns gleich in Beschlag genommen. Am nächsten Tag kur­sierte ein Foto, auf dem ich auf der rechten Schulter die Brüste einer Frau und auf der linken die einer anderen liegen hatte. Dabei hatte das Foto meine Frau geschossen.
Cam­pino: Der Fuß­ball-Pop­star­faktor ist in Eng­land viel größer als in Deutsch­land.

Und Sie nehmen in Liver­pool Aus­zeit vom Leben als Pop­star?
Cam­pino: Lassen Sie uns die Sache mit dem Pop­star nicht so hoch hängen, aber es macht mir großen Spaß, hier nur einer von vielen zu sein. Wenn ich nach Liver­pool reise, ziehe ich mein rotes Trikot an und bin Teil dieser Armee. Da fragt nie­mand, woher ich komme und was ich mache, und es hat auch noch nie jemand gesagt, dass ich nicht hierhin gehöre, weil ich doch nur zur Hälfte Eng­länder bin. Beson­ders liebe ich die Aus­wärts­fahrten, wie zuletzt nach Man­chester gegen United in der Europa League.
Klopp: Die Spiele gegen United gehörten auch für mich zu den High­lights. Die Stim­mung mag nicht an allen Tagen Welt­klasse sein, aber in den beiden Spielen hat es richtig geknallt.

Die deut­sche Wahr­neh­mung der Pre­mier League ist nicht zuletzt wegen der feh­lenden Stim­mung sehr kri­tisch.
Cam­pino:
Ich kenne tat­säch­lich einige Eng­länder, die nach Deutsch­land fahren, um auch für wenig Geld rich­tigen Fuß­ball zu erleben. Genau wie sie ver­stehe ich nicht, warum ange­sichts der rie­sigen Ein­nahmen aus den welt­weiten Fern­seh­deals die hohen Ticket­preise über­haupt nötig sind. Bei den Klubs sollte das Bewusst­sein dafür wachsen, dass junge, eupho­ri­sche Zuschauer, die man für die Atmo­sphäre und die Gesänge braucht, noch an erschwing­liche Karten kommen.
Klopp: Ich fand es immer eine komi­sche Vor­stel­lung, eine über­ra­gende Atmo­sphäre haben zu wollen, wäh­rend man irgend­wel­chen Mist kickt. Stim­mung ist immer auch an Erfolg gekop­pelt, und in Liver­pool gab es schon länger keine grö­ßeren Erfolge mehr. Wir sind gerade dabei, das zu drehen. Es geht was, wie man gegen Man­chester United gesehen hat. Da lag es natür­lich am Gegner und an der Riva­lität. Wir müssen aber dahin kommen, dass es pas­siert, weil wir auf dem Platz stehen und egal ist, gegen wen wir spielen. Wir hatten solche Momente, ich bin immer noch ganz glück­lich mit der Schluss­phase aus dem Nichts heraus gegen West Brom. Das ist das größte Miss­ver­ständnis meiner bis­he­rigen Eng­land­ge­schichte, dass ich mich da beim Publikum bedankt habe.

Die Presse fand es unan­ge­bracht, dass Sie ein Aus­gleichstor gegen eine Mann­schaft aus dem Mit­tel­feld der Tabelle vor dem Kop fei­erten.
Klopp:
Aber es war nie­mand nach Hause gegangen wie drei Wochen zuvor, es hat nie­mand gemurrt, alle wollten das ver­dammte Aus­gleichstor. Dann schießen wir es, und das Sta­dion ist explo­diert. Das war über­ra­gend. Es gab auch noch den 5:4‑Sieg in Nor­wich, den späten Erfolg über Crystal Palace, den Aus­gleich kurz vor Schluss gegen Arsenal. Wir haben Man­chester City weg­ge­don­nert und Man­chester United aus der Europa League geworfen. In der Summe sind Punkt­zahl und Tabel­len­platz nicht das, wo wir hin­wollen. Aber wir haben Zei­chen gesetzt, was mög­lich ist.

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Ich bin lieber Sta­di­onro­cker als Knei­pen­ro­cker“

Paul Ripke

Wie beur­teilen Sie die Pre­mier League sport­lich? Sie wird bei uns inzwi­schen ziem­lich kri­tisch gesehen?
Klopp: Es ist typisch für Deutsch­land, dass man die Dinge halb beob­achtet, aber voll bewertet. Wäh­rend der Win­ter­pause in Deutsch­land haben wir zehn Spiele gehabt, wie soll man die weg­dis­ku­tieren? Das elfte Spiel war gegen einen aus­ge­ruhten deut­schen Klub, und danach hieß es: So toll ist Liver­pool nun auch wieder nicht! Ich will mich nicht beschweren, doch das rie­sige Pro­gramm hier führt zu anderen Her­aus­for­de­rungen. Inner­halb der Pre­mier League ist das kein Pro­blem, weil das für alle gilt. Es wird aber eins, wenn man sich mit Europa misst.

Ist es nicht so, dass Bild­hauer ver­pflichtet werden, die dann Nägel in die Wand kloppen müssen?
Klopp: Finde ich nicht, hier wird ganz ansehn­li­cher Fuß­ball gespielt. Es gibt viel­leicht drei oder vier Mann­schaften, die, ohne despek­tier­lich zu sein, wie Darm­stadt 98 spielen. Deren Spieler sind groß und wuchtig und gehen auf die Stan­dard­si­tua­tionen. Nur haben sie auch noch Stürmer, die 35 Mil­lionen gekostet haben und wissen, wie man Tore macht. Mann­schaften wie Arsenal, Tot­tenham, Man­chester City, Man­chester United, Chelsea oder wir spielen Fuß­ball, aber es geht immer auch ums Kör­per­liche. Dass die eng­li­schen Mann­schaften in den letzten Jahren in der Cham­pions League nicht funk­tio­niert haben, ist eine Wahr­heit. Aber liegt es daran, weil sie zu doof sind, oder weil sie vor und nach der Cham­pions League um jeden ein­zelnen Meter kämpfen müssen?

Gefällt Ihnen eng­li­scher Fuß­ball besser als deut­scher, Cam­pino?
Cam­pino:
Ich bin da nicht objektiv. Eng­li­scher Fuß­ball war für mich immer schon das Maß aller Dinge. Wir spielen auch als Band so, wie ich den eng­li­schen Fuß­ball sehe: Da geht schon mal ein Ball übers Dach und es sieht nicht immer ele­gant aus, aber die Leute gou­tieren, dass man von der ersten bis zur letzten Minute rennt und kämpft. Mir gefällt auch, dass Schwalben und Schau­spie­lerei hier ver­pönt sind und der Gegner in der Regel Bei­fall bekommt, wenn er besser war. Die Pre­mier League mag sport­lich gesehen zur­zeit nicht die beste Liga sein, aber sie ist zwei­fellos die span­nendste, weil jeder jeden schlagen kann.
Klopp: Es wird auch anders gepfiffen. Der Tor­wart wird ange­gangen wie nir­gends in der Welt. Kein Wunder, dass Eng­land in den letzten Jahren zu wenig Tor­hüter ent­wi­ckelt hat. Hier Keeper zu sein, ist der größte Drecksjob auf diesem Pla­neten. Keiner schützt sie, der Fünf-Meter-Raum ist ein Vor­schlag und keine Schutz­zone. Stan­dard­si­tua­tionen sind beson­ders brutal: Der ganze Straf­raum steht voll, der Tor­wart will raus, fünf Leute stehen ihm im Weg und drei halten ihn an der Hose fest. Das wird aber nicht gepfiffen. Eher so: Guck, wie du damit klar­kommst! Das kann man cool finden oder auch nicht, aber es ist so. Ande­rer­seits muss man sagen: Eng­länder sind ein­fach härter. Die Jungs trai­nieren bei Regen und Wind in T‑Shirts und Shorts.

Sie haben unglaub­lich viele Spieler, wie ver­än­dert das die Arbeit?
Klopp: Im Moment sind es 45 Spieler, was aber daran liegt, dass wir auf­grund der großen Zahl von Ver­letzten etliche Junge hoch­ge­holt und aus­ge­lie­hene Spieler zurück­be­or­dert haben. Wir haben teil­weise zweimal am Tag trai­niert, einmal mit der ersten Mann­schaft, die am Wochen­ende in der Meis­ter­schaft gespielt hat, und andert­halb Stunden später mit der, die tags darauf im Liga­pokal zum Ein­satz kommen sollte.

Cam­pino, kennen Sie alle 45 Spieler?
Cam­pino: Es gibt Begeg­nungen, wo plötz­lich Spieler auf dem Platz stehen, deren Namen ich noch nie gehört habe.
Klopp: Kann er auch nicht, aber ich habe sie inzwi­schen alle drauf. Wir haben übri­gens tolle junge Spieler, denen es an Talent nicht man­gelt. Wir müssen nur den rich­tigen Moment finden, sie in einer Liga zu bringen, wo der Druck so groß ist.

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Wie arm­selig muss man sein, in meinem Alter so an einem Fuß­ball­klub zu hängen?“

Paul Ripke

Cam­pino, Sie stammen aus einer Genera­tion, in der man Leute auch nach ihrem Musik­ge­schmack bewertet hat. Jürgen Klopp hat sich mal öffent­lich als Helene-Fischer-Ultra“ bezeichnet und gibt als Musik­ge­schmack quer­beet“ an. Was fangen Sie damit an?
Klopp: Dass ich das mit dem Helene-Fischer-Ultra“ gesagt haben soll, würde mich wun­dern. Aber das Kon­zert, was ich von ihr gesehen habe, war sehr geil.
Cam­pino: Als Fan des FC Liver­pool ist mir wichtig, dass er hier einen guten Job macht und nicht, was für Musik er hört. Und was meine Freund­schaften angeht: Ich wäre eine trau­rige Wurst, wenn ich meine Sym­pa­thien nur am Musik­ge­schmack fest­ma­chen würde. Da gibt es deut­lich wich­ti­gere Aspekte im Leben. Ich bin mit meh­reren Sport­lern befreundet, und da geht es selten um Musik.

Warum Sportler?
Cam­pino: Viel­leicht gibt es da mehr Gemein­sam­keiten, als man auf den ersten Blick sieht. Als Kind wollte ich eine Zeit lang Fuß­baller oder Eis­ho­ckey­spieler werden – Haupt­sache ein Held. Ich hätte es aber nicht nur wegen des man­gelnden Talents nie geschafft, son­dern auch wegen der feh­lenden Dis­zi­plin. Es gab eine Zeit, da war mir Rock’n’Roll wich­tiger, und ich hatte Sport kom­plett aus den Augen ver­loren. Irgend­wann kam das aber wieder zurück und ich habe ange­fangen, unsere Musik wie Sport zu betrachten: Eine Tournee ist wie eine Saison und jedes Kon­zert wie ein Spiel. Gefeiert wird erst, wenn man es sich ver­dient hat. Ich habe seit län­gerem Freude daran, Kon­zerte nüch­tern zu spielen und die Abende auf der Bühne sport­lich anzu­gehen. Das Meiste habe ich mir von Uli Hiemer abge­guckt, der neun Jahre lang bei der Düs­sel­dorfer EG gespielt hat und ein guter Freund von mir ist.

Jürgen Klopp, Tage wie diese“ von den Toten Hosen müsste für Sie doch der Sound­track für Erin­ne­rungen an die Dou­ble­saison 2012 beim BVB sein?
Klopp: Absolut. Ich bin zwar kein Musik­freak, aber das wird für mich auf ewig in bester Erin­ne­rung bleiben. Ich dachte, du hät­test das für uns geschrieben, Cam­pino. Tage wie diese“ haben wir damals jeden­falls kom­plett gefühlt und gelebt.

Jürgen Klopp, kennen Sie den Begriff Sta­di­on­rock“?
Klopp: Nein.
Cam­pino: Ich betrachte es als ein von Jour­na­listen erfun­denes Schimpf­wort für Bands, denen es gelingt, mit ihrer Musik den Main­stream zu errei­chen. Eine ehe­mals als cool emp­fun­dene Band mit vielen anderen teilen zu müssen, geht man­chen Leuten eben gegen den Strich. Trotzdem bin ich lieber Sta­di­onro­cker als Knei­pen­ro­cker.

Kann man beim Fuß­ball auch zum Sta­di­onro­cker“ werden?
Klopp: Klar! Mich haben wahr­schein­lich auch viele Leute noch nett gefunden, als ich mit Mainz 05 gegen alle Wider­stände des Fuß­bal­lesta­b­lish­ments gekämpft habe. Selbst am Anfang in Dort­mund war es ver­mut­lich noch so, aber dann gewinnt man zwei Meis­ter­schaften und das Double, worauf die glei­chen Leute sagen: Jetzt ist er aber etwas komisch geworden, der Trottel.

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Du kannst von der ganzen Welt ange­him­melt werden und trotzdem ein total nor­maler Kerl sein“

Paul Ripke

Sind Sie denn etwas komisch geworden?
Klopp: Nein, ich habe mich sogar erschre­ckend wenig ver­än­dert. Es ist die Sicht­weise der Leute, die sich ver­än­dert.
Cam­pino: Es gibt halt zwei Rea­li­täten. Ich bin einer­seits so, wie ich mich selbst sehe, ande­rer­seits aber auch der, als den mich die anderen wahr­nehmen. Oder besser gesagt: Ich kann noch so sehr darauf beharren, der Alte geblieben zu sein, wenn die Leute das nicht wahr­nehmen wollen, werden sie das nicht akzep­tieren. Außerdem ver­än­dert sich das ganze Leben fort­wäh­rend. Wenn Jürgen mal Lust drauf haben sollte, kann er bestimmt zurück nach Mainz gehen und da auf einer Wiese kicken, so wie wir auch heute noch gerne Kon­zerte in Kneipen spielen. Trotzdem weiß man, dass man das Lebens­ge­fühl von früher nicht mehr zurück­holen kann.
Klopp: Oder zumin­dest nur für kurze Momente. Kurz bevor ich hierher nach Liver­pool kam, bin ich relativ spontan zu einem Spiel von Mainz 05 gefahren. Da habe ich in der Loge gesessen, wie das heute eben so ist in meinem Leben. Ich würde zwar gerne auf der Tri­büne hocken, aber dann guckt keiner das Spiel, weil alle ein Selfie machen wollen. Nach dem Spiel wollten Chris­tian Heidel und ich noch ein Bier trinken. Und jetzt muss man wissen, dass es am alten Bruch­weg­sta­dion den Haa­se­kessel“ gab. Das ist das Ver­eins­heim des benach­barten PSV Mainz, wo wir früher nach dem Spiel mit den Leuten ein Bier getrunken haben. Irgend­wann war das ein ganz cooles Mit­ein­ander, weil die Leute daran gewöhnt waren, dass der Trainer auch in der Kneipe stand. Im neuen Sta­dion gibt es auch einen Haa­se­kessel“, und da sind wir nach dem Spiel hin. Ich habe mich schon gefragt, ob das geht, und am Anfang kamen auch gleich einige an, um Fotos zu machen. Aber dann haben sie sich sehr schnell selbst dis­zi­pli­niert, so konnten Chris­tian Heidel und ich völlig ent­spannt ein Bier­chen trinken. In der Kneipe waren die glei­chen Leute wie früher – nur acht Jahre älter. Als wir gegangen sind, habe ich an ihren Bli­cken gesehen: Das war wie früher.q Ein unfassbar schöner Moment, ich war richtig selig. Wir würden so was viel öfter machen, wenn man uns nur lassen würde.

Statt­dessen bleiben Promis unter sich und freunden sich mit ihres­glei­chen an.
Klopp: Aber dabei geht es auch um Gele­gen­heiten. Wotan Wilke Möh­ring oder Joa­chim Król sind nicht nur tolle Schau­spieler, son­dern eben auch aus­ge­flippte BVB-Fans. Die hätte ich nicht ken­nen­ge­lernt, wenn ich nicht Trainer des Klubs gewesen wäre. Oder wie sollte ich Cam­pino ken­nen­lernen, wenn ich beim Kon­zert in der Meute stehe? Ich habe übri­gens viele Leute getroffen, die richtig bekannt und auch noch unfassbar gute Typen sind. Da lernt man eine Schau­spie­lerin kennen, die gut aus­sieht, Kohle hat, Erfolg auch und unheim­lich nett ist. So was will nie­mand hören, weil es irgendwie zu viel ist. Bei Franz Becken­bauer und Pelé habe ich erlebt, dass du von der ganzen Welt ange­him­melt und ver­ehrt werden und ein total nor­maler Kerl sein kannst. Das ist mög­lich!
Cam­pino: Dass soge­nannte Promis“ sich nur mit anderen Promis anfreunden, ist ein dummes Kli­schee. Die wenigsten meiner Freunde stehen in der Öffent­lich­keit und ich nehme an, dass es bei Jürgen nicht anders aus­sieht. Über solche Bekannt­schaften wird halt nicht berichtet.

Cam­pino, Sie sind seit vier Jahr­zehnten Fan des FC Liver­pool. Was zeichnet das Älter­werden des Fans aus?
Cam­pino: Die Frage ist: Wie arm­selig muss man sein, sich in meinem Alter so mit einem Fuß­ball­klub zu iden­ti­fi­zieren? Warum bin ich nach Siegen glück­lich? Wieso ist mein Wochen­ende nach Nie­der­lagen im Eimer? Ich habe inzwi­schen auf­ge­geben, darauf eine Ant­wort zu suchen. Nur so viel: Der Tag des Cham­pions-League-Finales in Istanbul gehört zu den schönsten meines Lebens …
Klopp: Ich liebe am Fuß­ball genau das: Er kann dich ein Leben lang begleiten, ohne dass du dich ver­än­dern musst, wenn du nicht willst. Das Blöde ist aber, dass du von fünf bis 90 selber kicken oder zuschauen kannst, ohne das Spiel zu ver­stehen. Es gibt genug Leute, die gehen so ahnungslos raus, wie sie ein­ge­stiegen sind. Sie rufen immer noch Schieß!“, wenn nicht geschossen werden sollte.

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Die Tür zum FC Bayern habe ich mir selbst zuge­don­nert“

Paul Ripke

Wie ist es, als Trainer älter zu werden?
Klopp: Ich war mit 33 Jahren kein schlechter Trainer, weil ich ein gewisses Talent dafür hatte. Aber Lebens­er­fah­rung und die Dinge ruhiger anzu­gehen, hilft extrem. Zum Pro­blem wird Älter­werden, wenn du zu wissen glaubst, wie es geht. Dann ist man schon auf dem abstei­genden Ast. Du musst offen bleiben für die Pro­bleme, denn es ergeben sich immer neue. Also packt man nicht immer nur Qua­li­täten oben­drauf, son­dern muss neue ent­wi­ckeln. Man wird nicht besser, son­dern breiter auf­ge­stellt.

Die großen Liver­pool-Trainer Bill Shankly und Bob Paisley schauen hier von den Fotos an der Wand auf uns her­unter. Inwie­fern sehen Sie sich beide manchmal als his­to­ri­sche Figuren?
Cam­pino: Über­haupt nicht. Schon die Frage danach ist für mich nicht rele­vant, nicht nur, weil die Platte von vor vier Jahren heute sowieso nichts mehr gilt.
Klopp: Ich kann auf das Double mit Dort­mund zurück­schauen, aber das Gefühl von damals bekomme ich nicht mehr hin. Das war cool, und ich freue mich über die Erin­ne­rung oder Leute von damals zu sehen. Aber auf etwas beson­ders stolz zu sein, führt zu der Gefahr, bequem zu werden. Ich hatte mal einen Spieler, der hatte ein Bun­des­li­ga­spiel gemacht und ist in die Ober­liga gewech­selt. Der hat gesagt: Ich wollte ein Bun­des­li­ga­spiel machen und habe mein Ziel erreicht.“

Jürgen Klopp, wie oft haben Sie Wir würden nie zum FC Bayern geh’n“ von den Toten Hosen mit­ge­sungen?
Klopp: Ein extrem gutes Lied, aber ich hätte es nie singen können. Als Fuß­baller aus­zu­schließen, zum FC Bayern zu gehen, ist relativ schwach­sinnig. Doch die Bayern-Tür habe ich mir ja selber zuge­don­nert.

Wie das denn?
Klopp: Ich habe neu­lich vor lau­fender Kamera laut­hals gelacht, als ich gehört hatte, dass Bayern gegen Mainz ver­loren hat. Es war zwar die Freude über den Mainzer Erfolg, aber das Video sieht nach reiner Scha­den­freude aus, und das ist nicht gera­de­zu­rü­cken.

Cam­pino, was wün­schen Sie sich vom Trainer des FC Liver­pool?
Cam­pino
: Na, was wohl? Ich wün­sche jedem Trainer vom FC Liver­pool den größt­mög­li­chen Erfolg. Es würde mich aber auch freuen, wenn Jürgen das Leben und die Men­schen hier für sich als eine Berei­che­rung sieht und er die Zeit auch genießen kann. Ich bin aber jetzt schon beein­druckt, mit wel­cher Lei­den­schaft er und sein Team diese Auf­gabe angehen und hier ein­tau­chen.
Klopp: Nach einem halben Jahr kann ich sagen, dass es wirk­lich cool wäre, wenn wir hier etwas länger machen könnten. Der Verein hat ein paar Pro­bleme, die nicht unlösbar sind, denn es gibt eine ganz tolle Basis. Für mich ist relativ klar: Wenn wir das Inter­view in fünf Jahren noch mal machen können, haben wir unter­wegs was gewonnen.
Cam­pino: Und hof­fent­lich bist du bis dahin hier auch mal mit mir in eine Kneipe gegangen.