1. Die Spiel­freude wird größer sein als erwartet
Neven Subotic hat in den letzten Tagen beklagt, dass bei den Dis­kus­sion über die Wie­der­auf­nahme der Bun­des­liga die Spieler nicht mit am Tisch gesessen hätten. Er sagt aber auch: Wir Fuß­ball­spieler sind wie Katzen. Wenn wir den Ball rollen sehen, wollen wir ihn haben.“ Man ver­gisst das manchmal, aber die aller­meisten Fuß­ball­profis üben ihren Job gerne aus. Sie lieben Fuß­ball und es hat sie des­halb glück­lich gemacht, als sie in der letzten Woche auf den Trai­nings­platz end­lich wieder richtig kicken durften. Es gibt sicher­lich den einen oder anderen Spieler, der sich Sorgen macht, krank zu werden. Ver­mut­lich wird es am Wochen­ende auch einige Profis abtörnen, die Regu­lie­rungs­orgie über sich ergehen zu lassen, die mit den Corona-Kicks ein­her­geht. Aber wenn das Spiel erst einmal ange­pfiffen ist, werden die Katzen mehr Spaß haben als man erwarten würde.

2. Die Spiele werden nicht gut sein
66 Tage werden am Samstag ver­gangen seit, seit in Deutsch­land zum letzten Mal ein Bun­des­li­ga­spiel aus­ge­tragen wurde. Das ent­spricht einer Som­mer­pause, in der die Spieler aber nicht in den Urlaub gefahren sind. Sie haben sich zunächst daheim und anschlie­ßend in kon­ti­nu­ier­lich größer wer­denden Klein­gruppen fit gehalten, im Mann­schafts­trai­ning sind sie aber erst seit zehn Tagen. Die größte Nähe­rung an ein echtes Wett­spiel in den letzten acht Wochen hatten etwa Borussia Dort­mund und Schalke 04 vor dem Derby am Samstag in team­in­ternen Tests, und das gilt auch für alle anderen Teams. Dass die Mann­schaften im Nebel“ über ihren Zustand sind, hat Schalkes Trainer David Wagner dieser Tage gesagt, und ähn­lich unklar werden die Spiele aus­sehen. Fuß­ball­mann­schaften agieren heut­zu­tage durch­cho­reo­gra­fiert, doch davon werden wir in den ersten Par­tien wenig sehen. Oft werden Stürmer häu­figer im fal­schen Moment starten, Mit­tel­feld­spieler das rich­tige Abspiel ver­passen und Ver­tei­diger den Gegner falsch anlaufen. Die Bun­des­li­ga­spiele werden zu Test­kicks, bei denen drei Punkte ver­geben werden.

3. Fuß­ball ohne Zuschauer hilft Teams, die keine Hilfe von Außen brau­chen
Ein Stan­dard­witz zu den Geis­ter­spielen ist, dass sie Klubs wie Wolfs­burg oder Hof­fen­heim bevor­teilen, weil sie immer schon eine geis­ter­hafte Atmo­sphäre im Sta­dion hatten. Dem­entspre­chend müssten Klubs wie Borussia Dort­mund oder Union Berlin beson­ders benach­tei­ligt sein, weil die Zuschauer in ihren Sta­dien einen ganz schönen Druck ent­wi­ckeln können. Doch das stimmt nicht. Es werden in den nächsten Wochen eher die Mann­schaften im Vor­teil sein, die Kraft aus sich selbst schöpfen können. Und es spricht einiges dafür, dass das die Spit­zen­teams sind. Einige Wochen vor Beginn der Corona-Krise gab es einen Mini-Eklat als Jerome Boateng und Leon Goretzka im Trai­ning anein­ander gerieten. Die Ursache dafür war, dass sie ein banales Trai­nings­spiel unbe­dingt gewinnen wollten. Es muss eine Wett­be­werbs­si­tua­tion im Trai­ning geschaffen werden, wenn man im Mai einen Pokal oder die Schale hoch­halten will. Wenn man auf den Platz geht, ist das Gewinnen Prio­rität Nummer Eins“, sagte Mats Hum­mels neu­lich in einem Inter­view mit 11FREUNDE. Dieser oft schon fana­ti­sche Sie­ges­wille, egal wie die Umstände sind, ob beim Trai­nings­kick oder halt beim Geis­ter­spiel, ist nun ent­schei­dend. Spieler und Mann­schaften, die Anstöße von Außen brau­chen, ob durch die beson­dere Bedeu­tung eines Spiels oder durchs Publikum, werden es schwerer haben.

4. Die Ver­let­zungs­ge­fahr ist riesig
Es ist ja nicht so, dass die Spieler aus acht Wochen Pause kommen und salopp gesagt aus den Flip-Flops in die Fuß­ball­schuhe steigen“, hat Markus Krö­sche, Sport­di­rektor bei RB Leipzig, in dieser Woche gesagt. Ich glaube, dass jeder Fuß­baller bei jedem Verein eine ver­nünf­tige Grund­fit­ness hat.“ Ver­mut­lich ist die Grund­fit­ness sogar sehr gut und den meisten Spie­lern hat die Pause gut getan. Den­noch droht eine Ver­let­zungs­welle. Die Mehr­zahl der Spieler sorgt sich daher auch weniger weniger vor einer Infek­tion mit Covid-19 als vor schweren Sport­ver­let­zungen. Was näm­lich auf Mann­schaften ins­ge­samt zutrifft, gilt in beson­derem Maße auch für die ein­zelnen Spieler. Nach zehn Tagen Mann­schafts­trai­ning fehlt das genaue Timing für Zwei­kämpfe, der Körper ist noch nicht wieder auf die vielen fuß­ball­ty­pi­schen Bewe­gungen ein­ge­stellt, auf all die abrupten Stopps und Dre­hungen, die kein Ein­zel­trai­ning simu­lieren kann. Des­halb drohen Ver­let­zungen durch unge­wollte Fouls und Mus­kel­ver­let­zungen, die sonst ver­mieden würden. Es wird weniger bei den Infek­tionen mit der Gesund­heit der Spieler gezockt als durch den Kalt­start in die Höchst­leis­tung.

5. Mainz und Hof­fen­heim pro­fi­tieren von den fünf Aus­wechs­lungen
1967 durfte erst­mals in der Bun­des­liga ein Spieler aus­ge­wech­selt werden, ein Jahr später zwei und seit 1994 ein dritter. Als stilles Ein­ge­ständnis, dass die Belas­tung der Profis im Moment zu hoch ist, werden ab diesem Wochen­ende ins­ge­samt fünf Aus­wech­se­lungen mög­lich sein. Doch für wen ist das von Vor­teil? Einer­seits sicher­lich für die Spit­zen­teams, die noch einen wei­teren Star oder hoch­ta­len­tierten Nach­wuchs­spieler ein­wech­seln können. Das eng­li­sche Unter­nehmen 21st Club“, das Fuß­ball­ver­eine berät, kam aber noch zu einem anderen Schluss. Es stellte die These auf, dass Teams mit einem beson­ders gleich­mäßig besetzten Kader pro­fi­tieren würden, wenn das Leis­tungs­ver­mögen des fünften Ein­wech­sel­spie­lers nicht weit unter dem des Stamm­spie­lers liegt. Da 21st Club“ auch indi­vi­du­elle Bewer­tungen von Spie­lern vor­nimmt, iden­ti­fi­zierten sie die Top Five der fünf großen euro­päi­schen Ligen. Vorne lag Girondins Bor­deaux, aber dahinter schon zwei Bun­des­li­gisten: die TSG Hof­fen­heim und Mainz 05. Sie könnten also die großen Gewinner der beiden zusätz­li­chen Wechsel werden.

6. Und noch ein Gewinner: der Video­be­weis
Viele Fans hatten gehofft, dass bei Geis­ter­spielen wenigs­tens der Kölner Keller geschlossen und auf den VAR ver­zichtet werden würde. Aber längst sind dort Ple­xi­glas­wände zwi­schen den Arbeits­plätzen gezogen und die kali­brierte Linie wird nun mit Mund­schutz gezogen. Aller­dings wird er ver­mut­lich deut­li­cher weniger nerven, weil er sowieso eher zum Fern­seh­fuß­ball als zum Sta­di­on­er­lebnis passt. So wird es im Geis­ter­fuß­ball kein Publikum geben, das auf den Rängen jubelnd über­ein­ander stürzt, um dann fest­zu­stellen, dass es sich zu früh gefreut hat. Es werden auch keine Fans unge­duldig pfeifen, weil sie nicht wissen, was los ist. Vor dem Fern­seher ist das halb so nervig. Inso­fern ist der VAR als Gewinner sogar ein schönes Symbol für ein seiner Emo­tion weit­ge­hend beraubtes Spiel.