Seite 2: „Sind wir jetzt weiter– oder nicht”

Was bedeu­tete das denn kon­kret, wenn Sie die Dinge unter sich regelten?
Reck:
Dass wir uns an den Kopf knallten, wenn einer nicht mit­half. Dass wir uns sagten: Wenn ich mar­schiere, musst du hinten abde­cken. Dass ich mit Hin­weisen an meine Vor­der­leute ver­suchte, den Abwehr­ver­bund zu stärken. Worte, die dem anderen signa­li­sierten: Ohne deine Hilfe packen wir das hier nicht!“
Schaaf: Sie müssen sich vor­stellen, dass wir damals als Mann­schaft über Jahre zusam­men­wuchsen. Wir waren auch nach dem Trai­ning gemeinsam unter­wegs. Fast alle hatten privat ein freund­schaft­li­ches Ver­hältnis zuein­ander – bis heute.
Votava: Wie oft waren wir im Il Giar­dino“ in Sebalds­brück? Wenn ich vorab einen Tisch für sechs Per­sonen bestellte, fielen wir da oft mit 15 Leuten ein. War kein Pro­blem.

Und was bespra­chen die Werder-Kum­pels nun in der Halb­zeit gegen Spartak?
Schaaf: In dieser Pause hatten wir das Pro­blem, dass dichter Nebel auf­ge­zogen war und die Gefahr bestand, dass das Spiel abge­bro­chen wird.
Reck: Die Regel besagt, man müsse von der Mit­tel­linie beide Tore erkennen können. Heute kann ich sagen: In der zweiten Hälfte war das nicht immer der Fall!

Spra­chen Sie mit dem Schieds­richter dar­über?
Reck: Nein, für admi­nis­tra­tive Fragen hatten wir Willi Lemke. Der wird da sicher Strippen gezogen haben.
Schaaf: Wir spielten unseren Stiefel runter. Als Manni in der Ver­län­ge­rung das 6:1 gelang, lief Otto über den halben Platz, um mit uns zu jubeln. Aber im direkten Gegenzug erzielte Spartak das 6:2 und er trot­tete mit gesenktem Kopf über die Aschen­bahn zurück zur Bank, weil er den Über­blick ver­loren hatte und nicht mehr wusste, ob das Ergebnis nun noch zum Wei­ter­kommen reicht.
Reck: Er fragte jeden, der ihm in den Weg lief: Sind wir jetzt weiter – oder nicht?“

Ahnt man als Spieler, dass man gerade Prot­ago­nist in einem fuß­ball­his­to­ri­schen Ereignis ist?
Schaaf: Jeden­falls war es auch für uns unglaub­lich, was sich da inner­halb weniger Minuten abspielte.
Votava: Und was für Traum­tore wir erzielten: Manni ließ den Ball über den rechten Außen­rist tru­deln, drehte sich und schoss mit links ins lange Eck. So etwas bekommen heute nicht viele hin.
Schaaf: Spä­tes­tens nach dem Sieg gegen Dynamo Berlin im Jahr darauf wussten wir, dass über Spiele mit dieser Dra­matik noch lange gespro­chen wird. Schon bald wurde nach großen Par­tien von uns dis­ku­tiert: War das jetzt wieder ein Wunder“ oder nur ein sehr gutes Spiel?

Wann fiel das erste Mal der Begriff Wunder“ im Zusam­men­hang mit dem SV Werder?
Schaaf: Ich meine, dass nach dem Sieg gegen Spartak Moskau etwas Der­ar­tiges über einem Foto von Manni Burgsmüller in der Bild“ stand.

Was zeich­nete das dama­lige Werder-Team aus?
Reck: Dass wir alle­samt beson­dere Cha­rak­tere waren. Ich habe keinen in meiner aktiven Lauf­bahn erlebt, der höher springen konnte als Rune Bratseth, keinen, der tech­nisch beschla­gener war als Wynton Rufer, keinen, der bekloppter war als Mario Basler. Und ich könnte noch zehn wei­tere nennen, die auf ihre Weise ein­zig­artig waren.

Otto war der Bau­meister“

Votava: Otto Reh­hagel hatte eine ganze eigene Auf­fas­sung von Kader­pla­nung. Er wusste, wie er aus Spie­ler­typen das Opti­male raus­kit­zelt. Er holte Manni Burgsmüller, den viele längst zum alten Eisen zählten, und wusste genau, dass er der Mann für die ent­schei­denden Tore sein kann.
Reck: Oder später den 33-jäh­rigen Klaus Allofs, den keiner mehr wollte. Bei uns trug Klaus wesent­lich dazu bei, dass wir in drei auf­ein­an­der­fol­genden Jahren den Pokal, den Euro­pa­pokal der Pokal­sieger und die Meis­ter­schaft holten. Ich kann mir nicht vor­stellen, dass so etwas woan­ders mög­lich gewesen wäre.
Schaaf: Otto war der Bau­meister. Er hatte die Gabe zu erkennen, welche Fer­tig­keiten ein Spieler mit­bringt und aus diesen Typen ein Team zu formen, in dem jeder Ein­zelne die Tole­ranz auf­brachte, die Schwä­chen des anderen zu akzep­tieren, weil er wusste, dass er von dessen Stärken pro­fi­tiert. Ich kann Ihnen sagen: Wir hatten etliche in der Mann­schaft, die teil­weise sogar meh­rere Macken hatten. Aber es wurde akzep­tiert, weil alle kapierten: So wie der ist, bringt er uns weiter!

Von wem reden Sie? Borowka? Burgsmüller? Basler?
Votava: Wir waren irgendwie alle durch­ge­knallt. Auf dem Rasen zeigte selbst ein umgäng­li­cher Typ wie ich ein anderes Gesicht.

Werder 23 07 2020 11 Freunde Werder Bremen 4621 WEB

Mirko Votava

Patrick Runte

Was machte Mirko Votava für dieses Team aus?
Reck: Er war der ver­läss­lichste Spieler, den man sich vor­stellen kann. Mirko war kein Weg zu weit, sein Ein­satz­willen, sein Zwei­kampf­ver­halten, die Men­ta­lität, unglaub­lich! Bei ihm wusste man genau, was man bekommt. Otto hat ihm ledig­lich ver­boten, aus der zweiten Reihe zu schießen.

Mirko Votava, Sie waren Kapitän der Mann­schaft. Wie müssen wir uns Ihr Ver­hältnis zu Reh­hagel vor­stellen?
Votava: Ich hatte ihn 1976 beim BVB ken­nen­ge­lernt. Anfangs ließ er mich nicht spielen, wir hatten einige Kon­flikte, einmal hat er mich sogar aus dem Mann­schaftsbus geworfen. Aber er wusste, wie er mich behan­deln muss, damit ich eine Reak­tion zeige. Als er in Bremen die Mann­schaft zusam­men­baute, holte er mich von Atle­tico Madrid. Später habe ich sogar für ihn als Scout in Grie­chen­land gear­beitet.
Reck: Wenn Mirko kein enges Ver­hältnis zum Trainer gehabt hätte, wäre er doch nie auf­ge­laufen. (Alle lachen.) Otto hat immer gesagt: Mirko, spielen Sie nach außen, bloß nicht schießen.“
Votava: Das war die kon­trol­lierte Offen­sive, die uns in diesen Jahren so erfolg­reich machte.
Schaaf: Werder-Tugenden, das schnelle Spiel über die Flügel, die Stürmer am ersten und am zweiten Pfosten.

Ein Jahr nach dem Wunder“ gegen Spartak Moskau unterlag Werder im Lan­des­meis­tercup bei Dynamo Berlin mit 0:3. Erneut eine ver­meint­lich aus­sichts­lose Lage vor dem Rück­spiel.
Votava: Wieder blieb uns nur die Flucht nach vorn.
Schaaf: Wir wussten, dass vieles zusam­men­passen muss, um es noch einmal so wie im Vor­jahr zu drehen.

Die Bilder vom jubelnden Thomas Doll brannten sich bei uns ein“

Nach dem Hin­spiel in Ost-Berlin sagte Manni Burgsmüller, Sie seien in der DDR wie der letzte Dreck“ behan­delt worden.
Schaaf: Sehe ich anders. Wir wohnten im Grand Hotel in der Fried­rich­straße, dem besten Haus am Platze. Das ein­zige Pro­blem war, dass wir ständig abge­hört wurden.
Reck: Beim Abend­essen in Berlin wurde laut­hals ver­kündet: Jungs, passt auf, was ihr sagt, wir werden abge­hört – auch in der Spie­ler­sit­zung.“
Votava: Jeder Schritt wurde über­wacht. Als wir unseren gewohnten Spa­zier­gang vor dem Spiel machten, liefen die Stasi-Leute hinter uns her. Für jeden von uns deut­lich erkennbar.
Schaaf: Das Match war schon ziem­lich auf­ge­laden. Von wegen Klas­sen­kampf, Ost gegen West.
Votava: Erich Mielke und Willy Brandt saßen auf der Tri­büne. Nach dem Schluss­pfiff liefen wir auch nicht schnur­stracks in die Kabine, son­dern wir haben uns den Schla­massel noch eine Zeit lang ange­schaut. Ich weiß noch, wie die geg­ne­ri­schen Spieler auf die Zäune klet­terten und mit den Fans fei­erten. Das hat sehr weh­getan. Solche Sachen bleiben einem Profi im Kopf – und dafür will man sich revan­chieren.
Schaaf: Ich werde nie ver­gessen, wie Dolli“ (BFC-Stürmer Thomas Doll, d. Red.) nach dem Abpfiff jubelnd über die Aschen­bahn rannte. Die Bilder brannten sich bei uns ein, so dass wir vorm Rück­spiel regel­recht mit den Hufen scharrten.
Votava: Wir konnten so etwas nie auf uns sit­zen­lassen. Im Vier­tel­fi­nale spielten wir bei Hellas Verona. Da kam Thomas Bert­hold auf mich zu, gab mir die Hand und trat mir par­allel vors Schien­bein. Furchtbar arro­gant. Das hat so genervt, dass wir es denen heim­zahlen wollten.
Schaaf: Vorm Rück­spiel gegen Dynamo standen wir unter der West­kurve vor unserer Umkleide, als Manni plötz­lich mit den Füßen gegen die Tür der Ber­liner trat: Kommt raus, ihr Feig­linge, heute seid ihr dran!“ Und so war die Stim­mung ab der ersten Minute auch auf dem Rasen. Damit hatten sie nicht gerechnet.

Werder-Manager Willi Lemke hatte die DDR-Spieler am Nach­mittag vor dem Match zum Shop­ping mit Werder-Rabatt“ in die Bremer Innen­stadt ein­ge­laden.
Reck: Wir wussten, dass Willi da irgendwas plante, aber uns hat das nicht inter­es­siert. Wir haben uns ganz normal aufs Spiel vor­be­reitet.

Thomas Doll sagte später, sein Team habe sich mehr Gedanken über die neuen Elek­tro­ge­räte gemacht als über den Anpfiff um zwanzig Uhr.
Schaaf: Hätte ich an Dollis Stelle nach dem Match auch gesagt. Die waren viel­leicht ein­kaufen, aber sie waren auch überpünkt­lich zurück. Dass wir sie so über­rannten, lag auch daran, dass uns das Hin­spiel ver­letzt hatte.