Spiele unseres Lebens

QUADRAT 1 1 für Hochformate 30

Dieses Inter­view erschien erst­mals in unserem Spe­zial Spiele unseres Lebens“. Die gesamte Aus­gabe ist wei­terhin hier im Shop erhält­lich.

Oliver Reck, Thomas Schaaf, Mirko Votava, glauben Sie an Wunder?
Mirko Votava: Warum nicht? Schließ­lich geschehen in jedem gesell­schaft­li­chen Bereich hin und wieder Dinge, die wir uns nicht vor­stellen können.
Thomas Schaaf: Wenn Sie Wunder so defi­nieren, dass Dinge pas­sieren, die unmög­lich vor­aus­zu­sehen sind, gibt es im Fuß­ball defi­nitiv welche.
Oliver Reck: Als Fuß­baller neigen wir heute dazu, alles berechnen zu wollen. Wir meinen, alles über den Gegner zu wissen. Und den­noch gibt es Aktionen und Zufälle in Spielen, die sich nicht berechnen lassen. Und dann wird es wun­dersam.

Heißt das im Umkehr­schluss, dass durch die minu­tiöse Daten­er­fas­sung im Fuß­ball die Zahl der Wunder abnimmt?
Reck: Ich denke schon. In den späten Acht­zi­gern gab es nicht einmal vor Bun­des­li­ga­par­tien eine Video­vor­be­rei­tung. Wenn wir im Euro­pacup antraten, kannten wir Gegen­spieler manchmal nur von Fotos.
Schaaf: Über Mann­schaften aus dem Ost­block wussten wir prak­tisch nichts und mussten die Fragen, die sich uns bei einem Gegner stellten, spontan auf dem Platz beant­worten.
Votava: Wir gingen mit nicht viel mehr als dem Glauben an unsere eigene Stärke auf den Rasen und dachten nicht dar­über nach, wel­cher Gegen­spieler oder welche tak­ti­sche Vari­ante uns Pro­bleme bereiten könnte. Bei den Wun­dern von der Weser“ wussten wir nur: Wir müssen Tore machen, wenn wir noch wei­ter­kommen wollen.

Die soge­nannten Wunder von der Weser“ zwi­schen 1987 und 1993 ereig­neten sich alle­samt vor spär­lich besetzten Rängen an kalten, oft reg­ne­ri­schen Herbst­tagen. Brauchte der SV Werder wid­rige Umstände, um zu Höchst­form auf­zu­laufen?
Votava: Damals war Fuß­ball noch kein Fami­li­en­ver­gnügen. Es kamen fast achtzig Pro­zent Männer ins Sta­dion. Reck: Und wenn die keine Hoff­nung mehr hatten, blieben sie an kalten Mitt­woch­abenden auch mal zu Hause. Aller­dings war zu der Zeit das Weser­sta­dion ohnehin nur aus­ver­kauft, wenn wir gegen den FC Bayern oder den HSV spielten, sonst kamen nie mehr als 15 000 Zuschauer.

Die Kulisse war für die Wunder“ also nicht ent­schei­dend.
Schaaf: Nun ja, es waren Abend­spiele! Und wenn im Weser­sta­dion das Licht anging, eröff­nete sich hier eine andere Welt. Und dann machten die 16 000 gegen Moskau Krach, als wäre das Sta­dion prop­pen­voll.

Das Hin­spiel in Moskau im Herbst 1987 war in die Hose gegangen.
Schaaf: Das Match kam erst im zweiten Anlauf zustande. Wir hatten uns schon einige Tage zuvor nach Moskau auf­ge­macht, bekamen aber wegen starken Nebels keine Lan­de­er­laubnis und lan­deten in Wilna zwi­schen. Dort schliefen wir in einem Zoll­haus auf unseren Taschen und aßen das biss­chen Pro­viant, das wir dabei hatten. Im Mor­gen­grauen bestiegen wir einen Bus, der noch zwei Stunden auf der Lan­de­bahn rum­stand, und flogen zurück nach Bremen.

Stimmt es, dass Sie im Wil­naer Zoll­haus Fünf gegen Zwei gespielt haben, um im Falle des Wei­ter­flugs auf­ge­wärmt zu sein.
Schaaf: Das ist Legende. Aber damals sahen die Regu­la­rien der UEFA vor, dass wir los­fliegen müssen, auch wenn die Vor­aus­set­zungen widrig sind, sonst wären wir dis­qua­li­fi­ziert worden.

Sie machten sich eine Woche später erneut auf den Weg und kamen in Moskau mit 1:4 unter die Räder.
Reck: Wir spielten auf gefro­renem Boden und hatten keine Chance.
Schaaf: Die haben uns regel­recht kaputt­ge­rannt.
Reck: Und sie haben trotz des Eis­bo­dens wun­derbar har­mo­niert und den Ball lau­fen­lassen. Zum Glück wech­selte Otto (Reh­hagel, d. Red.) nach der Halb­zeit Manni (Burgsmüller) ein, dem noch ein Tor gelang. So hatten wir fürs Rück­spiel zumin­dest noch ansatz­weise Hoff­nung.

Wenn Eng­länder von der Insel mussten, waren sie nur halb so gut“

Otto Reh­hagel soll nach dem Hin­spiel sehr sauer gewesen sein.
Reck: Das lag daran, dass wir anschlie­ßend in der Hotelbar saßen und ver­suchten, uns die Nie­der­lage mit ein paar Spon­so­ren­ver­tre­tern schön zu reden.

Thomas Schaaf, Sie schmun­zeln…
Votava: Thomas, gib es doch zu, du warst mit dem Spiel eigent­lich ganz zufrieden. (Lacht.)
Schaaf: Es war eine sur­reale Situa­tion. Wir waren binnen weniger Tage zwei Mal dahin gereist und dem Gegner neunzig Minuten lang nur hin­ter­her­ge­rannt. Da war gar nichts, was einem noch Hoff­nung machte. Doch allen war bewusst: Diese Bla­mage können wir auf keinen Fall so stehen lassen.

Das bedeu­tete fürs Rück­spiel …?
Votava: … volle Kon­zen­tra­tion auf unsere Spiel­weise der kon­trol­lierten Offen­sive. Denken Sie nicht, dass da nur eitel Son­nen­schein war. Im internen Kreis haben wir uns ordent­lich gezofft. Aber das war wichtig, um wieder Zug in die Sache zu kriegen. Otto wusste, dass wir uns selbst am meisten ärgerten und die Sache aus­bü­geln wollten. Nicht zuletzt, weil wir noch nicht so viel ver­dienten und eine wei­tere Runde im Euro­pacup bedeu­tete, dass wir etwas mehr ins Porte­mon­naie bekamen.

Was war Ihr Plan vorm Rück­spiel?
Schaaf: Mit den Sowjets war es ähn­lich wie mit den Eng­län­dern. Über die es hieß: Wenn die von ihrer Insel run­ter­kommen, sind sie nur halb so gut! Spartak war gedrillt, die hatten ihre Vor­gaben, also mussten wir zusehen, ihnen über kör­per­liche Aggres­si­vität den Schneid abzu­kaufen und sie nicht ins Spiel kommen zu lassen. Wir wussten, dass sie sich schwer­taten, auf unvor­her­ge­se­hene Tak­tik­va­ri­anten zu reagieren. Also wurde im Rück­spiel von Beginn an zurück­ge­fightet.

Werder 23 07 2020 11 Freunde Werder Bremen 4610 WEB

Oliver Reck

Patrick Runte

Bei Anpfiff waren es fünf Grad im Weser­sta­dion. Spürten Sie, dass etwas in der Luft lag?
Reck: Otto sagte uns, dass es vor Anpfiff eine Ehrung geben würde: Keeper Rinat Das­sejew wurde als bester Tor­hüter Europas aus­ge­zeichnet. Als wir das hörten, haben wir gewit­zelt: Hoffen wir mal, dass es kein schlechtes Omen für ihn ist und er nach dem Spiel noch eine weiße Weste hat.“ Ich glaube, Das­s­ajew hat in seiner gesamten Kar­riere nie mehr sechs Stück in einem Spiel gekriegt.

Werder star­tete mit zwei Toren von Frank Neu­barth ful­mi­nant, zur Halb­zeit lagen Sie mit 3:0 vorn und waren auf dem Papier weiter. Erin­nern Sie sich noch an die Ansprache von Otto Reh­hagel? Er soll ja mit­unter zu über­langen Aus­füh­rungen geneigt haben.
Reck: Es gab Halb­zeit­an­spra­chen, in denen Otto bis zum Wie­der­an­pfiff durch­quatschte, und auch welche, in denen er zwei Sätze sagte und uns in Ruhe ließ. Ich denke, er wird an diesem Tag nicht viel gesagt haben. Er wusste, dass wir die Dinge auch unter uns klärten.

Was bedeu­tete das denn kon­kret, wenn Sie die Dinge unter sich regelten?
Reck:
Dass wir uns an den Kopf knallten, wenn einer nicht mit­half. Dass wir uns sagten: Wenn ich mar­schiere, musst du hinten abde­cken. Dass ich mit Hin­weisen an meine Vor­der­leute ver­suchte, den Abwehr­ver­bund zu stärken. Worte, die dem anderen signa­li­sierten: Ohne deine Hilfe packen wir das hier nicht!“
Schaaf: Sie müssen sich vor­stellen, dass wir damals als Mann­schaft über Jahre zusam­men­wuchsen. Wir waren auch nach dem Trai­ning gemeinsam unter­wegs. Fast alle hatten privat ein freund­schaft­li­ches Ver­hältnis zuein­ander – bis heute.
Votava: Wie oft waren wir im Il Giar­dino“ in Sebalds­brück? Wenn ich vorab einen Tisch für sechs Per­sonen bestellte, fielen wir da oft mit 15 Leuten ein. War kein Pro­blem.

Und was bespra­chen die Werder-Kum­pels nun in der Halb­zeit gegen Spartak?
Schaaf: In dieser Pause hatten wir das Pro­blem, dass dichter Nebel auf­ge­zogen war und die Gefahr bestand, dass das Spiel abge­bro­chen wird.
Reck: Die Regel besagt, man müsse von der Mit­tel­linie beide Tore erkennen können. Heute kann ich sagen: In der zweiten Hälfte war das nicht immer der Fall!

Spra­chen Sie mit dem Schieds­richter dar­über?
Reck: Nein, für admi­nis­tra­tive Fragen hatten wir Willi Lemke. Der wird da sicher Strippen gezogen haben.
Schaaf: Wir spielten unseren Stiefel runter. Als Manni in der Ver­län­ge­rung das 6:1 gelang, lief Otto über den halben Platz, um mit uns zu jubeln. Aber im direkten Gegenzug erzielte Spartak das 6:2 und er trot­tete mit gesenktem Kopf über die Aschen­bahn zurück zur Bank, weil er den Über­blick ver­loren hatte und nicht mehr wusste, ob das Ergebnis nun noch zum Wei­ter­kommen reicht.
Reck: Er fragte jeden, der ihm in den Weg lief: Sind wir jetzt weiter – oder nicht?“

Ahnt man als Spieler, dass man gerade Prot­ago­nist in einem fuß­ball­his­to­ri­schen Ereignis ist?
Schaaf: Jeden­falls war es auch für uns unglaub­lich, was sich da inner­halb weniger Minuten abspielte.
Votava: Und was für Traum­tore wir erzielten: Manni ließ den Ball über den rechten Außen­rist tru­deln, drehte sich und schoss mit links ins lange Eck. So etwas bekommen heute nicht viele hin.
Schaaf: Spä­tes­tens nach dem Sieg gegen Dynamo Berlin im Jahr darauf wussten wir, dass über Spiele mit dieser Dra­matik noch lange gespro­chen wird. Schon bald wurde nach großen Par­tien von uns dis­ku­tiert: War das jetzt wieder ein Wunder“ oder nur ein sehr gutes Spiel?

Wann fiel das erste Mal der Begriff Wunder“ im Zusam­men­hang mit dem SV Werder?
Schaaf: Ich meine, dass nach dem Sieg gegen Spartak Moskau etwas Der­ar­tiges über einem Foto von Manni Burgsmüller in der Bild“ stand.

Was zeich­nete das dama­lige Werder-Team aus?
Reck: Dass wir alle­samt beson­dere Cha­rak­tere waren. Ich habe keinen in meiner aktiven Lauf­bahn erlebt, der höher springen konnte als Rune Bratseth, keinen, der tech­nisch beschla­gener war als Wynton Rufer, keinen, der bekloppter war als Mario Basler. Und ich könnte noch zehn wei­tere nennen, die auf ihre Weise ein­zig­artig waren.

Otto war der Bau­meister“

Votava: Otto Reh­hagel hatte eine ganze eigene Auf­fas­sung von Kader­pla­nung. Er wusste, wie er aus Spie­ler­typen das Opti­male raus­kit­zelt. Er holte Manni Burgsmüller, den viele längst zum alten Eisen zählten, und wusste genau, dass er der Mann für die ent­schei­denden Tore sein kann.
Reck: Oder später den 33-jäh­rigen Klaus Allofs, den keiner mehr wollte. Bei uns trug Klaus wesent­lich dazu bei, dass wir in drei auf­ein­an­der­fol­genden Jahren den Pokal, den Euro­pa­pokal der Pokal­sieger und die Meis­ter­schaft holten. Ich kann mir nicht vor­stellen, dass so etwas woan­ders mög­lich gewesen wäre.
Schaaf: Otto war der Bau­meister. Er hatte die Gabe zu erkennen, welche Fer­tig­keiten ein Spieler mit­bringt und aus diesen Typen ein Team zu formen, in dem jeder Ein­zelne die Tole­ranz auf­brachte, die Schwä­chen des anderen zu akzep­tieren, weil er wusste, dass er von dessen Stärken pro­fi­tiert. Ich kann Ihnen sagen: Wir hatten etliche in der Mann­schaft, die teil­weise sogar meh­rere Macken hatten. Aber es wurde akzep­tiert, weil alle kapierten: So wie der ist, bringt er uns weiter!

Von wem reden Sie? Borowka? Burgsmüller? Basler?
Votava: Wir waren irgendwie alle durch­ge­knallt. Auf dem Rasen zeigte selbst ein umgäng­li­cher Typ wie ich ein anderes Gesicht.

Werder 23 07 2020 11 Freunde Werder Bremen 4621 WEB

Mirko Votava

Patrick Runte

Was machte Mirko Votava für dieses Team aus?
Reck: Er war der ver­läss­lichste Spieler, den man sich vor­stellen kann. Mirko war kein Weg zu weit, sein Ein­satz­willen, sein Zwei­kampf­ver­halten, die Men­ta­lität, unglaub­lich! Bei ihm wusste man genau, was man bekommt. Otto hat ihm ledig­lich ver­boten, aus der zweiten Reihe zu schießen.

Mirko Votava, Sie waren Kapitän der Mann­schaft. Wie müssen wir uns Ihr Ver­hältnis zu Reh­hagel vor­stellen?
Votava: Ich hatte ihn 1976 beim BVB ken­nen­ge­lernt. Anfangs ließ er mich nicht spielen, wir hatten einige Kon­flikte, einmal hat er mich sogar aus dem Mann­schaftsbus geworfen. Aber er wusste, wie er mich behan­deln muss, damit ich eine Reak­tion zeige. Als er in Bremen die Mann­schaft zusam­men­baute, holte er mich von Atle­tico Madrid. Später habe ich sogar für ihn als Scout in Grie­chen­land gear­beitet.
Reck: Wenn Mirko kein enges Ver­hältnis zum Trainer gehabt hätte, wäre er doch nie auf­ge­laufen. (Alle lachen.) Otto hat immer gesagt: Mirko, spielen Sie nach außen, bloß nicht schießen.“
Votava: Das war die kon­trol­lierte Offen­sive, die uns in diesen Jahren so erfolg­reich machte.
Schaaf: Werder-Tugenden, das schnelle Spiel über die Flügel, die Stürmer am ersten und am zweiten Pfosten.

Ein Jahr nach dem Wunder“ gegen Spartak Moskau unterlag Werder im Lan­des­meis­tercup bei Dynamo Berlin mit 0:3. Erneut eine ver­meint­lich aus­sichts­lose Lage vor dem Rück­spiel.
Votava: Wieder blieb uns nur die Flucht nach vorn.
Schaaf: Wir wussten, dass vieles zusam­men­passen muss, um es noch einmal so wie im Vor­jahr zu drehen.

Die Bilder vom jubelnden Thomas Doll brannten sich bei uns ein“

Nach dem Hin­spiel in Ost-Berlin sagte Manni Burgsmüller, Sie seien in der DDR wie der letzte Dreck“ behan­delt worden.
Schaaf: Sehe ich anders. Wir wohnten im Grand Hotel in der Fried­rich­straße, dem besten Haus am Platze. Das ein­zige Pro­blem war, dass wir ständig abge­hört wurden.
Reck: Beim Abend­essen in Berlin wurde laut­hals ver­kündet: Jungs, passt auf, was ihr sagt, wir werden abge­hört – auch in der Spie­ler­sit­zung.“
Votava: Jeder Schritt wurde über­wacht. Als wir unseren gewohnten Spa­zier­gang vor dem Spiel machten, liefen die Stasi-Leute hinter uns her. Für jeden von uns deut­lich erkennbar.
Schaaf: Das Match war schon ziem­lich auf­ge­laden. Von wegen Klas­sen­kampf, Ost gegen West.
Votava: Erich Mielke und Willy Brandt saßen auf der Tri­büne. Nach dem Schluss­pfiff liefen wir auch nicht schnur­stracks in die Kabine, son­dern wir haben uns den Schla­massel noch eine Zeit lang ange­schaut. Ich weiß noch, wie die geg­ne­ri­schen Spieler auf die Zäune klet­terten und mit den Fans fei­erten. Das hat sehr weh­getan. Solche Sachen bleiben einem Profi im Kopf – und dafür will man sich revan­chieren.
Schaaf: Ich werde nie ver­gessen, wie Dolli“ (BFC-Stürmer Thomas Doll, d. Red.) nach dem Abpfiff jubelnd über die Aschen­bahn rannte. Die Bilder brannten sich bei uns ein, so dass wir vorm Rück­spiel regel­recht mit den Hufen scharrten.
Votava: Wir konnten so etwas nie auf uns sit­zen­lassen. Im Vier­tel­fi­nale spielten wir bei Hellas Verona. Da kam Thomas Bert­hold auf mich zu, gab mir die Hand und trat mir par­allel vors Schien­bein. Furchtbar arro­gant. Das hat so genervt, dass wir es denen heim­zahlen wollten.
Schaaf: Vorm Rück­spiel gegen Dynamo standen wir unter der West­kurve vor unserer Umkleide, als Manni plötz­lich mit den Füßen gegen die Tür der Ber­liner trat: Kommt raus, ihr Feig­linge, heute seid ihr dran!“ Und so war die Stim­mung ab der ersten Minute auch auf dem Rasen. Damit hatten sie nicht gerechnet.

Werder-Manager Willi Lemke hatte die DDR-Spieler am Nach­mittag vor dem Match zum Shop­ping mit Werder-Rabatt“ in die Bremer Innen­stadt ein­ge­laden.
Reck: Wir wussten, dass Willi da irgendwas plante, aber uns hat das nicht inter­es­siert. Wir haben uns ganz normal aufs Spiel vor­be­reitet.

Thomas Doll sagte später, sein Team habe sich mehr Gedanken über die neuen Elek­tro­ge­räte gemacht als über den Anpfiff um zwanzig Uhr.
Schaaf: Hätte ich an Dollis Stelle nach dem Match auch gesagt. Die waren viel­leicht ein­kaufen, aber sie waren auch überpünkt­lich zurück. Dass wir sie so über­rannten, lag auch daran, dass uns das Hin­spiel ver­letzt hatte.

Sie schickten die Ber­liner mit 5:0 nach Hause.
Votava: Wir haben uns wie gewohnt auf unsere Stärken kon­zen­triert – und haben bis zum Schluss nicht mehr damit auf­ge­hört. (Lacht.)

War Manni Burgsmüller ein Typ für solche Momente?
Schaaf: Er war im wahrsten Sinne des Wortes ein Schlitzohr. Ich werde nie ver­gessen, als er, dieses Hemd, in der Schluss­phase gegen Moskau plötz­lich anfing, wild zu grät­schen. Wenn es sein musste, machte er Sachen, die nie­mand je von ihm erwartet hätte.

Das 5:0 gegen Dynamo erzielte in der Schluss­mi­nute der Abwehr­spieler Thomas Schaaf.
Reck: Ich sehe es noch vor meinem geis­tigen Auge: halb­rechte Seite, Voll­spann, richtig?
Schaaf: Jo!
Votava: Du warst immer bis zur letzten Sekunde voll da, Thomas!

Gab es andere Spieler, die gerade in Euro­pa­cup­par­tien über sich hin­aus­wuchsen?
Votava: Die Magie in diesen Par­tien machte das Team aus. Die Tat­sache, dass jeder genau wusste, was er zu tun hat und er für den anderen da sein muss.
Schaaf: Die Mischung machte es. Uli (Borowka, d. Red) hatte die Robust­heit, Manni die Schlitz­oh­rig­keit und Rune (Bratseth) die Technik.
Votava: Wenn einer nicht mit­ge­zogen hätte, es hätte nicht funk­tio­niert. Wie gesagt, Manni fing plötz­lich an zu grät­schen, das war völlig außer­halb der Norm. Wir haben uns jeden im Team zurecht­ge­bogen. Fragen Sie mal Mario Basler. Solange er seine Tore machte, wurde er geschont, aber wenn er mal keins machte, dann (Klatscht in die Hände.) bekam er eine Abrei­bung.

In magi­schen Par­tien sind es manchmal sym­bol­hafte Szenen, die das Pendel in die eine oder andere Rich­tung aus­schlagen lassen. Wel­cher Akteur gab bei Ihnen das Signal zur Attacke?
Schaaf: Mit der Grät­sche, die Uli oft ansetzte, würde er heute in jedem zweiten Match vom Platz gestellt. Aber damals wurde viel kör­per­li­cher gespielt und wir wussten: Wenn da gleich nach Anpfiff einer zu Fall kommt und der Schiri über eine Gelbe Karte nach­denkt, sind auch die Zuschauer wie eine Wand da. Und dann geht’s los!

Sie wussten also: Selbst in schwie­rigen Euro­pa­cup­spielen landet der Gegen­spieler von Uli Borowka nach drei Minuten auf der Aschen­bahn?
Reck: So radikal würde ich das nicht aus­drü­cken.

Es gab keiner mehr einen Pfif­fer­ling auf uns“

Son­dern?
Schaaf: Dass sein Gegen­spieler nach drei Minuten mit­be­kommen hatte, mit wem er es zu tun hat.
Reck: Der VAR hätte bei Par­tien mit Uli jeden­falls keine Pause machen können. Der hätte 93 Minuten lang für Voll­be­schäf­ti­gung gesorgt.
Votava: Jeder Gegner im Weser­sta­dion wusste, dass er auf ein Team trifft, das aggressiv zur Sache geht. Aber ich finde nicht, dass es auf Kosten der Attrak­ti­vität ging. Wir haben nicht nur robust, son­dern auch schnell nach vorne gespielt. Wie hätten wir sonst in einem Spiel fünf, sechs Tore erzielen können?

Im Dezember 1993 lag der SV Werder im Cham­pions-League-Spiel gegen den RSC Ander­lecht zur Halb­zeit mit 0:3 zurück. Uli Borowka sagte: Wir sind noch nie so vor­ge­führt worden.“
Reck: Dabei hat es geschüttet wie aus Eimern, und ich hatte von Beginn an ein gutes Gefühl.
Schaaf: Zur Halb­zeit gingen schon etliche Zuschauer nach Hause, weil keiner mehr einen Pfif­fer­ling auf uns gab.
Votava: Aber ab der 60. Minute schien es, als sei kein Gegner mehr auf dem Platz. Wahn­sinn, was die uns plötz­lich an Raum ließen. In der ersten Hälfte hatten sie uns ein­ge­schnürt, und nun ließen sie uns machen, was wir wollten.

Kam mit den Erfah­rungen auch die Gewiss­heit, dass Sie vor Anpfiff dachten: Heute ist wieder ein guter Tag, um Geschichte zu schreiben?“
Reck: Wir gewannen über die Jahre die Über­zeu­gung, Spiele drehen zu können. Wir wussten irgend­wann, dass eine Partie erst ver­loren ist, wenn der Schiri abpfeift. Aller­dings muss ich zugeben, dass uns gegen Ander­lecht Marco Bode und Wynton Rufer mehr oder weniger im Allein­gang zurück ins Spiel brachten.
Schaaf: Die Qua­lität der Mann­schaft nahm von Jahr zu Jahr zu. Und damit der Hunger auf Erfolg. Ich habe in diesen Jahren nie­mals das Gefühl gehabt, dass wir als Team vor einer Situa­tion kapi­tu­lieren. Auch wenn es anfangs ein paar Jahre dau­erte, bis wir zu zähl­baren Erfolgen kamen.
Votava: Unser Selbst­ver­trauen wuchs nach sol­chen Wun­dern, und wir merkten den Respekt auch in der Liga. Bevor wir bei­spiels­weise den SSC Neapel im Dezember 1989 mit 5:1 im UEFA-Cup-Ach­tel­fi­nale besiegten, stand ich unter Beschuss einiger Fans und wurde oft aus­ge­pfiffen. Aber als wir Mara­dona aus­ge­schaltet hatten, war von jetzt auf gleich Ruhe. Diego kam genau im rich­tigen Moment.
Reck: Ein Geheimnis unseres Erfolges war auch die Locker­heit, mit der wir in Spiele gingen. Im Weser­sta­dion spielten wir vor Anpfiff drüben im Reha-Zen­trum oft noch Fuß­ball­tennis. Otto gab uns das Gefühl, dass wir ein Team sind, das es jedem Gegner schwer macht. Und dieses Gefühl, diese breite Brust, nahm stetig zu.

Werder 23 07 2020 11 Freunde Werder Bremen 4638 WEB

Thomas Schaaf

Patrick Runte

Nach wel­chem Wunder gab es die beste Party?
Reck: Nach dem 5:1 gegen Neapel war ich bis zum Mor­gen­grauen aus. Lag aber auch daran, dass ich Besuch von Freunden aus Frank­furt hatte.
Schaaf: Nach den Euro­pa­cup­spielen war ich nie vor drei Uhr im Bett. Auch weil ich vom Flut­licht so gepusht war.

Otto Reh­hagel soll nach diesen Par­tien meist gesagt haben: Meine Herren, schönes Spiel, aber denken Sie daran, Samstag ist wieder Bun­des­liga.“
Schaaf:
Natür­lich ging es viel­leicht auch mal etwas länger. Aber uns war auch bewusst: Am Samstag müssen wir wieder fit sein und auf dem Rasen stehen. Auch in der Hin­sicht hat jeder auf den anderen auf­ge­passt.

Wer ein Wunder erlebt, will es immer wieder“

Thomas Schaaf, inwie­weit hat die Bremer Wunder-Tra­di­tion Ihre Arbeit als Chef­coach beein­flusst? Haben Sie Ihre Spieler mit diesen Erleb­nissen kon­fron­tiert, etwa vor dem UEFA-Cup-Rück­spiel gegen Olym­pique Lyon 1999, das mit einem 4:0‑Sieg endete? Das Hin­spiel war mit 0:3 ver­lo­ren­ge­gangen.
Schaaf: Natür­lich half es mir, den Jungs zu sagen: Wenn ihr den Glauben daran habt, ist es auch mög­lich! Ein Trainer muss diese Vision ver­mit­teln, und wenn er dazu pas­sende Bilder hat, ist das ideal. Anders könnten Moti­va­ti­ons­trainer ihren Job gar nicht aus­üben.

Haben Sie in Anspra­chen kon­kret über die Wunder“ aus Ihrer aktiven Zeit geredet?
Schaaf: Klar. Warum soll es nicht mög­lich sein, im Rück­spiel gegen Lyon vier Tore zu schießen? Gegen Spartak Moskau und Dynamo Berlin haben wir noch mehr erzielt. Glaubt mir, ich war dabei!

Oliver Reck, Thomas Schaaf, Mirko Votava, welche Szene aus einem Wunder von der Weser“ geht Ihnen bis heute gele­gent­lich noch durch den Kopf?
Schaaf: Einen kon­kreten Moment kann ich nicht benennen, aber wenn wir uns mit der alten Mann­schaft treffen, stelle ich fest, dass alle froh sind, Teil dieser Ära gewesen zu sein.
Reck: Wir waren eine Ein­heit! Wenn neue Spieler zu uns kamen, wurden sie sofort inte­griert. Was brauchst du? Wo kann ich dir helfen? Hast du schon eine Woh­nung? Von diesem Zusam­men­halt zehren wir bis heute.
Votava: Ich denke, man muss bestimmte Momente erlebt haben, um zu wissen, was sie bedeuten. Wer einmal ein Pokal­fi­nale in Berlin gespielt hat, will immer wieder dahin. Der Gedanke ist Moti­va­tion genug. So ist es auch mit den Spielen, über die wir reden: Wer je dabei gewesen ist, will es immer wieder erleben, dieses Wunder von der Weser!