Das Selbst­ver­trauen des Nicklas Bendtner hat schon immer gewöhn­liche Dimen­sionen gesprengt. Aus seiner Zeit in London ist fol­gende Anek­dote über­lie­fert: Im Früh­jahr 2010 bekam Arsenal Besuch von einem Psych­iater, der unter anderem das Selbst­ver­trauen der Spieler ein­schätzen sollte. Auf einer Skala, bei der eigent­lich 9 der beste Wert war, erzielte Bendtner eine glatte 10. Woher der däni­sche Stürmer dieses Selbst­ver­trauen nimmt, ist Fans wie Experten ange­sichts seines nicht unbe­dingt gerad­li­nigen Kar­rie­re­ver­laufs ein Rätsel. Doch für Bendtner ist es nicht von Bedeu­tung, was andere von ihm denken. Ihn inter­es­siert nur, wie er sich selber fühlt.

Waren Sie schon immer so selbst­be­wusst? Wissen Sie noch, wie Sie als Kind Roll­schuh­fahren gelernt haben? Erst ging es gar nicht, man ist dau­ernd hin­ge­fallen, hat sich weh­getan und geflennt. Manche Kinder gaben ein­fach auf. Andere pro­bierten es eine Weile weiter, bis sie schließ­lich auch auf­steckten. Und dann gab es noch die­je­nigen, die es so lange ver­suchten, bis sie es konnten. Und zu denen gehörte ich. Ich gebe nie auf, bevor ich mein Ziel erreicht habe. Was ich mir vor­nehme, das schaffe ich am Ende auch.

Sind Sie ein guter Roll­schuh­fahrer? Sogar ein sehr guter. Wenn ich mir etwas in den Kopf setze, dann ziehe ich es durch. Ich werde nicht von Selbst­zwei­feln geplagt, ich bin ein glück­li­cher Mensch. Ich habe alles, was man sich wün­schen kann. Warum sollte ich also unglück­lich sein?

Zwei­feln Sie nie­mals an sich selbst? Jeder Mensch kennt Bereiche, in denen er unsi­cher ist, doch wenn es um etwas geht, was ich gut kann, habe ich kei­nerlei Zweifel. Warum sollte ich auch? Es gibt eine Menge Dinge, bei denen ich kei­nes­wegs so über­zeugt von mir bin, aber wenn es um Fuß­ball geht, kenne ich keine Selbst­zweifel. Wenn ich mit dem Ball am Fuß vor dem Tor auf­tauche, gehe ich davon aus, dass ich treffen werde. Und wenn ich nicht treffe, weiß ich, dass ich noch eine zweite Chance bekommen werde.

Im per­sön­li­chen Gespräch macht Nicklas Bendtner keinen arro­ganten Ein­druck. Er ist von sich selbst über­zeugt, das sicher­lich, doch er wirkt dabei nicht über­heb­lich. Bendtner wuchs auf der Insel Amager in Kopen­hagen auf und begann als Vier­jäh­riger beim Tarnby Bold­klub Fuß­ball zu spielen. Sein Talent für alle mög­li­chen Ball­sport­arten war offen­sicht­lich, wie auch sein ehe­ma­liger Lehrer Hans Chris­tian Jensen bestä­tigen kann: Ich erin­nere mich an ein Bas­ket­ball­spiel gegen die Mann­schaft einer anderen Schule, bei dem Nicklas machen konnte, was er wollte. Sein Team führte zur Halb­zeit mit 13:0. Dann wurde Nicklas aus­ge­wech­selt, und das Spiel ging 13:14 aus. Ver­rückt! Und auch im Hand­ball war er her­vor­ra­gend.“

Bendt­ners Ehr­geiz brachte schon mal Pro­bleme mit sich. Bis­weilen war er so ver­bissen, dass er anderen unab­sicht­lich wehtat. Sein Umgang mit anderen Kin­dern ließ ziem­lich zu wün­schen übrig“, erin­nert sich die Direk­torin seiner frü­heren Schule, Grethe Birch. Er war gedan­kenlos und plap­perte ein­fach drauflos. Dabei war er eher unbe­dacht als bös­artig und sagte Dinge, die andere Kinder ver­letzten. Man musste ihn schon an die Kan­dare nehmen.“ Diese Seite seiner Per­sön­lich­keit trat im Fuß­ball umso deut­li­cher zutage, je höher es für ihn hinaus- ging. 2006 war Bendtner als 16-Jäh­riger vom FC Kopen­hagen zu Arsenal gewech­selt, wo er so sehr über­zeugte, dass er zwei Jahre später für die U 21-EM in Por­tugal nomi­niert wurde.

In der Qua­li­fi­ka­tion war Morten Duncan“ Ras­mussen der unum­strit­tene Top­stürmer und erfolg­reichste Tor­schütze der Dänen gewesen. Weil er außerdem drei Jahre älter als Bendtner war, stand er in der Team­hier­ar­chie deut­lich über dem Frisch­ling, der gerade erst zur Mann­schaft gestoßen war. Das hin­derte Bendtner aber kei­nes­wegs daran, sich in aller Öffent­lich­keit über seine Aus­wechs­lung im ersten Tur­nier­spiel zu beklagen und laut­hals zu ver­künden, er wäre besser als Ras­mussen.

Kennen Sie gar keine Ner­vo­sität? Ich war noch nie nervös vor einem Spiel. Kann sein, dass das irgend­wann mal pas­sieren wird, doch bis jetzt ist es nicht vor­ge­kommen. Das würde auch nicht zu mir passen. Ich tue etwas, das ich liebe und schon immer tun wollte, warum sollte ich also nervös sein? Wenn man einen Fehler macht, macht man halt einen Fehler. Ich ver­suche es mal so zu erklären: Wenn ich gegen einen der besten Ver­tei­diger der Welt spiele und daran zweifle, dass ich besser bin, habe ich schon so gut wie ver­loren. Letzt­lich gehe ich immer davon aus, dass ich das Duell für mich ent­scheiden werde. Mein Gegner wird nicht besser sein und mich nicht schlagen, ganz egal, wer es ist.

Ist dieses Selbst­ver­trauen ange­boren oder ein Pro­dukt Ihrer Erzie­hung? Wenn die Lehrer meinten, ich solle meine Haus­auf­gaben machen, ant­wor­tete ich, dass ich nicht vor­hätte, Anwalt zu werden oder zu stu­dieren. Für mich war klar, dass ich ab der 9. Klasse Fuß­ball­profi werden würde. Die meisten Leute winkten ab, doch ein paar wussten ganz genau, wie ernst es mir damit war. Ich schätze mal, dieses Selbst­ver­trauen ist ange­boren. Ich wollte immer gewinnen, auch schon als Kind, wenn ich gegen meine Freunde Tennis gespielt habe. Und genauso ist es im Fuß­ball gewesen.

Das Selbst­ver­trauen war also schon immer da, was nichts daran ändert, dass Nicklas Bendtner in seinem Leben mit einigen Tur­bu­lenzen zu kämpfen hatte. 2010 brachte seine dama­lige Lebens­ge­fährtin, die Baro­ness Caro­line Luel-Brock­dorff, einen Sohn zur Welt, doch nur zwei Monate später trennte sich das Paar, das eine Art däni­sches Äqui­va­lent zu den gla­mou­rösen Beck­hams gewesen war. Im Jahr zuvor war Bendtner in einen dra­ma­ti­schen Auto­un­fall ver­wi­ckelt gewesen. Auf dem Weg zum Trai­ning war er mit seinem Aston Martin von der Straße abge­kommen und gegen einen Baum geprallt. Nach Bendt­ners Aus­sage trug er keine Schuld an dem Unfall. Ein Wagen sei plötz­lich aus­ge­schert, er habe nicht mehr aus­wei­chen können.

Bendtner stand unter Schock, als er aus dem übel zuge­rich­teten Wrack stieg. Er riss einen Außen­spiegel ab, um nach­zu­schauen, ob etwas in seinem Rücken steckte. Zum Glück war dem nicht so, trotzdem hatte Bendtner lange unter den Folgen des Unfalls zu leiden. Wie sich Wochen später her­aus­stellte, hatte er bei dem Crash eine Unter­leibs­ver­let­zung davon­ge­tragen. Laufen und Schießen waren eine Tortur, Bendtner nahm Schmerz­mittel und spielte weiter. Als er kurz vor der WM 2010 zur däni­schen Mann­schaft stieß, konnte er vor Schmerzen kaum noch gehen.

Ein Auto­un­fall und seine Folgen
Der däni­sche Team­arzt Jens Bangsbo zeigte damals für das Ver­halten des FC Arsenal wenig Ver­ständnis: Den Klub interes- siert es nicht, was in ein paar Monaten ist, solange sie den Spieler in den nächsten Par­tien brau­chen. So ist das im inter­na­tio­nalen Geschäft. Gut für den Spieler ist es mit Sicher­heit nicht.“ Bangsbo kri­ti­sierte die Lon­doner zudem dafür, dass sie den däni­schen Ver­band nicht über die Ver­let­zung eines der wich­tigsten Spieler des Teams infor­miert hatten. Bendtner konnte bei der WM letzt­lich zwar ein­ge­setzt werden, rief aller­dings ebenso wie der Rest der Mann­schaft nicht seine beste Leis­tung ab. Der Auto­un­fall und seine Folgen lie­fern eine mög­liche Erklä­rung dafür, warum Bendt­ners Kar­riere ins Sto­cken geraten und nicht unbe­dingt mit seiner Selbst­ein­schät­zung in Ein­klang zu bringen ist.

Zuletzt war der Stürmer an den AFC Sun­der­land aus­ge­liehen, wo er zwar auf dem Platz pha­sen­weise über­zeugen konnte, abseits davon aber keine beson­ders gute Figur abgab. Im ver­gan­genen November soll er nach Däne­marks 2:0‑Sieg gegen Schweden in eine Schlä­gerei im Team­hotel ver­wi­ckelt gewesen sein. Ein anderes Mal wurde er mit satten 166 Stun­den­ki­lo­me­tern geblitzt. In einer Kopen­ha­gener Piz­zeria pöbelte er die Bedie­nung an. Und schließ­lich soll er mit seinem Team­kol­legen Lee Cat­ter­mole in der Innen­stadt von New­castle meh­rere Autos beschä­digt haben. Aller­dings wurde dieses Ver­fahren mitt­ler­weile ein­ge­stellt.

Bringt die EM die Wende?
Es war kein gutes Jahr für Bendtner. Es besteht aber Hoff­nung auf eine gewisse Lern­fä­hig­keit. Mehr­fach hat er sich öffent­lich ent­schul­digt und Bes­se­rung gelobt. Mir tut das alles schreck­lich leid“, erklärte er. Ich hätte schon viel früher Stel­lung beziehen und mich von diesen Dingen distan­zieren sollen. Das war mein Fehler, und ich über­nehme die volle Ver­ant­wor­tung dafür. Es tut mir leid, so viele Men­schen ent­täuscht zu haben. An sich bin ich nur ein ganz nor­maler Kerl mit einem außer­ge­wöhn­li­chen Beruf. Manchmal ver­gesse ich das, obwohl ich es besser wissen sollte. Meine Familie, mein Sohn, meine Freundin und der Fuß­ball sind die wich­tigsten Sachen in meinem Leben. Und darauf möchte ich mich in Zukunft zu hun­dert Pro­zent kon­zen­trieren.“

Schön for­mu­liert. Und immerhin ist Bendtner seither jeg­li­chem Ärger aus dem Weg gegangen. Auch die Nach­wir­kungen der Ver­let­zung scheint er über­wunden zu haben. Er schießt wieder Tore, und bei der Euro­pa­meis­ter­schaft im Juni und Juli wird sich zeigen, ob Nicklas Bendtner end­lich der Fuß­baller sein kann, für den er sich schon immer gehalten hat.