The Early Years
Ver­mut­lich kann jeder Pro­fi­fuß­baller eine herz­er­wei­chende Geschichte von seiner Zeit als Ball­junge erzählen. Doch hat auch jeder so ein wun­der­bares Foto?

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Wir sehen den 14-jäh­rigen Pep Guar­diola, Sommer 1985. Der FC Bar­ce­lona hat unter Terry Ven­ables gerade die spa­ni­sche Meis­ter­schaft gewonnen. Der Ball­junge Guar­diola (links) blickt ehr­fürchtig zum Trainer, der auf den Schul­tern seiner Spieler durchs Sta­dion getragen wird. Das Foto hängt auf der Geschäfts­stelle – und rührt Mit­ar­beiter täg­lich zu Nost­al­gie­tränen.
 
La Masia
Der Legende nach begeg­neten sich Pep Guar­diola und Johan Cruyff zum ersten Mal im Herbst 1988. Damals spielte Guar­diola mit der Nach­wuchs­mann­schaft auf einem Neben­platz. Cruyff stellte sich neben Charly Rexach, Trainer des B‑Teams, und fragte: Wer ist der Typ auf der rechten Seite?“ Rexach ant­wor­tete: Guar­diola – guter Mann!“ Cruyff igno­rierte den Kom­mentar und sagte: Stell ihn zen­traler auf.“ Rexach gehorchte, und Guar­diola bril­lierte danach auf einer Posi­tion, die es in Spa­nien bis dahin gar nicht gab: Die defen­sive Spiel­ma­cher­po­si­tion. Cruyff nickte und ver­ließ den Platz. Ein paar Monate später lief Guar­diola in einem Bene­fiz­spiel gegen die Ama­teure von Ban­yoles das erste Mal für Barcas erste Mann­schaft auf. Cruyffs Kom­mentar danach: Du hast lang­samer gespielt als meine Groß­mutter!“
 
Die Intel­li­genz
Ich möchte mein Gehirn nicht nur in den Füßen haben“, sagte Pep Guar­diola einmal. Nach der Schule begann er des­halb ein Jura­stu­dium, das der ange­hende Fuß­ball­profi nach einem Jahr wieder abbrach. Wäh­rend seiner Spie­ler­kar­riere war er gele­gent­lich als Kolum­nist tätig, etwa für das Time Maga­zine“. In einem Text heißt es: Ich bin ein Pes­si­mist. Ich teile die Ansicht eines Freundes, der mir einst sagte: ›Ich ver­suche, die Welt ein biss­chen zu ver­än­dern. Nun trage ich Sorge, dass die Welt mich ver­än­dert.‹“ Phi­lo­s­phisch wurde es auch vor großen Par­tien. Vor dem Cla­sico“ soll Guar­diola gerne Her­mann Hesses Das Glas­per­len­spiel“ gelesen haben. Kaum ver­wun­der­lich, dass Spa­niens Natio­nal­trainer und Hobby-Namens­for­scher Javier Cle­mente ihm anno 1994 einen Kose­namen gab. Sergi Bar­juan Esclusa nannte er Die Ver­we­gen­heit“, Albert Ferrer den Der Kampf“ und Guar­diola hieß Die Intel­li­genz“.
 
Das Kai­sers­lau­tern-Trauma
Er war in Vietnam!“, sagte She­riff Will Teasle 1982 über John Rambo. Ich war in Kai­sers­lau­tern“, sagte Pep Guar­diola im April 2009. Bar­ce­lona hatte in der Cham­pions League gerade 4:0 gegen den FC Bayern gewonnen und Guar­diola sorgte sich, dass seine Spieler das Rück­spiel auf die leichte Schulter nehmen würde. Guar­diola ver­wies auf eine Euro­pa­po­kal­be­geg­nung gegen den 1. FC Kai­sers­lau­tern aus dem November 1991. Damals gewann Barca das Hin­spiel mit 2:0. Im Rück­spiel schossen Demir Hotic (zwei Tore) und Bjarne Gold­baek den FCK mit 3:0 in Füh­rung. Das wich­tige Aus­wärtstor für Bar­ce­lona schoss José Bakero – in der 90. Minute. Bar­ce­lona zog in die Final­runde ein und gewann später den Cup. 
 
Abschied
Pep Guar­diola gehörte dem Dream-Team“ an, das 1992 als letzte Mann­schaft den Euro­pa­pokal der Lan­des­meister gewann. Im Finale gegen Sam­pdoria Genua siegte Barca mit 1:0 nach Ver­län­ge­rung. Nach 17 Jahren, 263 Spielen und 16 Titeln wurde Guar­diola 2001 von Louis van Gaal aus­sor­tiert, dabei hatte er sich anfangs häufig für den Trainer aus­ge­spro­chen („Eine eiserne Tulpe? So ein Quatsch! Er ist kein Dik­tator!“). Nun sagte Guar­diola rei­se­lustig: Ich werde mal bei Ver­einen in Eng­land, Frank­reich, Deutsch­land oder Ita­lien an die Tür klopfen.“ Eine offi­zi­elle Ver­ab­schie­dung lehnte Guar­diola ab. Bei seinem letzten Spiel gab es daher keine Abschieds­ze­re­monie. Zu allem Über­fluss schied Bar­ce­lona im Pokal aus, und die Mann­schaft wurde gna­denlos aus­ge­pfiffen.
 
Doping­af­färe
Guar­diola wech­selte zu Bre­scia Calcio nach Ita­lien. Glück­lich wurde er dort nicht. Weil ihm im Oktober 2001 Spuren von Nan­drolon nach­ge­wiesen wurde, belegte der ita­lie­ni­sche Ver­band ihn mit einer Doping­sperre von vier Monaten, 2005 wurde er zu einer Haft­strafe von sieben Monaten ver­ur­teilt. Guar­diola beteu­erte auf einer dra­ma­ti­schen Pres­se­kon­fe­renz seine Unschuld: Ich bin Pep Guar­diola!“, sagte er und dann hielt er inne. Schließ­lich voller Inbrunst: Ein Apparat behauptet, ich habe Nan­drolon genommen, aber das habe ich nie getan.“ Ein Arzt bewies später in einem Gut­achten, dass Guar­diola unter dem Gil­bert-Syn­drom leidet und sein Körper selbst Nan­drolon pro­du­ziere. Guar­diola ging in Beru­fung, das Ver­fahren wurde ein­ge­stellt und Guar­diola frei­ge­spro­chen.

Reif für das Trai­neramt?
Vom freund­li­chen Dressman-Look sollte sich bei den Bayern nie­mand täu­schen lassen, Guar­diola kann auch Arsch­loch: Im Juni 2008, kurz nach seinem Amts­an­tritt, kün­digte der neue Barca-Trainer an, man wolle sich von Ronald­inho, Deco und Eto’o trennen – zufällig das Trio, das den FC Bar­ce­lona in den Jahren vor Guar­diola am meisten geprägt hatte. Ker­niger Kom­mentar des neuen Übungs­lei­ters: Ich plane die Saison ohne sie. Aber wenn sie den­noch bleiben, gebe ich mein Bestes, um sie wieder auf ihr altes Niveau zu heben.“ Ronald­inho und Deco machten sich vom Acker, Eto’o blieb – und schoss im Cham­pions-League-Finale 2008/09 das 1:0 gegen Man­chester United. Spä­tes­tens da dürfte sich kicker“-Autor Harald Irn­berger in die Tas­tatur ver­bissen haben. In seinem Artikel Drei Stars auf dem Abstell­gleis“ hatte der Jour­na­list Zweifel an Guar­diolas Star-Ent­sor­gung geäu­ßert und sich gefragt, ob der 37-jäh­rige Coach reif ist für sein neues Amt“. Nun ja.

Laut­spre­cher
Kaum hatte Guar­diola die Zügel in der Hand, lenkte der flei­ßige Kata­lane die Dinge schon in eine andere Rich­tung. War sein Vor­gänger Frank Rij­kaard neben seinem fuß­bal­le­ri­schen Sach­ver­stand vor allem wegen seiner ent­spannten Hal­tung gegen­über den Aus­schwei­fungen der Stars um Ronald­inho, Deco und Co. bekannt, führte der gebür­tige Kata­lane bald ein strenges Regi­ment im Camp Nou. Neben saf­tigen Strafen fürs Zuspät­kommen beim gemein­samen Früh­stück (6000 Euro) und der Andro­hung Bei mir müssen die Spieler jeden Tag hart arbeiten“, fiel der ehe­ma­lige Mit­tel­feld­mann auch durch seine ständig stra­pa­zierten Stimm­bänder auf. Kom­mentar von Tor­wart­trainer Juan Carlos Unzué: Zum Geburtstag schenke ich ihm einen Laut­spre­cher. Er redet und redet, in jedem Trai­ning, in jedem Spiel. Mit einem Laut­spre­cher würden ihn wenigs­tens alle hören.“

Tiki-Taka
Muss man hier noch erwähnen, dass der große Barca-Reno­vierer Johan Cruyff das Vor­bild von Guar­diola ist? Eher nicht. Viel­leicht aber, wie man in nur einem Satz die viel gerühmte Barca-Phi­lo­so­phie zusam­men­fassen kann. Zitat Guar­diola: Wenn du den Ball einmal berührst, spielst du sehr gut; wenn du ihn zwei Mal berührst, spielst du mit­tel­mäßig; und wenn du ihn drei Mal berührst, spielst du schlecht.“ So ein­fach ist das.

Viva la Vida
2009 zer­legte eine furios auf­spie­lende Barca-Mann­schaft den FC Bayern mit 4:0, selten hatte man den großen FC Bayern so chan­cenlos gesehen. Anschlie­ßend ver­riet Guar­diola, wie man sich in den Minuten vor dem Anpfiff auf das Spiel ein­ge­stimmt hatte: In einem eilig zusam­men­ge­schnit­tenen Video, unter­malt von Cold­plays Viva la Vida“, sah die Mann­schaft den schrei­enden Tor­wart Valdés, den betenden Mit­tel­feld­mann Keita und den jubelnden Stürmer Eto’o. Darf’s noch etwas mehr Gän­se­haut sein?

Love was in the air
Guar­diola in der Bun­des­liga – eine unglaub­liche Geschichte? Schon 2011 ließ der gefei­erte Barca-Trainer durch­bli­cken, dass er sich ein wenig in den deut­schen Fuß­ball ver­guckt habe: Ich mag die deut­sche Liga, wegen des Landes, der Sta­dien und weil ich eine neue Sprache lernen würde.“ Und: In Spa­nien werde es ihm unmög­lich“ sein, eine andere Elf zu trai­nieren, als den FC Bar­ce­lona. Fazit: Es kam, wie es kommen musste.

Der beschei­dene Pep
Sollte noch irgend­je­mand Zweifel an der Popu­la­rität Guar­diolas beim FC Bar­ce­lona haben, dem sei dieser Satz von Barca-Prä­si­dent Joan Laporta ans Herz gelegt: Wenn ich wie­der­ge­boren werde, möchte ich Pep Guar­diola sein!“ Der bleibt aller­dings bescheiden. Auf die Frage: Macht Pep Guar­diola große Mann­schaften oder machen große Mann­schaften Pep Guar­diola?“ ant­wor­tete Guar­diola nach dem spa­ni­schen Pokal­sieg 2009: Mein Ver­dienst ist nur, dass ich gute Spieler habe. Sucht bitte keine anderen Erklä­rungen.“