Thomas Helmer, der Hype um den deut­schen Clá­sico“ ist groß. Leider halten Spit­zen­spiele nicht immer das, was man sich von ihnen ver­spricht. Was erwarten Sie sich vom heu­tigen Duell?
Meine Erwar­tungen sind etwas gedämpft – weil beide Teams nicht in der besten Auf­stel­lung antreten können. Das ist sehr schade.

Was wiegt schwerer: Der Aus­fall von Schmelzer, Hum­mels und Gün­dogan auf BVB-Seite oder das Fehlen von Thiago, Schwein­s­teiger und Ribéry beim FC Bayern Mün­chen?
Alle sechs sind abso­lute Top­spieler und fast nicht gleich­wertig zu ersetzen. Beim BVB schmerzt es aber mehr, weil die Defen­sive erheb­lich geschwächt ist. Aller­dings wäre ein Ribéry in der momen­tanen Form wohl eh nicht zu bremsen gewesen.

Die Dort­munder haben zuletzt gegen Wolfs­burg und gegen Arsenal gepatzt. Trauen Sie dem Team von Jürgen Klopp den­noch zu, die Bayern schlagen und damit wieder Span­nung in die Bun­des­liga bringen zu können?
Ja. Die Dort­munder haben in jüngster Ver­gan­gen­heit ja schon öfter gegen den FC Bayern gewonnen und das ist wichtig für den Kopf. Dazu kommt die phan­tas­ti­sche Stim­mung mit den 80.000 Zuschauer im Sta­dion. Und das schnelle Umschalt­spiel der Dort­munder macht den Bayern erfah­rungs­gemäß zu schaffen. Aber trotzdem wird des für den BVB sehr schwierig werden. Wenn man es genau nimmt, ist das Spiel am Dienstag gegen Neapel für den BVB auch fast wich­tiger. Da geht es um das Wei­ter­kommen in der Cham­pions-League, was von großer Bedeu­tung für die wei­tere Ent­wick­lung des Ver­eins ist.

Was würden Sie, als Tak­tik­ex­perte, Jürgen Klopp gegen den scheinbar über­mäch­tigen FC Bayern Mün­chen raten?
Jürgen Klopp ist einer der besten Trainer auf der Welt, der braucht von mir keinen Rat. Ich denke, dass die Offen­siv­leis­tung des BVB-Teams ent­schei­dend sein wird. Gelingt es den Dort­mun­dern, das Spiel zu bestimmen und die Bayern vom geg­ne­ri­schen Straf­raum fern­zu­halten, steigen die Chancen für den BVB.

Sie haben für beide Ver­eine gespielt. Für wel­cher Seiten sind Sie denn heute?
Ich habe zu beiden Klubs noch eine gute Ver­bin­dung und pflege Freund­schaften mit Leuten hier wie dort. Von daher kann ich heute nichts ver­lieren. Aber auch unab­hängig davon tippe ich auf ein Unent­schieden.

Welche Spiel­weise gefällt Ihnen besser? Die auf Ball­be­sitz aus­ge­legte des FC Bayern oder das schnelle Umschalt­spiel der Dort­munder?
Schwer zu sagen, eine Mischung aus beidem wäre per­fekt. Bei Bayern fällt auf, dass die Innen­ver­tei­di­gung längst nicht mehr so gefor­dert ist wie in Ver­gan­gen­heit. Und nachdem ich selbst früher Innen­ver­tei­diger war, gefällt mir das gut. Bei Dort­mund hat man das Gefühl, dass Letz­tere deut­lich mehr zu tun haben. Der FC Bayern Mün­chen unter Pep Guar­diola ver­sucht ja, den Gegner müde zu spielen. Aber die BVB-Mann­schaft ist phy­sisch sehr stark.

Hat sich in Ihren Augen der FC Bayern Mün­chen unter Guar­diola noch­mals wei­ter­ent­wi­ckelt?
Ja, das hat er. Und Guar­diola hat es geschafft, dass die Mann­schaft trotz all der Erfolge in der ver­gan­genen Saison weiter hungrig ist. Er för­dert den Kon­kur­renz­kampf, ohne dass Unruhe in der Mann­schaft auf­kommt. Jeder, der rein­kommt, bringt eine Top­leis­tung.

Uli Hoeneß hätte vor ein paar Jahren ja gerne Jürgen Klopp nach Mün­chen geholt. Sie kennen das Umfeld beim FC Bayern. Würde der hemds­är­me­lige Klopp denn dort wirk­lich hin­passen?
Warum nicht? Klopp ist ein Welt­klas­se­trainer und ein starker Typ – auch in medialer Hin­sicht, was beim FC Bayern sehr wichtig ist. Aber momentan stellt sich ja die Frage nicht.

Klopp hat in der ver­gan­genen Saison Bayern vor­ge­worfen, vom Dort­mund abge­schaut zu haben. Halten Sie die Pla­gi­ats­vor­würfe für berech­tigt?
Das hat in der Tat so ein biss­chen den Anschein erweckt. Die Bayern sind mehr über die Mitte gekommen und haben auch ver­sucht den Ball, schnell zu erobern. Ob man das aber vom BVB abge­schaut hat? Ich weiß nicht. Aber es fällt auf, dass sich bei den Bayern mehr in der Mitte ballt und die Außen­ver­tei­diger stärker ein­rü­cken.

Sie kennen beide Klubs und deren Umfeld – ist Borussia Dort­mund tat­säch­lich der Arbei­ter­verein im Gegen­satz zum gla­mou­rösen FC Hol­ly­wood?
Das ist auch eine regio­nale Frage, der sich Borussia Dort­mund ja nicht ver­schließt. Die Fan-Kultur beim BVB ist sicher eine andere als beim FC Bayern Mün­chen. Die Dort­mund-Anhänger würden für ihren Verein das letzte Hemd geben – aber dar­unter sind mit Sicher­heit nicht nur Arbeiter. Was das Innen­leben des Klubs angeht, hat der Borussia Dort­mund mit Klopp, Watzke und Zorc ein sehr gutes Trio, das zusammen hält. Und wenn es doch mal Mei­nungs­ver­schie­den­heiten geben sollte, geht man damit nie nach nach außen. Das Trio hat einen sehr großen Ver­dienst daran, dass der Verein wieder so erfolg­reich ist.

Und beim FC Bayern Mün­chen?
Da haben mit Rum­me­nigge, Hoeneß oder Becken­bauer Männer mit großen Namen und einer ebenso großen Aura das Sagen. Im Auf­sichtsrat sitzen bedeu­tende Ver­treter aus der Wirt­schaft. Das ist sicher etwas anders als bei Borussia Dort­mund.
Wird sich Dort­mund dau­er­haft als ernst­hafter Rivale des FC Bayern Mün­chen eta­blieren?
Das ist gut mög­lich. Wichtig wird das Abschneiden in der Cham­pions League sein. Bekannt­lich kann man dort sehr viel Geld ein­nehmen. Ich habe ja schon drauf hin­ge­wiesen, welche Bedeu­tung das Spiel der Dort­munder am Dienstag gegen Neapel für den Verein hat. Es ist auf jeden Fall beacht­lich, wie gut sich der BVB von der Krise, in der er vor ein paar Jahren steckte, erholt hat. Man hat geschickt ein­ge­kauft und nicht zu viel Geld aus­ge­geben.

Auch der Ver­kauf von Top­spie­lern hat viel Geld in Kasse gespült, aber in sport­li­cher wie auch emo­tio­naler Hin­sicht weh getan – ganz beson­ders im Falle von Mario Götze. Die Rück­kehr an die alte Wir­kungs­stätte wird nicht ein­fach für ihn werden. 
Mario Götze weiß das und hofft trotzdem, dass sich das Dort­munder Publikum in Zurück­hal­tung übt – aber das wird nicht der Fall sein. Bei mir war das auch nicht so, als ich 1992 von Dort­mund nach Mün­chen wech­selte und im Bayern-Dress im West­fa­len­sta­dion auf­lief. Aber da muss Mario durch. Und das macht einen auch stark. Das Beste für Mario wäre, wenn er schnell ein Tor machen würde.

Ist das Dort­munder Publikum dann nicht noch auf­ge­wühlter?
Ich habe eine andere Erfah­rung gemacht. Ich glaube, es war nach einem Eck­ball von Lothar, als ich in ersten Halb­zeit per Kopf­ball das 1:0 gemacht habe Dann war Ruhe im Karton.

Auch Ihr Transfer damals ver­lief nicht geräuschlos. Sie wech­selten für die dama­lige Rekord­summe von 7,5 Mil­lionen Mark nach Mün­chen. Sei­tens des FC Bayern gab es die Über­le­gung, sie zunächst beim fran­zö­si­schen Klub Auxerre quasi zu parken. Damit hätte man sich viel Geld erspart.
Es gab eine Klausel in meinem Ver­trag beim BVB, wonach die Ablö­se­summe bei einem Transfer ins Aus­land deut­lich nied­riger gewesen wäre.

Warum wurde letzt­lich der Trick nicht ange­wandt?
Weil ich nicht nach Auxerre und auch nicht diese Trick­serei wollte.

Aber Sie es zog Sie mit aller Macht zum FC Bayern Mün­chen.
Das kam so rüber, aber es war nicht so, dass ich unbe­dingt zum FC Bayern wollte. Mir wurde das von Ver­eins­seite unter­stellt und nach außen auch so dar­ge­stellt. Das hat natür­lich die Anhänger gegen mich auf­ge­bracht. Irgend­wann wurde es unmög­lich, wei­terhin in Dort­mund zu spielen. Da hat der FC Bayern Mün­chen ein­ge­griffen. Für mich stand ja auch noch die Euro­pa­meis­ter­schaft auf dem Spiel. Berti Vogts hätte mich nicht mit nach Schweden genommen, wäre die Sache nicht vorher geklärt gewesen.

Aber Robert Lewan­dowski möchte unbe­dingt zum FC Bayern Mün­chen.
Das hört sich so an.

Müsste Lewan­doski nach einem Wechsel zum FC Bayern nicht fürchten, öfter mal auf der Bank zu sitzen, weil Guor­diola gerne ohne echten Stürmer spielt.
Wenn ich sehe, wie Robert Lewan­dowski spielt, kann ich mir das nicht vor­stellen. Ich kenne keinen Stürmer, der den Ball aus der Luft so gut annehmen und abschirmen kann wie er.

Wäre denn der Auf­schrei sei­tens der Bayern-Fans genauso heftig, wenn einer der Ihren den Klub Rich­tung Dort­mund ver­lassen würde?
Ja, das glaube ich schon. Auch weil Dort­mund inzwi­schen als echter Kon­kur­rent ange­sehen wird.