Hansi Müller, zu Beginn müssen wir etwas rich­tig­stellen: Sie sind nie Bravo-Boy“ geworden.
Ich wurde Sechster. Dank meines Bru­ders, der mich ohne mein Wissen bei der Wahl ange­meldet hatte. Eines Tages rief ein Bravo“-Redakteur bei uns zu Hause an: Hansi, du bist beim Finale dabei.“ Ich war erst irri­tiert, sagte aber zu. Eine irre Show war das, tau­sende Mäd­chen in der Ber­liner Deutsch­land­halle und zehn Jungs, die in ver­schie­denen Wett­be­werben gegen­ein­ander antreten mussten.

Auch wenn Sie nicht gewonnen haben, trugen Sie danach den Spitz­namen Bravo-Boy“. War es anstren­gend, einer der ersten Pop­stars der Bun­des­liga zu sein?
Einige Spieler, Werner Lorant etwa, schossen sich drauf ein. Ständig drückte der mir Sprüche: Da kommt er ja, der Bravo-Boy!“ Oder: Ach, der Rasen-Tra­volta! Dich hau ich über die Bande!“

Zu Ihrem 21. Geburtstag erhielten Sie 6000 Glück­wunsch­karten. Einige Grou­pies legten Nackt­fotos bei, ein Mäd­chen schrieb: Ich komme in die Kabine. Ich kenne einen Ordner. Sei bloß kein Feig­ling!“
In jener Zeit ver­schickte der VfB jähr­lich etwa 250 000 Auto­gramm­karten von mir. Natür­lich fand ich es schön, dass ich beliebt war. Aber ich habe mich mehr über die Trofeo Bravo“ (Bester Nach­wuchs­spieler Europas, d. Red.) der ita­lie­ni­schen Zeit­schrift Il Guerin Spor­tivo“ oder das Lob eines Fans nach einem Tor gefreut.

Hans Peter Müller

Machte für den VfB Stutt­gart, Inter Mai­land, Calcio Como und den FC Swa­rovski Tirol 518 Spiele und schoss 145 Tore. Mit der DFB-Elf (42 Län­der­spiel, fünf Tore) wurde er 1980 Euro­pa­meister, und 1982 Vize­welt­meister. Nach seiner Kar­riere arbei­tete er u. a. im Vor­stand und im Auf­sichtsrat des VfB. 2014 wurde er in den Gemein­derat von Korb gewählt. Heute spielt er in der VfB-Tra­di­ti­onself und tritt als Redner auf (hansi​-mueller​.com).

1975, als Sie Bravo“-Sechster wurden, begann Ihre Pro­fi­kar­riere. Par­allel machten Sie Ihr Abitur. Wie kamen Sie mit dieser Dop­pel­be­las­tung zurecht?
Es war hart, das Abi schaffte ich mit Ach und Krach. Einmal schrieb ich an einem Sams­tag­morgen eine Klas­sen­ar­beit, wir hatten aber nach­mit­tags ein Spiel in Bay­reuth. Also ließ mich der VfB mit einer Cessna von Stutt­gart zu einem nahe­ge­le­genen Mili­tär­flug­hafen fliegen, und von dort ging es mit einem Auto zum Sta­dion. Ein immenser Auf­wand. Als ich ankam, sagte unser Trainer Jürgen Sun­der­mann: Hansi, was für ein Stress, setz dich mal auf die Bank, brauchst nicht spielen. Und später fährst du gemüt­lich mit uns im Mann­schaftsbus nach Hause.“

Mit Sun­der­mann kehrte der VfB nach zwei Jahren in der zweiten Liga zurück in die Bun­des­liga. Was zeich­nete ihn aus?
Er setzte auf die Jugend und fand die rich­tige Ansprache. Er hat noch heute einen guten Humor. Neu­lich fragte ihn jemand, warum er nur ein Län­der­spiel gemacht habe, und er sagte: Her­berger hat gesehen, dass ich viel besser war als meine Mit­spieler. Er wollte sie durch meine Ein­sätze nicht demo­ra­li­sieren.“

Gleich im ersten Bun­des­li­ga­spiel ging es gegen die Bayern. Bammel?
Respekt! Bayern war amtie­render Welt­po­kal­sieger, wir hatten wenige Wochen zuvor noch gegen den KSV Bau­natal und BSV 07 Schwen­ningen vor 2000 Zuschauern gekickt. Und nun stand ich neben meinem Idol Franz Becken­bauer. Wir holten ein 3:3, ich ver­wan­delte zwei Elf­meter, den Aus­gleich erzielten die Bayern erst kurz vor Schluss. Es brach eine große Euphorie in der Stadt aus. Wir hatten einen Zuschau­er­schnitt von über 50 000 (Best­wert der Saison, der BVB lag mit 37 000 Zuschauern auf Platz zwei, d. Red.), wurden als Auf­steiger sen­sa­tio­nell Vierter und 1978 sogar Vize­meister.

Inters Manager brachten mir ein kleines Modell des San Siro mit. Da wirst du spielen, sagten sie. Ich bekam eine Gän­se­haut“

1984 gewann der VfB den Titel. Sie waren aber zuvor zu Inter Mai­land gewech­selt. Haben Sie den Schritt später bereut?
Ich hatte fünf Jahre in der Bun­des­liga gespielt und wollte eine neue Her­aus­for­de­rung. Sport­lich und natür­lich auch finan­ziell war das Angebot reiz­voll. Das war ja nicht irgendein Klub, das war Inter Mai­land! Aber es stimmt, die Zeit in Ita­lien war nicht immer ein­fach. Ich war oft ver­letzt, ständig trug ich einen Eis­beutel an einer Schlaufe mit mir herum. Die Presse schrieb negativ über mich, und meine Mit­spieler sagten: Hansi, ist der Eis­beutel dein bester Freund?“

Dabei begann Ihre Zeit bei Inter gut. Sie ver­wan­delten in den ersten zwei Spielen jeweils einen Frei­stoß in den Winkel.
Inter hatte große Hoff­nung in mich gesetzt. Die Manager waren nach Stutt­gart gekommen, um mir den Wechsel schmack­haft zu machen. Wäh­rend der Ver­hand­lung zogen sie eine Mar­mor­platte hervor, kaum größer als eine Tafel Scho­ko­lade. Auf den So­ckel war detail­ge­treu ein Miniatur-Modell des San Siro geschraubt, mit­samt den stäh­lernen Ver­strebungen und Säulen. Sie sagten: Hansi, da wirst du spielen.“ Ich bekam eine Gän­se­haut.

Wie war das Sta­dion in echt?
Der Rasen wirkte wie ein Schach­brett, er war so sauber geschnitten, kein Ver­gleich zu deut­schen Plätzen. Am Mil­l­erntor konnte man ja froh sein, wenn der Ball rollte. Schon bei meinem ersten Foto­termin im San Siro dachte ich: Hier gehe ich nie mehr runter.

Inter soll Sie lange beob­achtet haben. Hatten Sie das mit­be­kommen?
Sie hatten mir bereits vor der EM 1980 ein Angebot gemacht, aber ich hätte nie­mals geahnt, was für einen Auf­wand sie betrieben. Als ich 1982 unter­schrieb, prä­sen­tierten die mir zwei dicke Hansi-Ordner, die wussten alles über mich.

Nicht, dass Ihr Knie anfällig war.
Viel­leicht hätte ich schon 1980 wech­seln sollen, damals war ich gut in Form und gesund. Trotzdem erin­nere ich mich gerne an Ita­lien. Das Derby vor 90 000, bei dem ich ein Tor schoss. Oder der Treffer gegen Sam­pdoria Genua. Ich lief vor lauter Freude an die Sei­ten­linie, wo mich Walter Zenga in die Luft hob und eine Pirou­ette mit mir drehte. Ein schönes Bild. Außerdem mochte ich die Men­schen, und ich glaube, sie mochten mich auch.

Mein Leben 200210 134605179 imago09640761h RGB

1976

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