Seite 3: „Ich hätte jeden der 18 000 Zuschauer umarmen können"

Haben Sie wäh­rend Ihrer Ver­let­zungs­phase mal an das Kar­rie­re­ende gedacht?
Es ist ja so: Wenn du einmal was am Knie hat­test, wirkt sich das auf dein Spiel und deinen Lauf­stil aus, das ist unter­be­wusst drin. Nach meiner Zeit in Como hatte ich zwar Ange­bote, etwa von Udi­nese Calcio und den Young Boys Bern, aber es ging mir nicht so gut. Ich bin ein paar Tage ans Meer gefahren und habe über alles nach­ge­dacht.

Und dann rief ein rei­cher Mann aus Öster­reich an. Was gefiel Ihnen an Tirol?
Es war ein gutes Angebot, der Sponsor Gernot Langes-Swa­rovski konnte ein gutes Gehalt zahlen, außerdem ver­sprach er, dass ich nach der Kar­riere in seiner Firma arbeiten könne. Und sport­lich hatte ich den Ein­druck, dass ich etwas auf­bauen könnte. Früher hieß es ja in Öster­reich: Die Fuß­baller kommen aus Wien, die Ski­fahrer aus Inns­bruck. Nach ein paar Jahren war das nicht mehr so. Wir haben Rapid mehr­mals geschlagen, sind zweimal Meister geworden und ins Uefa-Cup-Halb­fi­nale ein­ge­zogen.

Wel­ches Euro­pa­po­kal­spiel ist Ihnen noch beson­ders in Erin­ne­rung?
Im Vier­tel­fi­nale habe ich gegen den AC Turin eine Ecke direkt ver­wan­delt. Der Wind vom Brenner war in jenem Spiel extrem stark. Als ich bei der Ecke stand, tanzte das Kon­fetti auf dem Rasen. Da dachte ich, jetzt ver­such ich es. Und dann war der Ball drin. Das schönste Spiel der Saison und viel­leicht meiner gesamten Kar­riere war aber das Ach­tel­fi­nale gegen Spartak Moskau. Es war Mitte Dezember, der Boden schon hart, aber die Atmo­sphäre unglaub­lich. Franz Becken­bauer und Ernst Happel saßen auf der Tri­büne, und die Fans ver­wan­delten das Sta­dion mit Wun­der­kerzen in ein ein­ziges Lich­ter­meer.

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Das beein­druckte Sie? Sie kannten 90 000 im San Siro.
Ich habe gemerkt, dass man eine emo­tio­nale Nähe in klei­nerem Rahmen noch inten­siver erleben kann. In diesem Moment hätte ich jeden der 18 000 Zuschauer umarmen können. Wir gewannen 2:0. Nach dem Spiel bin ich zu den Russen ins Hotel und habe Jeans und Adidas-Kla­motten gegen Kaviar getauscht.

Der FC Swa­rovski Tirol wurde Weißes Bal­lett“ genannt. Ganz schön selbst­be­wusst.
Aber wir haben wirk­lich guten Fuß­ball gespielt, der Halb­fi­nal­einzug (Tirol verlor gegen den spä­teren Sieger IFK Göte­borg, d. Red.) war kein Glück. Außerdem liefen wir kom­plett in Weiß auf: weiße Tri­kots, weiße Hosen, weiße Stutzen, sogar weiße Schuhe. Swa­rovski hatte die besorgt. Ein Novum, denn Fuß­ball­schuhe waren damals eigent­lich schwarz.

Nach der Saison kam Happel als Trainer. Wie ver­standen Sie sich mit dem Grantler?
Ganz gut. Aber wir sind auch mal anein­an­der­ge­raten. Einmal sagte ich zu ihm: Trainer, wir müssen reden.“ Da ant­wor­tete er: Wennst reden willst, musst Han­dels­ver­treter werden.“ Da hatte ich schon ein paar Tage dran zu knab­bern.

Wennst reden willst, musst Han­dels­ver­treter werden“

Ernst Happel zu Hansi Müller

Waren Sie als Spieler impulsiv?
Was kann ich da zu meiner Ver­tei­di­gung sagen? (Lacht.) In einer Saison habe ich vier Platz­ver­weise bekommen. Ver­mut­lich öster­rei­chi­scher Rekord. Am Ende war ich mit dem zustän­digen Sportrichter in Wien befreundet. Na, schon wieder hier“, sagte er. Danach gingen wir einen Kaffee trinken.

Sie haben einem Fan mal die Nase gebro­chen. Warum?
Das war vor einem Spiel gegen den Linzer ASK. In einem Ein­kaufs­zen­trum kamen zwei Männer auf mich zu und wollten mir an den Kragen. Sie wirkten sehr betrunken auf mich, ich wehrte mich. Kurios war der Moment, als ein Poli­zist bei uns in der Kabine erschien: Herr Müller, bitte mit­kommen!“

Die beiden Fans waren zwi­schen­zeit­lich zur Polizei gegangen, hatten aber auch bei der Kronen-Zei­tung“ ange­rufen und geprahlt: Wir wollten, dass Müller nicht spielt.“
Bei der Polizei ver­strickten sie sich in wider­sprüch­liche Aus­sagen. Es war schnell klar, dass ich keine Schuld trug.

Hansi Müller war einer der ersten Popstars der Bundesliga. Nur logisch, war er doch selbst ein begnadeter Hobby-DJ. Das große Karriere-Interview mit Hansi Müller - jetzt in 11FREUNDE #220.

Gepostet von 11 FREUNDE am Mittwoch, 26. Februar 2020

Hansi Müller, Sie haben nach Ihrer aktiven Zeit im VfB-Vor­stand gear­beitet, waren Redak­teur bei Ranis­simo“ und WM-Bot­schafter 2006. Hätten Sie sich gewünscht, dass Ihre Kinder auch Fuß­baller werden?
Mein Sohn Leif hat früher in der VfB-Jugend gespielt, unter anderem mit Sami Khe­dira und Andreas Beck. Er hätte es viel­leicht geschafft, aber mit 16 sagte er, dass es zu viel wird. Sieben Tage die Woche Fuß­ball, keine Zeit für Freunde und Schule. Ich habe das ver­standen. Heute ist er DJ. Und das hat er auch von mir.

Inwie­fern?
Ich hatte früher eine Ste­reo­an­lage mit einem ein­ge­bauten Misch­pult. Zu seinem 13. Geburtstag habe ich ihm einen Mix auf Kas­sette gemacht. Fleet­wood Mac, Beatles, Beach Boys, so was halt. Ich glaube, er fand das ganz gut. Heute legt er im Berg­hain auf oder in Stutt­garter Clubs. Momentan hat er Auf­tritte in Süd­afrika. Dort ist gerade Sommer. Ach ja … (schaut nach draußen, wo es seit Stunden regnet) … DJ müsste man sein.