Dennis Aogo, Sie star­teten 2004 Ihre Profi-Kar­riere. Was würden Sie heute Ihrem 17-jäh­rigen Ich raten?
Ich würde sagen: Hör’ ein biss­chen mehr hin.“ Dann hätte ich damals mehr von dem ver­standen, was mein Trainer von mir ver­langte. Ich war in einem rebel­li­schen Alter und dachte, alles besser zu wissen. Mehr Demut hätte mir gut getan.

Ihr Jugend­trainer Chris­tian Streich gilt als Ihr dama­liger För­derer.
Ohne ihn hätte ich es nie zu den Profis geschafft, da wäre ich wohl auf die schiefe Bahn geraten. Drei Jahre vor meinem Durch­bruch bei den Profis stand ich am Schei­deweg. Im Frei­burger Fuß­ball-Internat wurden die Spieler nach drei Abmah­nungen raus­ge­schmissen. Ich durfte bleiben, obwohl ich auf mehr als drei kam. Aber Chris­tian Streich und Ste­fanie von Mer­tens, die Päd­agogin der Schule, haben wohl mensch­lich und sport­lich irgend­etwas in mir gesehen. Des­wegen bin ich ihnen bis heute sehr dankbar.

Imago0001602473h
Imago Images

Wofür haben Sie die Abmah­nungen bekommen?
Partys, Schlä­ge­reien, da war alles dabei. Wir haben die Schule geschwänzt und dann irgend­wel­chen Quatsch in der Stadt gemacht. Kamen nie pünkt­lich nach Hause. Eigent­lich der typi­sche Mist, den man als Teen­ager anstellt, aber nicht, wenn du Profi werden willst. Im Nach­hinein muss ich sagen: Ich habe damals ein­fach nach Halt gesucht.

Inwie­fern?
In meiner Jugend habe ich viele schwie­rige Momente erlebt. Danach habe ich viel mit mir selbst aus­ge­macht und wirkte manchmal ver­schlossen. Meine Eltern haben sich früh scheiden lassen, mit 13 bin ich mit meinem Vater von zu Hause weg­ge­zogen. Da er aber oft arbeiten musste, lebte ich tags­über bei einer Pfle­ge­fa­milie. Wenig später wech­selte ich dann ins Fuß­ball-Internat. Die frühen Teen­ager­jahre waren eine harte Zeit für mich: weg von zu Hause, von den Geschwis­tern, von den Freunden, in eine andere Stadt. Keiner hat mir einen Rahmen vor­ge­geben, also habe ich in der Inter­nats­zeit meine Grenzen aus­ge­testet.

Was haben Streich und Ste­fanie von Mer­tens ver­än­dert?

Sie haben mich kon­se­quent in die Schranken ver­wiesen. Die schlimmste Sank­tion war, dass ich manchmal nicht mit­trai­nieren durfte. Streich hat mich auch auf eine Diät gesetzt; jede Woche sollte ich ein halbes Kilo abnehmen. Zusätz­lich zum Trai­ning musste ich eine Stunde Dau­er­lauf mit dem Ath­le­tik­trainer absol­vieren. Ich wurde dis­zi­pli­niert, bis bei mir der Gro­schen fiel: Hey, du kannst hier wirk­lich Profi werden! Von da an wurde ich regel­recht besessen, habe auch zusätz­lich viel alleine trai­niert und bin öfters mit dem Fahrrad zum SC-Gelände gefahren. Dort habe ich mir das Trai­ning der Profis ange­schaut.

An einem Tag spielst du Bun­des­liga und am anderen Tag wischt du Hin­tern im Alten­heim ab“

Dennis Aogo über sein Freiwilliges Soziales Jahr
PAULINAHILDESHEIM 11 FREUNDE AOGO DSC9894
Pau­lina Hil­des­heim

Sie arbei­teten wegen eines Frei­wil­ligen Sozialen Jahres im Alten­heim. War das auch eine Idee von Streich?
Nein, damals gab es noch die Wehr­pflicht und dieses FSJ ersetzte meinen Zivil­dienst. Es war eine krasse und ein­schnei­dende Erfah­rung, von der ich bis heute zehre. Sie müssen sich vor­stellen: Damals war ich schon eine Art Shoo­ting­star in Frei­burg, an einem Tag spielst du Bun­des­liga und am anderen Tag wischt du Hin­tern im Alten­heim ab. Einen Abend bist du im Showbiz, am nächsten Morgen musst du Senioren füt­tern. Ich habe die Men­schen auch wirk­lich gepflegt, da gab es keine Extra­be­hand­lung für mich. Ich habe sogar mal eine Leiche gesäu­bert, den Ver­band umge­bunden und die Hände gefaltet.

Das gehört nicht unbe­dingt zur Auf­gabe eines FSJ-lers.
Ich hatte den Ver­stor­benen jeden Tag gepflegt und eine beson­dere Bezie­hung zu ihm auf­ge­baut. Es ist unglaub­lich, wie viel Wärme man von den älteren Men­schen zurück­be­kommt. Die Ange­stellten haben mich auch vorher gefragt, ob ich wirk­lich einen Toten pflegen wollte. Wenn ich heute Freunden von dieser Zeit erzähle, halten sie das für bloße Storys. Manche ekeln sich. Aber ich habe einen unglaub­li­chen Respekt vor Men­schen, die in der Alten- oder Kran­ken­pflege arbeiten.

Haben Sie in Ihren Mann­schaften eher Kon­takt gehalten zu Spie­lern mit einem ähn­lich unge­raden Kar­rie­reweg?
Nein, man spricht in der Kabine eigent­lich selten über den Wer­de­gang. Und bei meinem Wechsel zum HSV war ich regel­recht ein­ge­schüch­tert. Ich kam aus der zweiten Liga in Frei­burg zu einem Klub, bei dem mit Rafael van der Vaart oder Vin­cent Kom­pany richtig gestan­dene Spieler kickten. Da musste ich mir den Respekt ver­dienen und gleich­zeitig meine Schüch­tern­heit ablegen.

Wie ver­dient man sich Respekt in einer Mann­schaft?
Natür­lich zuerst durch Leis­tung, dann kommt das Zwi­schen­mensch­liche. Mit­spieler haben gene­rell einen Blick dafür, wenn jemand kein Spinner ist. Aber das Komi­sche im Fuß­ball ist auch, dass der größte Quatsch­kopf in der Hier­ar­chie oben stehen kann, wenn er seine Leis­tung bringt. Wenn umge­kehrt ein feiner Kerl nicht super spielt, hat er es schwer im internen Ran­king.

Gibt es die viel beschwo­renen Team­a­bende noch?
In meiner Anfangs­zeit in Frei­burg sind wir auch oft unter der Woche zusammen um die Häuser gezogen, später wurde das immer sel­tener. Da heißt es gleich: Ach, die kon­zen­trieren sich nicht auf ihren Job. Dabei ist es so wichtig, auch mal den Kopf frei zu bekommen und sich mit dem Mit­spieler über andere Themen als Fuß­ball zu unter­halten. Ich bin mir sicher: Wenn du deinen Mit­spieler auf diese Art besser kennen lernst, machst du auch auf dem Rasen die ent­schei­denden Meter für ihn. Doch dieser Team­spirit ist etwas ver­loren gegangen.