Es gibt viele Wege, als Fan Kar­riere zu machen: Du kannst es zum Viel- oder Alles­fahrer bringen. Zum Fah­nen­schwenker, zum Trom­peter, zum Vor­sänger oder zum Bier-Halter des Tromm­lers. Oder du bist eng­li­scher Edelfan des spa­ni­schen Zweit­li­gisten SD Pon­fer­ra­dina, Inhaber eines eigenen kleinen Klub­mu­seums mit fast 3.000 Aus­stel­lungs-Gegen­ständen, Star der jüngsten Auf­stiegs­feier (wo du eine gran­diose Gän­se­haut-Rede vor 6.000 Men­schen auf dem Rat­haus­platz gehalten hast) und natür­lich bekannt aus sämt­li­chen spa­ni­schen Medien sowie aus dem ira­ni­schen Fern­sehen, das dir eine eigene Doku gewidmet hat. Kurzum: Du bist der Typ, dessen Namen die Spieler von SD Pon­fer­ra­dina singen.

Was klingt wie eine Kla­mauk-Geschichte à la Ted Lasso“, ist die wahre Story des Chris Pidgeon (41). Der Mann aus York zog vor zehn Jahren aus, um den Jakobsweg nach Sant­iago de Com­pos­tela zu gehen. Chris war ursprüng­lich Fan von New­castle United, die bekannt­lich im St. James‘ Park spielen. Und in Sant­iago liegen die Gebeine des Hei­ligen Jakobus (eng­lisch: St. James) begraben. Doch Chris kam nur bis ins 250 Kilo­meter ent­fernte Pon­fer­rada. Dort, das spürte er, hatte er seine Bestim­mung gefunden. Chris ging zum Fuß­ball und ver­liebte sich. Ansatzlos. Der Rest ist Romantik pur. Und garan­tiert besser als jedes Dreh­buch.

Ein Gän­se­haut-Krib­beln

Ein Teil von mir blieb damals dort, und seitdem bin ich immer wieder zurück­ge­kehrt. Ich bin total besessen“, ver­riet Chris kürz­lich im Gespräch mit BBC Sport. Der Fuß­ball hat mich schon immer ange­zogen, aber als ich das Sta­dion von SD Pon­fer­ra­dina sah, hatte es eine magi­sche Wir­kung auf mich. Viele Leute haben auf dem Jakobsweg spi­ri­tu­elle Erfah­rungen gemacht, ich auch. Ich bekam Schüt­tel­frost, es war so ein Gän­se­haut-Krib­beln – ein großer Teil meines Her­zens ist dort und wird für immer dort sein.“

Drei Jahre nach seiner Heim­spiel-Pre­miere im Estadio El Toralín packte Chris seine sieben Sachen und zog gemeinsam mit seiner Frau von York nach Pon­fer­rada. In den ersten zwei Jahren vor Ort radelte El Inglés“ (Der Eng­länder) zu allen 42 Aus­wärts­spielen seiner neuen Fuß­ball-Liebe und absol­vierte eine Gesamt­strecke von rund 19.000 Kilo­me­tern. Auch Chris‘ erste Tochter kam in Pon­fer­rada zur Welt, was der Papa um ein Haar ver­passt hätte. Als die Wehen ein­setzten, war ich gerade aus­wärts in San­tander, also musste ich mich ganz schön beeilen. Am dar­auf­fol­genden Wochen­ende hatten wir die Chance auf­zu­steigen, es waren fan­tas­ti­sche Tage.“

Zwar ist der inzwi­schen zwei­fache Vater vor ein paar Jahren mit seiner Familie zurück nach Eng­land gezogen, doch Pon­fer­rada wird für immer seine zweite Heimat bleiben. Chris hat wei­terhin eine Dau­er­karte bei seinem Klub. Bis zum Aus­bruch der Pan­demie flog er zwi­schen zehn- und 14-mal pro Saison nach Nord­spa­nien, um die Blan­quiazul“ (Blau-Weißen) zu unter­stützen. Im Gepäck hatte er meist sein blaues Riesen-Banner mit der Auf­schrift No one likes us – we don’t care“.

Die Leute in Eng­land fragen Chris oft, warum er damals nach Spa­nien gezogen sei. Etwa wegen der Sonne? Aber nein, es ist eher kühl dort und sehr bergig“, klärt er auf. Es gibt zahl­reiche Flüsse und eine Temp­ler­burg aus dem 12. Jahr­hun­dert. Ins­ge­samt ist es ein­fach eine mär­chen­hafte Gegend. Ich sehe dort Schön­heit in jeder Ecke und ich mag es, in den Bergen wan­dern zu gehen oder die Pilger zu treffen, die durch die Stadt ziehen. Ich liebe die Men­schen, die Herz­lich­keit, das Essen.“ Und nun, da seine Tochter dort geboren wurde, sei die Bin­dung sowieso ewig.

Ein Hei­liger in der Kabine

Stadt und Verein haben Chris Pidgeon ihrer­seits längst adop­tiert – und ein Stück weit zum Hei­ligen erklärt. Als SD Pon­fer­ra­dina im Mai 2019 die Play­offs zum Auf­stieg in die 2. Liga erreicht hatte, flog der Edelfan natür­lich zum Heim­spiel ein. Vor dem Anpfiff durfte er die Mann­schaft in der Kabine besu­chen. Als der Auf­stieg geschafft war, war das Mär­chen-Fee­ling für Chris kom­plett: Ich wurde ein­ge­laden, den Bür­ger­meister zu treffen. Sie baten mich, vom Rat­haus-Balkon aus zu den Fans zu spre­chen.“ Wäh­rend­dessen begannen die Spieler, Chris is on Fire!“ zu singen, nach der Melodie des Dance-Hits Freed From Desire“ von Gala. Es war eine absolut krasse Erfah­rung“, erin­nert sich der Gefei­erte. Ich kneife mich heute noch manchmal.“

Als im März 2020 klar wurde, dass Fuß­ball-Reisen für län­gere Zeit unmög­lich sein würden, fasste Chris einen spon­tanen Ent­schluss: Er flog zum Aus­wärts­spiel bei CD Tene­riffa, wo ihn wegen der Pan­demie jedoch kein Hotel mehr beher­bergen wollte. Die Nacht ver­brachte er auf einer harten Bank in der zugigen Kälte vor dem Flug­hafen-Gebäude. Erst am Morgen erbarmten sich ein paar Jungs und reichten Chris einen heißen Kaffee sowie ein paar Sand­wi­ches: Es waren die Profis von SD Pon­fer­ra­dina, die soeben gelandet waren.

Am 3. Oktober will El Inglés“ sein Team end­lich wieder live spielen sehen – zu Hause, gegen Real Val­la­dolid. Schließ­lich feiert SD Pon­fer­ra­dina bald sein 100-jäh­riges Bestehen. Ins­ge­heim lieb­äu­gelt der Pro­vinz­klub sogar mit dem Auf­stieg in die Pri­mera Divi­sión. Chris Pidgeon sollte schon mal an seiner nächsten Rede feilen.