Hasan Sali­ha­midzic, wo schauen Sie heute das Spiel?
Hasan Sali­ha­midzic: Ent­weder bei mir zu Hause oder zusammen mit den Mit­spie­lern beim VfL Wolfs­burg. Wir machen das manchmal unter der Woche, zuletzt beim 7:0‑Sieg der Bayern gegen Basel. Viel­leicht können wir spontan noch etwas orga­ni­sieren.

Bayern gegen Real – gibt es da über­haupt einen Favo­riten?
Hasan Sali­ha­midzic: Also wenn Sie mich so fragen: Real ist der leichte Favorit. 

Warum?
Hasan Sali­ha­midzic: Die Bayern haben die letzten Spiele nicht erfolg­reich bestritten. Wenn sie gegen Dort­mund und Mainz gewonnen hätten, wäre das anders. Aber so etwas geht nicht spurlos an einer Mann­schaft vorbei. Aber wissen Sie, was mir ein biss­chen auf die Nerven geht?

Sagen Sie es mir.
Hasan Sali­ha­midzic: Das Gerede vom Finale in Mün­chen. Sicher wäre das ein über­ra­gendes Erlebnis, im eigenen Sta­dion die Cham­pions League zu gewinnen. Aber des­wegen darf sich die Mann­schaft auf keinen Fall zusätz­lich unter Druck gesetzt fühlen. Es ist das Halb­fi­nale der Cham­pions League – da haben die Bayern nichts zu ver­lieren!

Wie können die Bayern Real Madrid kna­cken?
Hasan Sali­ha­midzic: Sie müssen von Anfang an Druck aus­üben, dürfen den Gegner nicht zum Spiel kommen lassen. Sobald Sie nach hinten gedrängt werden, wird es ver­dammt schwer. Außerdem werden solche Spiele auch häufig auf den Schalt­sta­tionen im Mit­tel­feld ent­schieden.

Und da sind die Bayern gut auf­ge­stellt?
Hasan Sali­ha­midzic: Absolut. Schweini kenne ich ja noch aus meiner Zeit bei den Bayern. Damals hat er aber noch nicht im Zen­trum gespielt. Er hat seitdem nochmal einen großen Sprung zum Füh­rungs­spieler gemacht. Philipp Lahm, der damals auch schon da, übri­gens auch, was ja alleine schon dadurch deut­lich wird, dass er jetzt Kapitän ist.

Ist Bas­tian Schwein­s­teiger also der neue Stefan Effen­berg, der damals, als Sie mit den Bayern die Cham­pions League holten, als der Leader schlechthin galt?
Hasan Sali­ha­midzic: Effe war sehr wichtig für uns. Aber es wird ja gesagt, dass immer er es war, der mal dazwi­schen gehauen hat, wenn es bei uns nicht lief. Das will ich so nicht stehen lassen. Wir hatten eine tolle Mann­schaft, in der jeder Spieler seinen Auf­gaben nach­ge­gangen ist. Des­wegen haben wir uns auch als Mann­schaft gemeinsam aus einer schwie­rigen Situa­tion gezogen. Und zu Effe spe­ziell: Er hatte immer noch Jerry (Jens Jere­mies, Anm. d. Red.) oder Finki (Torsten Fink, Anm. d. Red.) neben sich. Ohne die hätte Effe sein Spiel nach vorne gar nicht auf­ziehen können.

Ihr Gegen­spieler bei Real Madrid war damals Roberto Carlos, mit dem Sie sich legen­däre Duelle gelie­fert haben. Wie war es, gegen ihn zu spielen?
Hasan Sali­ha­midzic: Roberto Carlos hatte seine Qua­li­täten in der Offen­sive. Sein Ziel war es immer, den Gegen­spieler in der eigenen Hälfte zu beschäf­tigen. Bei mir war es ähn­lich, und so sind wir uns meis­tens an den jewei­ligen Straf­räumen begegnet und haben uns das Leben schwer­ge­macht. Ich hatte per­sön­lich nichts gegen Roberto Carlos, habe aller­größten Respekt vor seiner Kar­riere. Ich wollte aber nach der Final­nie­der­lage gegen Man­chester United 1999 unbe­dingt den Pott gewinnen und habe es mir des­wegen zur Auf­gabe gemacht, ein unan­ge­nehmer Spieler zu sein, wes­halb ich bei ihm wohl nicht so beliebt war.

Roberto Carlos ver­passte Ihnen im Cham­pions-League-Halb­fi­nale 2002 einen Cut an der Nase, nachdem Sie behauptet hatten, die Real-Spieler machen sich in die Hose, wenn man sie unter Druck setzt.
Hasan Sali­ha­midzic: Ein­spruch! Das habe ich damals so nie gesagt!

Son­dern?
Ich habe gesagt, dass wir unbe­dingt dahin kommen müssen, dass die Gegner Respekt, ja Angst vor uns haben, wenn sie nach Mün­chen kommen. Diese Aus­sage wurde aber falsch über­setzt und hatte nicht spe­ziell etwas mit Real zu tun. Sie lan­dete aber in Spa­nien. Auch des­halb war ich dort ziem­lich unbe­liebt und habe dafür von Roberto Carlos eins auf die Nase bekommen. (lacht) Aber diese Duelle gehörten dazu. Wenn ich daran zurück­denke, wie sich Liza (Bixente Liz­a­razu, Anm. d. Red.) und Luis Figo auf der anderen Außen­bahn bekämpft haben – herr­lich!

2000/01, als Sie die Cham­pions League gewannen, schlugen Sie Real Madrid im Halb­fi­nale mit 1:0 und 2:1. Im Hin­spiel musste Oliver Kahn aller­dings einige Welt­klasse-Paraden zeigen. Wie viel Glück war damals dabei?
Hasan Sali­ha­midzic: Wenn man beide Spiele gewinnt, im Ber­nabeu besteht, glaube ich nicht, dass das noch etwas mit Glück zu tun hat.

Hat also die bes­sere Mann­schaft gewonnen?
Hasan Sali­ha­midzic: Wenn man sich die ein­zelnen Spieler ansieht, die damals bei beiden Mann­schaften auf dem Platz standen, dann hatte Real Madrid indi­vi­duell gesehen wahr­schein­lich eine höhere Qua­lität. Wir kamen über unseren tollen Mann­schafts­geist. Wobei ich sagen muss: Wir hatten auch Spieler wie den Scholli (Mehmet Scholl, Anm. d. Red.) oder Gio­vane Elber dabei, die tech­nisch Welt­klasse waren.

Wie hat Ottmar Hitz­feld die Mann­schaft auf diese Spiele ein­ge­stellt?
Hasan Sali­ha­midzic: Wir sind in der Cham­pions League gerade bei Heim­spielen eigent­lich immer nach dem glei­chen Muster vor­ge­gangen: In den ersten 15 Minuten sollten wir den Gegner unter Druck setzen, in die eigene Hälfte drängen und ein frühes Tor erzielen. Oft ist uns das auch gelungen. Wir haben so ja bei­spiels­weise das schnellste Tor der Cham­pions League erzielt (Roy Makaay nach Sali­ha­midzic-Vor­ar­beit gegen Real Madrid in der Saison 2006/07, Anm. d. Red.). Des­wegen sage ich auch heute noch: Die Bayern müssen von Anfang an Druck machen, gerade in einem Heim­spiel. Dann ist alles mög­lich.

Hat das Real Madrid der Gegen­wart einen ent­schei­denden Spieler, den es aus­zu­schalten gilt?
Hasan Sali­ha­midzic: Über Cris­tiano Ronaldos Qua­li­täten müssen wir uns nicht unter­halten, da braucht man nur auf die Tor­jä­ger­liste zu schauen. Aber selbst, wenn es gelingt, ihn zu neu­tra­li­sieren, stehen da ja noch andere Spieler auf dem Platz, die auch nicht ganz so schlecht sind.

Hasan Sali­ha­midzic, wenn Sie das Spiel heute mit ihren VfL-Kol­legen schauen, sind Sie sind dann der ein­zige, der jubelnd die Arme hoch­reißt, wenn Bayern trifft?
Hasan Sali­ha­midzic: (über­legt) So ziem­lich ja! (lacht) Aber diesmal werde ich im Vor­feld viel­leicht noch das ein oder andere ernste Wört­chen mit meinen Kol­legen reden. Wenn Bayern gewinnt, tut das ja ganz Deutsch­land gut.