» Lest hier Teil 1 des Inter­views mit Michael Preetz

Michael Preetz, was haben Sie 2012 über Medien gelernt?
Ich habe schon in den ver­gan­genen zwei, drei Jahren fest­ge­stellt, dass sich die Art des Umgangs – nicht nur im Fuß­ball, auch in der Gesell­schaft all­ge­mein – ver­än­dert hat. Es ist rück­sichts­loser geworden. Der große Druck, der in den Ver­lagen herrscht, trägt offenbar dazu bei. Das ist in der Wirt­schaft und in der Politik nicht anders als im Fuß­ball.

In wel­chen Berei­chen haben Sie als Manager dazu­ge­lernt?
Sport­li­cher Erfolg und damit auch die Wei­ter­ent­wick­lung der Mann­schaft funk­tio­niert nur mit Geschlos­sen­heit und einem ver­trau­ens­vollen Mit­ein­ander. Respekt, Zusam­men­halt, Cha­rak­ter­stärke, Ehr­lich­keit und die Bereit­schaft aller Betei­ligten, alles für den Erfolg zu tun.
 
Was würden Sie bezogen auf die Anschul­di­gungen von Markus Babbel, die zu seiner Ent­las­sung führten, heute anders machen?
Ich habe daraus gelernt, dass man in so einer Situa­tion auch das sagen sollte, was man weiß. Auch wenn es dann für öffent­li­ches Auf­sehen sorgt.

Und was haben Sie bezogen auf Trai­ner­ver­pflich­tungen gelernt?
Dass im Fuß­ball immer auch das Quänt­chen Glück eine ent­schei­dende Rolle spielt, weil man den Men­schen nur vor und nicht in den Kopf schauen kann. Und dass es auch auf den rich­tigen Rie­cher ankommt. Denn ich glaube, mit Jos Luhukay nicht nur Glück, son­dern auch den rich­tigen Rie­cher gehabt zu haben.

Wie schwer war es, Luhukay für das Unter­nehmen Wie­der­auf­stieg zu gewinnen?
Unsere ersten Gespräche fanden in der Zeit kurz vor der Rele­ga­tion statt. Jos Luhukay hätte natür­lich lie­bend gern Hertha BSC als Bun­des­li­gisten über­nommen. Er hat aber bereits zu diesem Zeit­punkt keine Zweifel daran gelassen, dass er auch kommt, falls Hertha absteigt. Er hat sich gleich im ersten Gespräch zu uns bekannt. Das emp­fand ich als unglaub­lich starkes Zei­chen für Hertha BSC.
 
Haben Sie eine gewisse Scha­den­freude emp­funden, als Markus Babbel vor kurzem in Hof­fen­heim ent­lassen wurde?
Sol­chen Emp­fin­dungen liegen mir fern. Es ist am Ende mit ihm nicht glück­lich gelaufen, aber das ist für mich Ver­gan­gen­heit.

Ihre lus­tigste Anek­dote aus der Zeit mit Otto Reh­hagel?
Leider war in dieser Phase wenig Gele­gen­heit zum Spaßen. Ich kann nur sagen, dass ich ihn als sehr geraden, ehr­li­chen Men­schen erlebt habe, der nichts sehn­li­cher wollte, als den Klas­sen­er­halt zu schaffen. Mir ist es sehr nahe gegangen, wie despek­tier­lich Teile der Presse mit ihm umge­gangen sind.

Reh­hagel hat viel erlebt in seiner langen Kar­riere. Woran merkten Sie, dass auch für einen wie ihn der Abstieg keine Rou­tine ist?
Nach man­chen Spielen saß er fas­sungslos in der Kabine, ange­sichts der teil­weise skur­rilen Eigen­tore und Platz­ver­weise, die wir uns ein­han­delten. Wir tele­fo­nieren heute noch regel­mäßig und immer erwähnt er, was man alles planen und durch­denken kann, aber solche Ereig­nisse könne nie­mand vor­aus­sehen.
 
Reh­hagel war, trotz des nega­tiven Aus­gangs, kein Fehler?
Jeden­falls habe ich in keinem Moment den Ein­druck gehabt, dass er nicht für die Sache brennt oder nicht bereit ist, alles in Bewe­gung zu setzen, damit wir unser Ziel errei­chen. Otto Reh­hagel ist im Februar ins Hotel Kem­pinski“ ein­ge­zogen und war bis Ende Mai rund um die Uhr in Berlin. Nicht einen Tag war er zuhause in Essen bei seiner Beate. Sie werden sagen: Mein Gott, drei Monate?“ Aber ich kann Ihnen aus Erfah­rung sagen, dass es auch Trainer gibt, die in kri­ti­schen Phasen den­noch jeden freien Tag nutzen, um zur Familie zu fahren oder was­wei­ßich wohin…?

Hat Reh­hagel den­noch Fehler gemacht?
Es gibt nichts, was ich ihm im Nach­hinein ankreiden könnte.

In der zweiten Liga liegt der aktu­elle Zuschau­er­schnitt etwa 8000 Besu­cher nied­riger als in der ersten Liga. Hat die Sym­pa­thie zu Hertha BSC unter dem neu­er­li­chen Abstieg gelitten?
Schwer zu sagen. Die Mit­glie­der­zahl ist stabil. Wir sind euro­pa­weit beim Zuschau­er­schnitt immer noch auf Platz 13 im Ran­king aller Klubs. Trotz der schlech­teren Anstoß­zeiten in der zweiten Liga glauben wir, am Ende der Saison einen Schnitt über 40 000 Zuschauern zu schaffen. Aber natür­lich ist ein Abstieg auch für Fans ent­täu­schend. Den­noch glaube ich, dass das geschlos­sene und homo­gene Auf­treten der Mann­schaft in dieser Hin­runde und die Art wie wir Fuß­ball­spielen, wieder einiges an Kredit für Hertha BSC zurück­ge­wonnen hat. 
 
Viele Neu­ver­pflich­tungen sind gut ein­ge­schlagen. Ein Zei­chen für Ihre gute Koope­ra­tion mit Jos Luhukay?
Wir arbeiten sehr gut und sehr ver­trau­ens­voll mit­ein­ander. Wir glauben, dass der Kader in der Breite und in der Tiefe glei­cher­maßen sehr ordent­lich auf­ge­stellt ist und die Zusam­men­set­zung uns mehr Mög­lich­keiten als im Auf­stiegs­jahr vor­letzte Saison gibt.

Adrian Ramos scheint wieder wesent­lich besser drauf zu sein.
Da würde ich jetzt ket­ze­risch sagen: Es ist auch nicht schwer, besser als im Abstiegs­jahr zu sein. (Lacht.) Aber lassen wir die Kirche im Dorf: Ramos hat sechs Tore in der Hin­runde geschossen, das kann nicht der Anspruch eines sol­chen Spie­lers sein. Er spielt ordent­lich, aber er kann noch viel mehr.
 
Wie geht Luhukay mit ihm um?
Der Trainer setzt ihn auf seiner Lieb­lings­po­si­tion in der Spitze ein. Das ist gerade vor dem Hin­ter­grund der Kon­kur­renz, die wir aktuell im Sturm haben, ein großer Ver­trau­ens­vor­schuss. Aber Adrian setzt sich auch des­halb durch, weil er ein guter Spieler ist.

Ronny scheint nur darauf gewartet zu haben, dass er aus dem Schatten seines Bru­ders Raf­fael treten kann. Oder hat Luhukay Ronnys Durch­bruch befeuert?
Sowohl als auch. Da Raf­fael nicht mehr da ist, war die hän­gende Spitze vakant. Von Luhu­kays Vor­gän­gern war Ronny aus­schließ­lich links hinten oder im linken oder rechten Mit­tel­feld ein­ge­setzt worden. Mir war immer klar, dass er eine außer­ge­wöhn­liche Qua­lität hat. Ich sagte also dem neuen Trainer, dass es bis heute keiner geschafft hat, alle Fähig­keiten aus ihm raus­zu­kit­zeln. Ent­schei­dend war dann wohl, dass der Coach Ronny – im Gegen­satz zu seinen Vor­gän­gern – auch nach schwä­cheren Spielen immer wieder Ver­trauen geschenkt hat.

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Was Ronny aktuell mit Bra­vour zurück­zahlt.
Luhukay weiß, wann er ihn for­dern und wann er ihn strei­cheln muss. Zwei­fels­ohne hat Ronny in der Hin­runde in vielen Spielen den Unter­schied gemacht und einen großen Ein­fluss auf das Spiel unserer Mann­schaft gehabt. Hof­fent­lich schafft er es auch in der Rück­runde.
 
Warum zwei­feln Sie daran?
Ich bin immer noch skep­tisch. Auch in der Ver­gan­gen­heit hatte Ronny Momente, in denen er Spiele ent­scheiden konnte. Leider blieb es nur bei diesen wenigen Augen­bli­cken. Ich würde mir wün­schen, dass er seinen Ver­trag ver­län­gert, wir zusammen in die Bun­des­liga auf­steigen und er dort ähn­lich stark spielt.
 
Alle Spieler wurden von Ihnen nach dem Abstieg mit ange­passten Ver­trägen und Zweit­liga-Gehäl­tern aus­ge­stattet.
Wie gesagt, es war ein anstren­gender Sommer. Bei dem ein oder anderen war viel Über­zeu­gungs­ar­beit not­wendig.

Den­noch haben Sie vor der Saison gesagt, ein Auf­stieg wäre schön, sei aber keine Pflicht.
Das habe ich in einem anderen Kon­text gesagt. Ich wollte sagen: Selbst wenn wir dieses Jahr nicht auf­steigen, wird bei Hertha BSC auch in der nächsten Saison noch Fuß­ball gespielt. Den­noch brau­chen wir drin­gend den Auf­stieg, ins­be­son­dere weil der neue TV-Ver­trag für Erst­li­gisten erheb­lich höhere Erlöse ver­spricht, die in unserer wirt­schaft­li­chen Lage sehr helfen würden.

Auch der 1. FC Union hat eine ordent­liche Hin­runde gespielt. Fänden Sie es gut, wenn die Köpe­ni­cker mit auf­steigen – vor­aus­ge­setzt Hertha packt es?
Eine Stadt wie Berlin kann so etwas ver­kraften und dort wird so gut gear­beitet, dass es mit­tel­fristig nicht unrea­lis­tisch ist. Für uns würde es den Vor­teil haben, dass wir von vorn­herein ein Spiel mehr in der Saison aus­ver­kaufen.

Hertha BSC hat gegen­wärtig Schulden von rund 42 Mil­lionen Euro. Kann der Klub mit­tel­fristig nur mit Hilfe eines Mäzens dem Dasein als Fahr­stuhl­mann­schaft ent­kommen?
Um diese Spi­rale zu durch­bre­chen, brau­chen wir auch Geld von außer­halb. Da haben Sie leider recht.

Beim TSV 1860 Mün­chen bestimmt der jor­da­ni­sche Geld­geber zuneh­mend die Klub­ge­schäfte.
Aus der Ferne ist das schwer zu beur­teilen. In Deutsch­land gibt es immer noch die 50+1‑Regel. Es gibt gegen­wärtig auch nie­manden, der bei uns dafür in Frage käme. Um einen wirk­lich potenten Geld­geber an Land zu ziehen, bräuchten wir die Platt­form der ersten Liga. Aber ich denke, wir haben auch im Spon­so­ring längst noch nicht alle Mög­lich­keiten aus­ge­schöpft. Schließ­lich sind wir die Haupt­stadt und das Zen­trum Europas. Da schlum­mern noch Mög­lich­keiten.

Danke fürs Stich­wort: 2015 findet das Cham­pions League Finale in Berlin statt. In Mün­chen läuft bei sol­chen Per­spek­tiven das Unter­nehmen Finale daheim“ an, in Berlin geht das aus wirt­schaft­li­chen Gründen nicht.
Von der Cham­pions League brau­chen wir nicht zu träumen, den­noch sollte es ein Ansporn sein, den Abstand nach dorthin zu ver­kürzen. In der ersten Liga schauen hier näm­lich alle auch anders auf diesen Wett­be­werb.

Warum?
Weil dort Mann­schaften mit­spielen, mit denen wir uns dann zweimal in der Saison messen.

Michael Preetz, Ihr guter Vor­satz für 2013?
Ich bin weder Rau­cher, noch gibt es andere Dinge, die ich mir aus meiner Sicht drin­gend abge­wöhnen sollte. Des­wegen bin ich bis­lang gut ohne Neu­jahrs­vor­sätze aus­ge­kommen. Machen Sie doch einen Vor­schlag: Was soll ich mir vor­nehmen?

Weniger auf­regen?
Ver­gessen Sie’s. (Lacht.) Das hält genau bis zum 1. Januar um 11.00 Uhr.