Seite 2: Ein Team von Besessenen

Arsenal 2003/04 – das war große Kunst und großer Erfolg. Heute ist die Ansicht weit ver­breitet, der Erfolg schließe das schöne Spiel aus. Selbst Joa­chim Löw, der in einem 11FREUNDE-Inter­view einst pos­tu­lierte: Nur wer schön spielt, holt Titel“, scheint den Prag­ma­tiker in sich ent­deckt zu haben. Arse­nals Unbe­sieg­bare“ waren beseelt von der Idee ihres Trai­ners, zusam­men­ge­schweißt für Wen­gers Visionen. Wenn man so will, spielten wir Fan­tasy Foot­ball. Wir waren stark, wir schlugen alle und wir hatten die Mög­lich­keit, auf dem Platz Dinge aus­zu­pro­bieren, die andere sich nicht trauten“, sagte der gran­diose Mit­tel­feld­spieler Robert Pires in einem Inter­view mit French Foot­ball“ über diese Zeit. Ihre Ent­schlos­sen­heit, ihre Non­cha­lance, ihre schein­bare Mühe­lo­sig­keit sahen manche Kon­kur­renten als Arro­ganz. Pires sagte: Wir waren nicht arro­gant, wir fühlten uns nur unbe­siegbar.“

Leh­mann spielt seine erste Saison bei Arsenal

Den Glauben an die Unbe­sieg­bar­keit hatte ihnen Arsene Wenger implan­tiert. Schon in der Vor­saison war er es gewesen, der öffent­lich von dem Ziel gespro­chen hatte, eine ganze Saison ohne Nie­der­lage durch­zu­stehen. Das war – nicht nur ver­gli­chen mit heu­tiger Wir-denken-von-Spiel-zu-Spiel“-Rhetorik – min­des­tens kühn. Doch wäh­rend andere eng­li­sche Teams wie das aus Russ­land ali­men­tierte Chelsea mit dem dicken Geld­koffer in der Hand ein­kauften, ver­traute Wenger auf sein bestehendes Gerüst.

Jens Leh­mann kam aus Dort­mund und war damit der ein­zige nam­hafte Neu­zu­gang. In Wirk­lich­keit war er als Ersatz für David Seaman nur das wohl letzte feh­lende Puz­zle­teil. Die Mann­schaft stand: Sol Camp­bell, the rock“, mit Kolo Toure in der Ver­tei­di­gung, der flinke Ashley Cole auf außen, Patrick Vieira, der Leader, Fre­drik Ljung­berg, der ele­gante Robert Pires, der Magier“ Dennis Berg­kamp, der Voll­stre­cker Thierry Henry. Jeder Spieler war auf seine Weise groß, doch erst im Zusam­men­spiel mit den anderen genial. Es war wie bei Oce­an’s Eleven“, es war Wen­ger’s Eleven“.

Die Mann­schaft war fein auf­ein­ander abge­stimmt. Jens Leh­mann erzählte der Süd­deut­schen Zei­tung“ damals, wie schwer es für neue Spieler sei, sich in diese Abläufe ein­zu­glie­dern, die Phi­lo­so­phie zu ver­in­ner­li­chen. Jose Reyes, der mitt­ler­weile sehr gut spielt, hat zwei Wochen gebraucht, bis er im Trai­ning mal eine Kom­bi­na­tion mit­ma­chen konnte“, sagte Leh­mann.

Intel­li­genz beim Kon­tern

Bei Arsenal kamen die Spieler in der Defen­sive schnell hinter den Ball, bei eigenen Angriffen schwärmten sie alle aus. Manchmal in so unter­schied­li­chen Cho­reo­gra­fien, dass sich keine geg­ne­ri­sche Abwehr­reihe mehr zu helfen wusste. Henry ging auf links, zog dann nach innen, Berg­kamp ließ sich zurück­fallen, Pires stach aus dem Mit­tel­feld rein, wech­selte zurück, wenn Cole über links vor­rückte – es waren tau­send kleine Fäden. Doch das Spiel griff, weil die Qua­lität der Spieler derart hoch war. Und weil jeder Ein­zelne bereit war, in den Raum des anderen zu laufen. Nahezu in jeder Situa­tion hatte der Ball­füh­rende eine Anspiel­mög­lich­keit. Arsenal bewies, dass der Pass nicht vom Pass­geber, son­dern vom Lauf des Mit­spie­lers bestimmt wird. Mehr noch: Sie liefen nicht nur mit, sie dachten mit.

Thierry Henry sagte 2004 in einem Inter­view mit der FAZ“: Wenn wir auf unserer rechten Seite ange­griffen werden und ich stehe auf der linken, dann werde ich allein sein, iso­liert, wenn wir den Ball gewonnen haben. Also ver­la­gere ich mich, sorge dafür, dass ich gut stehe für den Gegen­an­griff. Wenn der Ball dann kommt, sehe ich das ganze Spiel vor mir. Ich sehe die Lauf­wege, die Pass­wege, den mög­li­chen Abschluss, alles. Ich weiß meis­tens intuitiv, wie meine Mit­spieler sich bewegen.“

Schönes Spiel, häss­liche Momente

Arsene Wenger sagte dieser Tage in einem Inter­view mit der Buch­au­torin Amy Law­rence: Wenn man sich den Erfolg dieser Mann­schaft anschaut, muss man auch eines fest­stellen: Die Jungs waren intel­li­gent.“ Gerade daher mag es über­ra­schen, wie eruptiv und aggressiv diese Truppe von smarten Spie­lern mit diesem fein­glied­rigen, phi­lo­so­phi­schen Trainer sein konnte. Sie spielte schön, doch es gab häss­liche Momente wie die Aus­ein­an­der­set­zungen mit Uniteds Ruud van Nistel­rooy.

Am 24. Oktober 2004 endete Arse­nals beein­dru­ckende Serie mit einer Nie­der­lage gegen Man­chester United, im Battle of The Buffet“ wurde Man­ches­ters Trainer Alex Fer­guson mit Pizza beworfen. Arse­nals Spieler waren an diesem Tag keine geübten, viel­leicht des­wegen keine edlen Ver­lierer.

Auch unter­ein­ander ver­schonten sich die Spieler nicht. Wenger sagte über seine Mann­schaft: Sie alle waren starke Per­sön­lich­keiten, in der Kabine war es nicht immer leicht.“ Im Prinzip waren diese Spieler wie Wenger. Beseelt von diesem Team und bis in die Haar­spitzen über­zeugt von der Spiel­idee. Sie waren Beses­sene.

Nach dem 2:2 gegen Tot­tenham sicherte sich Arsenal die Meis­ter­schaft, vier Spiele standen in der Saison noch aus. Der Titel war fast egal, sie wollten den Rekord. Wenger sprach zu den Spie­lern: Wir sind zwar Meister, schön und gut. Doch jetzt will ich, dass ihr unsterb­lich werdet.“