Barney Greenway, Napalm Death sind gerade durch Russ­land getourt, als nächstes steht Kanada auf dem Plan. Haben Sie über­haupt noch Zeit, Spiele von Aston Villa zu besu­chen?

Barney Greenway: Gele­gent­lich bin ich ja noch zu Hause. Und der Villa Park ist von meiner Woh­nung in Bir­mingham gerade mal 30 Minuten zu Fuß ent­fernt, so schlimm ist es also nicht. Außerdem ist unser Tour­plan nicht fest durch­ge­plant wie bei einigen anderen Bands. Im Sommer und im Herbst treten wir meis­tens am Wochen­ende auf, so kann ich immer noch zu den Spielen unter der Woche gehen. Und wenn ich im Aus­land bin, ver­folge ich natür­lich die Ergeb­nisse.

Gibt es in der Band denn Span­nungen zwi­schen Bir­mingham-City- und Aston-Villa-Fans?

Barney Greenway: Blu­enoses“ (Bir­mingham-Fans, d. Red.) haben wir bei uns nicht. Doch selbst wenn, gäbe es keine Kon­flikte. Ich kann nicht wirk­lich sagen, dass ich Bri­mingham City außer­or­dent­lich mag, aber letzt­end­lich bin ich bei dieser ganzen Sache auch sehr rational. Ich hasse die Blues“ nicht so sehr, dass ich jemandem des­wegen aufs Maul hauen würde. Sowieso habe ich kein Inter­esse an der ganzen Gewalt, die zwi­schen Fan­gruppen abgeht. Es gibt viel wich­ti­gere Dinge im Leben, als sich über Fuß­ball­ri­va­lität auf­zu­regen.

Bir­mingham hat in Eng­land nicht gerade den besten Ruf. Sie sind dort geboren und auf­ge­wachsen. Was denken Sie über die Stadt?

Barney Greenway: Ich bin auf eine gewisse Art und Weise stolz darauf, ein Brummy“ zu sein, auch wenn alle über die Stadt her­ziehen. Aber die Leute ste­reo­ty­pi­sieren halt gerne: Bir­mingham schlecht – Man­chester toll. Mich hat etwa an Man­chester immer gestört, dass sie ihre Musik­kultur auf ein Podest stellen und so tun, als hätte es eine unbe­rühr­bare, spi­ri­tu­elle und himm­li­sche Aura. Das ist Schwach­sinn.

Wie ist es mit London?

Barney Greenway: Ich habe eine Zeit lang in London gewohnt, habe die Stadt aber gehasst, weil alle so kalt und unfreund­lich waren. 

Waren Sie schon immer Fan von Villa?

Barney Greenway: Ich komme aus dem Norden Bir­ming­hams und alle Fami­li­en­mit­glieder sind Villa-Fans. Einige haben sogar eine Geschichte mit dem Verein. Mein Vater hing mit den Slee­uwen­hoeks (John Slee­uwen­hoek spielte zwi­schen 1961 und 1967 für Aston Villa, d. Red.) und anderen Spie­lern rum. Mein Groß­vater war mit den Shill­cocks befreundet, der Familie, die das Sport­ge­schäft besaß, aus dem 1895 die FA-Cup-Tro­phäe gestohlen wurde.

Sie sind bereits in den frühen acht­ziger Jahren zu Aston Villa gegangen. Wie war damals die Stim­mung in der Stadt?

Barney Greenway: Ich erin­nere mich vor allem an die Hand­s­worth-Riots. Und auch wenn es keine beson­ders popu­läre Mei­nung ist: Ich konnte diese Unruhen nach­voll­ziehen (1981 kam es bei Unruhen im Bir­ming­hamer Bezirk Hand­s­worth zu 121 Fest­nahmen und 40 ver­letzte Poli­zisten, d. Red.).

Sie sagten einmal, Sie sind Pazi­fist.

Barney Greenway: Aber ich ver­stehe, warum sich Span­nungen ent­laden, wenn die Mäch­tigen die Men­schen wie wie Scheiße behan­deln. Ich würde phy­si­sche Gewalt nicht unter­stützen, aber bei den Hand­s­worth-Riots ver­stehe ich, warum es dazu kam.

Wie war die Stim­mung denn damals im Fuß­ball?

Barney Greenway: Fuß­ball war damals eine rechte Bestie. Die Natio­nale Front ver­suchte immer wieder den Sport zu infil­trieren. Ich erin­nere mich noch an einen Vor­fall in der Schule. Ein so genannter Sym­pa­thi­sant stand mit einer Groß­bri­tan­nien-Flagge auf dem Dach eines Klas­sen­zim­mers und ich habe ihm auf den Kopf geschlagen. Die Fuß­ball­fans waren für so etwas sehr emp­fäng­lich, sie haben diese natio­na­lis­ti­sche Ide­elogie auf­ge­sogen – ob sie das Gedan­kengut wirk­lich ver­standen haben oder nicht, ist eine andere Sache.

Reflek­tiert das Publikum im Villa Park heute die eth­ni­sche Iden­tität der Stadt?

Barney Greenway: Die letzte ras­sis­ti­schen Scheiße erlebte ich vor etwa fünf Jahren im Villa Park. Und ich werde Villa-Fans nicht ent­schul­digen – so etwas lässt sich nicht ent­schul­digen. Immerhin ist es seitdem besser geworden. Gerade in den ver­gan­genen Jahren habe ich viel mehr asia­ti­sche und schwarze Fans im Villa Park gesehen. Ich habe auch keine ras­sis­ti­sche Äuße­rungen mehr gehört. Aber es gibt eine Menge anderer Dinge, die einige Leute nicht als direkten Ras­sismus bezeichnen würden.

Zum Bei­spiel?

Barney Greenway: Ich höre immer noch, dass lang­haa­rige Spieler Gypo“ (Slang für Zigeuner, d. Red.) genannt werden und ihnen gesagt wird, sie sollen zurück in ihren Wohn­wagen gehen. Wenn ich solche Gesänge höre, dreht sich mir der Magen um. Es ist okay, sich mal einen Spaß zu erlauben. Ich finde auch nicht, dass Flu­chen auf der Tri­büne ver­boten werden sollte. Aber es gibt einen großen Unter­schied zwi­schen Flu­chen und sol­chen Äuße­rungen.

Kommt Ihre mar­kante Napalm-Death-Stimme eigent­lich wäh­rend den Spielen zum Ein­satz?

Barney Greenway: Eigent­lich bin ich eher ein Beob­achter. Ich bin ein chin stroker“ (ein Bart­zwirbler, d. Red.), Fuß­ball ist meine Ruhe­zeit. Ich stehe auf und singe ein biss­chen, vor allem die ein­fa­chen Lieder. Aber wenn Leute auf­stehen und die geg­ne­ri­schen Fans nie­der­ma­chen, die 150 Meter weit ent­fernt sitzen, finde ich das selten däm­lich. Ich meine, glaubt ihr wirk­lich, dass die das stört? Mein Bruder und ich lachen dann ein­fach.

Wie zufrieden sind Sie mit der der­zei­tigen Aus­rich­tung des Klubs unter Besitzer Randy Lerner?

Barney Greenway: Wir haben ein gutes Team. Und mit der Ver­pflich­tung von Darren Bent gelang uns ein regel­rechter Coup. Dass Ashley Young geht war klar. Ange­fressen bin ich wegen Ste­wart Dow­ning (Young wech­selte vor der Saison zu Man­chester United, Dow­ning zum FC Liver­pool, d. Red.).

Warum?

Barney Greenway: Wir haben Dow­ning geholt, als ihn nie­mand haben wollte, er war der ver­ges­sene Spieler der Pre­mier League. Ver­dammt, hat sich irgend­je­mand für ihn inter­es­siert, als er noch bei Midd­les­brough war? Wir haben ihn gekauft, als er ver­letzt war, wir haben ihn wieder fit bekommen, sein Gehalt bezahlt. Danach spielte er eine gute Saison für uns, dann kam Liver­pool – und er ver­pisste sich wieder.

Wie kommen die Fans mit Trainer Alec McLeish klar? Er stand letzte Saison noch beim Rivalen Bir­mingham City unter Ver­trag?

Barney Greenway: Die Leute meckern über ihn. Doch ich sage: Kommt drüber hinweg! Falls es nicht gut aus­geht, kommen wir auch damit klar. Aber ich bin eini­ger­maßen zuver­sicht­lich. Auch wenn ich damit leben könnte, nicht jedes Spiel unent­schieden zu spielen,. Ich bin sehr opti­mis­tisch, auch weil Gabriel Agbon­lahor so gut in Form ist.

Greift Villa diese Saison oben an?

Barney Greenway: Wir werden Siebter oder Achter. Und wenn wir Glück haben und es zudem schaffen, Spieler wie N´Zogbia auf ein Top-Level zu bringen, dann könnten wir auch mal Fünfter werden. Zumal ich glaube, dass Tot­tenham nach­lassen wird.

Und Man­chester City?

Barney Greenway: Ach, jeder redet nur noch von Man­City, aber ich glaube, dass Man­chester United wei­terhin uner­reichbar ist. United hat den natür­li­chen Antrieb und den Elan, wäh­rend mir City immer noch ein biss­chen kostru­iert erscheint. Mein Tipp für die Abschluss­ta­belle: Meister Man­United, Zweiter Man­City, Dritter wird Chelsea, danach Arsenal.

Wie denken Sie über die Kritik an Arsene Wenger?

Barney Greenway: Das war schlichtweg unfair. Er kann manchmal ein ziem­li­cher Stur­kopf sein, aber so hat er Arsenal dorthin gebracht, wo sie heute stehen. Ich habe Sym­pa­thien für ihn, er ist ein ziem­lich anstän­diger Typ. Ich habe einige Sachen über ihn gehört, die ver­muten lassen, dass Wenger im Geheimen auch ein Anti-Faschist ist.

Weil er sich stets laut­stark über Ras­sismus im Fuß­ball äußerte?

Barney Greenway: Genau, Ich kann mir gut vor­stellen, dass er manchmal mit einer Sturm­mütze raus­geht und gewissen Leuten kräftig in den Arsch tritt.

Sie haben Dow­nings feh­lende Loya­lität ange­spro­chen, Sie haben gesehen, wie sich Carlos Tevez im Cham­pions-League-Spiel gegen den FC Bayern ver­halten hat. Was hat Fuß­ball noch mit dem Spiel gemeinsam, das Sie als Kind lieben gelernt haben?

Barney Greenway: Es ist natür­lich nicht mehr das gleiche Spiel wie früher. Alleine die Sache mit den Gehäl­tern, die voll­kommen außer Kon­trolle geraten ist. Man muss sich selbst wun­dern, wie lang das noch wei­ter­gehen kann. Da ist ein Typ wie Tevez, der 250.000 Pfund pro Woche ver­dient und seiner Mann­schaft nicht helfen will. Eine solche Aktion lässt den Spieler und das Spiel ein­fach ver­dammt blöd aus­sehen.

Die Zuschauer kommen trotzdem noch.

Barney Greenway: Nun, die Zuschau­er­zahlen sind im Villa Park zurück­ge­gangen, weil unser bil­ligstes Ticket um sechs Pfund teurer geworden ist. Das klingt nicht nach viel, aber es ist ein schlei­chender Pro­zess. Alles wird immer ein biss­chen teurer. Langsam beginnen sich die Leute zu beschweren – indem sie ein­fach fern bleiben.

Dabei war Villa immer recht günstig.

Barney Greenway: Das stimmt. Doch jetzt stimmt das Preis-Leis­tungs-Ver­hältnis nicht mehr. Ich bin kein Glory Hunter“ (Erfolgsfan, d. Red.), ich werde da sein, egal was sie durch­ma­chen, sogar wenn sie absteigen. Aber auf der anderen Seite werde ich mich nicht im Kampf gegen diese Politik auf­reiben.

Sie glauben nicht, dass die Fans irgend­wann richtig auf die Bar­ri­kaden gehen?

Barney Greenway: Doch, das schon. Ich denke auch in Eng­land wir die Zeit kommen, in der alle Fans die Klubs in Frage stellen werden.

Haben Fuß­ball­fans in Eng­land denn noch die Macht, ihre Stimmen zu erheben?

Barney Greenway: Das ist abhängig vom Klub. Zunächst spielt jeder Verein Trans­pa­renz vor, es heißt stets: Unser Klub ist Teil der Gemein­schaft.“ Den­noch ver­su­chen die Fans hinter die Vor­standstür zu schauen. Und was ist? Es gelingt ihnen nicht.

Wie ist es bei Villa?

Barney Greenway: Für Villa und mich gilt: Ich will den Klub nicht von Geld finan­ziert sehen, das aus Kor­rup­tion stammt. Es gibt dar­über hinaus auch andere Dinge, über die ich mir abseits des Platzes Gedanken mache. Bei­spiels­weise werde ich kein offi­zi­elles Villa-Mer­chan­dise kaufen. Ich habe ein Pro­blem damit, weil viele Tri­kots noch immer unter grau­en­vollen Umständen pro­du­ziert werden.

Deut­sche Ver­eine suchen eher den Kon­takt mit den Fans als eng­li­sche Klubs. Ver­folgen Sie das?

Barney Greenway: Nicht wirk­lich, aber der FC St. Pauli ist ein Verein, bei dem ich viele Freunde habe. Auch wegen der stark anti-faschis­ti­schen Hal­tung. Ich habe auch Kum­pels bei Hertha BSC oder Union Berlin. Bei Union war ich auch schon im Sta­dion. Und For­tuna Düs­sel­dorf hat groß­ar­tige Fans.

Barney Greenway, Sie sagten kürz­lich, dass Sie sich noch nicht erschöpft fühlen. Wie lange geht es mit Napalm Death weiter?

Barney Greenway: Ich erzähl dir mal was, Kumpel. Wenn ich erschöpft ware, dann würde ich das alles nicht mehr machen. Wenn wir merken würden, dass wir keine inter­es­sannte Musik für uns und die Leute mehr machen können, wenn wir keine Gigs mehr spielen können, die dir in den Arsch treten und dir trotzdem was zum Nach­denken geben, dann würden wir das auch nicht mehr machen. Ich könnte die Leute, die Geld zahlen, um uns live zu sehen, nie betrügen – diese Men­schen ver­dienen 100 Pro­zent Napalm Death und genau das bekommen sie von uns. An dem Tag, an dem ich die nicht mehr geben kann, höre ich auf.