Noch nie war der Fuß­ball so populär wie im Jahr 2014. Die Welt­meis­ter­schaft in Bra­si­lien wird der vor­läu­fige Höhe­punkt einer Ent­wick­lung, für die längst die Super­la­tiven aus­ge­gangen sind. Gleich­zeitig waren die Akteure dieses Spiels noch nie so lang­weilig wie jetzt. Philipp Lahm, Lionel Messi, Marco Reus und Co. sind wun­der­bare Fuß­baller, aber echte Cha­rak­tere? Wohl kaum. Und wer dann doch über eine unter­halt­same Per­sön­lich­keit ver­fügt, wird von Bera­tern, Ver­eins­ver­tre­tern und Funk­tio­nären glatt gebü­gelt, bis von dem biss­chen Esprit und Spek­takel abseits des Rasens nicht mehr viel übrig ist.

Balo­telli fällt auf. Ob er will oder nicht

Es ist schon bezeich­nend, dass sich die Fuß­ball­welt dies­be­züg­lich auf einen Mann gestürzt hat, der im August erst seinen 24. Geburtstag feiert. Mario Balo­telli heißt der Mann, an dem sich die Geister scheiden. Neben Zlatan Ibra­hi­movic und viel­leicht Cris­tiano Ronaldo gibt es keinen anderen Fuß­baller, der global so sehr pola­ri­siert wie der Stürmer vom AC Mai­land. Das liegt daran, dass Balo­telli eben­falls ein fan­tas­ti­scher Sportler ist. Und an der Tat­sache, dass er ein dun­kel­häu­tiger Ita­liener ist und seit seinen ersten Geh­ver­su­chen im Pro­fi­fuß­ball stets für einen kleinen Skandal gut zu sein scheint. Vor allem aber, weil er über eine schwer defi­nier­bare Aus­strah­lung ver­fügt, die ihre Wir­kung überall dort ent­faltet, wo Balo­telli auf­kreuzt. Im Sta­dion, auf der Straße, beim Pres­se­termin.

Als er den Raum betritt, ändert sich die Stim­mung. Wenige Minuten zuvor lief einem Marco Reus über den Weg. Man hätte den schmäch­tigen Mann mit der merk­wür­digen Frisur bei­nahe nicht erkannt. Balo­telli fällt auf. Auch wenn er es offen­kundig gar nicht möchte. Er spricht langsam, mit einer sehr dunklen schweren Stimme. Sie könnte einem 70-jäh­rigen Schau­spieler gehören, kommt aber aus dem Mund eines jungen Ath­leten. Schon möchte man ihn unter­schätzen, poppt das nächste Kli­schee über Balo­telli auf: Die hellste Kerze am Baum ist er ja nicht gerade. Dann reißt er zwei kleine feine Gags hin­ter­ein­ander und bringt den Raum zum Lachen. Und man ist sich wieder nicht so sicher, ob das mit der Kerze am Baum so seine Rich­tig­keit hat.

Am Ende bleibt die Erkenntnis, dass man aus dem Kerl nicht schlau wird. Er bleibt ein Mys­te­rium. Möge es noch lange unge­lüftet bleiben. Sonst wird der Welt­fuß­ball nach dem Schluss­pfiff noch lang­wei­liger, als er es ohnehin schon ist.

»» Die ver­rückte Kar­riere von Mario Balo­telli in der Bil­der­ga­lerie

Mario Balo­telli, Ihr neuer Trainer beim AC Mai­land heißt Cla­rence See­dorf. Wie fiel Ihre Reak­tion auf diese Ver­pflich­tung aus?
See­dorf war und ist ein Welt­star, ein Vor­bild für viele, die jetzt unter ihm trai­nieren dürfen. Auch ich zähle mich zu den Glück­li­chen, die unter so einer Per­sön­lich­keit lernen können.
 
Mai­land ist See­dorfs erste Sta­tion als Trainer. Es gibt Kri­tiker, die ihm des­halb man­gelnde Qua­lität an der Sei­ten­linie beschei­nigen. Was ent­gegnen Sie denen?
Schaut euch doch nur an, was der Mann in seiner Kar­riere alles gewonnen hat! Vier Cham­pions-League-Titel mit drei ver­schie­denen Mann­schaften. Das hat kein anderer geschafft. Der Mann war als Spieler eine Sie­ges­ma­schine. Wie kann man ihm da man­gelnde Qua­lität vor­werfen?

Ist es für Sie eher ein Vor­teil, wenn der Trainer eine große Ver­gan­gen­heit als Spieler hatte?
Ich denke schon. See­dorf war zehn Jahre bei Milan, er ist eine Legende in diesem Klub. Er muss sich den Respekt nicht erst erar­beiten, jeder hier hat Respekt, wenn nur sein Name fällt. Außerdem wissen ehe­ma­lige Spit­zen­spieler manchmal besser, wie Fuß­baller ticken. Es gibt dieses unsicht­bare Band, das ist auch bei See­dorf und uns der Fall.

Wäh­rend seiner ersten Trai­nings­ein­heit sah man See­dorf lange alleine mit Ihnen in einer Ecke stehen und auf Sie ein­reden. Was hat er Ihnen gesagt?
Das waren keine dunklen Geheim­nisse, wenn Sie das glauben. Er hat mir erzählt, wie er mich und meine Leis­tung ein­schätzt, was er von mir in Zukunft ver­langt und wie er seine Arbeit defi­niert. Klas­si­sche Trai­ner­in­halte also.

Für See­dorf musste Mas­si­mi­liano Allegri wei­chen, der den AC seit 2010 trai­nierte und Sie 2013 von Man­chester City nach Mai­land holte. Fiel Ihnen der Abschied schwer?
Allegri ist ein sehr guter Trainer, daran konnten auch die Miss­erfolge der ver­gan­genen Monate nichts ändern. Aber im Fuß­ball ist es nun mal so: Wenn eine Mann­schaft keine Spiele gewinnt, bringt das den Job des Trai­ners in Gefahr. Nach dem letzten Spiel unter Allegri waren wir Elfter und 20 Punkte von der Tabel­len­füh­rung ent­fernt. Bei so einem großen Klub wie dem AC Mai­land ist das auf Dauer eben nicht tragbar, des­halb musste er gehen. Und ich muss mich damit abfinden und so gut wie mög­lich mit meinem neuen Trainer zusammen arbeiten – das ist nun mal mein Job.

Im Ach­tel­fi­nale der Cham­pions League treffen sie auf Atle­tico Madrid. Das Duell hat es zuvor noch nie gegeben.
Na und? Die Geschichte bringt uns nicht ins Vier­tel­fi­nale. Das müssen wir schon selber machen.

Kennen Sie die Mann­schaft von Atle­tico?
Ehr­lich gesagt: Eigent­lich nicht. Bis auf Diego Costa, der spielt eine groß­ar­tige Saison und ist ein sen­sa­tio­neller Tor­jäger. Auf den müssen wir auf­passen.

Und der Rest der Mann­schaft?
Über die wird mich Cla­rence See­dorf sicher­lich recht­zeitig infor­mieren.

Die Wahl zum Welt­fuß­baller des Jahres“ hat viel Wirbel ver­ur­sacht. Ist Cris­tiano Ronaldo der ver­diente Sieger?
Auf jeden Fall. Cris­tiano ist ein Wahn­sinns-Fuß­baller, über seine Qua­li­täten brau­chen wir uns ja nicht unter­halten. Jeder Fuß­baller findet ihn krass. Was ich an ihm zusätz­lich bewun­dere, ist sein Ehr­geiz und sein Willen. Der Typ ist ein echter Trai­nings­welt­meister, der arbeitet jeden Tag extrem hart an sich. Des­halb ist er ein wür­diger Titel­träger.

Hat Sie der Hype um diesen Preis nicht genervt?
Wieso?

Weil Fuß­ball ein Mann­schafts­sport ist, und man wäh­rend der Dis­kus­sionen um Messi, Ronaldo und Ribery den Ein­druck bekam, dass manche das bereits ver­gessen haben?
Ach. Beim Fuß­ball geht es doch die ganze Zeit darum, wer besser ist, wer mehr Tore schießt, wer die unglaub­li­cheren Tricks zeigt – warum soll man da nicht auch den besten Fuß­baller der Welt küren? Natür­lich wären Ronaldo, Messi und Ribery ohne ihr Team nichts, aber solche Jungs machen Mann­schaften erst außer­ge­wöhn­lich. Mich hat der Hype nicht gestört.

»» Die ver­rückte Kar­riere von Mario Balo­telli in der Bil­der­ga­lerie

Sie haben vor einigen Jahren gesagt, dass Sie noch mei­len­weit von den Qua­li­täten eines Lionel Messi ent­fernt seien. Wie sehen Sie das heute?
Das soll ich gesagt haben? Bestimmt nicht. Würde ich nie tun.

Wie schätzen Sie Ihre Chancen ein, eines Tages eben­falls Welt­fuß­baller zu werden?
Das ist eines meiner Ziele: der beste Fuß­baller der Welt zu werden. Wenn ich nicht davon über­zeugt wäre, das irgend­wann auch mal zu schaffen, könnte ich mor­gens auch im Bett bleiben.

Über Sie ist in den ver­gan­genen Jahren viel geschrieben worden, viele Geschichten drehten sich um Aktionen abseits des Platzes.
Welche Geschichten meinen Sie?

Frauen, Partys, Eska­paden – diese Geschichten.
Ach, wissen Sie, wenn auch nur die Hälfte von den Sachen stimmen würden, säße ich doch heute gar nicht hier. Dann würde ich viel­leicht irgendwo als Ama­teur­fuß­baller meine Tore schießen, aber bestimmt nicht beim AC Mai­land in der Serie A. Pro­fi­fuß­ball ist nicht nur das, was der Fan am Spieltag 90 Minuten lang sieht. Pro­fi­fuß­baller musst du jeden Tag und jede Stunde sein. Viele erliegen auf dem Weg nach oben diesen Ver­su­chungen. Ich war auch in Clubs, hatte Mäd­chen und war bis früh mor­gens unter­wegs. Aber das war mit 15, 16. Ich liebe Fuß­ball viel zu sehr, um meine Kar­riere wirk­lich aufs Spiel zu setzen.

In Deutsch­land werden Sie ver­mut­lich noch auf Jahre mit Ihrem iko­nen­haften Oben-ohne-Jubel beim EM-Halb­fi­nale 2012 in Ver­bin­dung gebracht werden…
…wie hat er Ihnen gefallen?

Kein Kom­mentar. Meine Frage: Hatten Sie diese Pose vorher geplant?
Nein. Das kam ganz spontan aus der Situa­tion heraus. Ehr­lich gesagt: Ich weiß gar nicht mehr, warum ich das damals so gemacht habe.

Haben Sie schon Ideen, was Sie bei einem mög­li­chen Treffer gegen Deutsch­land bei der WM anstellen werden?
Ich glaube nicht, dass wir auf Deutsch­land treffen werden. Schließ­lich müsstet ihr dann auch das Finale errei­chen…(lacht).