Seite 3: Das Beispiel Charlton

Drei Tage vorher, zehn Kilo­meter weiter süd­lich. In einem kleinen thai­län­di­schen Restau­rant wenige Geh­mi­nuten ent­fernt von The Valley, dem Sta­dion des Zweit­li­gisten Charlton Ath­letic, sitzt Rob Harris, 35 Jahre alt. Seine Kote­letten rei­chen bis knapp ober­halb des Unter­kie­fers, die Frisur deutet einen lockeren Sei­ten­scheitel an. Er spricht mit sanfter Stimme. Heute Nach­mittag wird sein Verein gegen den Pre­mier-League-Absteiger Queens Park Ran­gers FC in die neue Saison starten. Den Treff­punkt hat er aus­ge­sucht – in einer E‑Mail im Vor­feld des Gesprächs schrieb er: Da wir über ein recht sen­si­bles Thema spre­chen wollen, würde ich einen ruhi­geren Ort als den Pub vor­schlagen.“

Seit dem Ende der letzten Saison ist Rob damit beschäftigt, Charl­tons ersten Fan­klub für Schwule, Lesben, Bise­xu­elle und Tran­s­i­den­ti­täten auf die Beine zu stellen. Bisher haben sich knapp mehr als 40 Mit­glieder ange­schlossen – es sollen noch einige mehr werden. Jeder sollte das Recht haben, zum Fuß­ball zu gehen und sich dabei sicher zu fühlen“, sagt Rob: Egal, welche deine Reli­gion ist, deine Haut­farbe oder deine sexu­elle Ori­en­tie­rung.“

Man wollte homo­se­xu­elle Fans an einen Ort locken

Kon­kret ver­an­lasste ihn ein Ereignis am Ende der ver­gan­genen Saison zum Han­deln. Unter dem Namen Charlton Rain­bows“ wurde von Unbe­kannten eine Gruppe ins Leben gerufen, die angeb­lich dazu gedacht war, Charl­tons LGBT-Fans („LGBT“ steht für Les­bian, Gay, Bise­xual und Trans­gender) unter einem Namen zu ver­sam­meln. Über Twitter wurde eine Aus­wärts­fahrt nach Brighton orga­ni­siert, die Gruppe sollte gemeinsam in einem Rei­sebus fahren. Aber als ein Tweet auf­tauchte, in dem stand, dass die Gruppe mit einem regen­bo­gen­far­benen Rei­sebus anreisen würde, wurden einige miss­trau­isch“, sagt Rob. Jemand bat die Anti-Dis­kri­mi­nie­rungs-Orga­ni­sa­tion Kick It Out“, der Sache auf den Grund zu gehen. Diese fand heraus, dass die Aus­wärts­fahrt nach Brighton ein Trick war. Man wollte homo­se­xu­elle Fans an einen Ort locken, um diese dort zu über­fallen. Die Polizei ver­hin­derte, dass es dazu kommen konnte. Um so etwas in Zukunft aus­schließen zu können, brau­chen wir einen LGBT-Fan­klub, der offi­ziell dem Verein ange­hört“, sagt Rob.

Wäh­rend der Som­mer­pause wurden die Proud Vali­ants“ schließ­lich auf der offi­zi­ellen Ver­eins­web­seite mit einem Artikel vor­ge­stellt. Infol­ge­dessen schrieben viele Fans an die im Artikel ange­ge­benen Kon­takte, via Face­book, Twitter oder E‑Mail. Rob schätzt, dass 95 Pro­zent dieser Nach­richten posi­tiven Cha­rak­ters waren – aber dann waren da eben noch die rest­li­chen fünf Pro­zent. Ein Dau­er­kar­ten­in­haber wurde wegen eines gehäs­sigen Tweets sogar aus dem Verein ver­bannt. Da war dieser eine Fan“, erin­nert sich Rob, der wegen seiner Reli­gi­ons­aus­le­gung ein Pro­blem mit Homo­se­xua­lität hat. Ich würde nie­mals die Reli­gion von irgend­je­mandem in Frage stellen. Aber dieser Typ hat ange­fangen, mit einem Fan zu streiten, der sich gegen seine eigene Mei­nung posi­tio­niert hatte – und das ist dann häss­lich geworden. Sein Raus­wurf hatte eher mit seinem Pro­blem zu tun, seine Wut zu kon­trol­lieren.“

Unter­schwel­lige Homo­phobie

Charlton-Fans, die sich durch homo­phobe Sprüche und Gesänge in die Enge getrieben fühlen, können sich seit dieser Saison bei den Proud Vali­ants“ melden, gemeinsam könne man dann das wei­tere Vor­gehen bespre­chen. Im Extrem­fall sollen Fälle auch dem Verein gemeldet werden. Bei all dem ist es Rob aber wichtig zu betonen, dass die Proud Vali­ants“ in erster Linie Fans des Charlton Ath­letic FC sind: Ein paar Leute waren ernst­haft besorgt, dass wir die Gruppe ins Leben gerufen hätten, um irgendwen zu bekehren. Ganz ehr­lich: Ich habe in meinem ganzen Leben noch keinen hete­ro­se­xu­ellen Men­schen ken­nen­ge­lernt, der zur Homo­se­xua­lität bekehrt wurde. So etwas zu behaupten, ist ein­fach sehr, sehr dumm! Und dass diese Leute unsere Loya­lität zu Charlton anzwei­feln, macht mich sauer.“

Im Sta­dion zeige sich Homo­phobie – im Gegen­satz zu sozialen Medien – eher unter­schwellig, durch die Sprache, die manche Fans benutzen. Rob erklärt: Im Sta­dion sagt dir nicht zwangs­läufig einer ins Gesicht, dass er ein Pro­blem mit dir hat, obwohl das auch vor­kommt. Das zeigt sich eher, wenn sich zum Bei­spiel ein Spieler wegen eines leichten Fouls fallen lässt, und jemand brüllt ›Steh auf, du Schwuchtel!‹“

Diese Ein­schät­zung bestä­tigt auch der ehe­ma­lige Fuß­ball­profi Anwar Uddin, der sich heute im Namen der Foot­ball Sup­por­ters‘ Fede­ra­tion gegen Dis­kri­mi­nie­rung im Fuß­ball enga­giert. Wäh­rend eines Tele­fo­nats sagt er: Fuß­ball ist ein von Männ­lich­keit domi­niertes Spiel. Es geht immer darum, der Stär­kere zu sein, der König des Dschun­gels. Und schwule Männer gelten für viele als schwach.“ Dieses Kli­schee – schwul gleich weich – macht Uddin auch dafür ver­ant­wort­lich, dass sich seit Justin Fas­hanu kein aktiver Pro­fi­fuß­baller mehr als schwul geoutet hat.

Uddin sagt: Ich bin mir zu 100 Pro­zent sicher, dass es in der Pre­mier League schwule Fuß­baller gibt. Würden sie mich fragen, ich würde ihnen dazu raten, sich zu outen – auch wenn das ein mutiger Schritt wäre. Einige Fans würden sicher negativ reagieren, aber die Mehr­heit würde diese Spieler für ihren Mut feiern. Ich würde mir einen öffent­lich schwulen Profi wün­schen, zu dem andere auf­sehen könnten, so wie sie seit Jahren zu Profis mit Migra­ti­ons­hin­ter­grund auf­sehen.“