Truus Opmeer konnte es nicht glauben. Oben auf der Haupt­tri­büne saß sie im Dezember 2002 und hörte, wie die Fans auf den zehnten Sieg im zehnten Cham­pions-League-Spiel in Folge reagierten. Sie riefen: Van Gaal raus!“ Eine selt­same Stim­mung hatte sich im Camp Nou breit­ge­macht. Denn die Elf da unten auf dem Platz spielte New­castle United pha­sen­weise an die Wand, gewann an diesem Abend 3:1, aber wann immer sich der Trainer dieser erfolg­rei­chen Mann­schaft erhob, um zum Spiel­feld zu schreiten und ein paar Anpas­sungen vor­zu­nehmen, schrien die Fans: Van Gaal raus!“ Truus Opmeer, die Part­nerin des Trai­ners, war fas­sungslos: Es ist unglaub­lich, die Fans wollen meinen Mann nicht.“

In dieser Woche hat sich Louis van Gaal erneut zur aktu­ellen Situa­tion beim FC Bar­ce­lona zu Wort gemeldet. Genauer: Zur Situa­tion des Trai­ners, Ronald Koeman. Die Geschichte wie­der­holt sich, das ist typisch für Bar­ce­lona.“ Er meinte damit den aktu­ellen Absturz des kata­la­ni­schen Tra­di­ti­ons­ver­eins, der dra­ma­tisch, aber nicht bei­spiellos ist. Wie van Gaal einst am eigenen Leib erfahren musste. Wenn es mal nicht so gut läuft, neigt Bar­ce­lona dazu, die Aus­länder des Teams dafür ver­ant­wort­lich zu machen. In dem Fall ist es der Trainer.“ Eine Ver­bit­te­rung, die sich wohl allein mit der ver­ma­le­deiten Saison 2002/2003 erklären lässt.

Der Provinzverein Der FC Barcelona am Abgrund

Lionel Messi konnte nicht mehr bezahlt werden, wäh­rend auf Trainer Ronald Koeman eine gigan­ti­sche Abfin­dung wartet. Die letzte Hoff­nung? Liegt auf drei Teen­agern. Der FC Bar­ce­lona ver­sinkt im Chaos.

Es gab keine Chemie zwi­schen Trainer und Fans“, hatte Joan Gas­part ana­ly­siert, als er im Sommer 2000 das Amt des Prä­si­denten beim FC Bar­ce­lona ange­treten hatte. Gemeint war Louis van Gaals erste Amts­zeit bei den Kata­lanen. Zwi­schen 1997 und 2000 hatte er den FC Bar­ce­lona überaus erfolg­reich trai­niert und dabei unter anderem zwei Meis­ter­schaften sowie den Uefa Super Cup gewonnen. Doch schon damals stank den kata­la­ni­schen Anhän­gern die Vor­liebe des Groß­meis­ters für seine Lands­leute. Van Gaal spielte mit bis zu acht Hol­län­dern. Die hatten zwar ver­ein­bart, kein Nie­der­län­disch in der Kabine zu spre­chen, doch der Angst der Fans vor einem FC Holanda“ tat das keinen Abbruch, wes­halb van Gaal bei seinem Abschied ver­kün­dete: Hier kann man nicht arbeiten.“

Aus­ge­rechnet Prä­si­dent Gas­part kam im Früh­jahr 2002 auf eine fol­gen­schwere Idee. Unter Charly Rexach, einer Ver­ein­si­kone, hatte der FC Bar­ce­lona zwar hor­rende Summen aus­ge­geben, doch auch das dritte Jahr ohne Titel ver­zeichnen müssen. Und van Gaal war als Bondscoach soeben das Miss­ge­schick unter­laufen, mit den Hol­län­dern an der Qua­li­fi­ka­tion für das kom­mende Groß­tur­nier in Japan und Süd­korea zu schei­tern, wes­halb Helmut aus Mal­lorca zum ersten Mal und fortan sang: Ohne Hol­land fahr’n wir zur WM.“ Als öffent­lich wurde, dass Gas­part und van Gaal einen Vor­ver­trag für eine zweite Amts­zeit des Tul­pen­ge­ne­rals in Kata­lo­nien unter­schrieben hatten, liefen die Fans Sturm. Doch der Hol­länder kehrte zur Saison 2002/03 zurück – und traf fol­gen­schwere Ent­schei­dungen.

Van Gaal ist der Hitler der bra­si­lia­ni­schen Fuß­baller“

Und mal wieder, so wurde es zumin­dest inter­pre­tiert, war seine Liebe zu den eigenen Lands­leuten dafür ent­schei­dend, dass der FC Bar­ce­lona seinen Kader im Sommer umstruk­tu­rierte. Er ist arro­gant, ein­ge­bildet und er hat ein Pro­blem. Mein Leben mit ihm war ent­setz­lich“, sagte später der Bra­si­lianer Gio­vanni. Der war 1996 zum FC Bar­ce­lona gekommen und hatte lange im Schatten Ronaldos gestanden. Doch er gehörte zu den Leis­tungs­trä­gern, ehe er in van Gaals erster Amts­zeit den Verein ver­ließ. Nicht ohne den frag­wür­digen Ver­gleich anzu­stellen: Van Gaal ist der Hitler der bra­si­lia­ni­schen Fuß­baller.“ 

Nun war van Gaal zurück. Und ent­schied diesmal, dass der nächste Bra­si­lianer zu gehen habe: Rivaldo. Er war Bar­ce­lonas Leit­figur, zugleich wusste jeder im Verein um seine Gesund­heit. Die Gelenke waren der Belas­tung kaum gewachsen, zumal der ehe­ma­lige Welt­fuß­baller von 1999 kein Spiel des Teams oder bei der Natio­nal­mann­schaft ver­passen wollte. Rivaldo kehrte im Sommer 2002 als Welt­meister zurück – und durfte den Verein sogleich Rich­tung Mai­land ver­lassen.