Seite 2: Wer war Schuld am Scheitern?

Im Gegenzug ver­pflich­tete Bar­ce­lona den Argen­ti­nier Riquelme für elf Mil­lionen Euro. Van Gaal lehnte den Zehner sofort ab, er nannte den Transfer einen poli­ti­schen Ver­trag“, um den Fans Rivaldo zu ersetzen. Doch für den Kol­lek­tivlieb­haber van Gaal war der edle Tech­niker Riquelme nicht die Lösung für die fuß­bal­le­ri­schen Pro­bleme der Kata­lanen.

Van Gaal setzte auf ein hol­län­di­sches 3 – 4‑3-System, das er in den ersten Wochen der Saison immer wieder wäh­rend des Spiels ver­än­derte. Er erbat sich von der Klub­füh­rung den Transfer von Gaizka Men­dieta und setzte weiter auf den umstrit­tenen Patrick Klui­vert im Sturm. Neu­zu­gänge wie die Bra­si­lianer Rochemback oder Geo­vanni (nicht ver­wech­seln mit Gio­vanni, der van Gaal mit einem kurz gera­tenen Öster­rei­cher ver­gli­chen hatte) schlugen nicht ein. Riquelme musste oft auf den Flü­geln spielen, als Spiel­ma­cher lehnte ihn der Trainer ab. 

Immer wieder stellte van Gaal wäh­rend der Spiele seine Unter­ge­benen um wie Schach­fi­guren, doch meis­tens stand er da schon Matt. Nur vier der ersten 14 Spiele gewann der FC Bar­ce­lona, war Tabel­len­d­rei­zehnter, und chan­cenlos. Dar­über konnten auch die Siege in der Cham­pions League nicht hin­weg­täu­schen. Die Fans skan­dierten Van Gaal raus!“ und winkten mit Taschen­tü­cher wie weiße Fahnen, die bei Stier­kämpfen als Zei­chen ver­wendet werden, end­lich auf­zu­geben. Truus Opmeer saß im Winter auf der Haupt­tri­büne und konnte es nicht fassen.

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Der FC Bar­ce­lona im November 2002.

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Und wie heute stellte sich auch damals die Frage: Wer trägt Schuld? Ich habe nichts Schlechtes gemacht“, ver­si­cherte Prä­si­dent Joan Gas­part. Doch die Zeit der großen Spieler beim FC Bar­ce­lona schien vorbei. Und die Kassen für Neu­zu­gänge waren leer. Wir hatten die ent­spre­chenden Ein­nahmen. Doch eine Politik der teuren Spiel­er­käufe hat das zunichte gemacht“, beschwerte sich der Kas­sen­wart des Ver­eins öffent­lich. Ronaldo, Romario, Rivaldo und Luis Figo – alle weg. Zwei von ihnen spielten bereits in Madrid, beim weißen Bal­lett, bei den Galak­ti­schen.

Schulden zwi­schen 45 und 230 Mil­lionen Euro

Ende Januar war jeden­falls Schluss für Louis van Gaal. Das Prä­si­dium hatte seiner Bitte nach Neu­zu­gängen im Winter nicht statt­ge­geben. So erhielt van Gaal keine neuen Spieler und die Gewiss­heit, dass er mit dieser Truppe schon bald so oft ver­loren haben würde, dass es ihn seinen Job kosten sollte. Nach einer 0:2‑Niederlage gegen Celta Vigo trennte sich der Verein vom General. Bar­ce­lona lag nur noch drei Punkte vor der Abstiegs­zone. Er kam in die Umklei­de­ka­bine, nachdem er die Nach­richt gehört hatte, begann zu reden und fing plötz­lich an, zu weinen wie ein Baby“, erin­nerte sich später der Abwehr­spieler Phil­ippe Chris­tanval beim Sender SFR, wie sein Trainer die Ent­schei­dung auf­ge­nommen hatte. Die Spieler hätten per­plex in der Kabine gesessen, keiner sei auf die Idee gekommen, den Trainer zu trösten, sagte Chris­tanval. Es sei eine selt­same Situa­tion gewesen, weil es so ein Kon­trast war: Dieser selbst­si­chere, kalte, starke Mann ist auf einmal in sich zusam­men­ge­bro­chen. Das hat mich scho­ckiert.“

Doch der FC Bar­ce­lona stand in diesem Moment am Schei­deweg. Es wurden Berichte publik, laut denen der Klub wahl­weise zwi­schen 45 und 230 Mil­lionen Euro Schulden habe. Prä­si­dent Gas­part, der nicht nur den pro­te­gierten Trainer van Gaal ent­lassen musste, son­dern zwi­schen­zeit­lich fünf Vize­prä­si­denten an seiner Seite ziehen lassen musste, legte sein Amt nieder. Real-Fans spot­teten, sie hätten damit ihren besten Mann ver­loren. Schließ­lich war Gas­part der erste Barca-Prä­si­dent seit der Nach­kriegs­zeit, der keinen Titel gewann. Ein Inte­rims­prä­si­dium sollte wenige Monate später eben­falls zurück­treten, sodass der Verein kurz­zeitig in den Händen des 76-jäh­rigen Mathe­ma­tik­pro­fes­sors Joan Trayter lag.

Nur zwei Jahre bis zum Cham­pions-League-Sieg

An der Sei­ten­linie hatte der Serbe Radomir Antic das Sagen. Er tat: wenig. Und das war richtig. Denn nach van Gaal, der den Fuß­ball auf jedem Qua­drat­meter durch­dachte, ließ Antic seine Mann­schaft ein­fach machen, ein­fa­chen Fuß­ball spielen. Dem uner­fah­renen Xavi stellte er Philip Cocu als Waden­beißer zur Seite, damit der junge Gestalter sich allein auf das Spiel mit dem Ball kon­zen­trieren konnte. Er ließ seine Mann­schaft Selbst­ver­trauen gewinnen. Und es funk­tio­nierte: Am Ende der Saison hatte sich der FC Bar­ce­lona für den finan­ziell so wich­tigen Uefa-Cup qua­li­fi­ziert, in der Cham­pions League waren die Kata­lanen noch bis in Vier­tel­fi­nale vor­ge­drungen.

Zur neuen Saison sollte ein junger Prä­si­dent, Joan Laporta, die Geschicke über­nehmen. Lange würde er dar­über nach­denken, wen er als Trainer instal­lieren solle. Johan Cruyff, noch immer die unan­tast­bare Instanz in Bar­ce­lona, soll ihn dazu moti­viert haben, den als Trainer uner­fah­renen Frank Rij­kaard zu wählen und ihn auch nach einem schwa­chen halben Jahr weiter zu unter­stützen. Wieder ein Hol­länder, doch einer, der auf Bra­si­lianer setzte. Ronald­inho wurde dank guter Kon­takte zum Sport­ar­ti­kel­her­steller Nike in die spa­ni­sche Liga gelotst. Und die Geduld zahlte sich aus. Nach nur zwei Jahren gewann der FC Bar­ce­lona die Cham­pions League. Laporta dürfte glück­lich gewesen sein mit der Wahl von Rij­kaard – zuerst hatte er an Ronald Koeman gedacht.