Seite 3: Polens wichtigstes Tor

Am 17. Oktober 1973 brauchte Polen vor 100.000 Zuschauern im Wem­bley­sta­dion von London ein Unent­schieden gegen Eng­land, um sich für die WM zu qua­li­fi­zieren. Fast eine Stunde lang war es eine ein­zige Abwehr­schlacht, dann spielte Kas­per­czak einen etwas zu langen Pass auf Lato. Eng­lands Norman Hunter kam vor dem Polen an den Ball, doch Lato spit­zelte ihm das Leder weg und war plötz­lich am linken Flügel auf und davon. Er zog nach innen und legte quer zu Dom­arski, dessen Schuss Peter Shilton durch die Hände rutschte. Eng­land 0, Stal Mielec 1.

Und so fuhren die Polen nach West­deutsch­land, wo sie die Favo­riten gleich rei­hen­weise besiegten: Bra­si­lien, Argen­ti­nien und – als beiden Teams ein Unent­schieden gereicht hätte, um die Vor­runde zu über­stehen, – sogar das hoch ein­ge­schätzte Ita­lien. (Es gibt Hin­weise drauf, dass die ita­lie­ni­schen Spieler, die pro Kopf 30.000 Dollar fürs Wei­ter­kommen erhalten hätten, dem Gegner zehn Pro­zent ihrer Prämie für ein Remis boten. Offenbar gingen die Polen nicht darauf ein.) Dann kam die Was­ser­schlacht. Ich bin sicher, dass wir ohne diese Umstände nicht gewonnen hätten“, sagte Breitner 2007. Die Polen waren damals eine Mann­schaft, die ähn­lich per­fekt auf­ge­baut und per­fekt struk­tu­riert war wie unsere Natio­nal­mann­schaft 1972. Diese per­fekte Mischung ergab eine Har­monie, die einen Fuß­ball pro­du­zierte, der fan­tas­tisch war.“

Nach dem Tur­nier bekamen viele Polen Ange­bote aus aller Welt. Der FC Bayern wollte Gadocha, Lato wurde bei der Wahl zu Europas Fuß­baller des Jahres Sechster und hätte sich einen Verein im Westen aus­su­chen können. Doch pol­ni­sche Fuß­baller durften erst nach ihrem 30. Geburtstag ins Aus­land gehen. Das hatte zumin­dest den Vor­teil, dass die Gol­dene Genera­tion zusam­men­blieb. Bei Olympia 1976 holten die Polen Silber (Lato traf im Finale gegen die DDR), zwei Jahre später hatten sie in Argen­ti­nien zwar bis zum Schluss noch die Chance aufs Finale, doch man merkte schon, dass die große Elf in die Jahre gekommen war.

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Die Was­ser­schlacht“: Lato schei­tert an Sepp Maier.

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Unglück­liche Auf­tritte nach der Kar­riere

Im Sommer 1980, wenige Monate nach seinem 30. Geburtstag, wech­selte Lato zum bel­gi­schen Klub Spor­ting Lokeren. Er führte den Klub zum größten Erfolg seiner Geschichte, der Vize­meis­ter­schaft, und wurde dafür zum zweiten Mal (und als erster Aus­lands­profi) Polens Fuß­baller des Jahres. Später spielte er noch in Mexiko und Kanada, bevor er in die Heimat zurück­kehrte. Die Zeit nach der aktiven Kar­riere hat Latos Ruf aller­dings eher geschadet. Ein Aus­flug in die Politik (für die sozi­al­de­mo­kra­ti­sche SLD) war ebenso wenig erfolg­reich wie seine Zeit als Prä­si­dent des natio­nalen Fuß­ball­ver­bandes. Die meisten Polen ver­binden jene vier Jahre mit vielen unglück­li­chen Auf­tritten – so ent­ließ er Natio­nal­trainer Leo Been­hakker vor lau­fender Kamera, wäh­rend der Hol­länder sich in Hör­weite befand, aber natür­lich nicht ver­stehen konnte, was Lato da auf Pol­nisch sagte, – sowie der völlig ver­patzten Heim-EM 2012.

Doch als Spieler bleibt Lato auf ewig einer der großen Fuß­ball­helden seines Landes. Übri­gens ist er bis heute anderer Mei­nung als Breitner. Jeden­falls zum Teil. Vor einige Jahren sagte er Prze­glad Spor­towy“, einer pol­ni­schen Sport­zei­tung: Was mich angeht, so hatten die West­deut­schen damals keine beson­ders starke Mann­schaft. Es war kein Zufall, dass sie gegen die DDR ver­loren und in ihrer Gruppe nur Zweiter wurden.“ Doch er fügte hinzu: Doch selbst wenn wir sie geschlagen hätten, wären wir nicht Welt­meister geworden. Meiner Mei­nung nach hatten die Nie­der­länder 1974 die beste Elf. Nicht Polen.“