Meinem Verein geht es scheiße. Er wird in dieser Saison auf einem Abstiegs­platz über­win­tern, hat keine Kohle mehr, einen Tri­kot­sponsor, dessen Mit­ar­beiter Weih­nachts­gänse mit Mist­ga­beln mas­sa­krieren und viele Spieler, die vor fünf Jahren nicht mal hätten die Schuhe der Profis sauber machen dürfen.

Wenn es ganz mies läuft, steigt Werder Bremen in dieser Saison ab.

Dümmer als Pegida

Und doch möchte ich meinen Moment der Saison“ dem SVW widmen. Weil der näm­lich stell­ver­tre­tend für so viele Hoff­nungs­schimmer steht, nach denen wir Anhänger von erfolg­losen Klubs eigent­lich täg­lich auf der Suche sind. Wir geben nicht auf, an einen Sieg gegen Bayern Mün­chen zu glauben, obwohl allein der Gedanke daran fast noch dümmer ist, als Teil­nehmer von Pegida-Demons­tra­tionen. Wir spre­chen unserer Innen­ver­tei­di­gung Sicher­heit und Kon­se­quenz zu, obwohl die Pfeifen in den ersten zehn Sai­son­spielen 30 Tore kas­siert haben.

Und wir glauben ganz fest daran, dass jetzt wirk­lich alles besser ist, nur weil unser Verein einen neuen Trainer prä­sen­tiert.

So auch bei mir. Ich konnte Robin Dutt an der Sei­ten­linie von Werder ein­fach nicht mehr ertragen. Sein Fuß­ball war grausam, seine Aus­reden fast noch schlimmer – und was ich beson­ders erschüt­ternd fand: seine Mann­schaft, obgleich doch nun wahr­lich nicht mit Talent gesegnet, schlurfte gelang­weilt über den Rasen, als sei das nicht die Bun­des­liga, son­dern ein Spon­soren-Kick gegen die Mist­gabel-Men­schen von Wie­senhof. Ich hasse Nie­der­lagen. Aber Nie­der­lagen ohne Gegen­wehr sind meiner Ansicht nach schlimmer, als ein Betriebs­aus­flug von Hogesa-Akti­visten. In beiden Fällen würde ich gerne über Super­kräfte und eine Straf­raum­große Mist­gabel ver­fügen.

Strahl­kraft? Nun ja..

Dann schmiss Werder Dutt end­lich raus und stellte Viktor Skripnik als neuen Trainer vor. Dazu Torsten Frings als Co-Trainer, außerdem Marco Bode als neuen Auf­sichts­rats­vor­sit­zenden. Die gute alte Werder-Stra­tegie: Ein­fach lang gediente Fah­rens­männer in die ver­ant­wort­li­chen Posi­tionen hieven und darauf hoffen, dass sich deren Strahl­kraft auf die Mann­schaft über­trägt. Hatte doch 100 Jahre lang so gut funk­tio­niert mit Thomas Schaaf. Dass Viktor Skripnik auf­grund seiner eben­falls etwa 100-jäh­rigen Tätig­keit beim SVW zwar über das viel beschwo­rene Werder-Gen“ ver­fügt, seine Strahl­kraft sich aller­dings eher auf Fackel-im-Sturm“-Niveau bewegt, war mir zwar bewusst, aber als Fuß­ballfan einer erfolg­losen Mann­schaft lernt man auch das: Die Rea­lität bei­seite schieben und ordent­lich viel Platz für Inter­pre­ta­tionen und Mög­lich­keiten schaffen. Hoff­nungs­schimmer und so.

Des­halb ballte ich inner­lich die Faust, als ich Skrip­niks Testosteron“-Pressekonferenz hörte, des­halb rech­nete ich bereits nach, wie viele Punkte es brauchte, um auf einem Europa League-Platz zu über­win­tern, als Werder plötz­lich mal wieder ein Spiel gewann. Des­halb glaube ich sogar immer noch daran, dass die Beset­zung Skripnik/​Frings für diesen Lai­en­schau­stück Werder Bremen die rich­tige Ent­schei­dung ist.

Denn ich sehe diese Mann­schaft jetzt anders: Sie ackert, sie reißt sich den Hin­tern auf, sie spuckt Gift und Galle, sie kann sogar Spiele umbiegen. Pro­blem nur: Sie ver­liert wei­terhin regel­mäßig und schlid­dert dem Abstieg ent­gegen. Viel­leicht, weil diese Mann­schaft ein­fach nicht Erst­li­ga­reif ist. Viel­leicht aber auch, weil Viktor Skripnik nicht den rich­tige Mann ist. Aber davon lasse ich mir doch nicht meinen Moment kaputt­ma­chen. Die Hoff­nung stirbt bekannt­lich zuletzt. Und ich mag keine Beer­di­gungen.