SOMMER 1978 Die AUS­LO­SUNG 

Stuart Astill: Ich komme aus einem kleinen Ort an einer Straße nach Not­tingham. Ich habe mein ganzes Leben hier ver­bracht und wurde so auf ganz natür­liche Weise Fan von Not­tingham Forest. Des­wegen war es für mich etwas ganz Beson­deres, die großen Erfolge des Ver­eins Ende der sieb­ziger Jahre zu erleben. Aber alles ging so schnell, dass mir gar keine Zeit blieb, das auch zu rea­li­sieren. Erst jetzt, 30 Jahre später, ist mir so richtig klar, was damals geschehen ist. Und mein Gott: Ich bin auf­ge­regter denn je.



Wir waren 1977 nur durch die Hin­tertür auf­ge­stiegen. Schon das erste Spiel in der ersten Liga, das wir 3:1 in Everton gewannen, war eine fan­tas­ti­sche Leis­tung unserer Jungs. Und so ging es immer weiter, es war unglaub­lich, wie in einem Traum. Der ehe­ma­lige Arsenal-Tor­wart Bob Wilson arbei­tete damals als Fern­seh­ex­perte bei der BBC und sagte: Die Forest-Blase wird irgend­wann platzen.“ Aber es ist ein­fach nicht pas­siert. Es ging immer weiter, und am Ende waren wir Meister und spielten im Euro­pacup! Und selbst da platze die Blase ein­fach nicht. 

Ich war sei­ner­zeit als Mecha­niker in einer Loko­mo­ti­ven­fa­brik tätig, und die ersten beiden Juli­wo­chen waren eigent­lich Urlaubs­zeit. Wenn man sich früh genug mel­dete, konnte man aber wei­ter­ar­beiten und dann wäh­rend des rest­li­chen Jahres frei nehmen, wann man wollte. Das tat ich dann auch und sagte: Wir spielen inter­na­tional, und wo auch immer uns die Reise in der ersten Runde hin­führt – ich komme mit!“ Unser Geschäfts­führer hörte die Aus­lo­sung im Radio. Er kam sofort zu mir in die Werk­halle und grinste übers ganze Gesicht: Weißt du, wo du deine Ferien ver­bringen wirst? In New Brighton!“ Er lachte sich schlapp. New Brighton ist ein Strandbad bei Liver­pool. Von allen mög­li­chen euro­päi­schen Mann­schaften hatten wir für unser erstes Euro­pa­po­kal­spiel seit dem Mes­s­ecup 1967 aus­ge­rechnet den Liver­pool FC zuge­lost bekommen, der den Lan­des­meister-Pokal in den letzten beiden Jahren gewonnen hatte. 

Unser Geschäfts­führer war sich, wie viele andere auch, sicher, dass wir keine Chance hätten und bei in unserer ersten Euro­pa­cup­saison Eng­land nicht ver­lassen würden. So richtig über­zeugt war selbst ich nicht. Und das will wirk­lich was heißen. 


Tony Wood­cock: Wir waren die Empor­kömm­linge. Unsere Meis­ter­schaft direkt nach dem Auf­stieg hielten viele Experten für einen Lucky Punch. Der Liver­pool FC war damals die beste Mann­schaft in Europa. Schon in der ersten Runde des Euro­pa­po­kals auf diesen Giganten zu treffen, naja, das hatten wir uns nicht gerade gewünscht. Aber wir waren ein Haufen von echten Kum­pels. Wir hielten zusammen und kämpften für­ein­ander bis zum Umfallen. Ein­fach so liegen bleiben, das kam für uns nie in Frage. Unser Trainer Brian Clough führte uns das so vor Augen: Stellt euch vor, eure ganze Familie sitzt vor dem Fern­seher, und ihr macht da den ster­benden Schwan. Wollt ihr, dass eure Mamis sich für euch schämen?“ 

Clough war unser Anführer. Auf beiden Seiten herrschte großer Respekt. Mit­unter brach er ihn auf seine ganz spe­zi­elle, iro­ni­sche Weise: Dann küsste er seine Spieler. Einmal war es mir beson­ders pein­lich. Ich spielte inzwi­schen für den Arsenal FC und musste gegen Not­tingham antreten. Nach dem Spiel kam Clough in unsere Kabine – und küsste mich! Vor meinen Arsenal-Kol­legen! Aber das war nur so ein Spleen. Die meiste Zeit war da dieser Respekt. Erst später, als ich meine Kar­riere schon beendet hatte, sagte er einmal zu mir: Tony, früher war ich dein Trainer. Aber jetzt kann ich es dir ja sagen: Ich bin auch dein Freund.“ 

13. SEP­TEMBER | 27. SEP­TEMBER 1978 1. Runde vs. Liver­pool FC

Stuart Astill: Welch ein Auf­takt! Welch ein Sieg! Wir schlugen die großen Reds“ zuhause im City Ground durch Tore von Garry Birtles und Colin Bar­rett 2:0. Zwei Wochen später fuhr ich mit dem Fanbus nach Liver­pool und hoffte wie ein Ver­rückter, dass der Vor­sprung rei­chen würde. Ich kannte damals schon ein paar der Spieler per­sön­lich, vor allem mit John O’Hare war ich gut befreundet. Er hatte mir auch eine Frei­karte für das Spiel besorgt, des­wegen ver­folgte ich die Partie nicht inmitten der anderen Not­tingham-Fans, son­dern auf der Haupt­tri­büne zwi­schen den Spie­ler­frauen und Fami­li­en­an­ge­hö­rigen. Wir ver­tei­digten bril­lant, unser Tor­wart Peter Shilton machte ein Wahn­sinns­spiel, und das Wunder geschah: Wir kamen mit einem 0:0 in Liver­pool weiter. 

Leider gab es an diesem Abend noch Angriffe von Liver­pool-Fans auf unseren Bus. Die schmissen mit Steinen auf uns und zer­trüm­merten eine Scheibe. Dort saßen zwei Frauen, alles war über und über mit Scherben bedeckt. Ich war bei allen inter­na­tio­nalen Spielen meines Ver­eins in vielen ver­schie­denen Län­dern. Aber das ein­zige Mal, dass wir Pro­bleme hatten, war in Liver­pool. 


Tony Wood­cock: Vor dem ersten Spiel gegen den Liver­pool FC las­tete durchaus ein gewisser Druck auf uns, aber das war genau das Rich­tige: Wir wollten unbe­dingt allen beweisen, dass wir nicht zufällig eng­li­scher Meister geworden waren. Und das gelang uns, zwei Dinger haben wir ihnen zuhause ein­ge­schenkt. Graham Sou­ness, Liver­pools unmensch­lich harter Vor­stopper, trat mir ein ziem­lich tiefes Loch ins Schien­bein und schnauzte mich an: Komm du erst mal nach Anfield! Da wirst du unter­gehen!“ Okay, wenn jemand hart spielen wollte, konnte er das haben. Wir haben immer gesagt: Auf Schlamm spielen wir auf Schlamm, auf Eis spielen wir auf Eis.“ Das sollte heißen: Wir nehmen es, wie es kommt. Und so hielten wir auch in Liver­pool dagegen. Vor dieser beängs­ti­genden Kulisse, der rie­sigen Tri­büne The Kop“, errangen wir ein 0:0 – und waren weiter! Dieser Sieg gegen den Titel­ver­tei­diger war die Initi­al­zün­dung für alles, was noch kommen sollte. 

8. OKTOBER | 1. NOVEMBER 1978: Ach­tel­fi­nale vs. AEK ATHEN

Stuart Astill:
Im Ach­tel­fi­nale war­tete AEK Athen auf uns – mit einer echten Legende als Trainer: Ferenc Puskás, dem großen Ungarn. Es war mein erstes Euro­pacup-Spiel, das ich auch im Aus­land erlebte. Das Flug­zeug, mit dem wir reisten, ver­kehrte nor­ma­ler­weise zwi­schen den East Mid­lands und der Kanal­insel Jersey. Des­wegen mussten wir in Zagreb zwi­schen­landen, um zu tanken. Wir waren viel­leicht ein paar hun­dert Not­tingham-Fans, aber wir fei­erten wie tau­send: Forest schlug Athen mit 2:1! Die Tore schossen John McGo­vern und Garry Birtles. Im Sta­dion gab es gar keine rich­tigen Tri­bünen, son­dern nur Stein­stufen, für die man sich Sitz­kissen kaufen konnte. Nach dem Spiel zün­deten die AEK-Anhänger diese Kissen an, so wütend waren sie über die Heim­nie­der­lage. Das Rück­spiel gewannen wir dann sogar mit 5:1. Und Europa sah, welch berau­schenden Kom­bi­na­ti­ons­fuß­ball wir spielten. Trainer Clough hasste Kick and Rush. Er sagte immer: Wenn Gott gewollt hätte, dass Fuß­ball hoch oben in der Luft gespielt wird, hätte er Rasen im Himmel gepflanzt.“ Die Spieler, die ihm zur Ver­fü­gung standen, waren teil­weise von anderen Klubs aus­sor­tiert worden. Unter Brian Clough und seinem Co-Trainer Peter Taylor spielten sie zusammen wie Welt­stars. 

Clough und Taylor waren nicht nur Kol­legen – sie waren unzer­trenn­liche Freunde. Taylor war für das Trai­ning zuständig und suchte die Spieler aus, die sie kaufen wollten. Cloughs Sache war es dann, diese Spieler zu über­zeugen. Ein Nein“ akzep­tierte er nicht, not­falls besuchte er sie zu Hause. Ihnen blieb gar nichts anderes übrig, als zu unter­schreiben, sonst wären sie ihn wohl nie wieder los­ge­worden.

Zusammen waren Clough und Taylor unglaub­lich lustig. Vor dem Liga-Cup-Finale 1978 in Wem­bley gingen sie mit der ganzen Mann­schaft in die Hotelbar. Archie Gem­mill wollte nicht mit, er sagte: Wir haben morgen ein End­spiel!“ Die beiden meinten nur: Tu, was man dir sagt! Wir gehen in die Bar!“ Clough schmiss eine Runde nach der anderen, bis alle betrunken waren, Taylor hielt sie mit seinen Sket­chen und Anek­doten bei Laune. Das war wohl ihre Art, den Spie­lern ihre Ner­vo­sität zu nehmen. Am nächsten Tag waren sie zwar ver­ka­tert, gewannen aber 3:2. 

Später kam es leider zum Bruch zwi­schen den beiden, als Taylor zu Derby County wech­selte und hinter Cloughs Rücken auch noch John Robertson, einen unserer Besten, mit­nahm. Das haben sie nicht aus der Welt geschafft, bevor Taylor starb. Obwohl Clough kein Wort mehr mit ihm gespro­chen hatte, ist er auf seine Beer­di­gung gegangen. Er war ein sehr emo­tio­naler Mensch. 


Tony Wood­cock: Brian Clough war ein tief­sin­niger Mensch, an man­chen Tagen umschwebte ihn etwas wie Melan­cholie. An ihm war ein Phi­lo­soph ver­loren gegangen. Aber seine wahr­schein­lich hoch­kom­pli­zierten Gedanken konnte er auf die ein­fachste Weise mit­teilen. Das Geheimnis des Kurz­pass­spiels erklärte er uns so: Wenn du ein rotes Trikot siehst, spiel ein­fach den Ball hin!“ Seine Tak­tik­be­spre­chungen mit Peter Taylor als Side­kick waren schlicht Welt­klasse. Da konnte es vor­kommen, dass Clough Taylor angriff, der nahm die Schuld auf sich, und wer ver­tei­digte ihn? Clough selbst! Wir Spieler lagen vor Lachen am Boden der Kabine. Vor dem Spiel gegen AEK Athen fragte ein fre­cher grie­chi­scher Jour­na­list: Was wollen Sie denn hier?“ Clough sagte nur: Wir sind hier, um zu tanzen und Whiskey zu trinken.“ Und das haben wir dann auch getan. Aber erst, nachdem wir sie weg­ge­putzt hatten. 

7. MÄRZ | 21. MÄRZ 1979: Vier­tel­fi­nale vs. Gras­shopper Zürich 

Stuart Astill: Ob die Blase nun doch platzen würde? Zunächst sah es so aus: Zürichs Mit­tel­stürmer Claudio Sulser, der schon Real Madrid mit drei Toren im Allein­gang aus­ge­schaltet hatte, schoss auch gegen uns das 1:0. Aber die Jungs kämpften wie die Tiere und konnten die Partie noch drehen: 4:1 für uns! Damit war ich mir schon vor dem Rück­spiel in Zürich sicher, dass wir wei­ter­kommen würden. Und so kam es auch: Zürich ging zwar wieder durch diesen läs­tigen Sulser in Füh­rung, Martin O’Neill glich aber nur vier Minuten später aus. Das reichte.

Für Brian Clough war das Wei­ter­kommen ein Geburts­tags­ge­schenk, denn an dem Tag wurde er 44. Ich hatte ihm vor dem Spiel gra­tu­liert. Wir kannten uns per­sön­lich, seit er mich einmal beim Treffen des Fan-Komi­tees ange­spro­chen hatte: Ich habe Sie bei vielen Aus­wärts­spielen gesehen. Ich weiß, dass Sie ein echter Fan sind.“ Er kam mit an den Tisch, an dem ich mit einem Freund saß und unter­hielt sich mit uns. Es war schon weit nach Mit­ter­nacht, als Brian Clough auf die Uhr sah: Was? Schon so spät? Ich bin heute morgen um neun aus dem Haus gegangen! Bar­bara (seine Frau, die Red.) wird denken, dass ich bei einer anderen bin.“ 

Damit ver­ab­schie­dete er sich, und auch wir bra­chen kurz danach auf.

Wenig später kamen mein Freund und ich auf dem Heimweg durch die Ort­schaft Wollaton. Es war absolut nichts los, aber plötz­lich stand dort ein Auto, alle Türen waren offen, der Motor lief noch und mein Freund sagte: Ist das nicht Clou­ghies Auto?“ Ich ant­wor­tete: Meine Güte, ja!“ Also hielten wir an, um zu sehen, was los war. Auf der Rück­bank saß ein junger Kerl, viel­leicht 14 Jahre alt. Wir fragten ihn, wo der Besitzer des Autos sei, und er deu­tete auf eine Hecke. Wir stiegen hin­durch, und da sahen wir plötz­lich Brian Clough auf einem Feld. Was ist denn hier los?“, wollten wir wissen, und er erzählte, dass er eben zwei Jungs ent­deckt habe, die aus dem benach­barten Kin­der­heim abge­hauen seien. Den einen, der im Auto saß, hatte er ein­fangen können, der andere war durch die Hecke gesprungen. Wir boten unsere Hilfe an, aber er meinte nur: Fahrt nach Hause, ihr Zwei! Ich finde den schon.“ Am nächsten Tag hatten wir ein Aus­wärts­spiel – und wer saß in der ersten Reihe, als der Mann­schaftsbus vor­fuhr? Die zwei jungen Bur­schen, die Clough am Vor­abend ein­ge­fangen hatte. Er hatte sie mit zum Spiel genommen. 

So war er. Er konnte sehr streng sein, wenn er schlechte Laune hatte. Aber wenn er gut gestimmt war, war er die Freund­lich­keit in Person. Einmal ließ er den Fahrer auf dem Weg zu einem Aus­wärts­spiel anhalten. Er hatte ein Haus mit einem wun­der­vollen Garten gesehen, alles war voller Rosen und anderer Blumen. Clough klopfte zweimal an die Tür, aber es war nie­mand zu Hause. Und was machte er? Er ging herum und stellte Blu­men­sträuße zusammen. Rosen, Nar­zissen, alles, was ihm gefiel. Als er mit dem Pflü­cken fertig war, gab er jedem seiner Spieler einen Strauß für seine Frau und schob noch eine 10-Pfund-Note unter der Tür durch. 


Tony Wood­cock: 4:1 im Hin­spiel, was sollte da noch anbrennen? Bei den Gras­shop­pers holten wir ein 1:1 und waren weiter. Aber es war ein schnödes Spiel, wir waren blass geblieben. Das gefiel Brian Clough gar nicht, er war ange­fressen und verbot uns, abends in Zürich noch auf die Pauke zu hauen. Ein paar Jungs und ich setzten uns dar­über hinweg, wir waren ja schließ­lich ins Halb­fi­nale ein­ge­zogen. Aber so richtig funk­tio­niert hat es nicht. Wir saßen die ganze Zeit nur ver­druckst rum und hatten ein furchtbar schlechtes Gewissen. 

11. APRIL | 25. APRIL 1979: Halb­fi­nale vs. 1. FC Köln  

Stuart Astill: In Not­tingham reg­nete es in Strömen, der Platz im City Ground war ein ein­ziger Sumpf. Köln ging 2:0 in Füh­rung, durch Tore von van Gool und Dieter Müller. Garry Birtles und Ian Bowyer gli­chen wieder aus. Dann folgte das Tor, von dem John Robertson noch heute jedes Mal spricht, wenn ich ihn treffe. Es war näm­lich das ein­zige Kopf­balltor, das er je erzielt hat. Auf jeden Fall waren wir ab der 62. Minute wieder in Füh­rung. Aus einem 0:2‑Rückstand hatten wir eine 3:2‑Führung gemacht. Doch dann kam der Japaner Yasu­hiko Oku­dera, der eine Minute nach seiner Ein­wechs­lung in der 81. Minute den 3:3‑Endstand her­stellte. An die Schlag­zeile des nächsten Tages erin­nere ich mich noch genau: Japa­nese Sub Sinks Forest“ (engl. Sub = 1. Substitute/​Ersatzspieler, 2. Submarine/​U‑Boot, d. Red). 

Als wir zwei Wochen später nach Deutsch­land kamen, waren die Kölner wegen ihrer drei Aus­wärts­tore voll­kommen sie­ges­si­cher. Vor dem Mün­gers­dorfer Sta­dion wurden sogar schon Wer­be­pro­spekte für das Finale ver­teilt: Besu­chen Sie das Spiel 1. FC Köln gegen Malmö oder Aus­tria Wien in Mün­chen!“ Die Reise dorthin konnte man schon buchen.

Auch die meisten Experten setzten keinen Pfif­fer­ling mehr auf uns. Peter Taylor war es, der sagte: Schreibt uns nicht zu früh ab.“ Als Ian Bowyer dann in der 65. Minute das 1:0 für uns schoss, war noch unglaub­lich viel Zeit übrig. Die längsten 25 Minuten meines Lebens! Ein Freund von mir hielt diese Span­nung nicht aus. Er ver­ließ das Sta­dion und machte einen Spa­zier­gang. Köln star­tete einen Angriff nach dem anderen, das war zuviel für ihn. Aber unsere Defen­sive hielt stand. Larry Lloyd und Kenny Burns waren fan­tas­tisch, da kam keiner durch. Sie spielten nie foul, waren aber sehr hart. Und hinter ihnen stand noch Peter Shilton im Tor. Ich war unglaub­lich stolz, als end­lich der Schluss­pfiff ertönte und unser 1:0‑Sieg fest­stand. Es war die Bril­lanz von Brian Clough und Peter Taylor, die so etwas mög­lich machen konnte, obwohl die Kölner sich sicher gewesen waren, dass sie eigent­lich schon im Finale stehen. Angeb­lich hatten die beiden gewusst, dass Hennes Weis­weiler, der Kölner Trainer, ein kon­ser­va­tiver Mensch war und auf Ergeb­nis­si­che­rung spielen würde. Das haben sie aus­ge­nutzt. Und wie! Forest stand im End­spiel! Not­tingham Forest! Wir! 


Tony Wood­cock: Ach, die können gar nichts!“, sagte Clough vor dem Rück­spiel in Köln – dabei hatten wir beim 3:3 zuhause super­schlecht gespielt. Guckt euch nur mal den Keeper an, diesen Schu­ma­cher“, ätzte Taylor, der selbst Tor­wart gewesen war. Der hält nichts. Der faustet nur, als wollte er den Ball erschlagen. Schießt aus allen Lagen, Jungs!“ Dazu tranken wir alle ein Glas Cham­pa­gner. Danach gingen wir noch am Rhein spa­zieren, ganz locker. Vor dem Anpfiff sagte Clough dann noch: Zur Halb­zeit wird es 0:0 stehen, dann machen wir unser Tor, wir bringen das Ding nach Hause, wir stehen im End­spiel.“ Und genau so kam es, wie so oft. Clough muss ein Hell­seher gewesen sein. 

Hin­terher sagten die Kölner Hotel­an­ge­stellten zu uns: Wegen euch haben wir eine Menge Kohle ver­loren. Wir haben auf den FC gewettet. Ihr taucht hier auf, trai­niert nicht, geht nur spa­zieren – und gewinnt das Spiel!“ 
30. MAI 1979: Finale vs. Malmö FF 

Stuart Astill: Das Finale im Olym­pia­sta­dion von Mün­chen war an einem Mitt­woch. Wir flogen schon am Montag hin und blieben bis Samstag. Es war sehr warm, die Sonne schien die ganze Zeit, und wir hatten eine prima Woche. Wir sahen uns sogar Neu­schwan­stein an, dieses schnee­weiße Mär­chen­schloss. Und jede Menge dieser bay­ri­schen Bier­keller. 

Am großen Tag waren unge­fähr 20 000 Not­tingham-Fans im Olym­pia­sta­dion, die Atmo­sphäre war fast ein biss­chen wie bei einem Heim­spiel. Das Finale an sich war, ehr­lich gesagt, nicht beson­ders toll. Da gab es deut­lich bes­sere End­spiele, das muss ich zugeben. Uns konnte es egal sein, wir gewannen es durch ein Tor von Trevor Francis kurz vor der Pause. Ich erlebte das alles wie in Trance, jetzt läuft es wie ein Film vor mir ab: John Robertson ging bis zur Tor­linie durch und brachte den Ball nach innen. Trevor köpfte ihn rein. Wir kon­trol­lierten das Spiel, aber Chancen waren echte Man­gel­ware. Clough und Taylor waren völlig ruhig, wie immer, sie ließen sich nie etwas anmerken. 

Und dann kam der große Moment: Der Schieds­richter pfiff ab! Ich begriff das alles gar nicht, bis unser Kapitän John McGo­vern die Tro­phäe in die Luft reckte. Erst da wurde mir klar: Wahn­sinn, das ist der Euro­pa­pokal der Lan­des­meister! Und das ist nicht Real Madrid – das da unten ist unsere Mann­schaft! Ich konnte das nicht glauben! Nach dem Spiel kamen die Spieler – unsere Jungs! – in die Kurve und prä­sen­tierten uns den Pokal. Wir wollten nur noch feiern, und das taten wir auch mit aller Kon­se­quenz. Erst im Sta­dion, dann den Rest der Nacht im Hof­bräu­haus, das für uns reser­viert war. Ich erin­nere mich noch, dass ich erst um sieben Uhr mor­gens ins Hotel zurückkam. 

Wegen unseres Mün­chen-Urlaubs ver­passten wir aller­dings die große Parade nach der Rück­kehr der Mann­schaft nach Not­tingham. Irgendwie bedauere ich das, aber trotzdem hat sich der Aus­flug nach Bayern gelohnt. Brian Clough flog auch nicht mit zurück nach Eng­land, son­dern zog sich wieder in sein Feri­en­haus auf Kreta zurück, wo er auch schon die Tage zuvor ver­bracht hatte. So war er eben: Brian Clough. Er tat immer, was man am wenigsten erwar­tete. 


Tony Wood­cock: Guten Flug! Ich komme erst am Dienstag“, sagte Brian Clough vor der Reise nach Mün­chen zu uns. Ich bin noch auf Kreta!“ Das war normal. Der Mann machte nun mal gern Urlaub. Wir waren ange­spannt, aber nicht nervös. Wir liebten das Spiel – und standen im größten Finale, das der Fuß­ball zu bieten hat. Leider war es an diesem Tag super­schwül in Mün­chen, der Föhn kam die Alpen her­unter. Es gelang uns nicht, eine echte Show abzu­lie­fern, und die Schweden haben nur gemault. Wir waren depri­miert, dass wir uns der Welt nicht als große Mann­schaft prä­sen­tierten. In der Halb­zeit kam Clough in die Kabine und sagte: Kommt schon. Gewinnt ein­fach! Dann geht ihr schon noch in die Geschichts­bü­cher ein.“ Und wir haben gewonnen! Die Party danach und der Emp­fang in Not­tingham waren unver­gess­lich. Clough und Taylor waren nicht dabei. Wir wollten sie über­reden, aber sie sagten: Das gehört nur euch.“

Noch im Sommer ver­ließ ich Not­tingham schweren Her­zens und ging nach Köln. In der Win­ter­pause besuchte ich meine alten Kum­pels bei einem Spiel. Ich wollte auf der Tri­büne Platz nehmen, doch Brian Clough sagte: Komm, du sitzt bei mir auf der Bank.“ Ach, ich ver­misse sie. Brian Clough und Peter Taylor. Unsere Trainer. Und diese Zeit, in der Loya­lität noch eine Rolle spielte. Freund­schaft. Wie damals, bei Not­tingham Forest.