Seite 2: Wie ein betagter Schwergewichtsboxer

2018 müssen sie nichts mehr beweisen. Der WM-Titel hat vieles ver­än­dert. Das Bild von Löw chan­gierte vom Hand­creme-Löw zum Welt­meister-Jogiiiii, dessen Schrul­lig­keiten zum Kult ver­klärt wurden. Bei den TV-Inter­views stellten Mode­ra­toren ihm einen Espresso hin und begut­ach­teten ihn beim Trinken, als würde die Queen ihren Nach­mit­tagstee schlürfen. Löw wird nicht mehr laut, er lie­fert sein scho au“-Diminuendo, dann geht er.

Nach der Bekannt­gabe des end­gül­tigen Kaders lässt er keine Nach­fragen zu. Pfiffe gegen Natio­nal­spieler kann er nicht ver­stehen. Der DFB beendet in bester oder schlech­tester Ronald-Pofalla-Manier die Dis­kus­sionen um das Erdogan-Foto. Flan­kiert von dem all­ge­gen­wär­tigen Protzer-Motto: Best never rest. Der Spruch wirkt wie der mit zu viel Gold behan­gene Schwer­ge­wichts­gürtel eines betagten Boxers. Keiner hat es so deut­lich aus­ge­spro­chen, aber der Sub­text aus vielen Inter­views klingt jetzt bla­siert: Wat wol­lense? Wir sind Welt­meister.

Die tech­ni­sche Klasse allein reicht nicht mehr

Mexikos Trainer sagte, seine Mann­schaft habe ein halbes Jahr lang die Taktik gegen Deutsch­land vor­be­reitet. Tief stehen, schnell umschalten. Das hatte Löw nicht erwartet. Für die Mexi­kaner war es das Spiel des Jahres. Marco Reus rutschte der Satz heraus, Löw habe ihn nicht gegen die Mexi­kaner, son­dern erst für die wich­tigen Spiele“ ein­ge­plant.

Richtig wichtig wird es gegen die Schweden allemal: Sie räumten Ita­lien aus dem Weg und danach samt ihrer geschlos­senen Grup­pen­stärke ein Fern­seh­pult. Das war sym­pto­ma­tisch. Der Kapitän Andreas Gran­q­vist steht für ihre Ent­schlos­sen­heit, er könnte VHS-Kurse in Bälle resolut aus dem Straf­raum schä­deln“ anbieten. Deutsch­land wird sich nicht mehr allein auf seine tech­ni­sche Extra­klasse, auf die Zau­ber­füße von Kroos, Draxler oder Özil ver­lassen können. Löw muss die Balance finden.

Die Elf braucht in diesem Tur­nier mehr Kör­per­lich­keit im Straf­raum, weil sich auch ver­meint­lich klei­nere Teams in Russ­land auf eine kom­pakte Defen­sive und schnelles Umschalten ver­stehen. Sie braucht viele Beine im Mit­tel­feld“, wie sie in Eng­land sagen, also einen für die Drecks­ar­beit“ hinter Kroos. Sie braucht die nötige Resi­lienz auf dem Platz und in der Kabine, die Schwein­s­teiger oder Mer­te­sa­cker in Bra­si­lien per­so­ni­fi­zierten. Sie braucht Prag­ma­tismus beim Tor­ab­schluss. Bei der WM 2014 tüf­telte Co-Trainer Hansi Flick mit den Spie­lern Stan­dard­si­tua­tionen aus, die ent­schei­dende Tore gegen Ghana oder Frank­reich ein­brachten. Löw sind solche Maß­nahmen eigent­lich zuwider. Er sagte, man habe dafür Trai­nings­zeit geop­fert“. Doch bei dieser WM in Russ­land, das zeigen die ersten Tage, fallen bemer­kens­wert viele Tore nach ruhenden Bällen.

Löw will trotz allem am Plan fest­halten – ist er zu stur?

Das wären viele Modi­fi­zie­rungen. Der Bun­des­trainer meinte jedoch nach dem Mexiko-Spiel: Den Plan über den Haufen schmeißen – das machen wir schon gar nicht.“ Ist es Ent­schlos­sen­heit? Oder Stur­heit? Natür­lich geraten tie­fer­ge­hende Bewer­tungen nach nur einem Spiel zu früh. Tra­di­tio­nell lie­ferte Deutsch­land immer ein schlechtes Spiel in der Grup­pen­phase ab und wurde dann meist seinem Ruf als Tur­nier­mann­schaft gerecht.

Doch selbst im Ach­tel­fi­nale werden Deutsch­lands Gegner so auf­laufen, als wäre es für sie das Spiel des Lebens. Mexiko war da nur ein Vor­ge­schmack. Die deut­sche Mann­schaft hat nicht viel Zeit. Sie muss sich wieder beweisen wollen. Sie muss in den Tur­nier­modus kommen. Das gilt auch und vor allem für Joa­chim Löw.