Nach der Nie­der­lage gab sich Joa­chim Löw trotzig. Es sind diese Momente, in denen er auf seine bekannten Satz­füller scho au“ oder sagn­wamal“ ver­zichtet, er spricht dann klar und lauter als gewohnt: Es besteht jetzt über­haupt kein Anlass, alles in Frage zu stellen.“ Schnell kur­sierten Berichte, wonach Löw das Spiel ver­coacht habe.

Er stol­perte über einen Trick, der so alt wirkt wie der Fuß­ball selbst: Ein Trainer lässt den Spiel­ge­stalter des Geg­ners in Mann­de­ckung nehmen. So bringt er das Spiel der anderen Mann­schaft zum Erliegen. Ob nun die alten Grie­chen um Reha­kles oder die alten Deut­schen um Diego Buch­wald, sie alle bedienten sich dieser Kampf­taktik. Löws Schlüs­sel­spieler Toni Kroos kam über­haupt nicht zur Gel­tung. Und Löw haderte noch lange mit dieser Nie­der­lage – gegen Ita­lien im EM-Halb­fi­nale 2012.

Es ist die feine Ironie des Schick­sals, dass ein und die­selbe Maß­nahme jeweils zu Ungunsten von Joa­chim Löw aus­fiel. Bei der EM vor sechs Jahren stellte er Toni Kroos zur Bewa­chung des von Löw gefürch­teten, ita­lie­ni­schen Regis­seurs Andrea Pirlo ab und beraubte sich des­wegen einer wich­tigen Option im eigenen Spiel. Deutsch­land verlor. Nun, im ersten Spiel der WM 2018 für Deutsch­land, bewachten die Mexi­kaner den deut­schen Spiel­ge­stalter. Dessen Name: Toni Kroos. Deutsch­land verlor.

Das 1:2 gegen Ita­lien war eine Wen­de­marke in Löws Ära – das 0:1 gegen Mexiko könnte eine werden, aller­dings in die ent­ge­gen­ge­setzte Rich­tung. Vor sechs Jahren wurde ihm der über­bor­dende Respekt zum Ver­hängnis, nun könnte es die über­bor­dende Selbst­si­cher­heit sein.

Das 0:1 kann eine Wen­de­punkt in Löws Ära werden

Das Spiel gegen Ita­lien war die Katharsis seiner Amts­zeit gewesen, der Antrieb für den größten Sprung. Löw galt sei­ner­zeit als der Allein­schul­dige am Aus. Bou­le­vard­jour­na­listen durch­wühlten den Müll seines Hotel­zim­mers und prä­sen­tierten seinen weg­ge­wor­fenen Glück­spulli wie eine Tro­phäe des Schei­terns. In der breiten Öffent­lich­keit war sein Bild klar umrissen: Er war der Hand­creme-Löw, zu weich, zu zau­dernd, kein Mann für die großen Spiele. Sein Credo Nur wer schön spielt, gewinnt den Titel“ wurde ihm im effi­zi­enz­ver­liebten Deutsch­land als Traum­tänzer-Atti­tüde aus­ge­legt.

Der Sta­chel saß tief. Andert­halb Monate nach der EM gab Löw eine Pres­se­kon­fe­renz. Er knöpfte erst den obersten Knopf seines Hemdes auf und sich dann die ver­sam­melte Medi­en­schar vor. Eine halbe Stunde lang sprach der Bun­des­trainer, laut und bestimmt. Er kan­zelte alle Vor­würfe ab, so kamp­fes­lustig, als würde er sogleich vom Podium aus in einen Zwei­kampf mit Sergio Ramos springen.

2014 wollte nicht nur er es allen beweisen. Bas­tian Schwein­s­teiger kämpfte gegen das Chefchen“-Stigma, Philipp Lahm, Per Mer­te­sa­cker, Miroslav Klose, Mesut Özil – auch sie wurden von Stamm­ti­schen und selbst seriösen Jour­na­listen als Memmen“ ange­zählt. Alles keine Füh­rungs­fi­guren!

Die Gegner von Löws Mann­schaft bei der WM in Bra­si­lien hießen auf dem Papier zwar Ghana, Alge­rien oder Frank­reich, tat­säch­lich war der größte Gegner die Kri­ti­ker­riege in der Heimat. Der Trotz einer gesamten Mann­schaft und des Trai­ner­teams kul­mi­nierte in der bei­ßenden Replik von Per Mer­te­sa­cker auf die Kritik eines Fern­seh­re­por­ters: Wat wol­lense?