11FREUNDE am Morgen

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Was für ein dra­ma­ti­scher Fuß­balltag das war. Hatten sich die Ach­tel­fi­nals der Euro bisher eher so etwas dröge und über­ra­schungsarm dahin geschleppt, überbot sich der gest­rige Montag an fuß­bal­le­ri­schem Spek­takel. Erst schmiss Spa­nien Kroa­tien mit 5:3 nach Ver­län­ge­rung aus dem Tur­nier und zeigte dabei eine spie­le­risch derart anspre­chende Leis­tung, dass nach dem großen Favo­ri­ten­sterben der letzten Tage der Weg zum Tur­nier­sieg über diese Mann­schaft führt. Und dann pro­du­zierte die Schweiz mit ihrem Sieg im Elf­me­ter­schießen gegen Welt­meister Frank­reich die bis­lang wohl größte Sen­sa­tion des Tur­niers.

Es ist das aller­erste Mal, dass die Aus­wahl über­haupt in ein EM-Vier­tel­fi­nale ein­zieht – und sie tat es mit dem größt­mög­li­chen Spek­takel. Erst ging sie durch Sefer­ovic über­ra­schend in Füh­rung, kam nach einem depri­mie­renden 1:3‑Rückstand in den Schluss­mi­nuten noch zum Aus­gleich, kämpfte sich bra­vourös durch eine nicht enden wol­lende Ver­län­ge­rung und hatte dann im Elf­me­ter­schießen das Momentum auf ihrer Seite. Dass sich da eine Sen­sa­tion anbahnte, sah übri­gens jeder, der vor dem Shoo­tout in die Gesichter der Fran­zosen blickte. Die Mienen der Stars ver­mit­telten alle­samt eine Bot­schaft, die da lau­tete: Wir sollten eigent­lich gar nicht hier sein!“ Sollten sie auch nicht.

Die Equipe Tri­co­lore hatte wäh­rend der 90 und 120 Minuten aus­rei­chend Gele­gen­heit, das Spiel zu ent­scheiden. Schlimmer noch: Sie hatte es bereits ent­schieden, durch ansehn­liche Tore von Ben­zema und Pogba, gab es leicht­fertig wieder aus der Hand und musste am Ende zusehen, wie sich um Keeper Yann Sommer, der den letzten Elfer von Kylian Mbappé mit einem Hecht­sprung parierte, eine wild tan­zende Jubel­traube bil­dete. Für die Schweizer geht es am Freitag weiter – mit einer wei­teren Bewäh­rungs­probe. Es geht näm­lich gegen Spa­nien. Aber das Spiel gegen die Fran­zosen hat bewiesen, dass diese Mann­schaft, so kom­pakt und begeis­te­rungs­fähig sie sich prä­sen­tierte, jeden Gegner schlagen kann. Ganz even­tuell sogar die Spa­nier.

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Rück­schau

Bit­tere Oran­gen­mar­me­lade. Nach dem über­ra­schenden Aus gegen Tsche­chien wird nun in den Nie­der­landen ein mediales Scher­ben­ge­richt abge­halten. Alle Gazetten, Por­tale und Zei­tungen eint dabei die Erkenntnis, wie unnötig doch das Aus­scheiden gewesen sei und die Ent­täu­schung dar­über, wie wenig Coach Frank de Boer es geschafft habe, die Mann­schaft wirk­lich zu einer Ein­heit zu formen. Manch einer drif­tete dabei auch in den klas­si­schen Chau­vi­nismus ab. Peter Wek­king von Voetbal Inter­na­tional“ schäumte, die Elftal habe das Unmög­liche mög­lich gemacht, näm­lich gegen ein tsche­chi­sches Team zu ver­lieren, das nicht einmal anständig Fuß­ball spielen“ könne. Die Nie­der­lande bewege sich auf Augen­höhe mit den Hob­by­ki­ckern aus Wales“. Ein Ver­gleich, den das iri­sche Portal balls​.ie“ dann aber doch unan­ge­messen fand: Das hat Wales nicht ver­dient!“

Zitat des Tages

Die kurze und unru­hige Nacht, die sie in ihrem Hotel in der Innen­stadt von Buka­rest, der rumä­ni­schen Haupt­stadt, ver­bringen mussten, reicht als Grund nicht aus!“

Die Tageszeitung "Le Monde"...

L’Hertha, c’est moi!

Prince Boateng kehrt zur Hertha zurück, er soll die Mann­schaft anführen und den Klub mit der Stadt ver­söhnen. Viel Ver­ant­wor­tung für einen Mann, der einst Back­pfeifen im Trai­ning ver­teilte und ran­da­lie­rend durch die Straßen zog. Aber immerhin ist Marko Rehmer nicht mehr da.

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Auf der Über­hol­spur

Flott unter­wegs. Ein wirk­lich rüh­render Mit­glieds­an­trag flat­terte dem Dritt­li­gisten 1.FC Mag­de­burg ins Haus. Ein rüs­tiger Senior wollte seinem Her­zens­klub bei­treten und füllte brav alle ein­schlä­gigen Felder aus. Unter anderem auch das, wo rou­ti­ne­mäßig unter Mobil“ die Han­dy­nummer abge­fragt wird. Das bal­dige Neu­mit­glied inter­pre­tierte die Frage nach der Mobi­lität aller­dings anders und notierte wahr­heits­gemäß: Rol­lator“. Wie rüh­rend.

Das große Rät­sel­rennen

Jetzt wird’s knifflig. Diesmal werden die Könige der Bil­der­rück­wärts­suche auf eine harte Probe gestellt. Keine Eske Nannen oder Kain, die per Google Lens“ die Lösung bringen. Heute suchen wir näm­lich einen Klub, dessen Aus­strah­lung und Cha­risma unter­schätzt wird und in den Gazetten oft­mals als graue Maus“ abge­stem­pelt wird. Wie unge­recht! Lösungen bitte an philipp@​11freunde.​de. PS: Ges­tern suchten wir den Fan-Chant Pyro­technik ist kein Ver­bre­chen“, wobei vor allem das erste Bild Pro­bleme machte. Zu sehen war natür­lich der legen­däre Sketch mit Diether Krebs und Iris Berben, in deren Ver­lauf auch der beste Witz aller Zeiten dar­ge­bracht wird („Wie heißt das Reh mit Vor­namen? Kar­tof­felpü.“). Quizzer Manuel Han­ning schrieb ratlos: Mög­li­cher­weise han­delt es um eine kul­tu­relle Refe­renz, für die ich 20 Jahre zu spät geboren wurde“. Ich möchte kor­ri­gieren: 30 Jahre zu spät.

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Kote­lett-Kaiser

Ära beendet. Sollte es auf Schalke noch irgend­welche Zweifel gegeben haben, dass der Rück­tritt von Cle­mens Tön­nies ein Segen für den Klub war, dann sollten diese nach einem jüngst ver­öf­fent­lichten Inter­view mit dem ehe­ma­ligen Macht­haber end­gültig besei­tigt sein. Es prä­sen­tierte sich in der WAZ“ näm­lich nie­mand, der auch nur ansatz­weise an einer gedeih­li­chen Zukunft des Klubs inter­es­siert ist, statt­dessen vari­ierte Tön­nies immer wieder eine Bot­schaft, die da lau­tete Mit mir wäre das nicht pas­siert!“ Mal mit Lar­moyanz vor­ge­tragen („Jeder­zeit hätte man mich fragen können. Aber die Ver­ant­wort­li­chen wollten sich eman­zi­pieren“), mal mit groß­spu­rigen Ver­spre­chungen gar­niert („Ich kann Ihnen sagen, dass das Kon­zept für ein neues Schalke fix und fertig in der Schub­lade liegt“), mal mit Mor­genthau-Asso­zia­tionen ange­rei­chert („In den ver­gan­genen Monaten haben wir den Plan für das Mul­ti­funk­ti­ons­ge­bäude auf dem Berger Feld erar­beitet. Jetzt wächst dort Gras“) – das ganze Inter­view ist eine beein­dru­ckende Selbst­be­weih­räu­che­rung und eine Geschichts­klit­te­rung ohne­glei­chen. Denn so sehr Tön­nies auch den Ein­druck erwe­cken möchte, der Schalker Nie­der­gang habe pünkt­lich am Tag seines Aus­schei­dens begonnen, so sehr steht der ehe­ma­lige Boss für die Tal­fahrt des Klubs. Es waren seine Ent­schei­dungen, sein Per­sonal, seine Stra­tegie. Das sollte nicht ver­gessen werden.

Heute spielt Deutsch­land gegen Eng­land. Und dieses Spiel ent­scheidet auch über die his­to­ri­sche Nach­be­trach­tung der späten Ära Löw. Gewinnt sein Team heute, werden sich all die erra­ti­schen Per­so­nal­ent­schei­dungen und die bis­weilen irr­lich­ternde Taktik zu einem letzt­lich doch posi­tiven Gesamt­bild formen. Hat der Jogi es halt besser gewusst als wir alle. Scheidet die Mann­schaft hin­gegen heute aus, werden die drei Jahre seit dem Aus­scheiden bei der WM in Russ­land 2018 als ver­lo­rene Jahre gelten. So nah liegen Glanz und Elend bis­weilen bei­ein­ander.

Einen schönen Spieltag wünscht euch

Philipp Köster