Diego Mara­dona hat schlechte Laune. Er tritt als Letzter ins Flut­licht und sieht sich mür­risch um. Die Spieler haben sich bereits warm­ge­macht und fangen mit dem Abend­trai­ning an, aber ihr Trainer zeigt wenig Inter­esse am Geschehen und über­lässt alles seinen Assis­tenten. Macht ihm an diesem Abend viel­leicht die tro­ckene ara­bi­sche Hitze zu schaffen? Oder hängt ihm noch die andert­halb­stün­dige Auto­fahrt von Dubai durch die Wüste und das Hajar-Gebirge in den Kno­chen? Schmerzt sein 56 Jahre alter Körper, an dem ein viel zu hartes Leben seine Spuren hin­ter­lassen hat, wenn er jetzt so mühsam zum Platz schlurft, als würden seine steifen Beinen gleich unter ihm nach­geben? 

Das alles mag so sein, aber jetzt geht ihm vor allem ein Spieler auf die Nerven. Wir sind erst seit ein paar Tagen zurück und der fängt schon wieder mit seinen Mätz­chen an. Hacke, Spitze, eins, zwei, drei, so etwa“, sagt Diego und zap­pelt dazu erklä­rend mit den Füßen herum. Solange ich da bin, lässt du das schön bleiben! Egal wer du bist!“ Anschlie­ßend spricht er mit seinem Assis­tenten, dem frü­heren Team­kol­legen Luis Islas, der 1986 auf der Bank saß, als Mara­dona die argen­ti­ni­sche Natio­nal­mann­schaft fast im Allein­gang zum WM-Titel führte. Acht Jahre später in den USA stand Islas dann im Tor, als Mara­donas Kar­riere in der Natio­nalelf wegen Dopings auf dra­ma­ti­sche Weise zu Ende ging. 

Die jüngste Wende einer erstaun­li­chen Geschichte

Islas lauscht seinem Boss geduldig und erst, als er das Gefühl hat, dass Mara­dona alles gesagt hat, was ihm auf der Seele brennt, holt er ein Tablet raus und erläu­tert ihm die abend­liche Trai­nings­ses­sion. Mara­dona zuckt dar­aufhin die Ach­seln und geht davon. Er macht seine Runde und begrüßt jeden ein­zeln: die anderen Argen­ti­nier aus seinem Stab mit Küssen auf die Wangen, die Ein­hei­mi­schen mit einer Umar­mung. Sie alle sehen vor Ehr­furcht ergriffen aus. 

Es ist in der Tat kaum zu begreifen, dass er wirk­lich hier ist: die Legende, der viel­leicht größte Fuß­ball­spieler aller Zeiten, im Fud­schaira-Sta­dion im Osten der Ver­ei­nigten Ara­bi­schen Emi­rate, fern der Schau­plätze des großen Fuß­balls, als neuer Trainer eines Klubs aus der zweiten Liga des Landes, in dem er seit 2011 zu Hause ist. Es ist die jüngste uner­war­tete Wende in der erstaun­li­chen und dra­ma­ti­schen Geschichte von Diego Armando Mara­dona. 

Das Ziel ist der Auf­stieg

Ein paar Stunden vorher war Luis Islas in der kli­ma­ti­sierten Lobby des City Tower Hotels in einem Vorort von Fud­schaira erschienen, dort, wo die Auto­bahn aus Dubai auf den Küs­tenort trifft. Hier wohnt der ehe­ma­lige Tor­wart, seit er diesen Sommer in die Emi­rate kam, anders als Diego Mara­dona, der in Dubai resi­diert. Die Hitze ist unvor­stellbar; wir trai­nieren ent­weder mor­gens oder abends. Die ein­hei­mi­schen Spieler kennen es nicht anders, aber es ist schon sehr gewöh­nungs­be­dürftig“, sagt Islas.

Ein paar Tage zuvor sind Islas, Mara­dona und ihre Mann­schaft von einem drei­wö­chigen Trai­nings­lager in den Nie­der­landen zurück­ge­kehrt. Jetzt ist es an der Zeit, in der Hitze Ara­biens den letzten Fein­schliff zu besorgen, bevor im November die Saison beginnt. Das Ziel ist logi­scher­weise der Auf­stieg in die erste Liga. 

Islas kennt Mara­dona seit mehr als drei Jahr­zehnten, als Trainer hatten sie aber noch nicht zusam­men­ge­ar­beitet. Wir hatten oft über die Mög­lich­keit einer Zusam­men­ar­beit gespro­chen, aber wann immer er irgendwo einen Trai­nerjob annahm, war ich gerade anderswo beschäf­tigt. Diesmal ergab sich end­lich die Chance, und ich habe natür­lich sofort zuge­sagt. Ich würde zu Diego nie­mals Nein sagen. Nie­mals!“ Falls Loya­lität ein Kri­te­rium war, als er seinen Assis­tenten wählte, hat Mara­dona sich für den rich­tigen Mann ent­schieden.