Chris­tian Ziege, ist das Cham­pions League-Finale zwi­schen dem FC Liver­pool und Tot­tenham Hot­spur für Sie ein ganz beson­deres, weil Sie für beide Klubs aktiv waren?
Das Cham­pions League-Finale ist immer ein ganz beson­deres Spiel. Es ist das größte Spiel des Jahres. Aber es stimmt schon, nachdem ich bei beiden Fina­listen gespielt habe, ist das dies­jäh­rige Finale für mich noch spe­zi­eller. Und ich habe ein echtes Pro­blem: Ich weiß nicht, wem ich die Daumen halten soll.

Wirk­lich keine Prä­fe­renz?
Nein. Ich durfte mit beiden Ver­einen sehr schöne Dinge erleben. Mit Liver­pool habe ich in einer Saison den UEFA-Cup, den FA-Cup und den Liga-Cup gewonnen. Trotzdem war es für mich kein ein­fa­ches Jahr. Ich hatte zuvor bei Midd­les­b­rough eine super Saison gespielt und wech­selte anschlie­ßend zum FC Liver­pool, weil ich inter­na­tional spielen wollte. Aus dem Nichts heraus hat mich dann der dama­lige Trainer Gérard Houl­lier nicht mehr auf­ge­stellt – ohne Begrün­dung. Dann habe ich im UEFA-Cup wieder eine Chance bekommen, die ich nutzen konnte. Acht Wochen lang spielte ich, dann saß ich wieder draußen. Nie­mand konnte mir erklären, warum – weder die Team­kol­legen noch der Co-Trainer. Houl­lier hat nicht mit mir gespro­chen. Aber es war trotzdem eine Rie­sen­er­fah­rung für diesen Verein gespielt zu haben, mit diesem fan­tas­ti­schen Sta­dion und mit diesen unglaub­li­chen Fans.

Was ist aus der Zeit bei Tot­tenham hän­gen­ge­blieben?
Die drei Jahre bei Tot­tenham waren eine super Zeit. Vor allem im ersten Jahr hatten wir eine klasse Mann­schaft – unter anderem mit Teddy She­ringham und Steffen Freund. Wir haben einen richtig guten Fuß­ball gespielt. Das hat bei den Spurs auch Tra­di­tion. Die Tot­tenham-Fans haben schon immer ver­langt, dass kein Kick and Rush, son­dern guter Fuß­ball gespielt wird – das gilt heute noch. Gelingt das nicht, kann das Publikum schon mal unruhig werden.

In Ihre Zeit bei den Spurs fällt auch eine Ver­let­zung, die zunächst harmlos wirkte, aber fatal hätte enden können.
Gott sei Dank ist die Sache gut aus­ge­gangen. Es pas­sierte 2002 am Boxing Day, dem zweiten Weih­nachts­fei­ertag, im Spiel gegen Charlton Ath­letic. Ich bekam einen Schlag auf den Ober­schenkel. Es war kein harter Tritt, aber mein Bein schwoll nach dem Spiel wirk­lich schlimm an. Ich hatte große Schmerzen. Zuerst wollte ich nicht ins Kran­ken­haus. Aber meine Frau bestand darauf. Dort wurde ein Kom­part­ment­syn­drom, ein erhöhter Gewe­be­druck, fest­ge­stellt. Ich musste sofort ope­riert werden. Die Ärzte haben mir gesagt, 30 oder 45 Minuten später und sie hätten das Bein ampu­tieren müssen, sonst wäre ich gestorben. Auch diese Bilder habe ich immer vor Augen, wenn ich an Tot­tenham denke. Ich musste später noch­mals ope­riert werden. Mir wurde ein Teil der Mus­ku­latur ent­fernt. Davon habe ich mich als Spieler nie mehr kom­plett erholt.

Tot­tenham gilt in Eng­land als Klub, der immer nah an Liver­pool, Man­chester City und United, Chelsea und Arsenal dran ist, aber doch nicht zu den Big Five“ der Pre­mier League gehört.
Das sehe ich anders. Für mich zählt Tot­tenham zum Kreis der großen Klubs in Eng­land. Der Verein war in den ver­gan­genen Jahren immer in der Cham­pions League dabei und wäre 2017 fast Meister geworden. Und das, obwohl der Verein nicht ganz so die finan­zi­ellen Mög­lich­keiten wie die anderen Klubs hat, die Sie auf­ge­zählt haben. Tot­tenham hatte in den ver­gan­genen Jahren kaum in Neu­zu­gänge inves­tiert, weil das Geld für den Sta­di­on­neubau benö­tigt wurde. Und trotzdem spielten die Spurs vorne mit. Das ist beein­dru­ckend.

Für einen Titel hat es nicht gereicht. Glei­ches gilt für den FC Liver­pool und Jürgen Klopp. Wird die Kloppo-Manie in Liver­pool ein Ende haben, wenn er am Ende der Saison mit den Reds erneut keinen Titel gewonnen hat?
Die Frage zeigt ein grund­le­gendes Pro­blem. Die Arbeit eines Trai­ners wird häufig nur an Titeln gemessen. Holst du keinen Titel, ist deine Arbeit nichts wert. Ich finde das falsch und auch respektlos. Was Jürgen Klopp geleistet hat, ist kolossal – in Liver­pool, aber auch bei Borussia Dort­mund. In dieser Saison hat er mit Liver­pool in der Pre­mier League 97 Punkte geholt. Das alleine ist schon groß­artig. Jetzt steht er mit seiner Mann­schaft zum zweiten Mal in Folge im Cham­pions-League-Finale, hat auf dem Weg dorthin den FC Bayern Mün­chen und den FC Bar­ce­lona aus­ge­schaltet. Jürgen Klopp leistet beim FC Liver­pool nach­weis­lich eine über­ra­gende Arbeit. Er passt wie die Faust aufs Auge zu diesem Verein. Der Cham­pions-League-Titel wäre natür­lich die Krö­nung.

Alle vier Teams der dies­jäh­rigen End­spiele im euro­päi­schen Klub­fuß­ball kommen aus der eng­li­schen Pre­mier League – ist das Zufall oder Teil einer logi­schen Ent­wick­lung?
Die Ver­ant­wort­li­chen im eng­li­schen Fuß­ball haben viel dazu gelernt. Sie haben sich geöffnet. Sie haben aus­län­di­sche Trainer und damit viel Know-how in die Liga geholt. Außerdem wurden die Spie­ler­kader ver­grö­ßert und besser auf­ge­stellt. Ange­sichts der vielen Par­tien in Eng­land bekamen früher die Pre­mier-League-Klubs in den euro­päi­schen Wett­be­werben im März oder April immer Pro­bleme. Das hat sich jetzt geän­dert. Dabei spielen natür­lich die enormen finan­zi­ellen Mög­lich­keiten im eng­li­schen Fuß­ball eine sehr wich­tige Rolle. Gleich­zeitig hat man aber auch im Nach­wuchs­be­reich auf­ge­holt. Die eng­li­schen U‑Nationalmannschaften haben in den ver­gan­genen Jahren fast alle Titel abge­räumt. Der Spieler-Pool ist unglaub­lich groß. Immer öfter tau­chen ja auch eng­li­sche Talente in der Bun­des­liga auf, weil sie bei den Top-Clubs in Eng­land nicht viele Ein­satz­zeiten bekommen und sich hier in Deutsch­land auf höchstem Niveau wei­ter­ent­wi­ckeln können.

Sie haben den Reichtum der eng­li­schen Klubs ange­spro­chen. In der Ver­gan­gen­heit hatte man dann den Ein­druck, dass vor diesem Hin­ter­grund durch völlig über­höhte Trans­fer­summen und Gehälter für mit­tel­mä­ßige Spieler auch sehr viel Geld ver­brannt wurde.
Das mag schon im einen oder anderen Fall richtig sein. Um national und inter­na­tional vorne mit­spielen zu können, braucht es Qua­lität. Du musst die abso­lute Qua­lität kaufen und das kostet Geld. Als Klopp Virgil van Dijk für 80 Mil­lionen Euro nach Liver­pool geholt hat, haben sich viele gefragt, wie man für einen Abwehr­spieler so viel Geld aus­geben kann. Aber was van Dijk leistet, ist ein­fach unglaub­lich. Liver­pool und die anderen eng­li­schen Spit­zen­klubs gaben auch viel Geld für Tor­hüter aus. Wenn ich mich nicht täu­sche, haben inzwi­schen alle Top-Klubs der Pre­mier League aus­län­di­sche Tor­hüter – weil es ein­fach keine rich­tige guten eng­li­schen Tor­hüter gibt.

Können mit­tel­fristig die deut­schen Spit­zen­klubs FC Bayern Mün­chen und Borussia Dort­mund auf der euro­päi­schen Fuß­ball­bühne mit­halten?
Beide Klubs sind der Lage, kon­kur­renz­fähig zu sein – aber dafür müssen die Trans­fers, die sie machen, zu 100 Pro­zent sitzen. Der BVB kämpfte in dieser Saison beim Duell gegen Tot­tenham mit großen Ver­let­zungs­pro­blemen und hat trotzdem viel Druck auf­ge­baut. Das hat gezeigt, dass der BVB kon­kur­renz­fähig ist.

Der FC Bayern schied gegen den FC Liver­pool nach einem blut­leeren Auf­tritt im eigenen Sta­dion aus. Der Sta­chel sitzt immer noch tief. Es scheint, als würde Niko Kovac gerade wegen der Art und Weise des Aus­schei­dens gegen Liver­pool nicht das vollste Ver­trauen bei den Bayern-Bossen genießen.
Da gibt es keine zwei Mei­nungen, das war natür­lich nicht gut genug, um eine Runde wei­ter­zu­kommen. Aber ich frage mich, warum allein der Trainer dafür ver­ant­wort­lich gemacht wird? Das hat doch auch mit der Mann­schaft zu tun. Bei so einem Spiel wie gegen Liver­pool erwartet man einen Auf­tritt wie gegen Ein­tracht Frank­furt, als es am letzten Spieltag um den Meis­ter­titel ging, und nicht so ein kraft­loses Auf­treten.

Sie selbst helfen gerade bis Sai­son­ende als Trainer beim öster­rei­chi­schen Dritt­li­gisten FC Pinzgau Saal­felden aus, bei dem Ihr Sohn auch spielt. Wie geht es weiter?
Es gibt momentan zwei Mög­lich­keiten, die ich gerade abkläre. Ich sehe das ent­spannt.

Han­delt es sich um Ver­eine in Deutsch­land oder im Aus­land?
Sowohl als auch.

Aber auf so ein Trainer-Aben­teuer wie in Thai­land beim Rat­cha­buri Mitr Phol FC, das Sie nach sechs Wochen beendet haben, wollen Sie sich nicht noch einmal ein­lassen?
Das war ein Aben­teuer, aber es war hoch­in­ter­es­sant damit umzu­gehen und letzt­lich eine wich­tige Erfah­rung. Ich will nicht kate­go­risch aus­schließen, nochmal in so ein exo­ti­sches Land zu gehen. Die Liga in Thai­land ist gut orga­ni­siert, die Sta­dien sind top. Die thai­län­di­schen Klubs werden vor­wie­gend von Mon­ar­chen geführt. Beim Klub, den ich trai­nierte, war der Sohn der Besit­zer­fa­milie so etwas wie der Sport­di­rektor, der alles ent­scheiden wollte, der in der Halb­zeit zur Mann­schaft spre­chen wollte, die Trai­nings­zeiten und am Ende auch noch die Trai­nings­in­halte und die Ein­wechs­lungen von Spie­lern bestimmen wollte. Da das für mich nicht in Ord­nung war und es immer Dis­kus­sionen gab, sind wir getrennte Wege gegangen. Ich habe gesagt, wenn das hier so ist, muss ich es respek­tieren. Aber ich wollte so auf keinen Fall arbeiten.