Zu Beginn diese erschre­ckende Infor­ma­tion: Der Autor dieses Arti­kels ist schon viel zu lange nicht mehr aus­wärts unter­wegs gewesen, wes­wegen er womög­lich die hier zu erzäh­lende Geschichte aus seiner Ver­gan­gen­heit an einigen Stellen dra­ma­tisch über­höht, andere, mög­li­cher­weise ent­schei­dende Details, ganz ein­fach ver­gisst und alles in allem ein wenig bene­belt ist von der per­sön­li­chen Erin­ne­rung. Daran sei zu denken, wer diesen Artikel bis zum Ende lesen möchte.

Es war Sommer. Spät­sommer, genau genommen. Im Sep­tember 2004 spielte mein Verein, Werder Bremen, in der Cham­pions League gegen Inter Mai­land. Aus­wärts. Ein stink­nor­males Grup­pen­spiel, für jeden anstän­digen Bayern-Begleiter eine gera­dezu all­täg­liche Begeg­nung, für mich damals aller­dings ein ganz dickes Ding. Ende der neun­ziger Jahre, recht­zeitig NACHDEM die fetten Jahre an der Weser vorbei waren, hatte ich mir erst­mals eine Dau­er­karte besorgt, nahezu meine kom­plette Zeit als lern­fauler Gym­na­siast ver­brachte ich also damit, Schwerst­ar­bei­tern wie Bern­hard Trares oder André Wie­dener zuzu­ju­beln. Ein­schnei­dende Erfah­rungen.

Cham­pions League! Inter Mai­land! Die große weite Welt… 

2003 been­dete ich die Schul­zeit, wurde Stu­dent und hatte nun vor allem eines: Zeit. Zeit, um schon gegen Mittag das erste Weizen zu trinken, Zeit, die kom­plette Tour de France im Fern­sehen zu sehen, Zeit, um mich noch inten­siver mit meinem Verein zu beschäf­tigen. Welch ein Geschenk des Him­mels, dass just in diesen Jahren Werder plötz­lich wieder Deut­scher Meister wurde (ohne Trares und Wie­dener) und, damit unwei­ger­lich ver­bunden, auf der Teil­neh­mer­liste der Cham­pions League auf­tauchte. Die Aus­lo­sung und dieser Name: Inter Mai­land! Die große weite Fuß­ball­welt! Meine bis dahin ein­schnei­dendste Aus­wärts­er­fah­rung hatte ich 2002 im UEFA-Cup gegen Vitesse Arn­heim gemacht. 1:2 ver­loren, zwei Tore von Frank Ver­laat, eins ins eigene Tor, im Sturm der Hol­länder ein Riese namens Bob Pee­ters, von dem ich jah­re­lang dachte, es sei der deck­na­men­ge­tarnte Jan Koller. Trenn­wände aus Ple­xi­glas zwi­schen den Fan­blö­cken, hass­erfüllte Gesichter auf beiden Seiten, Hoo­li­gans aus Rot­terdam, die vor dem Sta­dion auf der Lauer lagen. Poli­zei­pferde! Alles schön und gut. Aber Inter Mai­land? Will­kommen im Para­dies, junger Padawan.

Unser Rei­se­plan, wie immer aus­bal­do­wert von einem Kumpel, der später auf­grund seiner stra­te­gi­schen Fähig­keiten den Bei­namen Info“ erhielt, damals jedoch noch als die Kobra“ bekannt war (einer Son­nen­brille in Schlan­gen­optik sei Dank), sah fol­gende Route vor: Fahrt von Celle nach Frei­burg mit dem Zug. Dort umsteigen in das elter­liche Wohn­mobil eines nach Frei­burg aus­ge­wan­derten Ex-Cel­lers, feucht-fröh­liche Reise mit besagtem Wohn­mobil nach Mai­land, großes Hallo vor dem Gui­seppe-Meazza-Sta­dion. Rück­reise spontan. So weit, so geil.

Kein Wohn­mobil für die ange­trun­kene Rei­se­ge­sell­schaft

Die Bahn­reise funk­tio­nierte rei­bungslos. Dann ging irgendwie alles schief. Schon beim zweiten Schritt in Rich­tung San Siro gerieten wir ins Stol­pern. Denn kaum ange­kommen bei den Wohn­mo­bil­be­sit­zern, eröff­nete uns der ganz offen­sicht­lich stark ver­wirrte Exil-Celler, seine Eltern hätten nun doch etwas dagegen, ihr rol­lendes Wohn­zimmer einem Trupp Halb­starker anzu­ver­trauen, die bereits leicht alko­ho­li­siert aus dem Regio­nal­ex­press gefallen waren. Da standen wir nun. An einem Sams­tag­abend. Ohne Wohn­mobil. Ohne den Frei­burger, der sich nach der pein­li­chen Sze­nerie zu seiner neuen Freundin ver­zogen hatte. Welch ein Desaster.

Immerhin: So viel Anstand hatte unser Kol­lege doch noch, dass er uns einen Schlaf­platz in seiner Stu­den­ten­ver­bin­dung zuwies (Stu­den­ten­ver­bin­dung? Schon da hätten wir wissen müssen, dass der Wohn­mo­bil­plan auf tönernen Füßen stand). Wun­der­liche Fan­ta­sie­welt Stu­den­ten­ver­bin­dung. Rit­ter­rüs­tungen im Flur. Degen im Wohn­zimmer. Pick­lige Nerds auf den Gängen. Ver­schlos­sene Bier­vor­räte im Keller. Bit­tere Erkennt­nisse für die Aus­wärts­fahrer.

Der Plan der Kobra“ ging plötz­lich nicht mehr auf 

Der nächste Tag, ein Sonntag. Woher ein Rei­se­ge­fährt nach Mai­land nehmen, wenn nicht stehlen? Oder mieten. Wir ent­schieden uns für die Not­lö­sung, die sünd­haft teure Miete eines Sixt“-Vehikels. Angeb­lich auch fürs Aus­land ver­si­chert, so richtig wussten wir das noch immer nicht, als wir end­lich Ita­lien erreichten. Und nun? Die Rei­se­route der Kobra“ war brutal über den Haufen geworfen, also fuhren wir ein­fach Rich­tung Süden. Das konnte so falsch nicht sein. Ich weiß nicht mehr, ob es die innere Ein­ge­bung eines Mit­fah­rers, der schnell aus­ge­tüf­telte Plan des Kol­lek­tivs, oder ein­fach Zufall war, jeden­falls steu­erten wir, die ja ledig­lich mit Ruck­sack, Bier, Iso­matte und Schlaf­sack, nicht aber mit einem Zelt (das Wohn­mobil!) bewaffnet waren, einen Vorort der Hafen­stadt Genua an. Was heißt Vorort? Ein ver­schla­fenes Nest, aller­dings aus­ge­stattet mit einem sen­sa­tio­nellen Cam­ping­platz DIREKT am Meer, ledig­lich erreichbar durch einen ein­spu­rigen Tunnel. Berauscht von unserem Glück stimmten wir in der War­te­schlange vor dem Tunnel ein mehr­stim­miges Azzurro“ an. Adriano Cel­en­tano hätte uns ver­mut­lich die Fresse poliert.

Ach ja, Aus­wärts­fahrten in der Cham­pions League! Sonne, ein Strand aus scharf­kan­tigen Felsen (die ledig­lich einen von uns ver­letzten: mich), ein Schlaf­platz unter Bast­matten, und natür­lich: warmes, ita­lie­ni­sches Bier. Und noch immer war es erst Sonntag. Das Spiel am Dienstag in Mai­land, es war so fern und doch so nah. Wei­terhin berauscht von unserem Glück stimmten wir, diesmal im Chor, den Sound­track dieser Reise an. Den viel zu selten gewür­digten Klas­siker Kuddel Daddel Du“ von Achim Rei­chel. Text­probe gefällig? Kuddel Daddel Du trifft alte Freunde. Kuddel Daddel Du wird warm ums Herz. Kuddel Daddel Du spen­diert ne Runde. Kuddel Daddel Du sorgt für Kom­merz.“ Und, ganz ent­schei­dend, der Refrain: Was kann die Welt dafür, dass ich sie liebe? Ich lieb sie nur, wegen dir! Was kann denn ich dafür, dass die Welt so groß ist, aber heut Nacht, mein Schatz, geh ich vor Anker bei dir!“ Gän-se-haut.

25 Stunden mit dem Zug von Greifs­wald nach Mai­land. Respekt! 

Dienstag-Vor­mittag. Inten­sive Ver­ab­schie­dung von unserem neuen Lieb­lings­strand (siehe: Azzurro“), die Miet­wagen durch­ge­treten und ab nach Mai­land! Mit Achim Rei­chel voll auf­ge­dreht rauschten wir in die Groß­stadt, auf dem Platz vor dem Mai­länder Dom fanden wir tat­säch­lich den Rest der nie­der­säch­si­schen Rei­se­bande: Die sie­ben­köp­fige Besat­zung eines Miet­vans, der doch tat­säch­lich ohne Zwi­schen­halte stumpf von Han­nover nach Mai­land durch­ge­fahren war, sowie einen hel­den­haften Kol­legen, der, eigent­lich Frank­furt-Fan, von seinem Stu­di­enort Ros­tock alleine mit der Bahn ins nahe Mai­land geeilt war, um auch ein wenig Cham­pions-League-Luft zu schnup­pern. 25 Stunden Zug­fahrt, aber man gönnt sich ja sonst nichts.

End­lich sollte ich meinen großen Auf­tritt haben. Unter mys­te­riösen Umständen ein­ge­kleidet in das alte Sakko meines Groß­va­ters, die ebenso hüb­sche wie spe­ckige Werder-Bal­lon­mütze auf dem Schädel, don­nerte ich unter großem Hallo den mit­ge­brachten Ball über die Piazza. Was im WM-Sommer 2006 bei­nahe all­täg­liche Rand­er­schei­nung werden sollte, klappte auch in Mai­land ganz her­vor­ra­gend. Auf­ge­scheucht vom durch die Mai­länder Luft segelnden Spiel­gerät, erin­nerten sich Ita­liener und Bremer ihrer Liebe zum Ball, ein schnelles 30 gegen 30 war nur eine Frage der Zeit. Bis die Mai­länder Polizei ein­griff, meinen Ball kon­fis­zierte und das unschul­dige Runde in ihren brü­tend heißen Kof­fer­raum ver­bannte. Mit dem bedin­gungs­losen Ein­satz, den sonst wohl nur Tier­schützer oder Castor-Gegner an den Tag legen, kämpfte ich um meine Pille, letzt­lich sogar mit Erfolg.

Geil, wie glatt der Boden ist! Lass mal Grät­schen üben.“

Doch, ach, ich miss­brauchte das Ver­trauen der Staats­macht und zeigte mich als schlechter Gast. In der nahen Ein­kaufs­pas­sage konnte ich mich dem Aufruf meiner Kame­raden („Geil, wie glatt der Boden ist! Lass mal Grät­schen üben!“) nicht ent­ziehen, wieder lag ein Ball in der Luft, wieder mar­schierten nach wenigen Minuten die nun schwer ver­störten Cara­bi­nieri auf und nur einem schnellen Sprint war es zu ver­danken, dass mein Spiel­ge­fährte dem Tod durch Ersti­cken noch einmal von der Schippe sprang. Es wurde langsam Zeit, sich wieder mit Werder zu beschäf­tigen.

Gerade wollten wir uns auf die Suche nach den Autos machen, da trat ein in Ehren ergrauter Mann in unser Leben. Jürgen L. Born! Wer­ders Vor­stands­boss schlen­derte lässig durch die uns längst hei­misch gewor­dene Ein­kaufs­pas­sage. Helle Begeis­te­rung bei meinem Kumpel Klinge“, der immer wieder ergriffen stam­melte: Gloria! Gloria!“ Die Klinge“, das muss man wissen, war damals stark ver­liebt in Borns Gattin Gloria, eine mon­däne VIP-Logen-Diva. Klar also, dass Jürgen L., der Mann von Gloria, in diesem Moment so etwas wie ein Hei­liger für die unseren Mit­rei­senden war. Jürgen L.!“, riefen wir selbst­ver­gessen. Ein Foto!“ Ant­wort des läs­sigen Welt­bür­gers: Na Jungs, schon ordent­lich getankt?“ Auf dem gemein­samen Foto sieht Born tat­säch­lich aus wie der einzig Nüch­terne in einer Horde Lang­zeit­ur­lauber vom Bal­ler­mann.

Einen Lei­nen­sack voller Pyro? Rein damit!

Das Spiel? Ach ja, das Spiel. 0:2 ver­loren durch zwei Tore von Adriano, den die Welt damals noch als den neuen Mega­star abfei­erte und des­halb natür­lich viel zu gut war für die Cham­pions-League-Anfänger aus Bremen. Was blieb vom Besuch im Gui­seppe-Meazza-Sta­dion? Sicher­lich die beein­dru­ckende Fahr­läs­sig­keit der vor den Toren pos­tierten Sicher­heits­männer. Dort hatten wir, auf gründ­liche Kör­per­öff­nungs­vi­si­ta­tion ein­ge­stellt, beob­achten dürfen, wie ein Front­mann der damals noch exis­tie­renden Ultra-Grup­pie­rung East­side“ einen prall gefüllten Lei­nen­sack voller Pyro­ma­te­rial hinter sich her zog, der ach so gestrenge Ordner einen Blick in diesen Sack warf, nickte und den Front­mann pas­sieren ließ. Wahn­sinn. Und Start­schuss für herr­liche Momente der weit gereisten Celler, die, ein­ge­hüllt in roten Nebel­schwaden und zischenden Ben­galos, andächtig der Cham­pions-League-Hymne lauschten. Ich bin ehr­lich: Wenn ich daran denke, geht mir heute noch einer ab.

Also fuhren wir nach Hause. In einem Wagen völlig über­mü­deter Fuß­ball­fans. Bei­nahe wären wir noch drauf­ge­gangen, Stich­wort: Sekun­den­schlaf. Wir hielten lieber an einer Rast­stätte und schliefen ein paar Stunden. Der Miet-Van brauchte keine Pause, sein Fahrer, so erfuhren wir später, hatte die kom­plette Rück­reise am Stück bewäl­tigt. Eine recht ordent­liche Dosie­rung han­dels­üb­li­cher Amphet­amine soll dafür ver­ant­wort­lich gewesen sein. Dann lieber Sekun­den­schlaf. 

Die letzten Meter vor dem Ziel. Noch einmal Kuddel Daddel Du“. Die ver­traute Stimme von Achim Rei­chel, der ein letztes Mal sang: Und Kuddel könnte die ganze Welt umarmen, er atmet tief durch und singt das schöne Lied: Was kann die Welt dafür, dass ich sie liebe? Ich lieb sie nur, wegen dir!“. Gän-se-haut.