Seite 5: „So wie jetzt gefalle ich mir wesentlich besser“

Haben Sie sich vor Ihrer Lan­dung bei Bayer 04 über das Vize­kusen-Image Gedanken gemacht?
(Stutzt.) Vize­kusen? Was ist Vize­kusen?

Sie haben nie davon gehört, dass dieser Klub mit einem Fluch belegt ist?
Nein. Als ich mich bei Bayer vor­ge­stellt habe, habe ich mir nur über die Spiel­phi­lo­so­phie Gedanken gemacht. Ich weiß, dass der Klub immer gute Spieler hatte, in den frühen 2000ern zum Bei­spiel Michael Bal­lack und einige her­aus­ra­gende Süd­ame­ri­kaner. Ich habe mir den aktu­ellen Kader ange­schaut und über­legt, was ich mit diesen Profis anfange. Etwa, in wel­cher Rolle ich mir Julian vor­stellen könnte.

Um das Vize­kusen-Trauma zu besiegen, müssten Sie nur mal Meister werden.
Es macht keinen Sinn, über Titel zu reden. Für Titel muss man arbeiten.

Was muss sich ändern, damit diese Saison noch erfolg­rei­cher wird als die letzte?
Ich glaube nicht, dass jemand erwartet hätte, dass wir noch auf Platz vier abschließen. Aber nun wissen alle, wie wir spielen. Was bedeutet, dass wir uns weiter ver­bes­sern müssen. Ich erwarte von meinem Kader und vom Staff des­halb höchste Auf­merk­sam­keit in jedem Detail, jeder Pass, jeder Hand­griff muss sitzen. Und wir müssen zusehen, die Neu­zu­gänge so schnell wie mög­lich zu inte­grieren.

Wird Kerem Demirbay Julian Brandt ersetzen können?
Ich habe gelesen, dass Sie und Ihre Kol­legen sich das wohl über­wie­gend so vor­stellen. Aber Demirbay ist ein kom­plett anderer Spieler. Es kommt doch auch keiner auf die Idee, dass Kevin Volland die Rolle von Julian über­nimmt. Es wird mein Job sein, dass unsere Phi­lo­so­phie erhalten bleibt, ich aber gleich­zeitig aus den Qua­li­täten dieses Spie­lers das Opti­male her­aus­hole.

Träumen Sie davon, als Trainer eine Ära zu begründen? Ihre Enga­ge­ments dau­erten bis­lang maximal drei Jahre.
Ich habe mit Unter­bre­chung ins­ge­samt fünf Jahre bei Hera­cles Almelo gear­beitet. Aber die Zeiten haben sich geän­dert. Die Mal­dinis, die ihr Leben lang nur bei einem Verein spielen, gibt’s nicht mehr. Und bei Trai­nern ist es ähn­lich. So ist der moderne Fuß­ball nun mal. Ich bin jetzt ein halbes Jahr hier und habe den Ein­druck, in der Bun­des­liga-Rang­liste bei den dienst­äl­testen Trai­nern schon wieder ins Mit­tel­feld auf­zu­rü­cken.

Wenn Sie heut­zu­tage zweimal in Folge ver­lieren, dann werden sie nicht selten schon aus­ge­pfiffen. Und nach dem vierten Mal kann es pas­sieren, dass Sie ent­lassen werden. Bitter, oder?
Keine schöne Ent­wick­lung, aber letzt­lich kann ich damit leben, denn ich weiß, wo ich hin will. Ich will meine Spiel­phi­lo­so­phie umsetzen, Erfolg haben und die Fans gut unter­halten.

Peter Bosz, von Hause aus ver­fügen Sie über eine volle Locken­pracht. Vor Jahren rasierte Ihnen Ihre Frau aus einer Laune heraus eine Glatze. Machen Sie das inzwi­schen selbst?
Jeden Morgen. 

Und wenn Sie es nicht täten, hätten Sie volles Haar?
Nicht mehr so wie damals, aber es würde schon wieder einiges wachsen. Aber ganz ehr­lich: So wie jetzt gefalle ich mir wesent­lich besser.