Seite 4: „Cruyff steht in unserem Fußball über allem“

Zu offen­siver Fuß­ball kann einen Trainer auch den Job kosten. Denken Sie über so etwas nach?
Nie­mals! Eine Begleit­erschei­nung des Berufs ist es nun mal, dass ein Trainer bei Miss­erfolg raus­fliegt. José Mour­inho, der viele große Titel gewonnen hat, wurde in Man­chester ent­lassen, obwohl er defensiv spielen ließ. Da bevor­zuge ich meinen Weg. Sehr offensiv, ja. Aber auch defensiv kom­pakt, wenn alle die Vor­gaben richtig umsetzen.

Können Sie am Ende gar nicht anders, weil das Offen­siv­spiel in der DNA des nie­der­län­di­schen Trai­ners ver­an­kert ist?
Da gehe ich nicht mit. Wer sind denn aktuell die großen Offen­siv­trainer? Pep Guar­diola, Mar­celo Bielsa, Jorge Sam­paoli – alles keine Hol­länder.

Pep Guar­diola ist ein Expo­nent von Johan Cruyffs Lehre, der wie­derum ein Jünger von Rinus Michels war.
Die sich wie­derum nicht so grün waren. Sie haben Recht, Cruyff steht in unserem Fuß­ball über allem.

Zu Ihrer Zeit als Trainer bei Mac­cabi Tel Aviv haben Sie mal eine Woche gemeinsam mit ihm und seinem Sohn Jordi über Fuß­ball dis­ku­tiert. Hin­terher sagten Sie, Sie hätten in diesen Tagen mehr über Fuß­ball gelernt als vorher in zehn Jahren.
Das stimmt nicht ganz. Ich wusste vorher schon viel über ihn und seine Lehre. Er war als Spieler mein Idol und auch die Art, wie er als Trainer Druck­si­tua­tionen kre­ierte, den Tor­wart zum Feld­spieler umfunk­tio­nierte, beein­druckten mich sehr. Schon als Jugend­li­cher haben meine Freunde aus Apel­doorn und ich Inter­views mit ihm aus Zei­tungen aus­ge­schnitten und in einem Album gesam­melt.

Als Sie Cruyff in Tel Aviv ken­nen­lernten, wussten Sie dem­nach schon alles?
Viel. Aber wenn man mit ihm redete, erschien einem der Fuß­ball auf einmal noch so viel ein­fa­cher.

Cruyff war also nicht nur ein genialer Spieler, son­dern auch ein großer Rhe­to­riker?
Im Gegen­teil. Wenn er Hol­län­disch sprach, ver­stand ihn meis­tens keiner richtig, was daran lag – das hat er auch selbst mal gesagt –, dass er in Gedanken meis­tens schon wieder zwei Schritte voraus war. Aber nach der Woche mit ihm dachte ich bei vielen Dingen: Ver­dammt, er hat Recht.

Stimmt es, dass Sie als Feye­noord-Spieler mal heim­lich nach Ams­terdam gefahren sind, um dort das Trai­ning von Louis van Gaal zu beob­achten?
Wir hatten damals eine gute Mann­schaft, stellten aber fest, dass Ajax plötz­lich alles gewann. Da wollte ich wissen, was dieser Trainer anders macht. Ich musste auf­passen, dass mich dort am Trai­nings­platz keiner erkennt, weil es eine große Riva­lität zwi­schen den Klubs gibt. Also fuhr ich nah an den Platz heran, machte die Son­nen­blende runter und schaute mir das an.

Würden Sie heute noch einmal Ajax Ams­terdam ver­lassen, um den BVB zu trai­nieren?
Auf jeden Fall. Ich hatte bereits beschlossen, bei Ajax auf­zu­hören, bevor das Angebot aus Dort­mund kam.

Sie ent­schieden sich im Sommer 2017 für die Borussia, obwohl Sie wussten, dass schon damals Lucien Favre erste Wahl des Klubs war?
Wenn er damals dort zuge­sagt hätte, wäre ich über­haupt nicht in Kon­takt mit dem BVB gekommen. Ich war dann aber über den Stand der Dinge infor­miert, wir haben den­selben Berater.

Im Dezember 2017 wurden Sie nach neun sieg­losen Spielen beim BVB frei­ge­stellt. Hans-Joa­chim Watzke räumte später ein, dass die Spieler nach dem Busat­tentat in der vor­an­ge­gan­genen Saison nicht mehr die­selben gewesen seien und zuvor auch Fehler bei der Kader­zu­sam­men­stel­lung gemacht wurden.
Wenn ich diese Dinge, die Sie anspre­chen, jetzt bestä­tigen würde, klänge es aus meiner Sicht wie eine Aus­rede. Das will ich nicht. Nur so viel: Ich hatte in Dort­mund das Momentum nicht auf meiner Seite, aber ich habe viel gelernt und sehr nette Men­schen ken­nen­ge­lernt. Es ist schade, dass es so schnell zu Ende gegangen ist, aber so ist der Fuß­ball.