Seite 3: „Ich als Spieler hätte in keinem meiner Teams je eine Chance gehabt“

Bei Ajax for­derten Sie die soge­nannte Fünf-Sekunden-Regel“. Das Zeit­limit, in dem Ihr Team nach Ball­ver­lust das Leder zurück­er­obern und zur Grund­ord­nung zurück­finden soll. Welche Zeit­vor­gabe machen Sie aktuell der Werkself?
Letzte Saison ist uns das mit der Sekun­den­regel noch nicht so gut gelungen. Einige hatten damit noch Pro­bleme. Denn das Gefähr­liche an dieser Vor­gabe ist, wenn nur ein Spieler das Limit nicht schafft, geht der kom­plette Druck ver­loren und alle müssen viel mehr laufen. Bis zum Sai­son­start müssen wir auch daran drin­gend arbeiten.

Nach dem Aus in der dritten Runde des DFB-Pokals gegen den 1. FC Hei­den­heim sagten Sie auf die Frage eines Jour­na­listen, ob Ihrem Team die Men­ta­lität zum Sieg gefehlt habe, dass Sie nicht ver­stehen würden, was Men­ta­lität“ sei.
Weil ich von Ihrem Kol­legen wissen wollte, was genau er damit meint. Wissen Sie, was Men­ta­lität bedeutet?

Der innere Zusam­men­halt einer Mann­schaft, die Opfer­be­reit­schaft, gemeinsam für ein Ziel durchs Feuer zu gehen, die Über­zeu­gung aller, auch spiel­stär­kere Teams besiegen zu können?
Ein­ver­standen. Aber für diesen Begriff gibt es bestimmt noch zwanzig wei­tere Defi­ni­tionen. Mir kommt es manchmal vor, als würden Leute, die nicht allzu viel Ahnung von Fuß­ball haben, den Begriff Men­ta­lität nutzen, um sich zu erklären, warum ein schwä­cheres Team einen Favo­riten besiegt. So brau­chen sie nicht in die tie­fere Ana­lyse ein­zu­steigen. Men­ta­lität – fertig! Die machen es sich meines Erach­tens zu ein­fach. 

Wel­ches Ihrer Teams zeich­nete eine beson­dere Men­ta­lität aus?
Alle Teams, die ich bis­lang trai­niert habe, hatten eine klare Phi­lo­so­phie. Wer nicht bereit ist, meine Idee und meinen Plan mit­zu­tragen, den brauche ich nicht. Inso­fern hatten alle meine Spieler eine Men­ta­lität, die ich von ihnen erwartet habe.

Wie würden Sie Men­ta­lität erklären?
Men­ta­lität heißt Kon­zen­tra­tion, Fokus­sie­rung, Wil­lens­kraft, aber auch, ob jemand mit Druck umgehen kann. Kann er sich nach einem schnellen Rück­stand wieder fokus­sieren? Ist ein Spieler in der Lage, einen harten Flach­pass immer wieder und wieder auf den rich­tigen Fuß zu spielen? Ich wun­dere mich oft, dass die Leute applau­dieren, wenn ein Ver­tei­diger dreißig Meter hinter einem Stürmer her­rennt, um am Ende den Ball ins Aus zu grät­schen. Wow, der haut sich rein! Dabei hat der­selbe Spieler vorher woan­ders einen fatalen Fehl­pass pro­du­ziert und den Ball ver­loren, weil er unkon­zen­triert war. Warum fragt keiner danach?

Als Aktiver galten auch Sie als Rum­pel­fuß­baller, der mehr über den Kampf zum Spiel fand. Sind Sie des­halb als Trainer so ein eiserner Ver­fechter des attrak­tiven Fuß­balls?
Als ich 2000 als Trainer anfing, hatte ich keine Ahnung, was für ein Typ ich bin. Bei meinem ersten Test­spiel als Coach in Apel­doorn gegen mein altes Team von Feye­noord stand ich an der Bank und wusste über­haupt nicht, wie ich mich ver­halten soll. Sollte ich die Spieler anschreien, mich hin­setzen oder ein­fach ruhig zusehen? Ich wusste es nicht. Aber eins war mir sofort klar: Wenn der Gegner den Ball hatte, wurde ich nervös, waren wir in Ball­be­sitz, war ich ganz ruhig. Auf dieser Grund­lage habe ich meine Phi­lo­so­phie gebaut: Ich wollte schönen, offen­siven Fuß­ball spielen lassen. Und: Ich als Spieler hätte in keinem meiner Teams je eine Chance gehabt. (Lacht.)

Louis van Gaal erin­nert sich gern an eine Szene seines Alk­maar-Teams, das nach sage und schreibe 26 Pässen ein Tor erzielte. Haben Sie auch blei­bende Erin­ne­rungen an Ball­be­sitz­fuß­ball?
Ich erin­nere mich nicht an einen Moment. Aber mich freut es sehr, wenn meine Spieler erkennen, dass sie mit meiner Idee von Fuß­ball Erfolg haben und – bei­spiels­weise wie vor Kurzem gegen For­tuna Düs­sel­dorf – über drei, vier Minuten den Ball in den eigenen Reihen zir­ku­lieren lassen. Das macht Spaß.