Wolf­gang Holz­häuser, wun­dern Sie sich manchmal, dass die 50+1‑Regel noch besteht?
Ein biss­chen schon, ja. Ich hätte nicht gedacht, dass sie so lange halten würde. Dass nun über Ver­än­de­rungen nach­ge­dacht werden soll, finde ich richtig, zumal nach 20 Jahren.

50+1 ist eine deut­sche Beson­der­heit, sie gilt als inves­to­ren­feind­lich. Warum hat sich die Bun­des­liga 1998 über­haupt für eine Regle­men­tie­rung von Kapi­tal­in­ter­essen aus­ge­spro­chen?
Es gab hit­zige Dis­kus­sionen. Sie müssen wissen, dass wir damals auf dem Weg waren, die Deut­sche Fuß­ball-Liga (DFL) zu gründen. Und wir wollten die Mög­lich­keit schaffen, dass Ver­eine ihre Pro­fi­teams in Kapi­tal­ge­sell­schaften aus­glie­dern können, das gab’s zuvor nicht.

Wir – das war wer?
Wil­fried Straub, später DFL-Geschäfts­führer, war dabei, Goetz Eilers, dama­liger DFB-Jus­ti­ziar, Egi­dius Braun (DFB-Prä­si­dent von 1992 bis 2001, d. Red.). Dazu ein Anwalt aus der Kanzlei des alten BVB-Prä­si­denten Dr. Nie­baum – und ich. Wir haben viel und intensiv dis­ku­tiert. Braun hielt von Aus­glie­de­rungen wenig, er war ein Ver­fechter des Ver­eins­we­sens. ›Lassen Sie mich in Ruhe, Fuß­ball­ver­eine sind keine Kapi­tal­ge­sell­schaften. Wenn wir das machen, dann muss der Fuß­ball das Sagen behalten‹, sagte Braun. Irgend­wann meinte Straub: ›Dann machen wir eben 50 Pro­zent plus eine Stimme für den Verein.‹ Das war ein Kom­pro­miss­vor­schlag.

Der Kom­pro­miss ist nicht mehr zeit­gemäß?
Die Frage, 50+1 abzu­schaffen oder nicht, geht in die fal­sche Rich­tung. Die Regel an sich sollte bestehen bleiben, sie hat viel Gutes bewirkt. Man muss sie aber modi­fi­zieren und den zeit­ge­mäßen Füh­rungen von Klubs anpassen.

Die 36 DFL-Klubs haben bereits im Dezember 2014 eine Anpas­sung ein­stimmig beschlossen. Seither legen Leit­li­nien fest, wann ein Investor einen Klub doch mehr­heit­lich über­nehmen darf. Grund­vor­aus­set­zung ist ein 20-jäh­riges Enga­ge­ment, das klingt ver­nünftig. Wieso sind Sie für eine Reform der Reform?
Die Betei­ligten haben einen Fehler gemacht. Man hat geglaubt, man könne durch die 20-Jahre-Grenze eine Gleich­be­hand­lung zu Klubs wie Bayer Lever­kusen her­stellen. Das Bayer-Werk unter­stützt Lever­kusen aber schon seit 1904, das ist eine his­to­risch gewach­sene Bezie­hung. Was Bayer für den Fuß­ball in Lever­kusen geleistet hat, wird nie ein Investor andern­orts schaffen können. Die 20-Jahre-Regel ist graue Theorie; abge­sehen von Dietmar Hopp in Hof­fen­heim kann das so gut wie kein Investor erfüllen. Die Hürden sind zu hoch. Die, die das aus­ge­ar­beitet haben, haben das gut gemeint. Aber gut gemeint ist nicht immer gut gemacht.

Was schlagen Sie vor?
Der Ver­band sollte die Leit­li­nien ersetzen und statt­dessen einen Wett­be­werbs­pa­ra­gra­phen ein­führen. Am Ende muss jeder Verein für sich ent­scheiden, ob er Gesell­schafts­an­teile abgeben will, und wenn ja, in wel­cher Art und Weise. Der Ver­band sollte sich nicht in die Auto­nomie der Ver­eine ein­mi­schen. Es ist Sache der Ver­eins­mit­glieder, ob sie von einem Investor geführt werden wollen oder nicht. Hier sollte gelten: Das oberste Organ ist die jewei­lige Mit­glie­der­ver­samm­lung, die allein ent­scheiden soll.