Drinnen, in den ans Sta­dion ange­bauten Hallen der Erin­ne­rung, herrscht Gedränge zwi­schen den Devo­tio­na­lien, die 111 Jahre Geschichte des kata­lo­ni­schen Vor­zei­ge­klubs wieder auf­leben lassen. Draußen, da kli­cken die Foto­ap­pa­rate in einer Tour, wenn sich die Gäste vor der Tri­büne ablichten lassen, auf der einige gelbe unter den massig blauen Sitz­schalen das Barca-Motto »Més que un club« – »Mehr als ein Klub« auf­leuchten lassen.



Auch ein kleiner deut­scher Junge im Lukas-Podolski-Trikot lässt sich hier foto­gra­fieren, sein Vater wählt aller­dings – gezielt – die fal­sche Art, um seinem Sohn ein Lächeln zu ent­lo­cken. »Hier haben die Bayern ver­sagt«, sagt er ver­gnügt und erntet dafür einen strengen Blick. Ob jung oder alt, das Camp Nou weckt bei Bay­erns-Fans auch fast genau zehn Jahre nach der für sie tra­gi­schen 1:2‑Niederlage im Cham­pions-League-Finale 1999, als die Mün­chener den schon sicher geglaubten Pokal durch zwei Gegen­tore in der Nach­spiel­zeit doch noch an Man­chester United ver­loren, die fürch­ter­lichsten Erin­ne­rungen.

Ort der Tra­gödie


Bar­ce­lona ist für den deut­schen Rekord­meister ein Ort der Tra­gödie, selbst wenn er 1996 vor dem Uefa-Cup-Sieg im Halb­fi­nale sogar den FC Bar­ce­lona im Camp Nou besiegte. Nun aber, vier Tage nach der Demon­tage von Wolfs­burg, gibt es nicht wenige Zweifler, die sich am Mitt­woch eine ähn­liche Ernüch­te­rung wie einst 1999 vor­stellen können, wenn der FC Bayern beim Vier­tel­final-Hin­spiel der Cham­pions League wieder ins Camp Nou muss.

Mit dem FC Bar­ce­lona haben die Mannen von Jürgen Klins­mann die aktuell wohl beste Ver­eins­mann­schaft aufs Auge gedrückt bekommen. Das kata­lo­ni­sche Künst­ler­kol­lektiv um Messi, Henry und Eto’o stellt eine ungleich höhere Hürde dar, als es die Zwölf-Gegen­tore-Por­tu­giesen aus Lis­sabon im Ach­tel­fi­nale ver­mochten. Ein Aus­scheiden unter der Berück­sich­ti­gung, dass sich das Team nach der kapi­talen Bauch­lan­dung von Wolfs­burg gegen Barca achtbar aus der Affäre zieht, wäre daher kein Welt­un­ter­gang.

Von dem Spiel hängt für Bayern viel ab

Von den Spielen gegen Bar­ce­lona hängt Bay­erns Zukunft aber mehr ab, als man glaubt. Nicht umsonst hat Klins­mann mit etwas Abstand nach dem 1:5 gegen den VfL andere Töne als bei den sonst so plat­ti­tü­den­rei­chen Stan­dard­er­klä­rungen gewählt: »Mir geht es darum, dass jeder begreift, was nun auf dem Spiel steht: das gesamte Jahr 2009, die Zukunft des FC Bayern.«

Nun, da sich aus Bayern-Sicht schlimms­ten­falls eine Saison ohne Titel (Aus im DFB-Pokal gegen Lever­kusen, nicht die besten Karten in der Bun­des­liga) abzeichnet, wird das kom­plette Per­sonal auf den Prüf­stand gestellt. Und da klingt es sogar bei Klins­mann fast schon nach einer Por­tion Furcht um die eigene Arbeits­stelle: »Ich habe zehn Monate den Kopf hin­ge­halten, jetzt sind die Spieler dran. Ich ver­lange, dass sie sich zusam­men­reißen.«

Und Klins­mann erhält Rücken­de­ckung von Karl-Heinz Rum­me­nigge: »Es war sehr klug von ihm, den Druck auf die Mann­schaft wei­ter­zu­geben«, sagte der FCB-Vor­sit­zende, bevor es heute nach Spa­nien geht, »Die Mann­schaft muss wissen, dass Jürgen kein Blitz­ab­leiter ist.«

Feh­ler­haftes System

Daher ist Kritik am feh­ler­haften System ange­bracht: 36 Gegen­tore lassen die Defen­sive harmlos und schlampig erscheinen, dem Mit­tel­feld fehlt es oft an Krea­ti­vität. Wobei: Eigent­lich ver­lassen sich ja sowieso alle beim FC Bayern auf Franck Ribéry. Daraus ist eine Abhän­gig­keit ent­standen, die im Falle eines Rück­stands so lähmen kann wie jüngst in Wolfs­burg, weil auch der fran­zö­si­sche Filou zuweilen offen­sicht­lich die Lust am großen Fuß­ball ver­liert.

Der Neu­struk­tu­rie­rung auf Vor­stands­ebene durch den ange­kün­digten Abschied von Uli Hoeneß als Manager könnte ebenso ein Umbruch in der Mann­schaft folgen, in der jetzt schon wieder einige Akteure so erfolgs­satt zu sein scheinen, wie es 2007 nach den beiden Meis­ter­schaften und Pokal­siegen unter Felix Magath der Fall war.

Ribéry soll bleiben

Und seinen paten­testen Ange­stellten nicht zu ver­graulen, wird es sich der FC Bayern nicht leisten können, ihm ein paar Wün­sche zu erfüllen. Gegen­über fran­zö­si­schen Medien hat Ribéry schon einen vor­zei­tigen Abschied aus Mün­chen ange­deutet, sollte sich – mal abge­sehen von der Titel­lese – nicht die sport­liche Aus­sicht bes­sern, schon bald die Cham­pions League gewinnen zu können. Dafür braucht Bayern, das steht schon jetzt fest, einen wei­teren Offen­siv­spieler vom Schlage eines Franck Ribéry, einen neuen Rechts­ver­tei­diger und wohl auch einen anderen Tor­hüter. Obwohl Jürgen Klins­mann ges­tern erst wieder einem vor­zei­tigen Wechsel einen Riegel vor­schob, sind die Bayern von anhal­tenden Gerüchten, Ribéry ziehe es nach Bar­ce­lona, Madrid oder sonst­wohin genervt. Sie wird aber es kaum trösten, dass das spa­ni­sche Fuß­ball­blatt »Sport« eine Rech­nung auf­ge­stellt hat, die zumin­dest, was nackte Zahlen angeht, beim FC Bar­ce­lona das mög­liche Inter­esse am Fran­zosen erlö­schen lassen könnte.

Auf den ersten 18 Seiten, die das Blatt in der Mon­tags­aus­gabe dem Duell gewidmet hat, stellt es unter anderem Messis 30 Sai­son­tore den zehn Tref­fern gegen­über, die Ribéry bis­lang erzielt hat – und kommt zu dem Ent­schluss: »Messi ist soviel wert wie drei Ribérys«. Das kann die Bayern so oder so nicht beru­higen.