Warum wir Fuß­ball lieben“ – unsere Titel­ge­schichte aus Heft #217 gibt es jetzt zum ersten Mal online.

Mit Borussia in Bie­le­feld? Das wollte ich auch“

Uli Hesse

Uli Hesse wurde von seinem Bruder zur Borussia gebracht. Der Fuß­ball ist seither die große Kon­stante im Leben.

Es ist acht Monate her, da zeigten die Fans im Dort­munder West­fa­len­sta­dion eine wun­der­volle Cho­reo­grafie. Auf einer Fahne, die über den Block gezogen wurde, standen gemalt ein Mann und ein kleiner Junge hinter einem Wel­len­bre­cher. Dar­unter war auf einem Spruch­band zu lesen: Als Kind bin ich mit meinem Vater gekommen und der wurde auch schon von seinem mit­ge­nommen.“ Ich war 500 Kilo­meter ent­fernt von Dort­mund, als die Fahne sich langsam über die Stehränge erhob, die ich so gut kenne wie nur wenige andere Orte, und musste daran denken, dass ich damals nicht von meinem Vater mit­ge­nommen wurde. Er inter­es­sierte sich nicht für Sport, schon gar nicht für Fuß­ball. Meinem zwölf Jahre älteren Bruder bedeu­tete das Spiel hin­gegen umso mehr. 

Er ging schon in den Sech­zi­gern zur Borussia, als der Klub noch in der Roten Erde spielte. Anfang der Sieb­ziger gehörte er zu der sehr kleinen Gruppe von Dort­mun­dern, die dem BVB selbst in der zweiten Liga über­allhin folgten und dann den ersten rich­tigen Fan­klub grün­deten. Mein Bruder war sowieso wahn­sinnig cool, er hatte lange Haare, trug Fli­cken­jeans und hörte Rock­bands, die kaum jemand kannte. Beson­ders fas­zi­nie­rend aber war es, wenn ich unsere Mutter fragte, wo er ist, und sie ant­wor­tete: Der ist mit Borussia in Bie­le­feld.“ Ich hatte keine Ahnung, was Bie­le­feld ist, aber das wollte ich auch.

Tiitelgeschichte 42 131602353 167 20141209 Westfalenstadion 0320 RCH RZ RGB
Rei­naldo Coddou H.

Die­selben Stufen wie vor 42 Jahren

So begann mein Bruder, mich mit­zu­nehmen. Zu Anfang gele­gent­lich, rasch regel­mäßig. Erst viele Jahre später wurde mir klar, dass er wahr­schein­lich lieber neben seinen Kum­pels gestanden hätte, als darauf auf­zu­passen, dass sein kleiner Bruder beim Tor­jubel nicht die Süd­tri­büne hin­ab­stürzt. Aber da mein Vater es nicht tat, musste er diesen Job über­nehmen.

So ist das eben, nicht nur in Dort­mund. Ich stand also neben meinem Bruder, als Eike Immel die Bayern zur Ver­zweif­lung brachte, als Borussia Bie­le­feld mit 11:1 deklas­sierte, als Jürgen Weg­mann in letzter Sekunde den Abstieg ver­hin­derte und als der BVB in Berlin den ersten Titel seit meinem Geburts­jahr holte. Dann, Anfang der neun­ziger Jahre, zog ich in eine andere Stadt. Nicht wirk­lich weit weg, dem Sta­dion war ich jetzt sogar näher als vorher. Aber doch so weit, dass ich meinen Bruder nur noch genau 19 Mal im Jahr sah: zu Weih­nachten, am Geburtstag unserer Mutter und bei den 17 Heim­spielen im West­fa­len­sta­dion. Dank Ottmar Hitz­feld wurden es später einige Ter­mine mehr, vor allem mitt­woch­abends, aber groß war ihre Zahl trotzdem nicht. Doch das war in Ord­nung. Wir hatten nun beide eigene Fami­lien, und es war völlig aus­rei­chend, wenn wir uns zwei, drei Mal im Monat kurz aus­tauschten, wäh­rend unten auf dem Rasen unser Verein spielte.

Und dann zog ich wieder weg, diesmal ziem­lich weit, und ließ nicht nur meinen Bruder zurück, son­dern nun auch meinen Sohn. Doch es ist weiter in Ord­nung. Denn es gibt etwas, das uns immer ver­binden wird, und das sind nicht nur die Gene, son­dern der Fuß­ball. Wenn ich heute nach Dort­mund fahre, dann freue ich mich auf mehr als nur das Spiel. Der untere Teil der Süd­tri­büne ist weit­ge­hend unver­än­dert, des­wegen gehe ich die­selben Stufen hoch wie vor 42 Jahren und habe den­selben ersten Blick auf den Rasen, bevor ich mich nach rechts wende und zum Wellen­brecher gehe. Wo mein Bruder steht. Und neben ihm mein Sohn.

Kampf­an­sagen, Treue­schwüre und Offen­ba­rungs­eide“

Dirk Gieselmann

Der wöchent­liche Kicker“ bewahrt den Vater von Dirk Gie­sel­mann vor der Gleich­gül­tig­keit des Alters.

Bevor die Tele­grafie erfunden war, dau­erte es geschla­gene drei Wochen, bis berit­tene Boten einem Bischof in Irland die Depe­sche über­brachten, dass in Rom der Papst gestorben war. Mit noch grö­ßerer Ver­zö­ge­rung erreichte mich neu­lich die Nach­richt, dass es gar nicht gut um den FC Bayern stehe. Ich ent­nahm sie einer zwei Monate alten Aus­gabe des Kicker“. Regel­mäßig, aber in großen Abständen, immer wenn er mal beim Postamt vor­bei­kommt, schickt mein lieber Vater seine aus­ge­le­senen Hefte zu mir nach Berlin, damit ich, wie er sagt, auf dem Lau­fenden“ bleibe. Er hat eine ganz eigene Vor-stel­lung von Aktua­lität: Etwas pas­siert erst dann, wenn er davon erfährt. Poli­tiker treten um 20 Uhr zurück, in der Tages­schau“. Und noch eine Stunde nach dem Abpfiff einer Partie des SV Werder ist er in der Lage, auf den Sieg zu hoffen. Die Zusam­men­fas­sung in der Sport­schau läuft ja erst um 18.30 Uhr, bis dahin ist rein gar nichts ent­schieden.

Von Live­ti­ckern und Push­mel­dungen weiß er nichts. Er lebt in einem anderen Jahr­hun­dert als ich, ich ver­mute, es ist das zwan­zigste. Dort ist die Tele­grafie zwar schon erfunden, es gibt auch die ersten Fern­seher. Doch es bleibt eine Sen­sa­tion für ihn, dass Stimmen und Bilder aus immenser Ferne den Weg in seine Stube finden. Und solche Kleinode wie den Kicker“ kann er doch nicht ein­fach weg­werfen. Die sind doch noch gut! Also schickt er sie mir, sta­pel­weise.

Hoeneß bleibt ein Ömmes“

Ich lese darin Kampf­an­sagen, Treue­schwüre, Offen­ba­rungs­eide, und nicht selten ist der, der sie von sich gab, längst gefeuert, abge­stiegen oder Inva­lide. Der Kicker“ aus dem vor­letzten Monat: ein Zeugnis der Ver­gäng­lich­keit. Und trotzdem sind diese Hefte auch für mich von zeit­loser Schön­heit. Denn mein Vater hat es sich zur Auf­gabe gemacht, sie penibel durch­zu­ar­beiten, mit ange­spitztem Rot­stift. So greift er hier einen Kolum­nisten an („So was nennt sich Experte?“), ver­lacht dort die Trans­fer­po­litik des Ham­burger SV („Schon wieder so n Blinder!“) oder lobt Bre­mens Trainer Flo­rian Koh­feldt („Guter Mann!“) und gleich den ganzen Verein („Werder, die Welt­macht!“).

Glanz­licht einer jeden Aus­gabe ist die ritu­elle Täto­wie­rung des Uli Hoeneß durch meinen Vater: Sobald das Prä­si­den­ten­ge­sicht auf­taucht, schreibt er ihm das schönste Wort auf die Stirn, das die Sprache seiner Heimat kennt: Ömmes!“ Was so viel heißt wie: etwas zu groß gera­tenes Ding. Ich halte es für mög­lich, dass es sich um einen Voo­doo­zauber han­delt, viel­leicht ist Hoeneß des­halb so oft gereizt. Ihn ver­bindet eine innige Feind­schaft mit meinem Vater. Daran ändert auch die Tat­sache nichts, dass er nichts davon weiß.

Ich liebe diese Hefte, gerade wegen ihrer frap­pie­renden Inak­tua­lität. Dank der Kom­men­tare meines Vaters haben sie etwas von den Inschriften in alten Kar­zern, die dort von ein­ge­buch­teten Schü­lern an die Wand gekrit­zelt wurden: Sie behalten ihre emo­tio­nale Wucht, auch wenn die Zeit über sie hin­weg­geht. Und ich liebe den Fuß­ball an sich, weil er meinen Vater vor der Gleich­gül­tig­keit des Alters bewahrt. Für ihn, das beweist mir jede Kicker“-Ausgabe, ist und bleibt Uli Hoeneß ein Ömmes“.

Für die dösenden Kinder auf dem Rückweg vom Spiel“

Ron Ulrich

Wenn Reporter ful­mi­nante Schüsse ver­melden, erin­nert sich Ron Ulrich an Dietmar Schott und Manni Breuck­mann.

Ich habe Dietmar Schott nie per­sön­lich getroffen, seine Stimme jedoch würde ich unter tau­senden erkennen. Schott mode­rierte früher, als Nach­folger des legen­dären Kurt Brumme, die Bun­des­li­ga­kon­fe­renz im Radio auf WDR2 mit derart besänf­ti­gendem, sonorem Timbre, dass er wohl auch den Fami­li­en­streit der Gal­lagher-Brüder bei Oasis hätte befrieden können. Und mich hat er in den neun­ziger Jahren im Grund­schul­alter auch befriedet, und zwar an den Sams­tag­abenden gegen 17.40 Uhr. 

Ich kam völlig erschöpft aus dem Sta­dion, hatte mir in dieser Aben­teu­er­welt der Erwach­senen bis zur Hei­ser­keit die Seele aus dem Leib geschrien und saß nun auf der Rück­bank im Auto meines Vaters. In meiner Erin­ne­rung beschlugen die Sei­ten­scheiben, regen­durch­nässte blaue Schals hingen rechts und links aus den Fens­tern, die Rück­lichter der Autos in der Schlange schim­merten durchs Dunkel, mein Vater und seine Freunde dis­ku­tierten über das Spiel, schimpften auf den Trainer oder auf Men­schen mit so lus­tigen Namen wie Kohl oder Kinkel. 

Das kind­liche Adre­nalin ließ langsam nach und ich döste leicht, als Dietmar Schott mit der Ruhe eines antiken Stoi­kers die tur­bu­lenten Ereig­nisse der anderen Plätze nach­er­zählte. Danach spielte er meist ein typi­sches WDR2-Lied, Tracy Chapman oder Van Mor­rison. Er sagte schließ­lich etwas wie Noch einen schönen Abend, meine Damen und Herren“. Und alles war gut. Bis zum nächsten Wochen­ende, wenn meine Mann­schaft aus­wärts ran musste. Da hing ich wieder an den Radio­stimmen von Schott und seinen Repor­tern in den Sta­dien, den ein­zigen Infor­ma­ti­ons­quellen lange vor Live­spielen im Fern­sehen, Twitter oder You­tube.

Aber Rüdiger Voll­born hat den Braten gero­chen“

Mir blieb nichts anderes übrig, als mir die pau­sen­losen Angriffe und Paraden vor­zu­stellen. Und in den Musik­pausen schnappte ich mir den Leder-ball und don­nerte ihn gegen das Gara­gentor, um den Rück­stand meiner Mann­schaft selbst noch zu drehen. Und sie lag oft zurück. Ich kom­men­tierte die eigenen Schüsse, röchelte mit der Hand vor dem Mund, um die Sta­di­onge­räu­sche zu imi­tieren. Dann kam die Schluss­kon­fe­renz: Rolf Rainer Gecks, Manni Breuck­mann, Tom Bayer und natür­lich Gün­ther Koch über­schlugen sich mit ihren Schil­de­rungen und Sprach­bil­dern. Der Ausruf Gefähr­li­cher Ball, in den Straf­raum, aber Rüdiger Voll­born hat den Braten gero­chen“, ist mir – warum auch immer – noch heute im Gedächtnis. 

Damals legte ich Kas­setten ins Deck, drückte die Play- und Record-Taste gleich­zeitig, um meine eigenen Phan­ta­sie­re­por­tagen auf Band ein­zu­spre­chen. Sehr oft musste dabei Voll­born den Braten rie­chen, Iva­n­auskas ful­mi­nant“ abziehen und Youri Mulder in den ersten sieben Minuten Gelb sehen, drei Tor­chancen ver­geben, aber auch einen Dop­pel­pack schnüren. Die ima­gi­nierten Spiele gingen 7:5 oder 6:6 aus, so eine Kas­set­ten­seite konnte schließ­lich ver­dammt lang werden. 

Vor einigen Wochen hörte ich die Berichte der Bun­des­liga, als Frank­furt die Bayern sen­sa­tio­nell mit 5:1 schlug. Ich hätte mir die Szenen schnell auf You­tube, die Video­schnipsel auf Twitter oder gar im ZDF-Stream anschauen können. Doch ich ließ das Handy in der Tasche und stellte mir vor, wie Paci­encia den Ball zum 5:1 über die Linie drückt“. In einer bild­über­flu­teten Gegen­wart lässt das Radio noch etwas Raum für Phan­tasie, und die braucht ein Fuß­ballfan so sehr wie irra­tio­nalen Opti­mismus. Und irgendwo schlum­merte viel­leicht ein Kind im Frank­furt-Trikot zu den Radio­nach­be­richten, total ermattet von den Ein­drü­cken im Sta­dion. Und viel­leicht schnappte sich anderswo ein Mäd­chen oder ein Junge den Ball, wild ent­schlossen, den Rück­stand selbst zu drehen. Das war so ein beru­hi­gender Gedanke. Ich würde dem Kind sogar nach­sehen, wenn es dabei ein Bayern-Trikot trüge.

Tiitelgeschichte 42 131610737 d 20170518 wells 02 RGB
Sebas­tian Wells

Das Finale ist eine Tür zu einem son­ni­geren Ort“

Stephan Reich

Gaci­no­vics Tor im Finale gegen die Bayern hat für Ste­phan Reich und viele andere Ein­tracht-Fans alles ver­än­dert

Was pas­siert hier?“, fragt mein Cousin und schüt­telt den Kopf. Wir stehen auf dem Praça do Comercio in Lis­sabon und blin­zeln ratlos in die Sonne eines Früh­som­mer­tags, an dessen Ende ein Euro­pa­cup­spiel gegen Ben­fica wartet. Er zuckt die Ach­seln, ich zucke die Ach­seln, wir trinken Bier und sehen einem Ein­tracht-Fan dabei zu, wie er sich die Gitarre eines Stra­ßen­mu­si­kers leiht und darauf Im Herzen von Europa“ spielt. Im Hin­ter­grund hisst einer eine SGE-Fahne, Dealer stehen rum und ver­gessen ihr Tag­werk, fach­sim­peln lieber mit den Frank­fur­tern über das anste­hende Spiel.

Mein Cousin meint nicht den Musiker, nicht die Fahnen oder Dealer. Er meint das alles. Die Fans, die mit ungläu­biger Miene durch den plötz­li­chen Erfolg ihres Ver­eins stol­pern. Die emo­tio­nale Erschüt­te­rung, die es bedeutet, gerade Fan von Ein­tracht Frank­furt zu sein. Dieses gute Gefühl, fas­sungslos den Kopf zu schüt­teln. Seit wir klein sind, hängen wir an der Ein­tracht, und bei allem Spaß war das all die Jahre auch ein tiefes Tal, das es tapfer zu durch­schreiten galt. Die ver­ge­benen Chancen und unein­ge­lösten Ver­spre­chen, das stete Hät­te­wä­re­wenn, die Abstiege, Mit­tel­maß­jahre, all die Rob Fri­ends und Ivica Mornars. Hätte ich je gedacht, dass es anders würde? Und hätte das was geän­dert? 

Wir lieben diesen Sport ja trotzdem, lat­schen weiter ins Sta­dion, treffen Freunde, schreien den Fern­seher an oder umarmen ihn bis­weilen. Dass am Ende sowieso die anderen gewinnen, das war doch immer klar. Oder nicht? Was pas­siert hier, was geht denn hier ab?“, schreit der Bayern-Fan in dem You­tube-Video, in dem die 96. Minute des Pokal­fi­nals 2018 läuft. Mijat Gaci­novic rennt und rennt, sprintet aufs leere Tor zu, dann zu den fei­ernden Fans, bis in die Geschichts­bü­cher und weiter, quer in die Leben so vieler Men­schen. 

Auf so eine Art ungläubig sein zu können, ist ein Geschenk

Wenige Plätze unter dem fil­menden Fan muss ich irgendwo stehen. Ich halte meinen Cousin im Arm, er hat die Augen geschlossen und schreit, als der Ball über die Linie rollt. Als wir klein waren, schossen wir die Ein­tracht auf dem Bolz­platz zur Meis­ter­schaft. Die Rea­lität, das ahnten wir, war eine andere. Abstiege, Nacken­schläge, die vielen Tage auf ver­reg­neten Steh­ter­rassen oder in die­sigen Fuß­ball­kneipen, dieser schlechte Atem immer­wäh­render Ver­geb­lich­keit. Bis, ja bis. 

Der Moment, in dem ich meinen Cousin im Pokal­fi­nale im Arm halte, ist bis heute eine Tür zu einem son­ni­geren Ort, die ich jeder­zeit öffnen kann. Das Gefühl einer sich schlie­ßenden Wunde. Das Pokal­fi­nale ist andert­halb Jahre her, es geht alles so schnell. Feier am Römer, Inter, Ben­fica, Chelsea, 57 Tore von drei his­to­risch guten Stür­mern. Jetzt stehen wir auf der Tri­büne, sehen ein 5:1 gegen die Bayern in der Bun­des­liga und uns gehen die Worte aus. Auf so eine Art ungläubig sein zu können, denke ich, ist ein Geschenk.

Was pas­siert hier“, fragt mich ein Freund später am Abend vor dem Sta­dion. Er hat sich Gaci­no­vics Tor auf den Arm täto­wieren lassen, und spre­chen wir betrunken über den Abend im Mai 2018 in Berlin, weint er manchmal ein biss­chen. So wie ihm, so wie mir geht es tau­senden Fans. Viel­leicht dreht sich der Fuß­ball, ja ein ein­zelnes Spiel, manchmal so schnell und unver­hofft, dass es eine ganze Menge Leben ein­fach mit sich dreht. Auf den Kopf, zum Guten, aus der Fas­sung, wohin auch immer.

Der VfL Bochum rettet mich vor dem Fuß­ball“

Christoph Biermann

Vom großen Fuß­ball will Chris­toph Bier­mann nichts wissen, wenn sein Lieb­lings­verein im Fern­sehen kommt.

Gut, dass die Was­ser­fla­sche leer und vor allem nicht aus Glas war. Sonst wäre sie wohl in tau­send Teile zer­split­tert, obwohl sie doch auch nichts dafür konnte, dass der Karls­ruher SC in der Nach­spiel­zeit noch den Aus­gleich geschossen hatte, und das auch noch in Unter­zahl. Wütend brab­belte ich vor mich hin, wie einer dieser alten Männer, die gemeinhin als ver­wirrt“ bezeichnet und später dann auf­ge­griffen“ werden. Dabei hörte mir nie­mand zu, ich war näm­lich allein in meiner Ere­mi­tage: nur der Fern­seher, der Zweit­li­gist VfL Bochum und ich. 

Ich könnte an dieser Stelle zur großen Beschwerde dar­über anheben, dass ich mir Spiele zu selt­samen Anstoß­zeiten anschauen muss, bevor der rich­tige Fuß­ball gezeigt wird. Ich könnte beklagen, dass mein Klub es seit einem Jahr­zehnt nicht hin­be­kommt, mal wieder in der Bun­des­liga zu spielen, mit der ich im Ruhr­sta­dion auf­ge­wachsen bin. Ich könnte über selt­same Manage­men­tent­schei­dungen oder Spieler mit sehr über­sicht­li­chem Talent spotten. Aber das würde der Sache nicht gerecht werden, denn seit 45 Jahren macht dieser Klub mich glück­lich. Denn er rettet mich, jede Woche, ob am Freitag um halb sieben, am Samstag um eins oder am Montag um halb neun.

Der VfL Bochum rettet mich vor dem Fuß­ball, oder genauer: vor dem gewal­tigen Haufen Schrott, der sich inzwi­schen über dem Fuß­ball auf­türmt. Ich will gar nicht die ganze Litanei über Gier und Kor­rup­tion her­un­ter­beten und wie die Großen sich auf Kosten der Kleinen den Fuß­ball so hin­ge­bas­telt haben, wie er ihnen gefällt. Ich will nicht die Welt der Mitt­wochs-um-neun-Uhr-Klubs beklagen und eine win­ter­liche WM in Katar. All das erschöpft mich viel zu sehr, und noch mehr tut das jeden Tag der mediale Müll von Push­nach­richten über angeb­liche Krisen irgendwo und über das Wochen­ende der Giganten“, wenn doch nur der Tabel­len­zweite beim Tabel­len­vierten antritt, dar­ge­boten von gebeu­telten Außen­re­por­tern, die an der Säbener Straße das pure Nichts ver­breiten – diese ganze Men­ta­li­täts­scheiße halt. 

Sonst wäre es ja auch keine Liebe

Aber dann kommt der VfL Bochum, und alles ist wieder in Ord­nung. Außer natür­lich unsere Innen­ver­tei­di­gung. Das liegt nicht etwa daran, dass es mensch­lich edler oder mora­lisch hoch­wer­tiger ist, einen eher mit­tel­tollen Verein zu sup­porten, zu dem selbst den größten Social-Media-Hys­te­ri­kern keine Brea­king News ein­fallen. Aber ich habe halt keinen anderen, wes­halb ich also auf dem Sofa hocke, mit ver­schränkten Armen, und still den Fern­seher anschreie. Und wenn sich die Dinge zuspitzen, ver­stoße ich sogar gegen das in der Woh­nung gel­tende Rauch­verbot, schließ­lich habe ich im Laufe vieler Jahre eine hoch­ent­wi­ckelte Technik ent­wi­ckelt, Tore rein­zu­rau­chen. 

Manchmal mache ich mich von meiner Mönchs­zelle auch auf den Weg ins Sta­dion, da ist es noch viel schöner. Aber auch allein daheim fühle ich mich nie einsam, weil ich weiß, dass ich einer von Hun­dert­tau­senden bin. Bei unseren Ekstasen auf dem Sofa ver­si­chern wir uns ver­läss­lich, worum es bei dem ganzen Quatsch eigent­lich geht. Um sinn­lose, rück­halt­lose und frag­lose Liebe, die nicht klein­zu­kriegen ist. Aber sonst wäre es ja auch keine Liebe.

Tiitelgeschichte 42 131604614 15517tb37 RGB
Theodor Barth

Den Gegen­spieler tun­neln, ganz ohne Bein­be­rüh­rung“

Max Dinkelaker

Einst gab sich Max Din­kelaker als Stümer aus. Später begriff er, was wirk­lich im Fuß­ball zählt.

Die Idee war ver­wegen, aber zum Schei­tern ver­ur­teilt. Im Spät­herbst 2009 zog ich aus meiner Hei­mat­stadt Berlin nach Frei­burg, offi­ziell zum Stu­dieren, ins­ge­heim aber auch, um end­lich eine Lauf­bahn als Tor­jäger ein­zu­schlagen. Mehr noch als das, ich wollte sie erzwingen. In Berlin ging das nicht, da kannten mich alle – und meine fuß­ballerischen Fähig­keiten. Ange­kommen in der süd­ba­di­schen Prärie, beim glor­rei­chen SC Eich­stetten, behaup­tete ich – gelernter Mit­tel­feld­wusler, auf­ge­rundet sieben Toren in 263 Jugend­spielen – schon immer etat­mä­ßiger Stürmer gewesen zu sein. Ein Knipser, tech­nisch her­aus­ra­gend, trick­reich und listig, eine Art Alex­ander Iaschwili, nur in gna­denlos effi­zient. War ich natür­lich nicht.

Was sich tie­fen­psy­cho­lo­gisch hinter dieser Hoch­sta­pelei ver­barg, war die Sehn­sucht danach, regel­mäßig Bewun­de­rung und Zunei­gung ent­ge­gen­ge­bracht zu bekommen. Denn der schönste Moment für jeden Fuß­baller, jene Aktion, die uns in der Woche danach selig durch den Alltag fliegen lässt, ist nun mal das selbst­er­zielte Tor. Ein Schuss, die Gewiss­heit, dass der sitzen wird, die Wärme in der Brust, wenn er dann sitzt, ein schon Sekunden später unmög­lich zu rekon­stru­ie­render Laufweg, Umar­mungen, Gebrüll, das Gefühl, in der ver­blei­benden Spiel­zeit unbe­siegbar zu sein. Mehr geht nicht. Außerdem ist es ja so: Brave Arbeits­bienen im Mit­tel­feld tau­chen am Montag nicht nament­lich in der Lokal­zei­tung auf. Nie. Des­halb wollen ja alle knipsen. 

Bloß ist nicht jeder von uns zum Tor­jäger geboren, die meisten haben allen­falls einen mit­tel­mä­ßigen Rie­cher und stehen nicht immer richtig, son­dern über­schlagen nur in etwa jedem 31. Spiel. So wie ich. Wes­halb ich als­bald wieder dorthin beor­dert wurde, wo ich hin­ge­höre, etwa fünfzig Meter ent­fernt von beiden Toren, in den umkämpften und erbar­mungs­losen Mit­tel­kreis einer holp­rigen und schlecht gemähten Ama­teur­sport­an­lage. 

Gutes Spiel, Junge

Es dau­erte einige Monate, bis ich das nicht mehr als Pro­blem begriff. Denn das Groß­ar­tige am Fuß­ball sind eben nicht nur die Tore, son­dern auch die kleinen Momente. Die, die nie­mand so richtig regis­triert. Die man ganz für sich alleine hat. Und die sich am Ende doch für alle sum­mieren zu einer Art hin­ge­wor­fener Bilanz: Gutes Spiel, Junge!

Wir lassen diese Momente am späten Sonn­tag­abend oft noch ein letztes Mal Revue pas­sieren, bevor wir sie irgendwo im Kopf ver­stauen, Platz schaffen für nächsten Sonntag und dann zufrieden neben einem leeren Piz­za­karton auf der Couch ein­pennen. Was war das für ein but­ter­wei­cher Flug­ball, was für eine sau­bere Brust­an­nahme vor dem 1:0. Und dann war da der gut ange­brachte Spruch zum geg­ne­ri­schen Trainer und der Pass vor dem Pass, der der ent­schei­dende gewesen wäre, wenn vorne mal einer richtig stehen würde. Und, vor allem, der Tunnel, den man dem Gegen­spieler ver­passt hat, ganz sauber durch, ohne Bein­be­rüh­rung, raf­fi­niert und sinn­voll, keine prol­lige Zir­kus­nummer, nach der der Trainer dich zurecht anbrüllt, dass du die Scheiße blei­ben­lassen sollst. All das macht glück­lich. Und zufrieden. Oder man ist eher der Tor­jä­gertyp.

Viel gefeiert, viel geflucht, nie gelang­weilt“

Jens Kirschneck

Jens Kir­schneck kann sich nichts Schö­neres vor­stellen, als Fan eines Fahr­stuhl­klubs zu sein.

Der Blick ist stets der gleiche, eine fein aus­ta­rierte Mischung aus Mit­leid und Aus­gren­zung. Du Ärmster, aber nur gut, dass mir das nicht pas­siert ist. Als hätte ich von einer unheil­baren Krank­heit erzählt oder davon, dass der Hund vom Auto über­fahren worden sei. Dabei lautet der Satz ganz schlicht: Ich bin Fan von Arminia Bie­le­feld.“ 

Bis heute ver­stehe ich die Reak­tion der Leute darauf nicht. Okay, der Gedanke an die unheil­bare Krank­heit ist nicht so falsch. Aber tat­säch­lich ist es eine, mit der sich chro­nisch leben lässt. Klar weiß ich, was die Leute meinen. Arminia Bie­le­feld ist ein Fahr­stuhl­verein, einer, bei dem man heute nicht weiß, ob nicht morgen schon die nächste Kata­strophe um die Ecke kommt. Abstieg, Insol­venz, Löschung aus dem Ver­eins­re­gister. Aber möchte ich des­halb Anhänger von Mainz 05 sein, mit der Aus­sicht, Bun­des­liga-Achter zu werden, wenn es gut läuft, und Fünf­zehnter, wenn es richtig mise­rabel läuft? Oder mit der Klatsch­pappe in Leipzig auf der Tri­büne sitzen? Im Leben nicht. 

Dann platzte die Tüte

Seit 1977 bin ich Arminia-Fan und in dieser Zeit neun Mal auf­ge­stiegen und neun Mal abge­stiegen. Das ganze Leben ein dra­ma­ti­sches Auf und Ab, him­mel­hoch jauch­zend, zu Tode betrübt, stets im flotten Wechsel. So viel gefeiert, so viel geflucht, so viel gezit­tert, nur eines nie: gelang­weilt. Wir ver­suchten, das Schicksal zu zwingen, indem wir zu jedem Spiel eine Tüte Weiche Kat­zen­pföt­chen“ von Katjes mit­nahmen und kamen mit diesem Ritual ohne Heim­nie­der­lage durch die Hin­runde. Dann platzte die Tüte und die Saison ging den Bach runter. 

Vor ein paar Jahren sprang unser Verein im aller­letzten Spiel in Dresden dem Teufel von der Schippe, wäh­rend um uns herum auf­ge­brachte Dynamo-Fans das Sta­dion zu Klump bombten. Dann kas­sierten wir in der fol­genden Rele­ga­tion ganz kurz vor Schluss der Ver­län­ge­rung das ent­schei­dende Tor gegen Darm­stadt, trafen danach noch den Pfosten und wussten, dass der Teufel halt doch immer den län­geren Atem hat. Aber es geht eben rauf und runter, und jetzt gerade geht es uns wieder ziem­lich gut. Wir stehen in der Zweit­li­ga­ta­belle ganz schön weit oben, und viel­leicht kommt zu den neun Auf­stiegen bald ein zehnter dazu. Und ich? Fühle mich nach all den Jahren wie ein vom Leben zer­zauster Rocker, der es nie nach ganz oben geschafft hat, aber egal. Weißt du, ich habe wirk­lich alles mit­ge­nommen, Baby. Was kann es Schö­neres geben?

20120521 TAMM Millerntor 11 Freunde Cover11 19 O Tamm HH Germany RZ

Immer warten auf ein großes Wunder“

Philipp Köster

Die Schön­heit des Fuß­ball­sports offen­bart sich Philipp Köster auch im November im Prenz­lauer Berg.

Muss er doch mal schießen!“, grum­melt ein Herr mit blauem Schal, winkt ab und holt sich aus Pro­test noch ein Bier. Gerade hat ein Stürmer des Ber­liner SV Empor den Ball in aus­sichts­rei­cher Posi­tion im Dribb­ling ver­loren, anstatt die Kugel end­lich mal drauf­zu­zim­mern. Dann würde den zwei­hun­dert Zuschauern, die sich im kleinen Sta­dion des Jahn­sport­parks im Prenz­lauer Berg unter dem Vor­dach des Mehr­zweck­ge­bäudes drän­geln, viel­leicht etwas wärmer in der feuchten Novem­ber­kälte. Und dann stünde es nach knapp 40 Minuten auch nicht schon 3:1 für den Gast aus Lich­ten­berg, was den SV Empor noch ein biss­chen tiefer in den Abstiegs­strudel zieht. 

Es ist kein spek­ta­ku­lärer Kick in der sechst­klas­sigen Berlin-­Liga, und trotzdem finde ich hier alles, was mich am Fuß­ball schon immer glück­lich macht. Da ist der Mann im Trai­nings­anzug, der durch den Maschen­draht­zaun linst, um die sechs Euro Ein­tritt zu sparen. Da ist der Ordner in der Würst­chen­bude, dessen geschwol­lene Hände auf lang­jäh­rige Erwerbs­ar­beit hin­deuten und der zu jedem Iso­lier­kan­nen­kaffee noch einen Tipp gratis gibt: Dit jewinn’se!“

Das Wunder ist der Fuß­ball selbst

Da sind die Zuschauer mit Kippe im Mund­winkel, die jeden gelun­genen Pass mit auf­mun­terndem Raunen begleiten. Und da sind die Spie­ler­frauen, die fröh­lich an der Reling schnat­tern. Sie alle und ich bleiben das ganze Spiel, obwohl ein Tor nach dem anderen für Lich­ten­berg fällt, am Ende steht es 2:6. Trotzdem warten wir geduldig ab, in der vagen Hoff­nung, dass doch noch was Auf­re­gendes pas­siert, eine toll­kühne Auf­hol­jagd zum Bei­spiel, fünf Tore in drei Minuten, hat es alles schon gegeben, man weiß ja nie. 

Aber wir müssen gar nicht auf ein Wunder warten. Denn das Wunder ist der Fuß­ball selbst. So was Schönes, Auf­re­gendes, Herz­zer­fet­zendes gibt es kein zweites Mal. Fuß­ball ist wun­derbar. In der Kreis­liga und in der Bun­des­liga und im Novem­ber­regen beim SV Empor.