Samstag, 26. November 2011, Man­chester, BBC-Stu­dios: Die eng­li­sche Fuß­ball­le­gende Gary McA­lister sitzt in der Sen­dung Foot­ball Focus“ und scherzt über den alternden Michael Owen im Trikot von Man­chester United. Er wird gegig­gelt, man kennt sich, man schätzt sich, man nimmt sich gegen­seitig hoch. Also, ich finde, er macht seine Sache noch ganz gut“, kon­tert sein Neben­mann, eben­falls ein legen­därer Alt­star aus der Pre­mier League, und grinst dabei schel­misch in die Kamera. Ein Lacher. Alt­her­ren­humor. Es sind die letzten Sekunden der Sen­dung, der Abspann läuft, die Ex-Profis werden ent­ka­belt. McA­lister und sein Kol­lege stehen auf, machen sich auf den Weg ins obere Stock­werk. Dort sitzt Alan Shearer, noch so eine Legende.

Es wird gewit­zelt, ein paar mar­kige Sprüche aus­ge­tauscht, das nächste Treffen ver­ein­bart. Alan Shearer muss wenig später los, er will das Spiel von Man­chester United im Sta­dion sehen, Gary McA­lister bleibt noch ein wenig, der dritte Mann im Bunde fährt nach Hause. Nach Chester. Busi­ness as usual. Er hat für heute genug vom Fuß­ball, mag man denken. Was nie­mand ahnt: Es sind die letzten Stunden in seinem Leben. Der Mann, der sich auf den Weg nach Chester macht ist Gary Speed.

Ein Notruf aus dem Hause Speed

Sonntag, 27. November 2011, Man­chester: Ich kann die Nach­richt gar nicht glauben. Vor ein paar Tagen haben wir uns noch zuge­winkt, als wir unsere Kinder bei der Schule abge­setzt haben. Ich bin wie taub.“ Michael Owen twit­tert seine Trauer raus in die Welt. Er wohnt in der Nach­bar­schaft von Gary Speed.

Gegen sieben Uhr mor­gens schossen Kran­ken­wagen und Poli­zei­wagen mit lauten Sire­nen­ge­heul durch die Wohn­sied­lung in Chester. Es gab einen Notruf aus dem Hause Speed. Minuten später steht fest: Gary Speed ist tot in seinem Haus auf­ge­funden worden. Schnell wird bekannt, dass er Selbst­mord begangen haben soll. Und wieder stellen sich alle die eine Frage, auf die man keine Ant­wort finden kann: Warum?

535 Ein­sätze in der Pre­mier League

Speed spielte ins­ge­samt 85 Mal für die wali­si­sche Natio­nal­mann­schaft, zuletzt arbei­tete als Natio­nal­trainer der wali­si­schen Elf. Seine Spiel­erl­kar­riere begann er bei Leeds United, spielte in der Folge für New­castle United, FC Everton, Bolton Wan­de­rers bis er im Jahr 2010 seine aktive Lauf­bahn bei Shef­field United been­dete.

Ins­ge­samt spielte der Waliser 535 Mal in der Pre­mier League. Nur sein Lands­mann Ryan Giggs und der Eng­länder David James haben bis­lang mehr Ein­sätze in der Liga. Speed ist ein fester Bestand­teil der eng­li­schen Fuß­ball­ge­schichte. Speed wird geliebt, er wird geschätzt, als Spieler ver­ehrt, als Mensch hoch geachtet. Jetzt ist er tot. Was bleibt ist Leere.

Die Fuß­ball­welt steht still. Welt­weit trauern Spieler, Trainer, Fans um den sym­pa­thi­schen Dau­er­brenner aus Mancot, Wales. R.I.P Gary Speed. In meinem ersten Pre­mier-League-Spiel war er mein Gegen­spieler. Er hat mir in diesem Spiel gezeigt, worum es im eng­li­schen Fuß­ball geht“, twit­tert etwa der Spa­nier Xabi Alonso. Sein ehe­ma­liger Mit­spieler Robby Savage bricht in einem BBC-Studio in Tränen aus: Ich bin am Boden zer­stört. Ges­tern habe ich noch mit ihm gespro­chen. Warum, warum, warum? Ich werde ihn so sehr ver­missen“, drückt das ehe­ma­lige Rau­hbein noch raus, dann wird die Sen­dung unter­bro­chen. Auch John Hartson, der wali­si­sche Wand­schrank, der einst bei Celtic Glasgow die Felder umpflügte, sagt seinen Job als Co-Kom­men­tator eines Pre­mier-League-Spiels zehn Minuten vor dem Anpfiff ab und ver­lässt wei­nend das Sta­dion. Bei­spiele, die zeigen: Fuß­ball kann so ver­dammt egal sein.

Es gibt nur einen Gary Speed“

Sonntag, 27. November 2011, Swansea, Liberty-Sta­dium. Aston Villa ist am 13. Spieltag der Pre­mier League zu Gast beim wali­si­schen Klub FC Swansea. Nach dem Sen­sa­ti­ons­auf­stieg des Ver­eins sollte hier eigent­lich jeder Heim­spieltag ein Fuß­ball­festtag werden. Doch an diesem Sonntag ist nie­mandem zum Feier zumute. Gary Speed, wali­si­sche Fuß­ball­le­gende, Pre­mier-League-Ikone und aktu­eller Natio­nal­trainer von Wales ist tot. Fassen kann das hier nie­mand. Begreifen wird man es wohl nie.

20.400 Zuschauer im Liberty-Sta­dium erheben sich von den Plätzen. Auf dem Rasen stehen 22 Spieler – unter ihnen vier wali­si­sche Natio­nal­spieler und Speeds ehe­ma­liger Mann­schafts­kol­lege Shay Given von Aston Villa – Trainer und Schieds­richter. Sie alle halten inne. Eine Minute Stille soll Gery Speed die letzte Ehre erweisen. Doch auf den Rängen ahnen die Fans, dass Speed, dieser Fuß­ball­fanat, der auch für das Spiel, für den Ball, für sie gelebt hat, einen anderen Abschied ver­dient hat. Plötz­lich brandet Applaus auf, die Zuschauer wollen nicht schweigen, sie wollen etwas sagen, dass aus den Kehlen von 20.400 Men­schen klingt wie ein don­nerndes, letztes Gebet. Sie singen: Es gibt nur einen Gary Speed“.