Warum Toni Kroos für die Nationalelf immer noch wichtig ist

In die Tiefe des Raumes

Auch nach dem Umbruch wird Toni Kroos in der deutschen Nationalmannschaft eine wichtige Rolle spielen. Im Hinblick auf die EM 2020 dürfte sein Wert für Joachim Löw sogar eher zu- als abnehmen. 

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Joachim Löw hat am Donnerstag von den Qualen berichtet, die ihm die Trennung von seiner Mannschaft bereitet hat. Im Juni musste der Bundestrainer zwei EM-Qualifikationsspiele aus gesundheitlichen Gründen sausen lassen. Statt an der Seitenlinie saß er gegen Weißrussland und Estland zu Hause vor dem Fernseher. Wobei: Sitzen trifft es nicht ganz. »Ich bin in der Wohnung rumgetigert«, berichtete Löw. Natürlich war er nicht so vermessen zu glauben, dass die beiden Gegner seine Anwesenheit zwingend erfordert hätten, »trotzdem war ich angespannt«. Als komisch und unangenehm empfand Löw die Situation. »Bei der Mannschaft zu sein ist schon das bessere Gefühl.«

Toni Kroos hat bei den Länderspielen im Juni ebenfalls gefehlt. Aber von Entzugserscheinungen hat er anschließend nichts berichtet. Das liegt wahrscheinlich daran, dass er keine hatte. Der Mittelfeldspieler von Real Madrid ist in den vergangenen Jahren so stark belastet worden, dass er sich von Bundestrainer Löw nach der Weltmeisterschaft 2018 hat zusichern lassen, bei eher unbedeutenden Länderspielen auch mal pausieren zu dürfen. Die EM-Qualifikation an diesem Freitag in Hamburg gegen Holland gehört ganz sicher nicht in diese Kategorie. Nach den jüngsten drei Duellen in den vergangenen elf Monaten erwartet Kroos gegen die Holländer eine Auseinandersetzung »auf sehr hohem Niveau«. Auch deshalb besteht kein Zweifel, dass er gegen den ärgsten Konkurrenten aus der Gruppe in der Startelf stehen wird.

Unter Löw ist Kroos unantastbar

Schaut man sich die Aufstellungen der Nationalmannschaft aus den vergangenen Jahren an, wäre alles andere eine Überraschung. Bei Löw zählt Kroos längst zu den Unantastbaren. Überraschend ist die Treue des Bundestrainers nur, wenn man sich die Entwicklung der Mannschaft seit der missratenen WM 2018 anschaut. Spieler, die mit Kroos das Gerüst gebildet haben, sind von Löw mal mehr (Sami Khedira) mal weniger geräuschlos (Jerome Boateng, Mats Hummels, Thomas Müller) aussortiert worden. Müller hat zusammen mit Kroos für die Nationalelf debütiert; er ist sogar vier Monate älter. Doch während der eine nicht mehr darf, wird der andere mehr denn je gebraucht.

So viel Umbruch war in der Nationalmannschaft lange nicht, und so rigoros ist der Bundestrainer bei personellen Entscheidungen seit Ewigkeiten nicht mehr vorgegangen - nur Toni Kroos (und Torhüter Manuel Neuer) konnte dieser Prozess bisher nichts anhaben. Kroos ist der letzte Feldspieler im aktuellen Kader, der beim WM-Titel vor fünf Jahren zur Stammelf gehört hat. Er hat die meisten Länderspiele bestritten (92) und sogar die meisten Tore erzielt (14). Von den übrigen 18 Feldspielern im Aufgebot für Holland und Nordirland (Montag) kommt keiner auf mehr als 42 Länderspiele. Damit ist die Rolle, die Kroos im Prozess des Umbruchs spielt, eigentlich schon ausreichend definiert.