Seite 3: „Der berühmte Abstiegsneid“

Vor­sicht, du redest mit dem Magazin für Fuß­ball­kultur“.
Fried­richs: Ich weiß. Das ist ja auch ein grif­figer Titel, aber letzt­lich wird vieles zur Kultur ver­klärt, damit es sakro­sankt ist, etwa die Ess­kultur. Und mal ehr­lich, dass Leute ihren Lebens­sinn darin sehen, ob sie nun Ben­galos abbrennen dürfen oder nicht, das finde ich jen­seits von Gut und Böse. Dafür bin ich auch ver­mut­lich zu alt. Wenn ich das schon höre: Emo­tionen respek­tieren, das ist unsere Kultur, laber Rha­barber …“ Geht’s nicht ne Nummer kleiner?
Uhl­mann: Wenn 8000 Leute aus Dresden sich dafür ent­scheiden, ein Camou­flage-Shirt anzu­ziehen, im Gleich­schritt durch die Gegend zu laufen und dabei Ost‑, Ost‑, Ost­deutsch­land!“ zu rufen, finde ich das schon heftig. Ich hab halt Angst vor dem Gebräu, das dahinter ste­cken könnte. Mit Ost­deutsch­land ist ja nicht was Regio­nales gemeint, dahinter steckt ja auch eine Idee.
Fried­richs: Was hin­zu­kommt: Camou­flage geht allein schon aus ästhe­ti­schen Gründen nicht. Die Casuals in Eng­land kaufen sich wenigs­tens für 700 Euro einen Bur­berry-Mantel, um sich darin gegen­seitig auf die Glocke zu hauen. Ansonsten sind solche Sachen immer ein schmaler Grat. Es gab mal eine Aktion von Frank­fur­tern, die in Schlach­ter­kit­teln nach Kai­sers­lau­tern gereist sind. Irgendwie hat es ja auch was.
Uhl­mann: Was mich stört, ist, dass alles nur noch auf Außen­wir­kung aus­ge­richtet ist. Alle wollen per­ma­nent zeigen, dass sie die Tollsten und Stärksten sind.
Fried­richs: Biss­chen Krieg der Knöpfe“.
Uhl­mann: Naja, Krieg der Knöpfe“ mit Hell’s Angels und Kampf­sport­lern.
Fried­richs: Die Dresdner Choreo beim letzten HSV-Spiel fand ich übri­gens ganz lustig. Die hatten einen Dino und dann haben sie von oben eine Kack­wurst abge­seilt. Der Dino hat die gegessen, wieder aus­ge­schieden, und davon hat sich eine St.-Pauli-Zecke ernährt.

Thees, warst du als Fan des FC St. Pauli schon mal nei­disch auf den HSV?
Uhl­mann: Inter­es­san­ter­weise finde ich gerade die HSV-Geschichte der letzten Jahre stimmig: immer zit­tern, es gerade so schaffen und irgend­wann kannst du ein­fach nicht mehr. Mit dem Abstieg gibt es nun immerhin so etwas wie einen emo­tio­nalen Auf­bruch. Darauf bin ich tat­säch­lich ein biss­chen nei­disch.
Fried­richs: Der berühmte Abstiegs­neid.
Uhl­mann: Wenigs­tens pas­siert mal was. Das ist etwas, das mir bei St. Pauli im Moment fehlt. Ich möchte mich nicht ständig über den Miss­erfolg des HSV defi­nieren. Das finde ich trist und blöd.