Herr Herget, Sie wurden in Ihrer Zeit als Natio­nal­spieler von 1983 bis 1988 von Franz Becken­bauer als bester Libero aller Zeiten“ bezeichnet. Warum ist die Libero-Posi­tion aktuell ver­loren gegangen?

Alle Mann­schaften meinen heut­zu­tage, modernen Fuß­ball“ spielen zu müssen, und da hat der Libero keinen Platz mehr. Obwohl ich nach wie vor der Mei­nung bin, dass es für einige Mann­schaften sinn­voller wäre, mit Libero zu spielen.

Sie waren selbst ein exzel­lenter Tech­niker und ein ele­ganter Spieler. Wel­cher Spieler der Bun­des­liga begeis­tert Sie?

Ein Spieler, der mir Spaß macht, ist Franck Ribéry. Der hat ein­fach alles drauf, er ist unheim­lich stark am Ball, er bezieht die Mit­spieler mit ein, er legt auf und kann selbst Tore erzielen. Er ist für mich fast schon ein per­fekter Fuß­baller.

Davon gibt es nicht so viele in der Liga.

Nein, und des­wegen ragt er auch heraus.

So wie Sie zu Ihrer aktiven Zeit. Was hat Ihnen der Rit­ter­schlag von Becken­bauer bedeutet?

Natür­lich besaß das schon eine gewisse Aus­sa­ge­kraft. Wir hatten wäh­rend meiner aktiven Zeit ein ziem­lich gutes Ver­hältnis. Ich habe Jahre lang in der Natio­nal­mann­schaft unter ihm gespielt. Da wusste er also durchaus, was er von mir zu halten hatte. Er hat auch nicht ver­sucht, meine Spiel­weise zu ver­än­dern. Ihm hat das scheinbar gefallen, wie ich meine Posi­tion inter­pre­tiert habe.

Den­noch hat er irgend­wann eher auf Augen­thaler und Jakobs gesetzt.

Bei der WM 1986 waren wir grund­sätz­lich sehr defensiv aus­ge­richtet. Spie­le­risch war das keine gute WM von uns. Wir sind zwar Vize-Welt­meister geworden, aber wir haben grund­sätz­lich mehr Wert auf den Abwehr­be­reich gelegt. Komi­scher­weise hat das Kon­zept aber funk­tio­niert und ent­schei­dend zu unserem Erfolg bei­getragen.

2006 standen eben­falls zwei tak­tisch eher defensiv ein­ge­stellte Teams im WM-Finale, mit der Doppel‑6 im Mit­tel­feld.

Otto Reh­hagel ist 2004 sogar mit einem Aus­putzer Euro­pa­meister geworden. Wenn ich meine, dass ich nicht die ent­spre­chenden Leute für eine Vie­rer­kette habe, warum sollte ich dann nicht mit einem Libero zur Absi­che­rung spielen?

Wenn Sie Trainer wären, würden Sie mit Libero spielen?

Je nach dem, welche Leute ich zur Ver­fü­gung hätte, würde ich natür­lich auch mit Libero spielen. Das ändert doch nichts an der Grund­aus­rich­tung des Fuß­balls. Man kann mit einem Libero genauso offensiv oder defensiv spielen wie mit allen anderen For­ma­tionen.
Was halten Sie von der der­zeit so oft prak­ti­zierten Doppel‑6?

Das ist eine Aus­rich­tung, um die Vie­rer­kette oder die Abwehr gene­rell nicht so stark unter Druck geraten zu lassen. Die Doppel‑6 macht den Fuß­ball nicht grund­sätz­lich unat­trak­tiver. Mitt­ler­weile erwartet man von einem Sechser, dass er in der Lage ist, auch offensiv Akzente zu setzen. Es gibt heute ja auch keine Spieler mehr, die nicht über die Mit­tel­linie dürfen.

Das war zu Ihrer Zeit noch anders?

Nein, das kann man so nicht sagen. Wir hatten aber teil­weise noch Mann­de­cker, bei denen wir es nicht so gerne gesehen haben, wenn sie mit nach vorne gingen, denn manche waren schon begrenzt in ihren Mög­lich­keiten (lacht).

Aber Sie hatten damals als Libero alle Frei­heiten?

Die hatte ich, aber die musste man sich auch erstmal ver­schaffen. Es war ja nicht auto­ma­tisch so, dass man alle Frei­heiten hatte. Da musste man auch ein biss­chen was dafür tun, dass man in diese pri­vi­le­gierte Situa­tion kam.

Bei wel­chem Verein könnten Sie sich vor­stellen, einmal Pro­fi­trainer zu werden?

Das ist unab­hängig vom Verein. Das ist abhängig von den Mög­lich­keiten, bei wel­chem Klub man etwas ent­stehen lassen kann. Und davon gibt es nicht viele, also über einen län­geren Zeit­raum.

Gibt es eine tak­ti­sche Aus­rich­tung, die Sie bevor­zugen würden?

Die hat jeder Trainer. Die Grund­aus­rich­tung bei mir ist die tech­ni­sche Ver­siert­heit der Spieler und grund­sätz­lich nach vorne zu spielen, offensiv zu spielen.

Sie würden den Tech­ni­kern den Vorzug lassen?

Heut­zu­tage setzt man eher auf Schnel­lig­keit, was ja auch gut ist. Aber ein Tech­niker muss nicht zwin­gend schnell sein, wenn er eine gewisse Hand­lungs­schnelle besitzt. Wenn er vom Kopf her den anderen voraus ist, dann muss er sich selbst gar nicht so schnell bewegen.

So wie Bernd Schuster und Sie damals…

Es geht darum, das Spiel schnell zu machen, ohne selber der Schnellste zu sein. Aber dazu muss ich viel sehen, dazu muss ich erkennen, wo ich den Ball hin­spielen kann. Dazu brauche ich auch keine zehn Kon­takte am Ball, denn ich weiß, bevor ich den Ball bekomme, wo ich ihn wieder hin­spielen kann. Dann kann ich das Spiel schnell machen, indem ich direkt spiele.

Gibt es einen Trainer, den Sie beson­ders gut finden?

Volker Finke, der mit Frei­burg alle Höhen und Tiefen erlebt hat. Das fand ich bewun­derns­wert. Man hat an ihm fest­ge­halten, als der SC abge­stiegen ist, man hat das mit ihm durch­ge­zogen, man ist wieder auf­ge­stiegen, und er hat es geschafft, über Jahre vor allem eine fuß­bal­le­risch gute Mann­schaft zu formen. Frei­burg hatte immer Spieler, die keiner kannte, und die ent­wi­ckelten sich dann unter Finke zu Leis­tungs­trä­gern. Vor allem haben sie immer sehr gut anzu­se­henen, offen­siven Fuß­ball gespielt.

Ähn­lich wie der KSC letzt Saison in der 2. Liga.

Beim KSC war es ein Vor­teil, dass die Mann­schaft über Jahre gewachsen ist. Viele machen den Fehler, dass sie sich irgend­welche Leute holen. Das ist dann nichts Gewach­senes, das stört mich, denn es geht auch anders.

Den Bayern wird vor­ge­worfen, dass Sie junge Talente holen, die dann kaum spielen, siehe Schlaud­raff und Podolski.

Das tut dem einen oder anderen sicher mal ganz gut, dass man sich durch­setzen muss. Doch so wie Lukas Podolski teil­weise gespielt hat, das reicht dann eben nicht. Den Vor­wurf muss er sich gefallen lassen, da gehört wesent­lich mehr dazu, um sich durch­zu­setzen.

Und Schlaud­raff ist ein ähn­li­cher aus­ge­rich­teter Spieler wie Ribéry.

Ja, die haben sich sicher was dabei gedacht, den zu ver­pflichten. Das wird mit Sicher­heit nicht der­je­nige werden, der von Beginn an spielen wird. Aber Schlaud­raff ist ein Spieler, den man mal rein werfen kann und der dann auch in der Lage ist, mal ein Spiel zu ent­scheiden. Er ist ähn­lich wie Ribéry sehr beweg­lich vorne, und das ist ja das, was dem Podolski fehlt. Aller­dings habe ich selten einen in seinem Alter gesehen, der so cool vor dem Tor ist. Aber man sieht, wenn ihm die Spiel­praxis fehlt, lässt auch das nach.

Waren Sie traurig, als Ihr alter Verein Schalke, bei dem Sie auch Mit­glied sind, letzte Saison doch nicht Meister geworden ist?

Das muss man auch mal ganz nüch­tern sehen: Sie haben es selbst ver­geigt. Die Meis­ter­schaft haben sie selbst ver­spielt. Es lag nicht an den anderen Mann­schaften, es lag an ihnen selbst. Und das ist das wirk­lich Trau­rige daran.

Ist so etwas wirk­lich Kopf­sache?

Nein, da bin ich anderer Mei­nung. Wenn ich weiß, dass ich aus eigener Kraft Deut­scher Meister werden kann und ich habe Mög­lich­keiten en masse, dann muss ich es auch irgend­wann mal packen, da brauche ich auch keinen Trainer mehr, der mir irgendwas erzählt von Meis­ter­schaft. Da muss es inner­halb der Mann­schaft stimmen, dass gesagt wird: So, das ziehen wir durch, nur wir werden Deut­scher Meister und kein anderer. Und da das nicht der Fall war, ist es nun einmal so gekommen. Genau daran sind sie geschei­tert.

Sie sind aktuell als Jugend­trainer für das bun­des­weite Talent­för­de­rungs­pro­gramm“ von Bit­burger unter­wegs. Wie bewerten Sie Ver­pflich­tungen von 12-jäh­rigen Talenten aus Afrika oder Süd­ame­rika?

Das halte ich für absolut abartig. Ich kann mir nicht vor­stellen, wie man Kin­dern und Jugend­li­chen in dieser Alters­klasse erklären soll, dass sie plötz­lich aus ihrem Umfeld gerissen werden. Wie es sein wird, in einer viel­leicht völlig neuen, anderen Kultur auf­wachsen und sich zurecht­finden zu müssen. Natür­lich kann man das auch recht­fer­tigen und sagen: Hier haben sie es doch letzt­end­lich besser, aber das wage ich zu bezwei­feln.

Kommen wir zu den Eck­daten Ihrer Kar­riere: Wie schätzen Sie die Uer­dinger Tage ein?

Natür­lich war das eine sen­sa­tio­nelle Zeit. Wir sind damals im ersten Jahr auf­ge­stiegen, in den Rele­ga­ti­ons­spielen gegen Schalke, sind 1985 Pokal­sieger geworden, haben dann zwei Jahre hin­ter­ein­ander im Euro­pacup gespielt. Da waren wir einmal im Viertel- und einmal im Halb­fi­nale. Und auch in der Bun­des­liga haben wir lange Zeit eine sehr gute Rolle gespielt. Das war schon gran­dios.

Sie haben damals die EM 1988 im eigenen Lande aktiv mit­er­lebt und die WM 2006 als Zuschauer. Gab es in der Stim­mung Unter­schiede?

Das war schon alles wesent­lich ver­hal­tener damals im Ver­gleich zu 2006. Fuß­ball hat mitt­ler­weile einen Event-Cha­rakter. Und von daher war die WM stim­mungs­mäßig natür­lich groß­artig.

Wie bewerten Sie diese Ent­wick­lung im Fuß­ball?

Davon kann man halten, was man will, aber da ist das Fuß­ball­spiel schon eher Mittel zum Zweck und steht nicht mehr so im Vor­der­grund. Das wird dann in Zukunft eher sekun­däre Bedeu­tung haben. Da gibt es schon eine gefühlte Ver­än­de­rung, aber da denken wir als Ehe­ma­lige viel­leicht auch anders drüber. Die Zuschauer, die es gar nicht anders kennen, finden diese Ent­wick­lung mit den neuen Sta­dien und der Rie­sen­stim­mung mit Sicher­heit ganz toll. Und von daher ist es schon okay.