Es ist der 17. November 2005, kurz vor 18 Uhr. Ich stehe auf dem Trai­nings­platz des SV Hön­trop 1916. Wir sind mit unserer B‑Jugend Auf­stiegs­kan­didat für die Bochumer Kreis­liga A und bis­lang unge­schlagen. Bereits vor Trai­nings­be­ginn bricht sich die Energie junger Teen­ager mitten in der Pubertät in Ran­ge­leien und Sprü­chen Bahn. Einer der Letzten, der aus der Kabine kommt, ist unser Kapitän. Wäh­rend er den Kunst­rasen betritt, prä­sen­tiert er stolz sein selbst­ge­machtes Shirt: Danke Schweiz!“, lautet die Auf­schrift. Ohne die Türken bei der Heim-WM!“ Tobendes Lachen bricht aus. Ich und zwei wei­tere Mann­schafts­kol­legen mit tür­ki­schen Wur­zeln sind sprachlos ange­sichts dieses dis­kri­mi­nie­renden Spruchs unseres Spiel­füh­rers ver­steckt unter dem Deck­mantel eines geschmack­losen Fuß­ball-Witzes. Da die Mehr­heit, ein­schließ­lich Trai­ner­team, die Aktion des Kapi­täns jedoch lustig findet, halten wir die Demü­ti­gung still aus.

Die Sozi­al­wis­sen­schaft hat einen Begriff für das Phä­nomen dieses über­schwäng­li­chen Natio­na­lismus wäh­rend sport­li­cher Events und der damit ver­bun­denen Euphorie: Party-Patrio­tismus. Er macht sich beson­ders bei großen inter­na­tio­nalen Fuß­ball­tur­nieren breit und führt zur Aus­gren­zung von Men­schen mit ver­meint­lich anderen Natio­na­li­täten. In der Schul­zeit, im Freun­des­kreis und bei Mann­schafts­kol­legen im Fuß­ball­verein habe ich diese Aus­gren­zung selbst erlebt. Wäh­rend Europa- und Welt­meis­ter­schaften werde ich ein Fremder in meiner eigenen Heimat. Das war jedoch nicht immer so.

Helden eines F‑Ju­gend-Stür­mers

Als Kind war ich Bewun­derer der deut­schen Natio­nal­mann­schaft. Jürgen Klins­mann war neben Ronaldo mein großes Vor­bild wäh­rend der WM 1998. Das lag daran, dass ich in der F‑Jugend den Spitz­namen Abstauber“ trug. In Klinsis Toren gegen den Iran und Mexiko fand ich mich selbst wieder. Als Sérgio Con­ce­ição Deutsch­lands Aus in der Vor­runde der EM 2000 mit seinem Drei­er­pack besie­gelte, war ich am Boden. Gleich­zeitig ver­folgte ich als Sohn tür­ki­scher Eltern, die in den frühen 70ern nach Deutsch­land gekommen waren, mit meiner Familie natür­lich auch die Spiele der Türkei. Als die tür­ki­sche Mann­schaft 2002 um Ilhan Mansiz über­ra­schend den Dritten Platz bei der WM erreichte und Deutsch­land mit dem gran­diosen Oliver Kahn im Finale stand, war ich über­glück­lich.

Spä­tes­tens an jenem 17. November 2005 auf dem Trai­nings­platz jedoch legten sich erste Schatten auf diese unge­bro­chene Freude. Einen Tag nach der Schande von Istanbul“, bei der sich die Schweiz dank der Aus­wärts­tor­regel trotz einer 2:4‑Niederlage gegen die Türkei für die WM 2006 qua­li­fi­ziert hatte, freuten sich meine Freun­dinnen und Freunde über die miss­glückte Qua­li­fi­ka­tion der Türkei. Die Türken sind so aggressiv, wer weiß, was sie hier ange­stellt hätten“ oder Ohne die Türken ist es dann wenigs­tens ruhig auf den Straßen“, waren die wie­der­keh­renden dis­kri­mi­nie­renden Sprüche. Bis dato war es für mich selbst­ver­ständ­lich, dass wir uns alle für- und mit­ein­ander freuen können. Diese öffent­liche Aus- und Abgren­zung machte etwas mit mir. Die Fans der deut­schen Natio­nal­mann­schaft erschienen mir plötz­lich als Wider­spruch zu meiner viel­fäl­tigen Iden­tität. Und somit auch die deut­sche Mann­schaft.