Warum Hull City wieder Hoffnung schöpft

Im freien Hull

Hull City hat einen neuen Besitzer. Und neue Hoffnung, endlich den passenden Stöpsel für den Abwärtsstrudel der vergangenen Jahre gefunden zu haben. Eine Hoffnung, die nicht nur für den Verein elementar ist, sondern für eine gesamte Region. Warum Hull City wieder Hoffnung schöpft
»London 0 Hull 4« lautet nicht nur der Titel einer Platte der bekannten 80er-Jahre Band »The Housemartins«. Im Nordosten des englischen Königsreiches, insbesondere in Kingston upon Hull, galt diese Chiffre der Popkultur zugleich als ein Ausdruck eines neu gewonnenen Selbstwertgefühls. Oben im Nordosten, wo die Nordsee trüb und störrisch gegen England klatscht, steht das Königreich nicht im Verdacht seine Schokoladenseiten zu offenbaren. Gerade in Hull galten die Leute als leidgeplagt: die höchste Arbeitslosenrate, die niedrigsten Löhne, sowie die meisten Fish&Chips-Buden, symbolisierten den Niedergang einer Region, die durch deutsche Bomben sowie den »Kabeljau-Krieg« in den 70ern besonders gelitten hatte. Ein Niedergang, der sich auch in der Psyche der Bewohner festsetzte und vom Rest des Landes konserviert wurde. Tristesse und Misserfolg galten landesweit als Synonyme für die Region. Auf der Insel kursiert ein böser Witz. Was ist die schönste Sache, wen man Hull fährt? Wieder abzuhauen. Und 2003 brachte man es gar zu zweifelhafter Berühmtheit, als die Stadt zur Nummer Eins unter den »Crap Towns«, den hässlichsten Orten Englands, gekürt wurde.


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Umso erstaunter war man landesweit als die »Tigers« von Hull City 2008 den Aufstieg in die Premier League schafften, übrigens zum ersten Mal seit 104 Jahren. Dass Hull bis dahin die größte Stadt im Königreich gewesen war, die keinen Erstligafußball aufweisen konnte, galt als symptomatisch und deshalb weit weniger verwunderlich. Nun also dieser Aufstieg. Was war von so einer Truppe schon zu erwarten? Nicht viel, darüber war man sich im Rest des Landes sicher. Buchmacher boten gar Wetten mit einer Quote von 8:1 an, dass Hull ohne einen einzigen Saisonsieg wieder absteigen würde.

In Hull selbst allerdings symbolisierte der Aufstieg ihres Fußball-Teams weit mehr als rein sportliche Aspekte. Der lokale Rundfunksprecher Alex Burgess brachte es auf den Punkt: »The team’s success is about more than just the club, its about the city and the way its perceived.« Ein vollkommen neues Gefühl machte sich breit: Stolz. Man fühlte sich nicht länger ausgeschlossen, man gehörte nun dazu. Und dieser Stolz wuchs mit der Zeit, als es den Tigers gelang, bis auf Chelsea jeden anderen Club aus der Hauptstadt zu schlagen. Selbst in der Festung von Arsenal London wurde ein Sieg eingefahren. Hull wurde zeitweise zum sympathischsten Club im Land. Sobald sich irgendjemand auch nur in den Farben gelb und schwarz in der Öffentlichkeit zeigte, hagelte es beinahe landesweit (außer in Leeds) Freibier. Und über die ganze Insel schallte es : »London 0 Hull 4«.

Die Seele verkauft für zehn Minuten Ruhm?

Doch diese schöne Zeit scheint man in Hull mittlerweile zu bereuen. Andy Beill, Betreiber der Seite www.hullcityonline.com, stellte gar die Frage in den Raum, ob der Aufstieg mitsamt den aus ihm resultierenden wunderbaren Erinnerungen wirklich der große Glücksmoment für Hull war, als der er allgemein aufgefasst worden war. Hatte man gar seine Seele verkauft für die berüchtigten zehn Minuten des Ruhms? Was war geschehen?

Hulls Aufstieg in die Premier League stand finanziell auf tönernen Füßen. 2008 hatte ein Konsortium rund um den Besitzer zahlreicher Holding-Gesellschaften, Russel Bartlett, die Tigers gekauft. Man hatte sich als großer Investor vorgestellt, das Bild einer herrlichen Zukunft gezeichnet und schon einmal die Pokalvitrinen entstauben lassen. Als dann kurze Zeit darauf tatsächlich der Aufstieg gelungen war, schien das Bild von Bartlett als Erlöser Nordostenglands mental zementiert. Dass Hull City für Bartlett allerdings in erster Linie eine Investmentmöglichkeit und keine Herzensangelegenheit war und seine Investitionen vor allem sich und seinen Anlegern dienten dämmerte den Fans erst, als Hull allmählich in den Niederungen der Premier League ankam. Bartletts Behauptungen, er hätte großzügig in den Verein investiert, erwiesen sich als krude Verdrehungen der Wirklichkeit. Vielmehr hatte Bartlett Geld aus dem Verein gezogen, in dem er sich und seinen Firmen großzügige Honorare auszahlen ließ.


Doch dieses Bild Bartletts fand seinen Resonanzboden erst mit Ende des anfänglichen Höhenflug nach drei Monaten. Zwar konnte man im ersten Jahr mit viel Daumendrücken noch die Klasse halten, doch war der Abstieg in die zweite englische Liga, die Championship Division, im Jahr darauf beschlossene Sache. Zum sportlichen Abstieg gesellte sich zudem eine prekäre finanzielle Lage. Mittlerweile lasten Schulden in Höhe von 30 Millionen auf dem Verein, der doch vor zwei Jahren als größten Erfolg noch ein ausgeglichenes Giro-Konto aufweisen konnte.

Das Sinnbild der Versager

Aus Sankt Bartlett wurde folgerichtig »nasty pasty« Bartlett, doch am Niedergang des Vereins änderte sich nichts. Vermeintliche Stars mit hoch-dotierten Verträgen wie Stephen Hunt, Geovanni, Anthony Gardner oder Jan Vennegoor of Hesselink mussten abgegeben werden. Die Spieler die blieben taten dies meist aus einem Mangel an sportlichen Alternativen, denn aus Gründen der Sympathie mit Stadt und Verein. So war am Ende keiner glücklich: Weder die Spieler, noch Russel Bartlett, dessen Renditehoffnungen sich nicht erfüllt hatten und dem zunehmend die Wut der Anleger entgegenschlug, auch nicht die Fans. Denn auch in der zweiten Liga taumelte Hull dem sportlichen wie finanziellen Abstieg entgegen. Das Sinnbild von den Versagern aus Hull schien sich wieder einmal zu bestätigen, der Stolz vergangener Tage beinahe vergessen.

Hoffnungen weckt nun allerdings der lange herbeigesehnte, aber erst Mitte November 2010 stattgefundene Wechsel in den Besitzverhältnissen. Nach zwei Jahren verkaufte Bartlett seine Mehrheit der Anteile an die lokalen Geschäftsleute Assem und Ehab Allam. Die Familie Allam betreibt ein großes Generatorenwerk in der Stadt und wird auf ein Vermögen von 185 Millionen Pfund geschätzt. Doch was viel wichtiger ist: die Allams gelten als äußerst heimatverbunden. Seit Vater Assem Allam 1968 aus Ägypten nach Hull kam blieb er der Region treu verbunden, gründete vor Ort sein Unternehmen und unterstützte finanziell andere Institutionen vor Ort.  Solch ein Engagement, schätzt man in dieser Stadt. Beinahe frenetisch wurden Vater und Sohn Allam bei ihrer Vorstellung vor dem Spiel der Tigers gegen Ipswich gefeiert, die Geschäftsmänner mussten gar Autogramme schreiben. Die Fans hatten sie als neue Hoffnungsträger auserkoren. Zu Recht?

Herzblut für Hull

Fest steht, dass das Investment der Allams nicht allein gewinnorientierten Zielen zu unterliegen scheint, sondern – zumindest partiell – auch aus emotionalen Gründen erfolgt. Seit Jahren schon unterstützen die Allams den Verein finanziell. Es gehe ihm nur in zweiter Linie um den Verein, ließ Allam nach seiner Übernahme bekannt werden. Hauptsächlich gehe es ihm um die Stadt. Herzblut – in der ehemals hässlichsten Stadt Englands ist man dafür schon sehr dankbar.